23.09.2019 - 11:41

Antibiotikum als Therapie Ist bei Depression das Gehirn entzündet?

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Laut Forschern könnte Depression mit Entzündungen zusammenhängen. Wie das Immunsystem uns beeinflussen kann.

Foto: iStock/Rawpixel

Laut Forschern könnte Depression mit Entzündungen zusammenhängen. Wie das Immunsystem uns beeinflussen kann.

Depression hänge mit Entzündungsreaktionen zusammen, glauben immer mehr Forscher. Innovative Behandlungen könnten folgen. Was wir bisher wissen.

Jede vierte Frau und jeder achte Mann hierzulande erkranken mindestens einmal im Leben an einer Depression – die stille Volkskrankheit, die oft noch schamhaft verschwiegen oder gar als persönliche Schwäche wahrgenommen wird. Dabei kann es jeden treffen. Depressions-Auslöser kann es viele geben (z.B. zu großer Stress, Verlusterlebnisse, Krankheiten…), aber die zugrunde liegenden Ursachen sind unbekannt. Was im Gehirn vor sich geht, lässt sich eben nicht so einfach messen, "man kann keinem in den Kopf schauen" weiß der Volksmund und auch die Wissenschaft. Doch die Wissenschaft glaubt vermehrt: Depression könnte mit Entzündungen zusammenhängen.

Entzündungsreaktion? Wie eine Depression Anzeichen im Blut verursachen kann

Was man nämlich untersuchen kann, sind Blutwerte. Das haben u.a. Mediziner der Universität Duisburg-Essen gemacht und dabei herausgefunden: Erhöhte Werte von Immun-Botenstoffen, die der Körper bei Infektionen ausschüttet, sind auch bei depressiv Erkrankten zu finden. Deshalb wird vermutet, dass diese Entzündungs-Botenstoffe, die Zytokine, an der Entstehung von Depressionen beteiligt sein könnten.

Auschlaggebend bei der Entdeckung der Essener Forscher war folgendes: Sie wiesen die erhöhten Zytokine nicht nur im Blut sondern auch in der der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) nach. Das bedeutet, dass die Entzündungsreaktion sehr wahrscheinlich nicht nur im Körper sondern auch im Gehirn wirkt.

Umso höher die Konzentration der Immun-Stoffe im Liquor war, desto stärker wurden die depressiven Symptome der Testpersonen. Die Essener Wissenschaftler vermuten, dass die Entzündungs-Botenstoffe über die Blutbahn das Gehirn erreichen und hier durch die Veränderung neuronaler Prozesse eine Depression bewirken könnten. Diese Zusammenhänge werden derzeit erforscht. Die Hoffnung ist, dass sich daraus neue Wege ergeben, eine Depression zu behandeln, z.B. indem man gezielt einen Botenstoff blockiert.

Bei Infektion und Depression überschneiden sich Symptome

Wir alle wissen, dass wir uns anders fühlen und verhalten, wenn unser Körper gegen eine Infektion, wie eine Grippe, kämpft – die Folgen sind z.B. Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Konzentrationsprobleme und schlechte Laune. "Wir ziehen uns zurück, unsere Stimmung ist getrübt. Evolutionär ist dieses Schonverhalten von Vorteil. Es schützt davor, bei Schwäche Risiken einzugehen", erklärt Harald Engler, Professor für Verhaltensimmunbiologie an der Universität Duisburg-Essen (UDE).

Die Forscher meinen nun, dass eine Depression praktisch die Extrem-Version dieses Krankheitsverhaltens sein könnte. Es wäre also denkbar, dass die Depression eine fehlgeleitete Reaktion auf Entzündungsprozesse ist. Für Prof. Engler passt zu dieser Hypothese auch, dass Menschen mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen, wie z.B. rheumatoider Arthritis, nachweislich häufiger Depressionen haben. Oft bessern sie sich, wenn die Patienten Entzündungshemmer einnehmen.

Noch einmal zum Überblick, das sind die häufigsten Symptome einer Depression, laut der Deutschen Depressionshilfe:

  • Gedrückte Stimmung
  • Interessen- oder Freudlosigkeit
  • Antriebsmangel bzw. erhöhte Ermüdbarkeit
  • Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit
  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Schlafstörungen
  • Verminderter Appetit
  • Suizidgedanken

Neue Hoffnung: Depressionen mit Antibiotikum behandeln

Es wäre natürlich eine Medizin-Sensation: Wenn die Entzündung beseitigt wird, verschwindet auch die Depression. Ganz so einfach wird es in der Realität kaum werden. Auch die Wissenschaftler dämpfen noch die Erwartungen, die – verständlicherweise – sehr hoch sind, gerade bei den Menschen mit Depression, denen bislang nicht ausreichend geholfen werden konnte.

Es ist beispielsweise unwahrscheinlich, dass bei jeder Depression eine Entzündungsreaktion vorliegt. Außerdem ist unklar, wie sich Depression und Immunsystem genau gegenseitig beeinflussen, also, ob die Depression die Reaktion auf oder der Auslöser der Entzündungsreaktion ist. Aber das ist unter Umständen bei der Therapie von Depressionen gar nicht so ausschlaggebend.

"Auch wenn wir die pathophysiologische Kausalkette noch nicht aufzeigen können: Das bedeutet nicht, dass wir nicht versuchen können, das überaktive Immunsystem zu beruhigen", sagt Professorin Isabella Heuser-Collier, Leiterin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin auf dem Campus Benjamin Franklin.

Die Wissenschaftler der Charité setzen derzeit auf das Antibiotikum Minocyclin, das neben seiner bakterienabtötenden auch eine antientzündliche und nervenschützende Wirkung hat. In einer klinischen Studie soll nun untersucht werden, ob Minocyclin depressiv erkrankten Menschen helfen kann, wenn sie vorher nicht ausreichend auf gängige Psychopharmaka angesprochen haben. Erste Ergebnisse soll es 2020 geben. Im Idealfall könnte sich – für manche Patienten – durch diese Forschungsrichtung ein völlig neuer Behandlungsansatz herauskristallisieren. Die Fachwelt wartet gespannt, genauso wie Millionen von Depression Betroffene.

Ist in Ihrem Umfeld jemand von Depression betroffen und Sie wissen nicht, wie Sie am besten reagieren sollen? Hier gibt es die wichtigsten Verhaltens-Tipps.

Wenn Sie depressiv sind, das Gefühl haben, in einer ausweglosen Lage zu sein oder Suizid-Gedanken haben, zögern Sie nicht, umgehend Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Hilfsangebote der Telefonseelsorge sind jederzeit erreichbar, per Mail, Chat oder Telefon unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222. Dort erhalten Sie Unterstützung von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können. Und auch die Deutsche Depressionshilfe kann unterstützen und weiterhelfen.

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