18.04.2019

Nikotin-Wirkung aufs Baby Rauchen in der Schwangerschaft – wie hoch ist das Risiko?

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Der Griff zur Zigarette stellt nicht nur eine Gefahr für werdende Mütter her, sondern auch für das ungeborene Kind. Welche Schäden Rauchen in der Schwangerschaft mit sich bringen kann.

Foto: iStock/fizkes

Der Griff zur Zigarette stellt nicht nur eine Gefahr für werdende Mütter her, sondern auch für das ungeborene Kind. Welche Schäden Rauchen in der Schwangerschaft mit sich bringen kann.

Jeder weiß, es ist ungesund. Und trotzdem: 14 Prozent der Frauen rauchen in der Schwangerschaft. ADHS beim Kind ist nur eine der möglichen Folgen.

"Eine Zigarette wird schon nicht schaden", "Früher war das normal, heute sind alle hysterisch" – tatsächlich gibt es immer noch einige Irrglauben zum Thema Rauchen in der Schwangerschaft. Wer einige Zeit selbst Raucher war, weiß , wie schwer es sein kann, von den Zigaretten los zu kommen. Für werdende Mütter ist das aber besonders wichtig, Nikotinkonsum gefährdet nicht nur ihre Gesundheit, sondern die eines weiteren kleinen Menschen.

Finnische Forscher fanden heraus: Kinder von Müttern, die in der Schwangerschaft geraucht haben, leiden häufiger an der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Das Risiko wird umso höher, je mehr die Frauen rauchen. Die Kinder von Müttern mit dem höchsten Zigarettenkonsum bekamen drei Mal so häufig ADHS, wie die von schwangeren Nichtraucherinnen. Das ergab eine Langzeit-Studie der Universitätsklinik von Turku mit mehr als 2.000 Frauen und ihrem Nachwuchs. Die Wissenschaftler vermuten, dass Rauchen in der Schwangerschaft Auswirkungen auf die Gehirn-Entwicklung des Fötus hat.

Wie wirkt sich Rauchen in der Schwangerschaft aus?

Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte Deutschland, erlebt in seiner Praxis in Hannover regelmäßig, dass Frauen sich gar nicht klar sind, was Rauchen in der Schwangerschaft anrichten kann. Seine eindeutige Nachricht: Keine Anzahl von Zigaretten ist sicher, jede ist eine zu viel! Hier erklärt er die Folgen von Nikotinkonsum für Baby und Mutter:

"Zunächst haben werdende Mütter natürlich die gleichen gesundheitlichen Risiken wie alle Menschen, die rauchen. Nikotin schädigt die Blutgefäße, Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen bei Rauchern häufiger vor. Schwangere Frauen haben allerdings noch ein zusätzliches Risiko für gesundheitliche Probleme, wie z. B. Thrombose oder Diabetes, die wiederum durch das Rauchen verstärkt werden", so Dr. Albring. Die möglichen Auswirkungen auf das heranwachsende Kind sind noch deutlich drastischer. Mögliche Störungen sind u. a.:

  • Die Plazenta, auch Mutterkuchen genannt, versorgt über die Nabelschnur den Embryo bzw. Fötus mit allen lebenswichtigen Nährstoffen. Nikotin verengt aber die Blutgefäße. Im schlimmsten Fall kann es zu Infarkten der Plazenta kommen, wenn einzelne Blutgefäße komplett verstopfen. Das kann – wenn nicht bemerkt – zu einer Fehlgeburt führen.
  • Rauchen in der Schwangerschaft verursacht, neben zahlreichen Fehlbildungen, oft eine Mangel-Entwicklung des Babys, was sich u. a. durch ein geringes Geburtsgewicht und Frühgeburt äußern kann. Auch das Risiko für Totgeburten und den plötzlichen Kindstod in den ersten Lebensmonaten ist für die Kinder rauchender Müttern eindeutig erhöht.
  • Im späteren Leben zeigen "Raucher-Babys" häufiger ein auffälliges Verhalten, sind z. B. hyperaktiv oder in ihrer geistigen Entwicklung hinterher. Es ist anzunehmen, dass Rauchen in der Schwangerschaft die Hirnreifung verzögert.

Dr. Albring weiter: "Studien haben außerdem gezeigt, dass schon 'leichte' Raucherinnen viel häufiger einen Vitamin-D-Mangel haben." Gerade vor und in der Schwangerschaft ist es aber dringend notwendig, optimal mit Vitamin D (sowie allen weiteren Vitaminen) und Folsäure versorgt zu sein. Mängel bei der Mutter können beim Baby zu schweren Behinderungen, wie einem offenen Rücken (Spina bifida) oder einem Wasserkopf, führen. Auch Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten kommen bei Babys von Raucherinnen deutlich häufiger vor.

