29.05.2019

Kinderlähmung und ihre Folgen Kann man sich heute noch mit Polio anstecken?

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Dank Impfung – früher Schluckimpfung, heute gibt es einen Impfstoff via Spritze – wurde Polio in Deutschland ausgerottet. Weltweit aber gibt es noch Fälle.

Foto: iStock/Teka77

Dank Impfung – früher Schluckimpfung, heute gibt es einen Impfstoff via Spritze – wurde Polio in Deutschland ausgerottet. Weltweit aber gibt es noch Fälle.

In Deutschland leben Hunderttausende Menschen mit Folgen der Kinderlähmung. Polio ist nicht überall ausgerottet, aber jeder kann sich schützen.

Manch einer erinnert sich vielleicht noch an die traurigen Bilder von kleinen Kindern an Krücken, die ihre Beinchen nicht mehr trugen oder an eine süße Schluckimpfung beim Kinderarzt. Kinderlähmung, medizinisch Poliomyelitis oder kurz Polio, war auf der ganzen Welt weit verbreitet, bevor 1955 die erste wirksame Impfung erfunden war. Das zeigt auch der umgangssprachliche Name Kinderlähmung – das Polio-Virus kam so häufig vor, dass sich die meisten Menschen schon damit ansteckten, bevor sie erwachsen waren.

In Deutschland erkrankten zwischen 1910 und 1961 rund 120.000 Menschen daran, für 10 Prozent endete die Infektion tödlich. Nachdem es zunächst in Nordamerika und Europa großangelegte Impf-Kampagnen gab, sank die Rate der Neu-Infektionen in den Industrieländern rapide ab. In Deutschland gibt es mittlerweile seit fast 30 Jahren kein Polio mehr, das ist allerdings nicht überall auf der Welt so.

Wie infiziert man sich mit Polio?

Mit Kinderlähmung kann man sich durch ein Virus anstecken. Das Polio-Virus wird meistens fäkal-oral übertragen, also über Spuren von Exkrementen, die mit der Mundschleimhaut in Berührung kommen. Somit kann sich Polio bei Erwachsenen z. B. durch das Wickeln eines betroffenen Kindes übertragen.

Vom Mund gelangt das Polio-Virus in den Darm und vermehrt sich dort schon nach kurzer Zeit massiv. Pro Gramm Stuhl können 106–109 infektiöse Viren ausgeschieden werden – also eine Million bis zu einer Milliarde Krankheitserreger. Das Virus kann sich sogar schon nach der Aufnahme in der Rachenschleimhaut vermehren und sich dann auch kurzzeitig über den Atem verbreiten.

Kinderlähmung ist damit hoch ansteckend. Die Inkubationszeit beträgt 3 bis 35 Tage. Vor Entwicklung des Polio-Impfstoffs half nur eine besonders strenge Hygiene um die Ausbreitung wenigstens einzudämmen.

Was sind die Symptome von Kinderlähmung?

Tatsächlich bemerkt der Großteil der Menschen, die sich mit Polio-Viren infizieren, nichts davon. In mehr als 95 Prozent der Fälle verläuft die Ansteckung weitgehend ohne Symptome, weil der Körper von sich aus neutralisierende Antikörper bildet. Allerdings haben nicht alle Menschen dieses Glück. Wenn die Erkrankung ausbricht, kann Kinderlähmung unterschiedlich schwere Verläufe nehmen:

  • Abortive Poliomyelitis: In diesem Fall führt die Infektion mit dem Poliovirus nicht zu Lähmungserscheinungen. Die Betroffenen bekommen nach einer Inkubationszeit von sechs bis neun Tagen unspezifische Symptome, wie Magen- / Darmbeschwerden, Fieber, Übelkeit, Halsschmerzen, Muskel- und Kopfschmerzen. Zu Lähmungen kommt es nicht, weil keine Zellen des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark) angegriffen werden.
  • Nichtparalytische Poliomyelitis (aseptische Meningitis): Die abortive Poliomyelitis kann sich allerdings weiterentwickeln, dann kommt es etwa drei bis sieben Tage nach ihr zu Fieber, Nackensteifigkeit, Rückenschmerzen, Muskelkrämpfen und einer Hirnhautentzündung, einer Meningitis. Auch in diesem Fall gibt es keine Lähmungserscheinungen, allerdings zeigt sich in der Rückenmarksflüssigkeit schon eine erhöhte Zahl von Abwehrzellen.
  • Paralytische Poliomyelitis: Dieser Verlauf ist, was man landläufig unter Kinderlähmung versteht. Die Infizierten bekommen schwere Rücken-, Nacken- und Muskelschmerzen und -schwäche. Oft werden die Symptome zunächst besser, aber dann steigt nach etwa zwei bis drei Tagen das Fieber wieder. Die Bewegungsstörungen, also teilweise Muskel-Lähmungen bzw. Paresen, nehmen zu. Dieser Verlauf ist besonders häufig bei Kindern mit einer Infektion mit Polio, bei Erwachsenen ist eine zweiphasige Entwicklung seltener. Die Bewegungseinschränkungen kommen asymmetrisch vor, also nicht gleich auf jeder Körperseite. Am häufigsten sind die Muskeln der Beine betroffen, daneben oft auch Muskeln im Arm, Bauch, Brustkorb oder den Augen.

