03.05.2019

Alternativen zu Medikamenten Wie chronische Schmerzen entstehen und was wirklich hilft

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Von chronischen Schmerzen spricht man, wenn Beschwerden länger als drei bis sechs Monate anhalten oder wiederholt auftauchen. Mehrere Therapieansätze gibt es.

Foto: iStock/ChesiireCat

Von chronischen Schmerzen spricht man, wenn Beschwerden länger als drei bis sechs Monate anhalten oder wiederholt auftauchen. Mehrere Therapieansätze gibt es.

Nicht nur Medikamente helfen gegen chronische Schmerzen. Ein Experte erklärt, wie sie entstehen und wie u.a. Elektroden Linderung bringen.

Schmerz gehört wohl zum Leben dazu, jeder von uns hat ihn schon einmal gespürt. Allerdings ist es ein großer Unterschied, ob mal einen Tag der Schädel brummt oder eine Woche der Rücken zwickt, oder es dauerhaft weh tut. Chronische Schmerzen betreffen etwa 23 Millionen Menschen in Deutschland, das ist fast jeder Dritte!

Allerdings arbeitet nur ein Bruchteil von ihnen mit einem spezialisierten Schmerztherapeuten zusammen und dürfte überrascht sein, was außer Medikamenten noch helfen kann. Dr. Thorsten Riethmann, Facharzt für Neurochirurgie und Leiter des Instituts für Neuromodulation am Petrus-Krankenhaus in Wuppertal, hilft seinen Patienten u.a. mit "Schmerzschrittmachern". Hier beantwortet er die wichtigsten Fragen zum Thema chronische Schmerzen:

1. Worin unterscheiden sich akute und chronische Schmerzen?

Dr. Riethmann: "Dauern Schmerzen länger als drei bis sechs Monate an oder treten wiederholt auf – auch nach bereits abgeschlossener Behandlung – bezeichnen Mediziner sie als chronisch. Während akute Schmerzen stets ein Alarmsignal oder Hinweis des Körpers auf eine Erkrankung darstellen, gelten chronische Schmerzen als eigenes Krankheitsbild. Zu den am häufigsten vorkommenden chronischen Leiden gehören Kopf-, Nerven- und Rückenschmerzen. Je länger die Schmerzen andauern, desto größere Folgen haben sie auf die Lebensqualität der Betroffenen – sie schränken nicht nur körperlich ein, sondern wirken sich in der Regel auch belastend auf die Psyche aus. Nicht selten verlieren Patienten sogar ihren Job und fühlen sich sozial isoliert."

2. Wie entstehen chronische Schmerzen?

Dr. Riethmann: "Bleiben starke Schmerzen über längere Zeit unbehandelt, hat dies Auswirkungen auf das Nervensystem. Theoretisch betrachtet, können sich akute Schmerzen also immer zu chronischen entwickeln. Jedoch beeinflussen unterschiedliche biologische, psychische und soziale Faktoren, ob Schmerzen sich chronifizieren."

Chronische Schmerzen werden von Ärzten noch einmal unterteilt, je nachdem, was ihre genaue Ursache ist:

  • Nozizeptive Schmerzen sind die "normalen" Schmerzen, eine Reaktion des Körpers auf einen Reiz. Wenn Gewebe verletzt wird, z. B. durch Verschleißerscheinungen bei Arthrose, leiten die sog. Nozizeptoren einen Schmerzreiz aus dem Gewebe an das Gehirn weiter. Die Nervenbahnen sind hier praktisch nur Übermittler, das Nervensystem an sich ist intakt.
  • Neuropathische Schmerzen entstehen, wenn Nervenzellen geschädigt werden. Zum Beispiel kommt es bei einem Bandscheibenvorfall häufiger vor, dass eine verrutschte Bandscheibe auf eine Nervenwurzel drückt und sie verletzt. Neuropathische Schmerzen werden meist als brennend, bohrend oder stechend empfunden und von der Taubheit betroffener Gliedmaßen begleitet.

