24.05.2019

Rolle von Ernährung, Alter & Genen So bekommen Sie die Kontrolle über Gicht-Ursachen

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Ein Anfall ist äußerst schmerzhaft. Aber was sind eigentlich die gängigsten Gicht-Ursachen – und was können Sie dagegen tun?

Foto: iStock/ojoel

Ein Anfall ist äußerst schmerzhaft. Aber was sind eigentlich die gängigsten Gicht-Ursachen – und was können Sie dagegen tun?

Geschwollene Gelenke, rasende Schmerzen – ein Anfall von Gicht. Ursachen sind ungesunde Ernährung und Veranlagung, oder? Eine Expertin klärt auf.

Oft ist der große Zeh der Anfang, von jetzt auf gleich wird er dick, rot, Schmerzen pochen im Gelenk. Die Gicht betrifft aber auch viele andere Körperstellen und kann das Leben der Betroffenen zeitweise zur Hölle machen.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, müssen sie sich oft auch noch anhören, die Krankheit selbst verschuldet zu haben. Hätten sie sich nur gesünder ernährt oder weniger Alkohol getrunken. In Wahrheit beeinflussen diese Faktoren zwar den Verlauf der Gicht, Ursachen an sich sind aber komplexere körperliche Prozesse.

Oberärztin PD Dr. Uta Kiltz vom Rheumazentrum Ruhrgebiet ist auf Gicht spezialisiert und wurde u.a. von der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie ausgezeichnet. Hier im Interview erklärt die Expertin alles zu Gicht-Ursachen, Behandlung, Medikamenten und warum niemand der Krankheit hilflos ausgeliefert ist.

Was sind denn nun die wirklichen Gicht-Ursachen?

Dr. Kiltz: "Gicht ist die häufigste Ursache für entzündliche Gelenkerkrankungen. Sie wird durch die Ablagerung von Harnsäure-Kristallen, vor allem in den Gelenken, verursacht. Harnsäure entsteht, wenn im Körper sogenannte Purine abgebaut werden. Purine sind Moleküle, die wir entweder über die Nahrung aufnehmen oder die im Körper selbst gebildet werden. Die Harnsäure als Endprodukt dieses Abbauweges wird dann über die Nieren ausgeschieden. Die häufigsten Gicht-Ursachen sind eine verminderte Funktion der Nieren und /oder eine hohe Purin-Aufnahme durch Lebensmittel. Allerdings ist bei der Entstehung der Gicht die falsche Ernährung nicht die alleinige Ursache, wie viele denken. Natürlich können Sie mit einer angepassten Ernährung eine Gichterkrankung behandeln oder das Risiko für Anfälle senken, aber kein Patient muss sich sagen lassen 'selbst schuld!'. Dafür sind die Gicht-Ursachen einfach zu vielschichtig. Sicher spielt auch eine genetische Komponente eine Rolle."

Auch das Alter ist für die Wahrscheinlichkeit, Gicht zu bekommen, ausschlaggebend. Ein Großteil der Betroffenen sind Menschen im mittleren und fortgeschrittenen Alter. Bei Männern manifestiert sich laut Dr. Kiltz eine Gichterkrankung um die 50, bei Frauen um die 65. Viele wissen zunächst nicht, dass es sich bei ihren Beschwerden um die Symptome eines Gichtanfalls handelt. Bei plötzlichen Schmerzen und Schwellungen sollte der Hausarzt aufgesucht werden, der z. B. auch Infektionen als Ursache ausschließen kann.

Welche Symptome hat ein Gichtanfall und was hilft schnell dagegen?