Ist Kinderlähmung heilbar?

Es gibt kein "Gegenmittel", wenn sich jemand mit Polio-Viren infiziert hat. Typischerweise bilden sich die Lähmungen mit der Zeit teilweise, aber nicht vollständig zurück. In seltenen, besonders schweren Verläufen führt die Schädigung von Nervenzellen im Gehirn allerdings zum Tod. Polio-Betroffenen kann nur geholfen werden, die Symptome zu lindern, z. B. durch Krankengymnastik.

In welchem Umfang Spätschäden entstehen, lässt sich im Einzelfall nicht genau vorhersagen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich gezeigt, dass viele Menschen, die von Kinderlähmung betroffen waren, im späteren Leben das Post-Polio-Syndrom entwickelt haben, selbst wenn sie in der Zwischenzeit beschwerdefrei waren. Sie leiden unter chronischer Erschöpfung, einer fortschreitenden Muskelschwäche und Lähmungserscheinungen, obwohl die eigentliche Infektion schon sehr lange vorbei ist und als Kinderkrankheit aufgetreten war. Die einzige Möglichkeit, die schreckliche Krankheit Kinderlähmung und ihre Folgen zu bekämpfen, ist die Impfung.

Die verschiedenen Arten der Polio-Impfung

In Deutschland gehört die Polio-Impfung zu den Routine-Impfungen und wird nach dem Kalender der STIKO (Ständige Impfkommission) Kindern im ersten Lebensjahr verabreicht, meistens in drei Dosen, ergänzt von einer Impfung im zweiten Lebensjahr. Im Alter zwischen 9 und 17 sollte es eine Auffrisch-Impfung geben. Danach ist man vollständig und lebenslang gegen Polio immunisiert.

Geimpft wird hierzulande nur noch per Injektion mit IPV – inaktivierter Poliomyelitis-Impfstoff, also keine lebenden Krankheitserreger. Auch Personen mit Immunschwäche können deshalb risikolos geimpft werden. Wer sich allerdings an seine Kindheit und eine Schluckimpfung mit Zucker erinnert, liegt nicht falsch. Bis in die späten 1990er wurde der Polio-Lebendimpfstoff OPV verwendet. Er wird mittlerweile wegen des, wenn auch sehr geringen, Risikos einer Polio-Infektion durch die verwendeten Erreger nicht mehr angewandt.

Da Kinderlähmung in Deutschland erfolgreich ausgerottet ist, will man jedes noch so kleine Risiko vermeiden, dass sie wieder ausbrechen könnte. Eine Impfung gegen Polio bei Erwachsenen wird nötig, wenn sie in der Kindheit / Jugend nicht oder nur unvollständig geimpft wurden oder wenn sie einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, z. B. länger in Ländern sind, in denen Polio noch vorkommt.

1988 startete die Weltgesundheitsorganisation WHO eine großangelegte Initiative um Polio auf der ganzen Welt auszurotten. Dieses Ziel ist noch nicht erreicht. Ausbrüche von Polio-Ansteckungen kommen heutzutage nur noch in vereinzelten Ländern vor, vor allem Afghanistan und Pakistan. Ansteckungen durch importierte Polio-Viren gibt es auch noch in einigen afrikanischen oder osteuropäischen Ländern, in denen geringe Impfquoten vorliegen.

Informationen nach aktuellem Stand des Robert Koch-Instituts. Alles Wichtige zur Polio-Impfung lesen Sie hier.

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