18.06.2019

Zähneknirschen im Schlaf Das ist der größte Irrglaube zu Bruxismus

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Zähneknirschen im Schlaf hat auch Auswirkungen auf den Tag: Das Gebiss schmerzt, der Kiefer ist bei Bruxismus verspannt.

Foto: iStock/MachineHeadz

Zähneknirschen im Schlaf hat auch Auswirkungen auf den Tag: Das Gebiss schmerzt, der Kiefer ist bei Bruxismus verspannt.

Wachen Sie auch verspannt und mit starrem Kiefer auf? Bruxismus bzw. Zähneknirschen im Schlaf ist verbreitet, aber die Ursache wird oft verkannt.

Sprichwörtlich beißen wir die Zähne zusammen, wenn wir etwas Unangenehmes aushalten sollen. Im wahrsten Sinne des Wortes tun wir das auch. Was daraus entsteht: Bruxismus. Das ist der medizinische Fachbegriff für Zähneknirschen oder auch -pressen. Lange Zeit glaubte man, die Ursache für Bruxismus sei dort zu suchen, wo er auftritt. Fehlstellungen der Kiefergelenke oder ungenau abgeschliffene Zahnfüllungen sollten Auslöser fürs Zähneknirschen sein.

Professor Dr. Dietmar Oesterreich, Vize-Präsident der Bundeszahnärztekammer, beschäftigt sich seit vielen Jahren schwerpunktmäßig mit Bruxismus und erklärt hier im Interview, was wirklich hinter dem Zähneknirschen steckt und wie man die ungesunde Angewohnheit loswerden kann.

Was genau ist Bruxismus?

Prof. Oesterreich: "Unter Bruxismus versteht man das Knirschen der Zähne – also festes Aufeinanderreiben von oberer und unterer Zahnreihe – und auch das Pressen, wenn Ober- und Unterkiefer stark aufeinandergedrückt werden. Man unterscheidet zwischen Schlaf- und Wach-Bruxismus. Nächtliches Zähneknirschen im Schlaf nehmen zuerst oft andere wahr, z. B. der Partner mit im Bett. Auch tagsüber geschieht der Bruxismus unbewusst, in Stresssituationen fangen die Kiefermuskeln an zu arbeiten, meist ohne, dass die Betroffenen es wahrnehmen. Als Zahnarzt erkennt man Bruxismus leicht an Spuren in der Mundhöhle."

Zähneknirschen im Schlaf – welche Ursachen gibt es dafür?

"Die Bruxismus-Ursachen sind in der Mehrheit der Fälle psychosomatisch, es ist eine körperliche Reaktion auf Anspannung und Stress. Nicht umsonst heißt es z. B. 'Probleme durchkauen' oder 'sich durchs Leben beißen'. Bei Menschen in der ersten Lebenshälfte kommt Bruxismus häufiger vor, wohl auch, weil es durch die Berufstätigkeit viele Stressfaktoren gibt. Die Annahme, dass das Zähneknirschen vor allem von Fehlstellungen des Gebisses herrührt, ist heute überholt. Früher wurden dann aufwendig Zähne eingeschliffen, das ist aber nur in ganz seltenen Fällen nötig."

Ist Bruxismus gefährlich bzw. was sind die Folgen?

"Durch den enormen Druck beim Zähneknirschen oder -pressen kann es zu Rissen im Zahnschmelz oder Verlust von Zahnschmelz kommen, manchmal werden auch ganze Füllungen heraus geknirscht. Außerdem sind die Kiefermuskeln stark angespannt, durch die erhöhte Aktivität oft sogar vergrößert. Die Betroffenen selbst merken manchmal, dass sie morgens den Mund noch gar nicht richtig öffnen können, der Kiefer fühlt sich steif an und kann schmerzen. Auch Nacken- und Kopfschmerzen (Anm. d. Red.: etwa Spannungskopfschmerzen) sind als Folge von Bruxismus möglich."

Was tun gegen Zähneknirschen im Schlaf?

"Bei der Behandlung des Bruxismus werden idealerweise Ursachen und Auswirkungen angegangen. Es ist wichtig, sich der eigenen Stress-Auslöser bewusst zu werden, man kann z. B. eine Woche protokollieren, wann man warum angespannt war. Dann sollte man lernen, sein Stress-Level zu kontrollieren. Jeder findet etwas anderes entspannend, bewährt haben sich für viele Menschen z. B. Yoga, autogenes Training, oder Ausdauer-Sport. Physiotherapeuten behandeln die verspannte Kaumuskulatur und geben Hinweise zu speziellen Übungen."

Welche Bruxismus-Therapie kann der Zahnarzt durchführen?

Die zahnärztliche Behandlung richtet sich danach, ob durch den Bruxismus schon Störungen in der Funktion der Kiefergelenke entstanden sind oder nicht. Im letzteren Fall wird eine einfache Aufbissschiene angefertigt, die die Betroffenen nachts tragen, um die Zahnsubstanz zu schützen. Wenn bereits Schäden entstanden sind, muss eine Spezial-Schiene angepasst werden, um in der richtigen Stellung zur Entspannung der schmerzhaften Muskulatur beizutragen.

Ist bei Bruxismus Botox sinnvoll?

Prof. Oesterreich: "Alternative Therapien bei Bruxismus, wie Botox-Spritzen in die Kiefermuskeln, sind nicht Mittel erster Wahl und werden nur in seltenen Extremfällen angewendet. Insgesamt kann man sagen, dass man Zähneknirschen gut in den Griff bekommen kann, wenn man sich der Auslöser bewusst ist und eine rechtzeitige Therapie durchführen lässt.“

Es steht und fällt also – wie bei so vielen gesundheitlichen Problemen – mit dem Stresslevel. Natürlich lässt sich der nicht einfach ausknipsen, aber unser Themenschwerpunkt zu Meditation und Entspannungsverfahren gibt einen Überblick und Anregungen, wie Sie aktiv Ihre Stressresistenz steigern. Und auch gegen Gelenkschmerzen, wie sie in den Wechseljahren vorkommen können, gibt es ein paar Tipps.

Mehr zur Bundeszahnärztekammer finden Sie auf der Seite.

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