Rauchende Frauen in der Schwangerschaft oft uneinsichtig

"Ich erlebe es in der Praxis leider regelmäßig, dass Frauen nicht einsehen wollen, wie schädlich Rauchen in der Schwangerschaft wirklich ist," erzählt Dr. Albring. Die Gefahren von Alkohol werden mittlerweile wenigstens ein bisschen ernster genommen. Aber es gebe durchaus Frauen, die in der Schwangerschaft zwar auf Alkohol, allerdings nicht auf Zigaretten verzichten.

"Als Arzt ist es meine Pflicht, werdende Mütter danach zu fragen und sie über mögliche Folgen aufzuklären. Allerdings dringt man nicht zu jeder durch. Da kommen dann Ausflüchte wie 'ich rauche nicht täglich' oder 'nur sechs bis sieben am Tag' – wenn das wirklich so ist, sind sie nicht abhängig, ein Rauch-Stopp wäre also relativ unkompliziert möglich," so Albring weiter.

Im besten Fall ist das Umfeld mit an Bord, z. B. der Partner hört auch auf zu rauchen. Außerdem sollte Passiv-Rauchen in der Schwangerschaft ohnehin vermieden werden, selbst Nikotin-Ablagerungen in der Wohnung oder auf der Kleidung wirken schädlich. Und: Nikotin-Pflaster oder E-Zigaretten sind übrigens nicht ungefährlicher als Zigaretten-Rauchen in der Schwangerschaft. Nikotin ist ein Giftstoff, egal wie er aufgenommen wird. Wer plant, schwanger zu werden und noch raucht, kann evtl. mit solchen Hilfsmitteln aufhören, das sollte aber vor der Empfängnis passieren.

Ein weiterer Irrglaube: Wenn Nikotin oder Alkohol den Embryo geschädigt hätten, wäre es schon in den ersten Wochen der Schwangerschaft zu einem Abgang gekommen. Dr. Albring stellt klar: "Das stimmt nicht. Zwar erhöhen diese Giftstoffe das Risiko für Schäden des Embryos und damit Fehlgeburten, aber ein geschädigter Embryo kann sich auch weiterentwickeln. Schadstoffe können bei Menschen schon im Mutterleib zu genetischen Mutationen führen. Man hat festgestellt, dass Rauchen in der Schwangerschaft nicht nur in den Genen der Kinder, sondern sogar in denen der Kindeskinder Spuren hinterlassen kann. Wer nicht auf Zigaretten verzichtet, schädigt damit unter Umständen sogar seine Enkel!"

Spezielle Online-Hilfe bei Rauchen in der Schwangerschaft

Werdende Mamis, die von Zigaretten wegkommen wollen, finden bei ihrem behandelnden Frauenarzt oder dem Hausarzt Hilfe und weitere Infos. Es gibt sogar eine spezielle Online-Beratung: Das IRIS-Projekt ist ein anonymes, kostenloses Online-Coaching der Uni-Klinik Tübingen, das über Alkohol und Rauchen in der Schwangerschaft aufklärt und beim Aufhören hilft. Ausgerichtet ist die Beratung auf Frauen, die schon schwanger sind, aber noch nicht komplett auf Alkohol und Zigaretten verzichten können und diejenigen, die zwar abstinent sind, aber merken, wie schwer es ihnen fällt durchzuhalten.

Prof. Dr. Anil Batra, Leiter der Sektion Suchtmedizin und -forschung an der Uni-Klinik Tübingen, rät Schwangeren, die mit dem Verzicht hadern, zunächst zur Bestandsaufnahme: "Vor allem sollten Sie sich selbst fragen: Welche Funktion hat der Konsum? Dient er der Entspannung, der Selbstbelohnung oder der Überwindung von Langeweile? Dann gilt es, Alternativen zu finden." Wer mit dem Rauchen in der Schwangerschaft evtl. sogar psychische Probleme – wie etwa Depressionen oder Ängste – kompensiert, sollte nicht zögern, sich psychologische Hilfe zu suchen.

"Natürlich kann die Schwangerschaft Stress bedeuten. Sie bringt eine große Umstellung für Alltag und Leben mit sich. Ich kann absolut nachvollziehen, dass jemand durch das Rauchen oder den Genuss von Alkohol Anspannung und Stress bewältigen möchte", so Prof. Batra. Aber auch er stellt noch einmal klar: Alkohol und Rauchen in der Schwangerschaft sind nicht gesundheitsverträglich für das Baby und auch nicht für die Mutter.

Er macht ausdrücklich Mut: "Es lohnt sich immer, den Verzicht zu wagen. Der langfristige Gewinn, ein gesundes Kind zu haben, ist ein lohnenswertes Ziel!"

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