31.05.2019

Wenn Essen zur Sucht wird Binge Eating: Essstörung mit unkontrolliertem Heißhunger

Beim Binge Eating sind unkontrollierbare Heißhungerattacken Teil des Alltags.

Foto: iStock/Kontrec

Beim Binge Eating sind unkontrollierbare Heißhungerattacken Teil des Alltags.

Binge Eating ist eine weit verbreitete und gleichzeitig eine der unbekanntesten Essstörungen. Zeit, um darüber aufzuklären. Hier erfahren Sie mehr.

Beim Binge Eating werden große Mengen an Essen unkontrolliert verschlungen. Ein extremer Fall von Heißhunger sozusagen, der meist mehrmals die Woche auftritt. Dass dabei von einer Essstörung gesprochen wird, ist noch relativ neu und das, obwohl Binge Eating hierzulande als eine weit verbreitete Essstörung gilt.

Wie sich Binge Eating äußert, was die Unterschiede zu Magersucht und Bulimie sind, wie es zur Essstörung kommen kann und was Betroffenen helfen kann erfahren Sie hier.


Was ist Binge Eating?

"Binge Eating ist wie auch Anorexie und Bulimie eine psychisch bedingte, komplexe Krankheit, die sich in einer Essstörung äußert. Beim Binge Eating haben die Betroffenen vollständig unkontrollierte Heißhungerattacken, bei welchen sie möglichst viel Nahrung auf einmal zu sich nehmen." erklärt Dr. Sabine Dornhofer, Leitende Oberärztin der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen und Expertin für Binge Eating. Dabei bedeutet das englische "to binge" so viel wie "verschlingen" oder "vollstopfen" – im Falle der Essstörung eben die Nahrung.

Anders als bei den hierzulande viel bekannteren Formen von Esstörungen – Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Brechsucht) – ergreifen die Betroffenen beim Binge Eating grundsätzlich keine gewichtsregulierenden Maßnahmen, wie Diäten, Sport oder Erbrechen. "Die panische Angst zuzunehmen bleibt ebenso aus wie das Zählen von Kalorien. Die Betroffenen tendieren also eher dazu, übergewichtig als normal- oder untergewichtig zu sein." so Frau Dr. Dornhofer.

Unkontrollierte Hungerattacken: Wie sich die Essstörung äußert

Frau Dr. Dornhofer, die sich bereits seit Jahren mit Binge Eating auseinandersetzt und Betroffene begleitet, beschreibt die Essstörung mit folgenden Merkmalen:

  • Heißhungerattacken, bei denen die Kontrolle über sich selbst und das Essverhalten komplett verloren wird. Dabei können bis zu 3.000 Kilokalorien auf einmal gegessen werden.
  • In verhältnismäßig kurzer Zeit werden große Mengen an Nahrungsmitteln aufgenommen, teilweise bis ein unangenehmes Gefühl der Überfüllung eintritt.
  • Oft wird ohne Hungergefühl gegessen, sondern vielmehr aufgrund einer kurzweiligen psychischen Entlastung.
  • Nach dem Essen tritt oft ein Scham-, Schuld- oder sogar Ekelgefühl auf, das wiederum negative Emotionen auslöst.
  • Die Essattacken werden meist verheimlicht, indem sich zum ungebremsten Essen allein zurückgezogen wird.

"Beim sogenannten "grazing" (zu deutsch: grasen), einer speziellen Form des Binge Eatings, nehmen die Betroffenen außerdem über den ganzen Tag hinweg ständig Nahrung auf." erklärt Frau Dr. Dornhofer.

Binge Eating kann zu einem regelrechten Teufelskreis führen. Erst wird meist aufgrund unangenehmer Gefühle maßlos gegessen. Das führt wiederum zu Scham und Schuldgefühlen und auf Dauer auch zu Gewichtszunahme. Die Gewichtzunahme und das negative Selbstbild führt dann wieder verstärkt zu unangenehmen und negativen Gefühlen.

Meist psychische Ursachen: Wie es zu Binge Eating kommen kann

Generell sind beim Binge Eating in den meisten Fällen psychische Faktoren und der Umgang mit Gefühlen der Hauptauslöser. "Menschen, die zum Binge Eating neigen, leiden beispielsweise nicht selten an Depressionen und/oder Angststörungen. Auch Körperunzufriedenheit und daraus resultierende Selbstwertdefizite können letztendlich ein Motiv für die Essstörung sein. Die übermäßige Nahrungsaufnahme fungiert als Kompensations- und Regulationsmittel für negative Emotionen und baut bei den Betroffenen Druck oder Stress ab." so Frau Dr. Dornhofer.

