01.11.2019

Schlimmer als gedacht Masern schwächen das Immunsystem über Jahre

Das muss man über die Masern-Impfpflicht wissen
Fr, 18.10.2019, 11.56 Uhr

Das muss man über die Masern-Impfpflicht wissen

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Der Streit um die Masern-Impfung ebbt nicht ab – doch jetzt bestätigen zwei Studien erneut: Nicht die Masern-Impfung schwächt das Immunsystem, sondern die Erkrankung selbst. Und zwar über viele Jahre. Mediziner wissen jetzt, warum das so ist.

Es war eigentlich schon lange bekannt, dass Masern nicht nur während der Erkrankung gefährlich sein und im späteren Leben noch Probleme verursachen können. Auch sind Kinder, die mal an Masern erkrankt waren, noch über Jahre hinweg anfälliger für Infekte. Forscher haben jetzt herausgefunden, warum das so ist – demnach lassen die Masernviren unsere Abwehr offenbar vergessen, wie sie sich gegen bereits bekannte Erreger zur Wehr zu setzen hat. Masern schwächen das Immunsystem auf lange Sicht. Bester Schutz: die Impfung.

Masern schwächen das Immunsystem langfristig – Gründe gefunden

Bronchitis, Enzephalitis, Lungenentzündung, Mittelohrentzündung – das sind nur vier der Infektionskrankheiten, für die die Anfälligkeit nach einer Masernerkrankung steigt. Alles keine harmlosen Krankheiten. Dass Menschen, die die Kinderkrankheit Masern durchgestanden haben, ein höheres Risiko aufweisen, an diesen und anderen Infektionen zu erkranken, ist länger bekannt.

Jetzt zeigen zwei Studien, warum das so ist. Hilfreich dabei waren – leider – auch Impfgegner. In einer religiösen Gemeinschaft in den Niederlanden, die Impfungen ablehnt, hatten sich im Jahr 2013 über 2.600 Menschen mit Masern angesteckt. Ärzte hatten 77 Kindern zwischen 4 und 13 bereits im Vorfeld Blut abgenommen und nach der Epidemie erneut. Diese Proben werden von Forschern genutzt, um den Auswirkungen von Maserninfektionen nachzugehen. Bisher hatten Mediziner die Folgen, die die Masern-Viren im Körper ausrichten können, nicht ganz verstanden.

Masern gelten als harmlos – sind es aber nicht

Vor allem Impf-Gegner erklären die Masern noch immer oft als harmlose Kinderkrankheit, die überstanden werden muss, um das Immunsystem zu stärken. Die aktuellen Studien zeigen nun: Das Gegenteil ist der Fall. Die Nachwirkungen können demnach weitaus schlimmer ausfallen als gedacht.

Bei vielen Kindern, die sich mit Masern infizieren, verläuft die Erkrankung zum Glück glimpflich. Nach Schnupfen, Fieber, Bindehautentzündung, Hautausschlag und den typischen weißen Flecken im Mund genesen sie. Doch es kann zu Komplikationen kommen – auch lange später. Und die können tödlich enden. Masern schwächen das Immunsystem auch nach der Genesung.

Risiko Superinfektion aufgrund von geschwächtem Immunsystem

Das Robert-Koch-Institut sieht darin vor allem eine große Gefahr: Ein schwaches Immunsystem macht den Patienten anfälliger für bakterielle Superinfektionen. Die können nicht nur bei Bronchitis und Mittelohrentzündungen sowie Lungenentzündungen auftreten, sondern etwa auch bei einer postinfektiösen Enzephalitis, einer Hirnhautentzündung. Laut RKI kommt es dazu in etwa 0,1 Prozent der Fälle. Das klingt wenig. Doch bei 10 bis 20 Prozent der infizierten Patienten endet sie tödlich.

Langzeitwirkung bisher unterschätzt

In einer Studie der Princeton University (2019), nachfolgend auf eine Studie des Howard Hughes Medical Institute Boston (2015), beide veröffentlicht in der Fachzeitschrift "Science", beschreiben die Forschenden rund um Michael Mina, wie schlimm die Auswirkungen sein können. Eine weitere Studie veröffentlicht in "Science Immunology" rund um Velislava N. Petrov (2019) bestätigt dies, trotz unterschiedlicher Forschungsmethoden. "Die Symptome der Masern sind möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs", erklärt Mina. Anscheinend, darauf deuten beide Studien hin, zerstört das Masern-Virus bestimmte Zellen, worauf unsere körpereigene Abwehr eigentlich schon bekannte Angreifer, also Erreger, einfach "vergisst".

Die erste Studie von Michael Mina und seinen Kollegen aus dem Jahr 2015 konnte schon zeigen, dass das Immunsystem nach einer Masernerkrankung für zwei bis drei Jahre geschwächt ist. Kinder mit einem gestörten Immungedächtnis haben demnach ein höheres Risiko, an einer Lungenentzündung, Gehirnentzündung oder anderen Infektionskrankheiten zu erkranken.