Dr. Kiltz: "Die Symptome eines Gichtanfalls treten meist unvermittelt und sehr stark auf. Dazu gehört die Schwellung eines oder mehrerer Gelenke, oft fängt es im großen Zeh an. Die Harnsäure-Ablagerungen können sich aber – vor allem im fortgeschrittenen Stadium – überall im Körper ablagern, z. B. auch in der Haut oder den Schleimbeuteln. Die Schmerzen bei einem Gicht-Anfall werden von den Betroffenen oft als unerträglich beschrieben, so schlimm, dass sogar die Bettdecke auf dem Körper schmerzt. Daher ist es wichtig, im akuten Gichtanfall schnell Schmerz und Entzündung in den Griff zu bekommen. Das wird in der Regel mit eines von drei möglichen Arten von Medikamenten versucht, die der Haus- oder Facharzt individuell auf die gesundheitliche Vorgeschichte des Patienten abstimmt."

Dr. Kiltz erklärt die drei häufigsten Gicht-Medikamente für den Akut-Fall:

  • Colchicin, das das Gift der Herbstzeitlosen enthält. Es ist sehr effektiv, allerdings kommt es für viele Menschen wegen Vorerkrankungen und möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten nicht in Frage.
  • Präparate aus der Gruppe der NSAR (Nichtsteroidiale Antirheumatika), wie Diclofenac oder Ibuprofen.
  • Glukokorticoide, also Kortison, um die Entzündung und damit die Schmerzen zu stoppen.

Allerdings ist es damit nicht getan, wie die Expertin betont. Wichtig ist es, dann das Risiko für einen erneuten Gichtanfall mit Medikamenten und Anpassungen des Lebensstils zu vermindern. "Es sollte auf jeden Fall schon ab dem ersten Gicht-Anfall eine konsequente Senkung des Harnsäurespiegels im Blut stattfinden, sonst ist eine weitere Episode so gut wie sicher," so Dr. Kiltz. Sehr wichtig seien regelmäßige Blutbilder zur Überprüfung der Harnsäurewerte. Als Faustregel für sie gelte:

Der Harnsäurespiegel im Blut sollte nicht über 6 Milligramm (mg) Harnsäure pro Deziliter (dl) Blut liegen, bzw. nicht über 360 Mikromol (µmol) Harnsäure pro 1 Liter (l) Blut. Der Harnsäurespiegel im Blut bei Patienten mit tophösen Gichtablagerungen (an mehreren Körperstellen innerhalb und außerhalb der Gelenke) sollte nicht über 5 Milligramm (mg) Harnsäure pro Deziliter (dl) Blut liegen.

Wie kann die Harnsäure-Menge, und damit die Gicht-Ursache, langfristig eingedämmt werden?

Dr. Kiltz: "Zur Senkung der Harnsäure werden verschiedene Wirkstoffe (z. B. Febuxostat oder Allopurinol) als Gicht-Medikamente eingesetzt, die gezielt die Harnsäurebildung und damit die Gicht-Ursache eindämmen. Daneben könne Betroffene auch viel selbst tun, um weiteren Gichtanfällen vorzubeugen. Untersuchungen haben gezeigt, dass sportliche Aktivität und Gewichtsreduktion das Risiko deutlich verringern. Außerdem sollte auf eine purinarme Ernährung geachtet werden. Viel Purin enthalten z. B. Fleisch und Wurst (v. a. vom Schwein), Alkohol und zuckerreiche Getränke wie Softdrinks, aber auch Fruchtsäfte. Wer auf diese Lebensmittel verzichtet, oder den Genuss immerhin stark einschränkt, kann den Verlauf seiner Gichterkrankung deutlich positiv beeinflussen."

Die Ernährung bei Gicht kann so gut wie Medizin sein. Alles etwa zu vegetarischer Ernährung und die besten Rezepte ohne Fleisch finden Sie hier. Und das sind die 5 gesündesten Lebensmittel!

Gicht gehört übrigens zu den bekanntesten Stoffwechselkrankheiten. Mehr zur Expertin erfahren Sie beim Rheumazentrum Ruhrgebiet. Und die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie gibt weitere Infos zu rheumatischen Erkrankungen sowie Gicht.

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