16.08.2019

Der Patient ist der Experte Deshalb ist ein Migräne-Tagebuch so wichtig

Von

In Schmerzphasen genau aufschreiben, wann die Kopfschmerzen auftauchen, in welcher Intensität und was hilft: Ein Migräne-Tagebuch oder Schmerz-Kalender können bei der Behandlung sehr hilfreich sein.

Foto: iStock/Wavebreakmedia

In Schmerzphasen genau aufschreiben, wann die Kopfschmerzen auftauchen, in welcher Intensität und was hilft: Ein Migräne-Tagebuch oder Schmerz-Kalender können bei der Behandlung sehr hilfreich sein.

Argh, Migräne-Attacke! Das Elend jetzt auch noch protokollieren? Abschreckend, aber ein Migräne-Tagebuch macht die Behandlung viel leichter.

Es ist eigentlich unfassbar, dass es immer noch keine Heilung von Migräne gibt. Die anfallsartigen Kopfschmerzen sind die dritthäufigste Krankheit der Welt, es gibt sie seit es die Menschheit gibt, selbst aus dem alten Ägypten sind wohl Fälle überliefert. Warum sollte dann ein Migräne-Tagebuch die Mühe wirklich wert sein?

Zugegeben, wer regelmäßig mit pulsierenden Schmerzen, Übelkeit, Schwindel und all den anderen kräftezehrenden Symptomen von Migräne zu kämpfen hat, empfindet ein Migräne-Tagebuch zunächst meist als zusätzliche Belastung. Experten sind sich aber einig: Die Behandlung ist am erfolgversprechendsten, wenn der Arzt genau über den Krankheitsverlauf Bescheid weiß.

Für Patienten kann ein Schmerz-Kalender außerdem ein wichtiger Faktor sein, um sich der Erkrankung gegenüber nicht so ohnmächtig zu fühlen. Wenn Attacken-Frequenz und Lebensgewohnheiten eine Zeit lang dokumentiert werden, zeichnen sich mögliche Muster und Auslöser der Migräne ab. Zum Glück gibt es einige sehr hilfreiche, wissenschaftlich fundierte Smartphone-Apps, die helfen, den eigenen Krankheitsverlauf zu analysieren. Zunächst geht es bei häufigen Kopfschmerzen allerdings darum, dass die Schmerz-Art bestimmt wird.

Migräne-Tagebuch: Endlich die richtige Behandlung dank Kopfschmerz-Kalender

"Viele Menschen, die an Kopfschmerzen leiden, haben keine spezielle Diagnose. Nur ca. ein Drittel hat einen Namen für die Kopfschmerzen. Heute werden über 367 Kopfschmerzen international unterschieden", erklärte Prof. Dr. Hartmut Göbel, Chefarzt der renommierten Schmerzklinik Kiel, im Rahmen der Migräne Aufklärungswoche 2018. "Auch Patienten selbst haben kein Konzept, keine Idee woher die Kopfschmerzen kommen, wie sie spezifisch zu behandeln sind."

Natürlich kann nur ein Arzt bestimmen, was die richtige Therapie ist und etwa den Unterschied zwischen Migräne und Spannungskopfschmerz feststellen. Das Führen eines Migräne-Tagebuchs wird daher vorm Besuch beim Spezialisten unbedingt empfohlen. "Migräne muss möglichst effektiv behandelt werden, damit sie nicht chronifiziert und schwergradige Langzeitkomplikationen vermieden werden. Erster Ansprechpartner ist der Allgemeinarzt. Bei komplexen Verläufen wird dann der Neurologe als Facharzt hinzugezogen, für schwergradige Erkrankungen ist auch der Schmerztherapeut der spezielle Ansprechpartner", so Prof. Göbel.

Der Unterschied zwischen den zwei häufigsten Kopfschmerz-Arten: Migräne und Spannungskopfschmerz

  • Migräne: Die Kopfschmerzen kommen anfallsweise mit einer Dauer von 4-72 Stunden. Der Schmerz ist intensiv, pulsierend-pochend und spürbar lokal begrenzt, oft einseitig. Körperliche Aktivität verstärkt den Schmerz, der häufig von Übelkeit, Erbrechen sowie Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit begleitet wird.
  • Spannungskopfschmerz: Die Schmerzen sind dumpf-drückend und beidseitig, bzw. im ganzen Kopf, er fühlt sich an "wie im Schraubstock". Körperliche Aktivität verstärkt den Schmerz nicht, Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen kommen normalerweise nicht vor.