In beiden neuen Studien kamen die Forschenden zum selben Ergebnis: Eine Maserninfektion zerstört Antikörper, die im Laufe des Lebens vom Körper gebildet worden sind. Das Immunsystem verliert damit seine "Erinnerungen" – es muss anschließend erst wieder lernen und bereits erfolgreich überstandene Infektionen erneut durchstehen, um Antikörper zu bilden. Der Körper wird anfälliger. Die Masern sind also eine noch gefährlichere Krankheit für Kinder und Erwachsene als angenommen.

Andere Mediziner bestätigen die Ergebnisse: Impfen ist wichtig

Auch andere Ärzte beziehen sich nun auf diese Untersuchungen. Dem Science Media Center (SMC) gegenüber erklärte der Direktor des Virologischen Institutes am Universitätsklinikum Erlangen, Klaus Überla, dass sich das Immunsystem nach einer Maserninfektion nur oberflächlich erhole: "Die neuen Untersuchungen weisen nun darauf hin, dass die Schädigung Monate bis Jahre anhalten und zu einem generell erhöhten Infektionsrisiko führen könnte. Dies erklärt, wieso Kinder, die Masern durchgemacht haben, für bis zu fünf Jahre ein höheres Erkrankungs- und Todesfallrisiko aufweisen."

Damit belegen die aktuellen Studien wieder einmal, wie wichtig eine konsequente Impfung gegen Masern ist – das bestätigen Forscher und Mediziner, die nicht an den Studien beteiligt waren. Im Gegensatz zur Erkrankung selbst führe die Impfung entgegen vielfach geäußerter Ängste zu keiner Schädigung des Immunsystems – obwohl ein Lebendimpfstoff zum Einsatz kommt. "Mina et al. zeigen in ihrer Arbeit, dass im Gegensatz zu Kindern mit Maserninfektion das Immunsystem von kleinen Kindern durch eine Masernimpfung gestärkt wird", erklärt der Oberarzt und Immunologe Johannes Trück vom Universitäts-Kinderspital Zürich ebenfalls dem SMC gegenüber.

Wichtig bei der Impfung: zweimal impfen!

Die Masern-Impfung geschieht im Rahmen einer Dreifachimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln. "Die Masern-Impfung ist gefährlich, verursacht Autismus und schwächt das Immunsystem!" So oder so ähnlich krakeelen Impfgegner immer wieder. Das geht so weit, dass sich Forscher immer wieder verpflichtet fühlen, diese eine alte, mittlerweile als falsch beurteilte Masern-Autismus-Studie immer wieder neu infrage zu stellen, um zu beweisen, dass die MMR-Impfung keinen Autismus auslöst – und eben auch das Immunsystem nicht schwächt. Im Gegenteil, wie die neuen Studien beweisen.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt Kindern eine zweifache Impfung gegen Masern. Die erste Impfung sollte im besten Fall zwischen dem 11. und 14. Lebensmonat passieren, die zweite dann im 15. bis 23. Lebensmonat folgen. Oft genannt wird die Angst vor Nebenwirkungen. Diese kann es durchaus geben. Harmlose Reaktionen wie Hautausschlag und leichtes Fieber kommen vor, sind aber im Vergleich zu den Auswirkungen der Maserninfektion leicht zu heilen. Ernste Komplikationen sind sehr selten, und der viel beschworene Autismus ist bewiesenermaßen keine Folge der Masern-Impfung. Übrigens können sich auch Erwachsene nachimpfen lassen. Denn Kinderkrankheiten können bei Erwachsenen zu schwierigen Komplikationen führen. So gab es etwa 2017 einen Todesfall: Eine 37-Jährige war an Masern verstorben.

Die Impfung schützt doppelt

Bisher ist die Masernimpfung in Deutschland nicht verpflichtend, die Politik debattiert aber darüber, ein Impf-Gesetz gegen Masern ist fast auf dem Weg. Vor allem die zweite Masernimpfung wird oft vernachlässigt. Dabei schützt die Impfung nach den neuesten Erkenntnissen nicht nur vor Masern, sondern eben auch vor anderen schwierigen Infektionskrankheiten und deren Folgen. Schätzungen des Co-Autors Stephen Elledge vom Howard Hughes Medical Institute Boston könnte eine flächendeckende Masernimpfung nicht nur die rund 100.000 jährlich weltweit auftretenden Maserntoten verhindern. Sie könnte demnach auch Hunderttausende weitere Todesfälle verhindern, die aus der Immunschwäche nach der Masernerkrankung resultieren. Die wichtigsten Impfungen im Überblick lesen Sie hier.

In Deutschland hat das RKI in diesem Jahr bereits über 300 Masernfälle registriert, im Jahr 2018 waren es 543. In anderen europäischen Ländern liegen die Impfraten nochmal weit unter denen in Deutschland – was immer wieder in Masern-Epidemien resultiert. Dabei könnte die Krankheit längst ausgerottet sein...

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Die Studien finden Sie hier:

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