02.08.2019

Nächtlicher Harndrang Nykturie – nachts aufs Klo müssen: Wie oft ist noch normal?

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Häufiger nächtlicher Harndrang verhindert einen ruhigen Schlaf – außerdem kann er gefährliche Ursachen haben.

Foto: iStock/Tharakorn

Häufiger nächtlicher Harndrang verhindert einen ruhigen Schlaf – außerdem kann er gefährliche Ursachen haben.

Gerade eingeschlafen, da drückt die Blase! Ist das krankhaft? Nächtlicher Harndrang (Nykturie) hat viele mögliche Ursachen. Ein Urologe klärt auf.

Angesichts der Zahlen ist es eigentlich kein Wunder, dass so viele Menschen über Schlafstörungen klagen. Nächtlicher Harndrang, medizinisch Nykturie, nimmt mit dem Alter zu, aber schon bei den 20- bis 40-Jährigen ist laut Deutscher Gesellschaft für Urologie e.V. jeder Fünfte betroffen. Ab 70+ müssen ganze 60 Prozent nachts raus. Nykturie wird oft als Übel wahrgenommen, das man eben hinnehmen muss, vor allem ab einem bestimmten Alter. Allerdings mindert nächtlicher Harndrang nicht nur die Schlafqualität, sondern kann auch Zeichen für ernsthafte Erkrankungen sein. Urologe Dr. Thomas Kreutzig-Langenfeld aus Koblenz erklärt hier, was dahinterstecken kann und wie man seine Blase trainiert, um weniger häufig "mal zu müssen".

Was sind die häufigsten Nykturie-Ursachen?

Dr. Kreutzig-Langenfeld: "Nächtlicher Harndrang ist an sich völlig normal. Je nachdem, wie viel Sie in den Stunden vor dem Schlafengehen trinken und wie hoch das Fassungsvermögen Ihrer Blase ist, müssen Sie sie eben evtl. auch nachts entleeren. Die sogenannte Nykturie ist per Definition keine eigenständige Krankheit, kann Zeichen einer Erkrankung sein.

Die möglichen Nykturie-Ursachen sind natürlich individuell, aber Grundlage ist in vielen Fällen eine überaktive Blase. Das bedeutet, dass – aus verschiedenen Gründen – die Muskulatur der Blase sehr stark geworden ist, wodurch sich einerseits ihr Volumen und damit ihr Fassungsvermögen verkleinert, andererseits kann sie sich auch stärker zusammenziehen und damit starken, plötzlichen Harndrang verursachen."

Woher kommt eine überaktive Blase?

Dr. Kreutzig-Langenfeld: "Häufiger bzw. nächtlicher Harndrang wird bei Männern (vor allem ab ca. 50) oft von einer vergrößerten Prostata bedingt. Sie kann auf Harnleiter und Blase drücken, die durch den konstanten Druck muskulöser wird. Bei Frauen wird Nykturie oft durch eine Blasenentzündung, auch wenn bereits abgeklungen, (mit-)verursacht. Auch wenn die eigentliche Erkrankung schon vorbei ist, können die Nervenzellen in der Blase länger überempfindlich bleiben."

Was kann noch die Ursache sein? Ist Nykturie auch psychisch bedingt?

Dr. Kreutzig-Langenfeld: "Tatsächlich hat auch die Psyche, gerade in der Schlafphase, einen großen Einfluss auf nächtlichen Harndrang. Wer gestresst ist, unruhig schläft, Ängste hat, kann über Nervenbahnen die Blase aktivieren und nimmt das durch den leichteren Schlaf auch noch mehr wahr.

Sehr wichtig: Manchmal ist der wahre Grund, dass Nykturie vermehrt bei Herzinsuffizienz auftritt. Das mag zunächst weit hergeholt klingen, ist aber ganz einfach zu erklären: Wenn das Herz nicht mehr so stark pumpt, lagert sich Wasser im Körper ab, vor allem in den Beinen. Wenn Sie die dann abends hochlegen, entlastet das die Gefäße, und das überschüssige Wasser wird ausgeschieden.

Deshalb ist es so wichtig, dass der Arzt sich ausführlich mit der Krankengeschichte und den Lebensumständen eines Patienten auseinandersetzt. Es muss außerdem eine Differentialdiagnostik stattfinden, d. h. mögliche andere, schwerwiegendere Ursachen werden durch Untersuchungen ausgeschlossen. Denn auch wenn es selten ist, können z. B. Nieren- und Blasenkrebs ebenfalls Nykturie-Ursache sein."

Wie wird nächtlicher Harndrang am besten behandelt?

Dr. Kreutzig-Langenfeld zu Naturheilmitteln: "Ich sage es nicht gern, aber nächtlicher Harndrang und überaktive Blase allgemein lassen sich kaum durch pflanzliche Mittel in den Griff bekommen. Meiner Ansicht nach gibt es keine überzeugenden Studien zur Wirksamkeit für natürliche Arzneimittel gegen Inkontinenz."

Zu Medikamenten und OPs: "Verschiedene verschreibungspflichtige Medikamente können wirksam und dauerhaft die überaktive Blase beruhigen. Und natürlich muss die unterliegende medizinische Ursache behandelt werden, so es sie gibt, also z. B. eine vergrößerte Prostata behandeln oder eine chronische Blasenentzündung in den Griff bekommen."

Zu Botox: "An weiteren wissenschaftlich belegten Methoden gibt es noch die Möglichkeit, Botox in die Blase zu spritzen. Viele verbinden mit dem Stoff bloß Anti-Age-Anwendungen, aber da Botox effektiv die Muskeln lähmt, gilt das auch für die Blasenmuskeln."

Zum Blasentraining: "Jeder kann seine Blase trainieren, damit sie länger durchhält. Dafür versuchen Sie einfach, bei Harndrang nicht sofort zur Toilette zu gehen, sondern sich zunächst abzulenken und zu entspannen und das Wasserlassen hinauszögern. Nach und nach lernt die Blase. Außerdem müssen Sie stets ausreichend trinken, damit der Urin nicht sauer wird und die Blasenwände zusätzlich reizt.

Wie viel Wasser Sie benötigen, können Sie ganz einfach selbst an der Farbe des Urins sehen. Durchsichtig bis hellgelb zeigt, dass Sie ausreichend hydriert sind, dunkles Gelb, dass Sie trinken müssen."

Zum Beckenboden: "Was sich für Frauen wie Männer eigentlich immer lohnt, ist Beckenbodengymnastik. Sie können sie im Alltag jederzeit durchführen, indem Sie die Beckenbodenmuskeln anspannen und so lang wie möglich halten. Welche Muskeln das genau sind: Stellen Sie sich einfach vor, Sie halten beim Pinkeln den Strahl an."

Zu Meditation und Co: "Und natürlich, wie immer: Entspannung. Aktiver Stressabbau kann so viele körperliche und psychische Beschwerden verbessern, auch eine Reizblase. Der eine entspannt beim Sport, der andere bei der Meditation – wichtig ist, eine verlässliche Methode zu finden und sie evtl. auch vor dem Einschlafen zu praktizieren.“

Mehr über Dr. Kreutzig-Langfeldt erfahren Sie hier.

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