11.06.2018

Alterskrankheiten Demenzdörfer: Ein Zuhause für Alzheimerpatienten?

In Demenzdörfern wird Gemeinschaft groß geschrieben

Foto: iStock/pixdeluxe

In Demenzdörfern wird Gemeinschaft groß geschrieben

Demenzdörfer sollen Alzheimerpatienten ein lebenswertes Leben ermöglichen. Doch die Freiheit der Bewohner hat auch dort ihre Grenzen.

Was ist ein Demenzdorf?

Jeder hofft, nie mit Demenz in Berührung zu kommen. Dabei leiden 1,6 Millionen Menschen in Deutschland unter Alzheimer, der häufigsten Form von Demenz. Obwohl sie auch bei jüngeren Menschen ausbrechen kann, steigt das Risiko mit dem Alter: während nur 1,6 Prozent der 65-69-Jährigen daran erkranken, trifft es fast jeden sechsten zwischen 80 und 84. Bei den über 90-Jährigen sind es sogar 40 Prozent.

Die fortschreitende Demenz - bis heute leider unheilbar - ist immer auch eine große Herausforderung für die Angehörigen. Demenzkranke müssen betreut werden, wollen aber so lange es geht nicht bevormundet werden. Dabei sind sie im fortgeschrittenem Stadium der Krankheit orientierungslos und verwirrt, vergessen zu essen, oder auch, wo sie wohnen. Viele Angehörige stehen dann vor der Frage: Wie kann ich meiner Mutter oder Großmutter, meinem Bruder oder Ehepartner noch ein lebenswertes Leben ermöglichen?

Sind Demenzdörfer die besseren Pflegeheime?

Pflegeheime werden Demenzkranken oft nicht gerecht. Denn wenngleich ihre geistige Leistungsfähigkeit stetig nachlässt, so sind sie oft körperlich noch fit, haben den Drang, sich zu bewegen. Die meisten Pflegekräfte haben aber nicht genug Kapazitäten, um sich Demenzkranken so zu widmen, dass sie ihren Aktivitäten nachgehen können.

Sogenannnte Demenzdörfer sollen Alzheimerpatienten ein Leben ermöglichen, das genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Eines der ersten Demenzdörfer entstand 2009 in der Nähe von Amsterdam in Hogeweyk. Dort leben 152 Demenzkranke in einem eigenen Areal, mit Supermarkt, Friseur und Café. Betreuer und Pflegepersonal tragen keine weißen Kittel, sondern normale Alltagskleidung. Hogeweyk besteht aus 23 Wohneinheiten mit verschiedenen Stilrichtungen. Die kleine eigene Welt der dementen Bewohner ist so gestaltet, dass sie möglichst viel Normalität vermittelt.

Das Demenzdorf Konzept: Idyllische Scheinwelten

Allerdings: Demenzdörfer sind immer eine Scheinwelt, die eben Normalität nur simuliert. Sie liegen oft abseits von Städten, sind von Zäunen umgeben, oder haben gar fiktive Bushaltestellen. Wer dort auf einen Bus wartet, wartet lange. "Alzheimerpatienten vergessen sowieso schnell, dass sie überhaupt in einen Bus steigen wollten", sagen die einen, die finden, dass solche Orte eine echte Chance für Demenzkranke sind. "Das ist menschenverachtend", urteilen die anderen, die in den Dörfern abgeschottete Ghettos sehen. Schließlich gibt es gerade am Anfang einer Demenz durchaus noch klare Phasen. Die Vorstellung, sich bewusst zu werden, abgeschoben und gewissermaßen eingesperrt worden zu sein, ist schrecklich.

Auf der anderen Seite können solche Orte gerade für diejenigen, die für sich selbst eine eigene Gefahr darstellen, die bestmögliche Alternative zum Pflegeheim sein. Innerhalb der Demenzdörfer können die Alzheimerpatienten selbstbestimmter leben als in vielen Pflege- oder Senioreneinrichtungen.

Demenzdörfer in Deutschland

Seit 2014 steht am Stadtrand von Hameln, in Tönebön, das erste deutsche Demenzdorf. Dort befinden sich vier Pavillons mit jeweils 13 Zimmern. Die Demenzkranken sollen ihren Alltag mitgestalten, dürfen helfen, Gemüse zu schnibbeln oder im Garten zu arbeiten, wenn ihnen danach ist. Wie bei den anderen Demenzdörfern lautet auch hier die Maxime: es gibt kein Richtig und Falsch. Das bedeutet, dass die dementen Bewohner nicht verbessert werden, wenn sie Sätze ohne Zusammenhang aneinander reihen, dass sie nicht darauf hingewiesen werden, wenn sie dreimal am Tag dieselbe Zeitung kaufen oder glauben, in Südfrankreich statt in Hameln auf der Parkbank zu sitzen.

2020 soll ein weiteres solches Dorf in Hohenroda in Hessen eröffnet werden. Das Areal befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen Tierparks. Im Gegensatz zu anderen Demenzdörfern liegt es damit mitten in der Stadt, in dem integrierten Dorfladen soll auch die Bevölkerung der Gemeinde einkaufen können. Trotzdem wird auch hier eine geschlossene Bauweise verhindern, dass die dementen Bewohner sich verirren.

Natürlich hat das auf die Krankheit zugeschnitte Konzept seinen Preis. Zwischen 200 und 600 Euro mehr muss man im Vergleich zu klassischen Pflegeheimen investieren.

Sie fragen sich, ob ein Pflegeheim das Richtige für Ihre Eltern ist? Hier erklären wir, worauf Sie bei der Suche nach einem guten Pflegeheim achten müssen.

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