19.07.2019

Stammzellen, Gen-Schere Neue Therapien in Aussicht: DAS könnte bald HIV heilen

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Chancen auf Heilung von Aids und Entfernen des HI-Virus aus dem Körper? Die Therapie von HIV-positiven Menschen ist mittlerweile gelungen – allerdings mit starken Einschränkungen. Was zukünftig aber helfen könnte.

Foto: iStock/Thomas Faull

Chancen auf Heilung von Aids und Entfernen des HI-Virus aus dem Körper? Die Therapie von HIV-positiven Menschen ist mittlerweile gelungen – allerdings mit starken Einschränkungen. Was zukünftig aber helfen könnte.

Durchbrüche im Kampf gegen Aids! HIV-Infizierte sind dank Stammzellen virusfrei, Gen-Technik löscht das Virus aus dem Erbgut. Ein Überblick.

Das Wort Aids hat mittlerweile viel von seinem Schrecken verloren, denn eine Infektion mit dem HI-Virus ist heute kein Todesurteil mehr – zumindest für diejenigen, die Zugang zu modernen Medikamenten haben. Rund 37 Millionen Menschen auf der Welt sind HIV-positiv, 1,8 Millionen stecken sich jedes Jahr neu damit an. Eine Million Betroffene sterben immer noch jährlich an Aids – dem "Aquired Immune Deficiency Syndrome", also dem erworbenen Immunschwächesyndrom, das durch das HI-Virus ausgelöst wird. Das Ziel der Behandlung und Therapie von HIV-positiven Menschen ist, den Ausbruch von Aids möglichst lange hinaus zu zögern bzw. ganz zu verhindern. Hier setzen Medikamente an, die Forschung sogar noch einen Schritt davor.

HIV-Therapie: Patienten HIV-frei nach Stammzell-Transplantation

Er wurde als "Berlin Patient" bekannt – Timothy Ray Brown gilt als erster Mensch, der von HIV geheilt werden konnte. Der in Berlin lebende Amerikaner wusste schon seit 1995 von seiner Infektion mit dem HI-Virus und nahm dagegen Medikamente ein. Allerdings erkrankte er dann 2006 auch an Leukämie, nur eine Transplantation von Stammzellen konnte den Blutkrebs noch aufhalten.

Vor diesem Hintergrund entschieden die Ärzte an der Berliner Charité, gezielt nach Stammzellenspendern zu suchen, die eine bestimmte Gen-Mutation in sich trugen. Von dieser Veränderung des CCR5-Gens wusste man bereits, dass sie den Träger gegen bestimmte Formen des HI-Virus immun macht. Und tatsächlich: Nach der geglückten Transplantation konnte Brown die antiviralen Medikamente absetzen – bis heute sind in seinem Körper keine HI-Viren mehr nachweisbar.

Ähnlich wurde auch der "London Patient" behandelt, ein HIV-positiver Mann, dem wegen Lymphdrüsenkrebs CCR5-negative Stammzellen transplantiert wurden und der seit 2017 bislang immer noch virenfrei ist. Aktuellster Fall ist der "Düsseldorfer Patient" – der ebenfalls gegen Krebs die spezielle Stammzell-Transplantation erhielt und in der Folge seit Ende 2018 ohne Medikamente HI-virenfrei lebt.

Warum bekommen dann nicht alle Menschen mit HIV die mutierten Stammzellen? Leider ist ein solcher Eingriff auch mit großen Risiken verbunden. Selbst in der Krebstherapie gilt die Stammzellentransplantation damit als eines der letzten Mittel. Es kann vorkommen, dass der Körper die transplantierten Zellen abstößt, tödliche Immunreaktionen ausgelöst werden.

In den bekannten Fällen entschied man sich, den HIV-Patienten die ausgewählten Stammzellen zu geben, weil es sowieso Teil der Krebsbehandlung war. Allerdings ist die Mutation des CCR5-Gens eine Forschungsgrundlage, in das Wissenschaftler weltweit große Hoffnungen setzen, um zu einem verträglicheren HIV-Heilmittel zu kommen.

HI-Viren aus dem Erbgut schneiden

HIV einfach rausschneiden: Mit einer so genannten Gen-Schere erzielten zwei Forscher-Teams in den USA spektakuläre Ergebnisse im Versuch mit HIV-infizierten Mäusen. Nach einer Kombi-Behandlung war bei einem Drittel der Tiere das HI-Virus nicht mehr nachweisbar, wie die Wissenschaftler im Fachblatt "Nature Communications" berichten.