Eine weitere sehr wichtige Funktion des Schmerz-Kalenders: Der Gebrauch von Schmerzmitteln muss kontrolliert werden, sonst können sie schnell in einen Teufelskreis führen. Akut-Medikamente sollten an weniger als an 10 Tagen im Monat eingenommen werden. Sonst droht das Nervensystem empfindlicher zu werden und es kommt schneller zum Schmerz, woraufhin wieder Mittel eingenommen werden bis irgendwann ein Dauer-Kopfschmerz besteht.

Migräne-Tagebuch: Auf diese Infos kommt es an

Was Patienten oft hemmt: Die Annahme, dass sie mit dem Migräne-Tagebuch selbst Interpretationen und Erklärungen für ihre Krankheit finden sollen. Dabei kommt es für den Patienten nur darauf an, systematisch den eigenen Schmerz zu beobachten. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, ob auf Papier oder per Eingabe in eine spezielle App, diese Infos sollten im Migräne-Tagebuch idealerweise festgehalten werden:

  • Anfangs- und Endzeitpunkt der Kopfschmerzen
  • Begleitsymptome / Aura-Symptome wie z.B. Übelkeit, Seh- oder Sprachstörungen
  • Stärke des Schmerzes auf einer Skala (z.B. 1 – 4) je nach Vordruck / App
  • Art des Schmerzes – z.B. pochend, dumpf, stechend – und ob er sich bei Bewegung verschlimmert
  • Medikamenteneinnahmen – Präparat, Dosierung, Wirkung
  • Beeinträchtigung des Alltags durch den Schmerz – z.B. wie viele Stunden bettlägerig oder wie lange arbeitsunfähig

Wer sein Migräne-Tagebuch analog auf Papier führen will, kann dafür Vordrucke benutzen, die man ganz einfach als PDF downloaden und ausdrucken kann. Beispielsweise von folgenden fachlich anerkannten Stellen:

Migräne-Tagebuch auf dem Smartphone – die besten Apps

Eine große Hilfe in der Dokumentation, Analyse und damit auch Behandlung von Migräne ist mittlerweile das Smartphone. Man hat es sowieso ständig zur Hand, da ist es naheliegend, auch die Beschwerden während oder nach einer Attacke einzugeben. Sehr praktisch: Viele Apps werten die Daten automatisch aus und können damit Hinweise auf mögliche Muster, Auslöser und Trends geben. Spezielle (kostenlose) Apps, die mit Experten konzipiert wurden, sind z.B.:

  • Migräne-App von der Schmerzklinik Kiel und der TK, mit vielen Spezialfunktionen wie Aura-Simulation, für Android und iOS
  • M-sense zur Dokumentation und Analyse von Migräne und Spannungskopfschmerzen, für Android und iOS
  • Migraine Buddy gibt es in zahlreichen Sprachen, zur besonders unkomplizierten Aufzeichnung von Migräne-Attacken, für Android und iOS

Wie das digitale Migräne-Tagebuch grundsätzlich funktioniert, erklärt hier Prof. Göbel anhand der Migräne-App:

Migräne-App benutzen

Niemand sollte Angst haben, beim Migräne-Tagebuch etwas falsch zu machen. Der einzige Fehler, den man machen kann, ist es, zu resignieren und gar keinen Kopfschmerz-Kalender zu führen. Prof. Göbel: "An Schmerzen gewöhnt man sich nicht. Im Gegenteil: Schmerz macht noch mehr Schmerz. Schmerzen auszuhalten ist keine Tugend. Man muss sie aktiv behandeln. Mit den heutigen Therapiemöglichkeiten gibt es sehr wirksame und nachhaltig verträgliche Therapiestrategien, um Kopfschmerzen zu bewältigen. Man muss jedoch sein eigener Anwalt werden, initiativ werden, sich Wissen und Informationen einholen, um dann gezielt vorbeugende Maßnahmen zu realisieren."

Ist dann zumindest klar, wo genau der Kopfschmerz sitzt und was gegen Migräne hilft, können geeignete Therapiemöglichkeiten ausprobiert werden. Tipps gegen Migräne helfen am besten, wenn man seine persönliche Krankheitsgeschichte kennt. Manchmal helfen dann vielleicht schon vorbeugende Übungen gegen Kopfschmerzen und Migräne, in anderen Fällen ist eher eine langfristig begleitende Schmerztherapie notwendig.

Mehr über Migräne finden Sie dazu auch auf unserer Themenseite.

Seite

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen