26.04.2019

Oft verwechselt mit Demenz Wie erkenne ich die Symptome einer Altersdepression?

Von

Rund zehn Prozent aller Senioren sind von einer Altersdepression betroffen. Unterstützung von Familie und Freunden sowie Bewegung an der frischen Luft hilft.

Foto: iStock/PeopleImages

Rund zehn Prozent aller Senioren sind von einer Altersdepression betroffen. Unterstützung von Familie und Freunden sowie Bewegung an der frischen Luft hilft.

Vergesslich, schlaflos, Schmerzen – bei Älteren normal, oder? Vielleicht ist es eine Altersdepression! Ein Experte erklärt Anzeichen & Therapie.

Werden ältere Menschen immer frustrierter und unkonzentrierter, klagen häufiger über Schmerzen oder schlafen immer weniger, denkt kaum jemand als erstes an eine Depression. Zu vielfältig scheinen andere mögliche Gründe, denn natürlich lassen im Lauf des Lebens auch körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nach. Die Anzeichen einer Demenz hingegen kennen viele, Vergesslichkeit wird also meistens mit ihr in Verbindung gebracht. Ein fataler Irrtum! Es sind nach einem Bericht des Robert Koch Instituts etwa zehn Prozent der über 65-Jährigen von Altersdepression betroffen, an Demenz erkranken hingegen nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung.

Trotzdem wird über psychische Probleme immer noch nicht gern gesprochen, gerade in den älteren Generationen. Sie sind noch damit aufgewachsen, dass "psychisch krank" gleichzusetzen ist mit "verrückt" und man sich nur zusammenreißen muss. Ein Irrglaube, der viel unnötiges Leid verursacht. Denn werden Depressionen richtig diagnostiziert und behandelt, kehrt die Lebensfreude zurück, auch im Alter. Das kann auch PD Dr. M. Axel Wollmer, Chefarzt der Gerontopsychiatrie der Asklepios Klinik Nord – Ochsenzoll in Hamburg, in seinem Arbeitsalltag beobachten. Hier erklärt der Experte, woran Sie eine Altersdepression erkennen und was hilft.

Wie sich Depression und Altersdepression zeigen

"Die möglichen Anzeichen einer Depression sind für jede Altersstufe grundsätzlich gleich", erklärt Dr. Wollmer. Meistens äußert sie sich unter anderem durch:

  • Gedrückte Stimmung, Traurigkeit – negative Gefühle und Gedanken überwiegen und lassen sich nicht einfach vertreiben.
  • Interessenverlust, Freudlosigkeit – was früher Spaß machte, spielt kaum noch eine Rolle, was früher gute Laune machte, bleibt wirkungslos.
  • Verminderter Antrieb, verstärkte Ermüdbarkeit – alles scheint mehr Kraft zu kosten, selbst für schöne Unternehmungen fehlt die Motivation.

Weitere häufige Anzeichen einer Depression: Konzentrationsstörungen, Schuldgefühle, Gedankenkreisen, lebensmüde Gedanken, Schlafstörungen, Veränderung des Appetits. Das Umfeld und selbst die Betroffenen erkennen solche Veränderungen vor allem am Anfang der Erkrankung gar nicht. Bei der Altersdepression gilt das noch verstärkt:

"Bei älteren Menschen ist eine Depression häufig nicht so einfach zu erkennen, weil die Symptome oft in untypischen Konstellationen auftreten. Dazu kommt, dass das Umfeld bzw. der Betroffene selbst viele Anzeichen als 'normal in dem Alter' wahrnimmt", gibt Dr. Wollmer zu bedenken.

Ihren Mann brauchen sie in letzter Zeit gar nicht mehr anzusprechen? Ihr Vater wird immer mehr zum Eigenbrötler?

Vielleicht ist es eine Altersdepression. Bei Männern besonders riskant, laut Dr. Vollmer: "Besonders gefährdet sind ältere Männer. In einer Depression ziehen sie sich häufig zurück und reagieren gereizt auf Nachfragen. Ihnen fällt es schwer, sich jemandem zu offenbaren, so steigt der innere Druck immer mehr. Ältere Männer haben auch statistisch ein hohes Suizidrisiko."

Altersdepression: Symptome häufig körperlich

Ab einem bestimmten Alter nehmen ständige Zipperlein, Rücken- und Gelenkschmerzen und eine gewisse Tüddeligkeit zu, davon wird kaum jemand verschont, Als Grund vermuten die meisten Menschen aber körperlichen Verfall, kaum eine Altersdepression. Ein Teufelskreis: "Natürlich könnten all diese Beschwerden auch durch körperliche Erkrankungen bedingt sein. Oft entsteht daher eine starke Krankheitsangst, weil die Betroffenen in einer Depression körperliches Unwohlsein stärker wahrnehmen und auch negativer interpretieren," so Dr. Vollmer.

Vor allem die für eine Altersdepression typischen Gedächtnisstörungen lösen Panik vor einer beginnenden Demenz aus. Fachärzte können aber nach einer sorgfältigen Diagnostik beides voneinander abgrenzen. "Es kommt immer mal wieder vor, dass Menschen in unsere Gedächtnissprechstunde kommen und sich dann herausstellt, dass ihnen ein psychisches Leiden zu schaffen macht," erzählt Dr. Vollmer.

Behandlung der Altersdepression: Therapie und Medikamente

Sie denken, Sie oder Angehörige könnten an einer Altersdepression leiden? Holen Sie sich Unterstützung! Mögliche Behandlungsschritte laut Dr. Vollmer:

  • Der erste Ansprechpartner ist bei den meisten der Hausarzt. Er kann unmittelbare körperliche Ursachen ausschließen und an Spezialisten verweisen. Allgemeinmediziner haben Listen mit Psychotherapeuten und Psychiatern in der Region.
  • Bei einer leichteren Altersdepression reicht oft eine Kurzzeit-Psychotherapie, um die Krankheit zu überwinden. In der kognitiven Verhaltenstherapie beispielsweise werden negative Denkmuster erkannt und aufgelöst. Wichtig: Die gute und vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Therapeut ist die Grundlage für den Erfolg.
  • Die zweite Säule der Depressionsbehandlung ist die medikamentöse Therapie. "Davor muss niemand Angst haben, Antidepressiva machen nicht abhängig und verändern nicht die Persönlichkeit," stellt der Experte noch einmal klar. Bei älteren Patienten dauert es nur manchmal etwas länger bis sich die Wirkung zeigt und natürlich müssen evtl. mehrere weitere eingenommene Medikamente berücksichtigt werden.
  • Ein Klinikaufenthalt wird bei einer Altersdepression dann nötig, wenn der Alltag wegen der Krankheit nicht mehr zu bewältigen ist und auch bei konkreten Suizidgedanken oder -versuchen.

So kann jeder der Altersdepression vorbeugen

Mit fortschreitendem Leben nehmen auch die Faktoren zu, die Auslöser einer Altersdepression werden können, z. B. Einsamkeit und Verlust, das Wegfallen von Struktur, verminderte Lebensqualität durch körperliche Gebrechen.

Aber: "Ein Großteil der im Alter Betroffenen hatte auch schon früher depressive Episoden. Oft wurden diese aber nicht erkannt oder nicht akzeptiert und entsprechend auch nicht ausreichend behandelt", so Dr. Vollmer. Glücklicherweise sind psychische Krankheiten heute kein so großes Tabu mehr. Für eine erfolgreiche Behandlung ist es nie zu spät und man selbst kann einiges tun, um einer Altersdepression vorzubeugen.

Dr. Vollmer empfiehlt einen aktiven und gesunden Lebensstil. Ausgewogene Ernährung nach mediterraner Kost, der Mittelmeerküche,, Bewegung an der frischen Luft und soziale Kontakte haben nachgewiesenermaßen einen positiven Effekt. Gerade für die Prävention der Altersdepression wichtig: "Wenn Sie von körperlichen Einschränkungen betroffen sind, nehmen Sie alle verfügbaren Hilfsmittel in Anspruch. Es gilt, so lange so aktiv wie möglich zu leben."

Niemand sollte bei einer Altersdepression in Fatalismus verfallen, nach dem Motto: "Jetzt ist es auch schon egal!" Gerade weil Zeit im höheren Lebensalter knapper und daher kostbarer ist, sollte das Ziel sein, sich so gut wie möglich zu fühlen!

Seite