14.02.2018

Einzigartiges Schicksal Multiple Sklerose nicht vererbbar, dennoch Mama & Kind krank

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Eigentlich soll Multiple Sklerose nicht vererbbar sein, und doch sind Mutter Heike und Kim beide daran erkrankt.

Foto: Katharina Hummel

Eigentlich soll Multiple Sklerose nicht vererbbar sein, und doch sind Mutter Heike und Kim beide daran erkrankt.

In ihrer Kindheit sieht Kim, wie MS ihre Mutter in die Knie zwingt. Multiple Sklerose sei nicht vererbbar, heißt es. Sie ist noch ein kleines Mädchen, als sie dann doch selbst erkrankt. Ein deutschlandweit einzigartiges Schicksal. BILD der FRAU traf die beiden zum Interview.

Es ist eigentlich ausgeschlossen. Multiple Sklerose sei nicht vererbbar, haben die Ärzte Heike Hansmann (45) aus Benterode versichert. Und doch ist es so gekommen. Auch Tochter Kim (21) hat die schwere Krankheit. Ein deutschlandweit einzigartiges Schicksal. Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems. Sie geht oft mit Taubheitsgefühlen einher. Der Verlauf, das Beschwerdebild und der Therapieerfolg sind unterschiedlich. Offiziell gilt die Krankheit als nicht vererbbar (mehr Infos unter www. dmsg.de). BILD der FRAU-Reporterin Jana Henschel sprach mit beiden über Angst, Mut und Glück im Unglück.

Multiple Sklerose eine vererbbare Krankheit? Die einzigartige Geschichte von Mutter und Tochter

BILD der FRAU: Heike, wie fing es bei Ihnen an?

Heike: Mit Gesichtslähmungen. An einem Freitag im September 1993 lief mir beim Suppe-Essen alles aus dem Mund. Am Wochenende konnte ich den linken Arm nicht steuern, später das Bein, die rechte Körperhälfte. Nach einem Ärztemarathon erfuhr ich in der Uni klinik Göttingen die Diagnose.

Das war sicher hart.

Heike: Ich war 21, musste den Job als Steuerfachgehilfin aufgeben. Freunde zogen sich zurück, mein Partner trennte sich.

Zwei Jahre später verliebten Sie sich neu, wurden schwanger mit Kim. Hatten Sie Angst?

Heike: Nein. Wir informierten uns in der Spezialklinik. Die Ärzte beruhigten mich. Ich fühlte mich stark genug für ein Kind und habe die Krankheit verdrängt.

Als Ihr zweites Kind Niko kam, wurde es schlimmer.

Heike: Ja, ich konnte kaum gehen. Kim war zwölf, als ich das erste Mal erblindete. Es dauerte Monate, bis mein Augenlicht wiederkam – dreimal!

Kim: Ich musste früh erwachsen werden. Mama brauchte immer Hilfe, Papa schaffte nicht alles. Ich habe gekocht, geputzt, eingekauft …

Heike: Es ist viel für Kim. Ich hatte wenigstens eine Jugend, sie nicht. Die Tochter wird zur Stütze der Mama. Das Schicksal wiegt schwer auf den Kinderschultern. Das Schlimmste: Auch Kim erkrankt an MS.

Kim, wie ging es bei Ihnen los?

Kim: Ich war acht, als meine rechte Hand taub war, zur Kralle erstarrte. Der Arzt dachte erst an Schlaganfall.

Heike: Die Diagnose war ein Schock, ich habe nur geheult.

Seit zwölf Jahren hat Kim immer wieder Schübe, kann dann nicht aus dem Haus, nichts essen. Doch sie hat auch Glück: Ihre Krankheit verläuft langsam, Kortison lindert die Symptome, Freunde halten zu ihr. Sie macht eine kaufmännische Lehre, moderiert für Sport 1 die Sendung "Yoin", berät andere Betroffene. Ihre Mutter kommt kaum noch raus. Der Pflegedienst versorgt sie viermal am Tag.

Heike: Ich brauche bei allem Hilfe, kann nicht mal das Telefon halten. Und diese Erstickungsanfälle… Neulich wollte ich nicht mehr leben.

Kim: 2016 fand ich sie neben der leeren Tablettenschachtel, hab ihr den Finger in den Hals gesteckt. So schnell geben wir hier nicht auf! Wir müssen uns gegenseitig Kraft geben.

Ihr Wunsch an die Zukunft?

Heike: Dass ich etwas mobil bleibe. Und dass Kim noch lange Zeit hat.

Kim: Bloß nicht nur noch hilflos im Bett zu liegen. Dann würde ich mich für Sterbehilfe entscheiden.

Heike: Ich auch, ich will nicht im Heim enden. Die Anspannung ist spürbar.

Kim: Aber Mama, zu Hause wird es nicht ewig weitergehen. Der Pflegedienst deckt nicht alles ab, Papa arbeitet, Niko will bald ausziehen.

Schmerz und Hilflosigkeit liegen im Raum: Die Krankheit verbindet Mutter und Tochter – und überfordert sie doch. Beim Abschied fragen wir, ob Kim selbst mal ein Kind will. "Ja", sagt sie, "wenn es meinen Dickkopf erbt, kommt es mit meiner MS klar."

Dieses Interview erschien zuerst in der BILD der FRAU Nr. 47.

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