So gingen sie vor: Einerseits bekamen die Mäuse ein Mittel um die Aktivität des Virus zu schwächen, dann nahmen sie sich mit der Gen-Schere die DNA der Immunzellen vor. Das HI-Virus kann sich nämlich in das Erbgut der Körperzellen einnisten und dort zunächst ruhen. Im schlechtesten Fall wachen die Viren irgendwann auf und es kommt zum Ausbruch von Aids.

Diese Gefahr wollten die Forscher ein für alle Mal bannen, und zwar mit dem Crispr/Cas9-Verfahren. Dabei werden mit einem bestimmten Enzym DNA-Sequenzen aus der DNA von Körperzellen geschnitten. So kann man gezielt die schädlichen Teile – in diesem Fall des Virus – aus der Zelle entfernen.

Auch in diesem Fall verweisen die Forscher darauf, dass noch einige weitere Versuchsreihen folgen müssen, vor allem auch um zu sehen, ob und wie das Verfahren bei Menschen wirkt. Die Wissenschaftler von der Temple University im US-Bundesstaat Pennsylvania hoffen sogar, dass sie vielleicht schon 2020 mit Tests bei Menschen beginnen können.

Ende 2018 wurde über Gen-Schere und CCR5-Gen in Zusammenhang mit einem Skandal um einen chinesischen Wissenschaftler berichtet. Der Biophysiker He Jiankui der naturwissenschaftlichen Universität von Shenzen verkündete die Geburt von Zwillingsmädchen aus einer künstlichen Befruchtung.

Der Aufreger: Er behauptet, er habe schon bei den Embryonen das Erbgut manipuliert, genau genommen das CCR5-Gen künstlich ausgeschaltet. Damit sollen die Mädchen immun gegen HIV sein, ihr biologischer Vater ist HIV-positiv. Entsprechen Hes Behauptungen der Wahrheit, hat er die ersten genmanipulierten Menschen der Welt erschaffen. Er wurde dafür und für die unkalkulierbaren Risiken, denen er die Kinder aussetzt, weltweit scharf kritisiert, verlor seine Stelle und muss sich möglicherweise vor Gericht verantworten.

Medikamente für HIV: Behandlung und Schutz für Gesunde

Seit dem ersten Ausbruch der Aids-Epidemie in den 1980ern galt die Verhütung mit Kondom lange als die einzige Möglichkeit die Ansteckung beim Geschlechtsverkehr mit einer HIV-positiven Person zu verhindern. Dies ist immer noch die wichtigste Schutzmaßnahme und verhindert vor allem auch die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten, allerdings gibt es mittlerweile eine weitere Möglichkeit: PrEP - Prä-Expositions-Prophylaxe, also ein Medikament, das vorsorglich vor dem Sex eingenommen wird.

Das Mittel ist aus der Behandlung von HIV-Erkrankten, in diesem Fall nehmen es aber Gesunde. Durch den Wirkstoff können sich die HI-Viren, die beim Sex auf die Schleimhäute übertragen werden, dort nicht vermehren. PrEP kann täglich genommen werden, die Wirkstoff-Level im Blut müssen regelmäßig überprüft werden, um den Schutz zu gewährleisten. Laut Deutscher Aidshilfe ist PrEP so sicher wie die Verhütung mit Kondomen.

Generell verhindern HIV-Medikamente, dass sich das Virus im Körper weiter vermehrt. Das kann auf verschiedene Arten passieren. Folgende Mittel sind gebräuchlich:

  • Entry Hemmer: Sie lassen die HI-Viren erst gar nicht in die Körperzellen eindringen.
  • Reverse-Transkriptase-Hemmer: Sie blockieren ein Enzym, das das Virus braucht, um sich der Körperzelle anzupassen.
  • Integrase-Hemmer: Sie blockieren das Enzym, das das Virus braucht, um es in die menschliche DNA einzubauen.
  • Protease-Hemmer: Sie verhindern, dass das Virus in der infizierten Zelle neue Bauteile bildet und sich so fortpflanzt.

Es gibt heutzutage also einige Möglichkeiten, um Menschen mit HIV ein gesundes, langes Leben zu ermöglichen. Bislang bedeutet das aber, dass sie das Virus noch in sich tragen und täglich Medikamente nehmen, um es zu bekämpfen.

Das ist ein besonderes Problem für die vielen Erkrankten in Entwicklungsländern, denn sie können sich die Mittel auf Dauer oft nicht leisten oder haben gar keine Möglichkeit sie zu bekommen. Die Ausbreitung von HIV schreitet so weiter voran. Die große Hoffnung der Wissenschaft ist auch deshalb, dass es bald gelingt, das HI-Virus ganz aus dem Körper zu vertreiben. Es gibt auf jeden Fall Anlass zur Hoffnung.

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