3. Wie hängen Schmerzgedächtnis und chronische Schmerzen zusammen?

Dr. Riethmann: "Im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen fällt oft der Begriff Schmerzgedächtnis, denn der Mensch kann sich nicht an Schmerzen gewöhnen. Vielmehr verursacht anhaltender Schmerz eine erhöhte Empfindlichkeit der Nervenzellen des Rückenmarks und des Gehirns. Folglich sprechen sie bereits auf minimale Reize, wie sanften Druck, an und melden dem Gehirn das Signal 'Schmerz'. Es kommt sogar vor, dass überempfindliche Nervenzellen Schmerzsignale ans Gehirn senden, obwohl die Ursache längst beseitigt wurde. Die Schmerz-Überempfindlichkeit stellt also eine Fehlanpassung des Körpers dar."

4. Chronische Schmerzen im Alltag: wie damit umgehen?

Dr. Riethmann: "Dass chronische Schmerzen die Lebensqualität von Betroffenen stark einschränken, lässt sich nicht bestreiten. Um den Alltag mit den Beschwerden besser zu meistern, können Patienten jedoch selbst einiges unternehmen. Es empfiehlt sich etwa, ein Schmerztagebuch zu führen und dort Beobachtungen zum Auftreten und zur Intensität zu notieren. Oft bewegen sich Schmerzpatienten weniger, weil sie glauben, so das Auftreten der Beschwerden zu vermeiden. Dabei kann regelmäßige Bewegung schmerzlindernd wirken. Darüber hinaus gilt es Geduld zu beweisen, den Mut nicht zu verlieren und gegebenenfalls psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen."

5. Welche Medikamente sind speziell für chronische Schmerzen?

Die meisten Medikamente, mit denen sich akute Schmerzen dämpfen lassen, sind nicht für die Behandlung chronischer Beschwerden geeignet. Klassische Wirkstoffe aus der Klasse der NSRA (nicht-steroidale Antirheumatika) wie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (Aspirin) oder Diclofenac können gerade bei Langzeit-Einnahme gefährliche Nebenwirkungen (z.B. Magenblutungen oder Nierenversagen) haben. Ein weit verbreiteter Irrtum ist, diese rezeptfreien Mittel seien 'nicht so schlimm' wie verschreibungspflichtige Medikamente und könnten daher unbegrenzt eingenommen werden.

Die Langzeit-Behandlung übernimmt am besten ein auf Schmerztherapie spezialisierter Arzt, der unter Abwägung aller Faktoren die passenden Mittel verordnen und kontrollieren kann. Das können u.a. Opiode (z. B. Tramadol, Tilidin) sein, die zentral in Gehirn und Rückenmark wirken und so die Schmerzwahrnehmung dämpfen. Gerade bei Neuropathischen Schmerzen wirken häufig auch Medikamente aus anderen Einsatzgebieten, etwa gegen epileptische Anfälle (Antikonvulsiva) oder Depressionen (Antidepressiva), weil sie die Funktion der Nervenzellen regulieren.

6. Welche alternativen Behandlungen gibt es?

Dr. Riethmann: "Neben der Einnahme starker Medikamente stellt die Rückenmarkstimulation eine erfolgsversprechende Behandlungsalternative dar. Diese eignet sich beispielsweise für Patienten, die unter chronischen Rückenschmerzen, nicht therapierbaren arteriellen Verschlusskrankheiten oder chronischen Leistenschmerzen leiden. Während eines minimalinvasiven Eingriffs erhalten Patienten feine Elektroden unmittelbar an die Wirbelsäule implantiert. Diese Elektroden werden mit einem Impulsgeber verbunden. Der sogenannte Schmerzschrittmacher gibt dann schwache elektrische Impulse an das Rückenmark ab. Infolgedessen ändert sich das Schmerzsignal, bevor es das Gehirn erreicht. Patienten verspüren anstelle der starken lähmenden Schmerzen nur noch ein leichtes Prickeln oder Kribbeln und erhalten so ihre Lebensqualität zurück."

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