08.11.2018

Studie zur Entstehung der Krankheit Was haben der Blinddarm und Parkinson gemeinsam?

Zwar hat eine Studie ergeben, dass der Blinddarm mit Morbus Parkinson zusammenhängt – sich den Appendix jetzt aber vorsorglich entfernen zu lassen, ist nicht ratsam.

Foto: iStock/jacoblund

Zwar hat eine Studie ergeben, dass der Blinddarm mit Morbus Parkinson zusammenhängt – sich den Appendix jetzt aber vorsorglich entfernen zu lassen, ist nicht ratsam.

Parkinson hängt mit der Verdauung zusammen? Das vermuten Forscher schon eine ganze Weile. Eine neue Studie hat nun ergeben: Menschen ohne Blinddarm erkranken tatsächlich seltener an der Nervenkrankheit. Präventiv den Blinddarm entfernen lassen, sollten Sie jetzt jedoch nicht.

Sie ist eine der häufigsten Erkrankungen des Nervensystems, schreitet schleichend voran und kann Patienten stark in ihrer Lebensqualität einschränken. Woher Parkinson kommt, dazu gibt es viele Vermutungen. Fakt ist: Nervenzellen sterben ab. Die Gründe sind noch unklar. Eine Studie aber hat nun herausgefunden, was Mediziner sich schon länger dachten: Parkinson könnte mit dem Blinddarm in Verbindung stehen. Was das jetzt bedeutet.

Wird Parkinson vom Blinddarm ausgelöst? So einfach ist es nicht

Mit rund 220.000 Patienten ist Morbus Parkinson in Deutschland die zweithäufigste der sogenannten neurogenerativen Erkrankungen – nach Alzheimer. Sobald die Krankheit das Hirnareal Substantia nigra angegriffen hat, leiden Erkrankte unter dem typischen Zittern oder anderen Bewegungsstörungen wie steifen Muskeln.

In der Studie um Bryan Killinger vom Van Andel Research Institute in Grand Rapids in Michigan, USA, heißt es, dass fehlgefaltete Formen des Proteins "Alpha-Synuclein" im Blinddarm auftauchen – sie sammeln sich dort an. Und dieses Protein wird in der fehlgefalteten Form als möglicher Auslöser der neurogenerativen Erkrankung diskutiert.

Alpha-Synuclein kommt in Nervenzellen vor, kann dort aber verklumpen und sich dann ablagern. So können sich z.B. die "Lewy-Klümpchen" bilden, die in der Substantia nigra auftreten können und als Hauptmerkmal von Parkinson gelten. Schon Jahrzehnte vor dem Ausbruch der Krankheit, so vermuten Forscher, könnte Alpha-Synuclein im Verdauungstrakt verklumpen. Mit der Zeit könnten sich die Verklumpungen dann über das Nervensystem bis ins Gehirn und damit in die Substantia nigra ausbreiten.

Diesem Ansatz geht auch die Studie aus Michigan nach. Sie haben dafür zwei Datensätze aus Schweden ausgewertet. Untersucht wurden aber nur Patienten, die an der sogenannten "sporadischen" Form, der häufigsten Form von Parkinson, litten. Es gibt daneben noch eine erblich bedingte Form, die aber nur selten auftritt.

Geringeres Erkrankungsrisiko bei früher Blinddarm-Entfernung

Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, an Parkinson zu erkranken, war bei den Studienteilnehmern, die in der Kindheit den Blinddarm entfernt bekommen haben, um fast 20 Prozent geringer.

Unterschiede gab es in der Studie auch zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Auf dem Land sei demnach das Parkinson-Risiko, wohl aufgrund von Pestizidkontakt, erhöht. Hier wiesen Probanden ohne Blinddarm sogar 25 Prozent weniger Wahrscheinlichkeit zu erkranken auf.

Zudem dauerte es bei erkrankten Teilnehmern, bei denen der Blinddarm in sehr jungem Alter entfernt worden war, im Schnitt 3,6 Jahre länger, bis die Krankheit ausbrach.

Bei einer weiteren Untersuchung von gesunden Menschen fand das Forscherteam im Blinddarm einiger Probanden, auch junger Menschen unter 20, Verklumpungen von Alpha-Synuclein. Im Blinddarm scheinen diese Verklumpungen demnach vollkommen normal zu sein, heißt es seitens der Forscher. Dies deute darauf hin, dass das Vorkommen der Verklumpungen allein zumindest nicht die Ursache der Krankheit sein kann. Sie müssen erst ins Gehirn gelangen, wo sie dann toxisch wirken, heißt es. Dennoch könne man davon ausgehen, dass der Blinddarm eine Rolle bei der Erkrankung spielt.

Verdacht bestätigt – aber vorsorgliches Entfernen nicht ratsam

Gegenüber dem Spiegel erklärte Neurologe Wolfgang Oertel von der Uniklinik Marburg, dass die Forscher sehr clever vorgegangen seien. Denn mit der Studie könne nun der Verdacht gestützt werden, dass fehlgefaltete Alpha-Synuclein-Moleküle im Zusammenhang mit der Entstehung von Morbus Parkinson stehen. Die Blinddarm-Befunde müssten nun aber noch unabhängig bestätigt werden, erklärte Oertel.

Es sei nun aber nicht sinnvoll, den Wurmfortsatz, den Appendix, vorsorglich entfernen zu lassen. Dafür sei die Fallzahl viel zu gering und der Blinddarm müsste schon in sehr jungen Jahren entfernt werden, um unter tausenden einen Parkinson-Fall zu vermeiden. Außerdem müssen sich jetzt weitere Studien und Untersuchungen anschließen. Dann herrscht vielleicht bald Klarheit über die Entstehung der Krankheit.

Parkinson entwickelt sich langsam, über Jahre hinweg. Auf welche ersten Parkinson-Symptome Sie achten sollten, verraten wir Ihnen – ebenso, welche Behandlungsmöglichkeiten es bei Parkinson gibt und wie es schaffbar ist, lange mit der Erkrankung zu leben, ohne zu stark eingeschränkt zu sein.

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