Die Ärztin sieht weitere Kriterien wie ein unstrukturierter Tagesablauf, in dem es keine festgelegten Zeitfenster für Mahlzeiten gibt, oder ein nicht intaktes, instabiles soziales Umfeld als verstärkende Ursachen des Binge Eatings.

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Was bei Binge Eating hilft

Zunächst ist es wichtig, dass Binge Eating als Krankheit erkannt wird, die nicht selten behandlungsbedürftig ist. Aufgrund der hierzulande noch relativ geringen Bekanntheit der Essstörung ist das natürlich nicht immer gegeben. "Dass die Betroffenen sich ihren Essanfällen meist heimlich hingeben und sich danach dafür schämen, weist [jedoch] zumindest daraufhin, dass sie sich darüber im Klaren sind, dass ihr Essverhalten und die Menge an verzehrten Nahrungsmitteln nicht der Normalität entsprechen." erklärt Frau Dr. Dornhofer aus ihrer langjährigen Erfahrung.

Ist die Krankheit bzw. Störung erkannt, so sollten die Betroffenen die eigene Ernährung umstrukturieren und ein bewusstes Essverhalten mit geregelten Mahlzeiten entwickeln. Hierfür können sie sich an eine Beratungsstelle für Essstörungen wenden, um das individuell passende Behandlungsangebot heraus zu finden und Unterstützung zu erhalten.

"Je nach Schweregrad der Essstörungen können Behandlungen unterschiedlich intensiv sein. Die Einzel- oder Gruppentherapien werden sowohl ambulant als auch stationär angeboten und zielen darauf ab, die psychosomatischen Ursachen zu erkennen und aufzuarbeiten. Ebenso ist eine Ernährungsberatung sowie ein Bewegungsprogramm Teil der Therapie, um beides auf die richtige Art und Weise in den Alltag zu integrieren." erklärt die Binge-Eating-Expertin Dornhofer.

So können Angehörige betroffene Binge Eater unterstützen

Da sich Binge Eater für ihre Essattacken oftmals heimlich zurück ziehen, ist die Essstörung für Angehörige oft schwer zu erkennen. Daher gilt es aufmerksam zu sein und zum Beispiel auffällige Gewichtszunahmen zu beobachten, um Anzeichen einer Essstörung zu erkennen. Der Betroffene sollte taktvoll und einfühlsam auf die Störung angesprochen werden.

"Wichtig ist es dann vor allem, die Betroffenen darin zu unterstützen, ihr Essverhalten wieder unter Kontrolle zu bringen. Gemeinsame Mahlzeiten sorgen beispielsweise für feste Essenszeiten, die wichtig sind, um wieder Struktur in den Alltag zu bringen. In schlimmeren Fällen ist es auch angebracht, die Betroffenen darin zu bestärken, sich professionelle Hilfe zu holen." gibt Frau Dr. Dornhofer als Tipps für Angehörige.

Fazit: Binge Eating ist eine ernstzunehmende Essstörung

"Es kommt immer mehr in unser Bewusstsein, dass es sich bei der Binge Eating Störung nicht nur um Übergewicht oder Adipositas handelt, sondern um eine Essstörung und ein Krankheitsbild mit klaren Kriterien." erläutert Frau Dr. Dornhofer. Daher sollten sowohl Betroffene als auch Angehörige entsprechend ernst mit der Störung umgehen und sie auch als dieses wahrnehmen.

Bei Unsicherheit, was den Umgang mit Binge Eating angeht, ist es immer besser, auf professionelle Hilfe und Unterstützung zurückzugreifen. Hilfreich hierfür ist das Verzeichnis auf der Webseite des Bundesfachverbands für Essstörungen, das alle wichtigen Beratungsstellen, Praxen und Kliniken auflistet.

Mehr über die Expertin: Dr. med. Sabine Dornhofer ist leitende Oberärztin und stellvertretende Chefärztin der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen. Frau Dr. Dornhofer verfügt über langjährige Erfahrung im Bereich der psychosomatischen Medizin und zählt zu den ausgewiesenen Experten im Bereich der Essstörungen, insbesondere Binge Eating-Störung.

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