29.05.2017

Expertin über Meningokokken "Ich wünschte, es gäbe wieder eine Impfpflicht"

Tückische Meningokokken-Infektion: Die schwere Erkrankung kann innerhalb weniger Stunden sogar lebensbedrohlich werden.

Foto: imago/MITO

Tückische Meningokokken-Infektion: Die schwere Erkrankung kann innerhalb weniger Stunden sogar lebensbedrohlich werden.

Eine Hirnhautentzündung endet nicht selten tödlich. Ausgelöst wird die sogenannte Meningitis durch Bakterien im Nasen-Rachen-Raum. Ein Interview mit einer Ärztin über die gefährlichen Meningokokken.

bildderfrau.de: Frau Augustin, möglichst einfach erklärt: was genau sind Meningokokken, was machen sie?

Birgit Augustin, Ärztin in Blankenfelde-Mahlow: Meningokokken sind Bakterien, die beim Menschen den Nasen-Rachen-Raum besiedeln und schwere Krankheiten auslösen können, eine Meningitis und/oder Sepsis. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung tragen diese Bakterien im Nasen-Rachen-Raum, ohne dabei Krankheitsanzeichen zu entwickeln, sie sind also überall um uns herum. Übertragen werden sie über Tröpfchen- (Niesen) und Schmierinfektion (z. B. Kontakt zu Nasensekret etc.). Es gibt zwölf verschiedene Gruppen der Meningokokken.

Warum sind sie so gefährlich?

Erkrankungen durch Meningokokken sind zwar selten, aber hochgefährlich. Denn die durch die Bakterien ausgelösten Erkrankungen verlaufen schnell schwer und können tödlich enden, ich habe als Ärztin sehr großen Respekt vor dieser Erkrankung und bin jeden Tag froh, wenn mir diese Krankheit nicht in der Praxis "begegnet" ist. Während meiner stationären Zeit habe ich leider einige schwere Verläufe miterleben müssen.

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Wie sind die Symptome bei einer Infektion? Sind sie eindeutig zuzuordnen?

Das ist ja gerade das Problem, die Symptome beim Krankheitsbeginn sind sehr unspezifisch (Fieber, Unwohlsein, allgemeines Krankheitsgefühl) und können ohne weiteres übersehen werden. Wenn es dann aber losgeht, steht man oft fast machtlos daneben. Es ist eine Krankheit, bei der man der Zeit fast immer hinterherläuft, sie führt zur akuten Verschlechterung innerhalb sehr weniger Stunden. Da diese Krankheit oft mit Problemen der Gerinnung einhergeht, habe ich Respekt vor allen auch noch so winzigen Hauteinblutungen (Petechien), die beispielsweise bei Kindern ja auch mal bei einfachem Erbrechen entstehen können.

Wie man eine Meningitis erkennt:

Die wichtigsten Symptome einer Meningitis

Die wichtigsten Symptome einer Meningitis

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Kann ich mich vor einer Infektion schützen?

Ja, es gibt gute und bewährte Impfstoffe gegen die verschiedenen Gruppen der Meningokokken.

Ist die Impfung ein hundertprozentiger Schutz? Bringt sie Risiken mit sich?

Keine Impfung bietet einen 100%igen Schutz und jede Impfung birgt Risiken in sich. Aber wenn wir draußen spazieren gehen, tauchen auch bei schönstem Sonnenschein für uns nicht kalkulierbare Risiken auf und in den Urlaub fliegen wir auch. Ich habe mich vor Impfbeginn in meiner Praxis lange mit dieser Impfung beschäftigt und sie dann in vollem Vertrauen angewendet, mit bisher nur sehr guten Erfahrungen.

Wird eine Immunisierung mittlerweile von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlen?

Die Immunisierungsempfehlung gegen die Meningokokken C ist bereits von der STIKO übernommen worden.

Nicht aber gegen die Meningokokken B. Neu eingeführte Impfstoffen sind immer erst eine Zeitlang ohne STIKO-Empfehlung "auf dem Markt". Die Meningokokken-B-Impfung ist relativ jung, man wartet wohl auf mehr Langzeiterfahrungen – es kann also noch dauern. Wenn ein noch nicht von der STIKO anerkannter Impfstoff neu eingesetzt werden kann, liegt die Verantwortung und medizinische Haftung beim Arzt, und das so lange, bis das jeweilige Bundesland die Haftung übernimmt. Das ist dann pro forma eine große Erleichterung, geimpft haben wir aber auch schon vorher.

Ist es sinnvoll, sich auch im Erwachsenen-Alter noch impfen zu lassen?

Ja, Meningokokken C impfen wir als „Wunschleistung“ auch bei Erwachsenen. Die Meningokokke kennt keine Alters- und Landesgrenzen, im Erwachsenenalter sind Meningokokken-Erkrankungen jedoch eher selten. Wesentlich ist, dass jeder Mensch Träger von Meningokokken sein kann, selbst nicht erkranken muss, aber die Bakterien unbewusst übertragen kann – an Kinder und Erwachsene mit eingeschränktem Immunsystem.

Außerdem sollte man bei Reisen ins Ausland darauf achten, ob man in ein „Meningokokken-Gebiet“ reist. So treten in England und Spanien gehäuft Meningokokken-C-Infektionen auf, im Winter und im Frühling treten sie öfter in Europa und Nordamerika auf. Und die Meningokokken-B-Epidemien entwickeln sich zunehmend in Europa, Nord- und Mittelamerika sowie Neuseeland. Das sollte man bei längeren Aufenthalten in anderen Ländern schon bedenken.

Wie stehen die Chancen bei einer Infektion?

Ich habe früher immer gesagt, dass es eine Drittelung gibt, also 1/3 der Betroffenen verstirbt, 1/3 der Betroffenen überlebt es mit bleibenden Schäden und 1/3 schafft eine "Restitutio ad integrum" (Heilung). Heute sieht das etwas besser aus, aber bis zu zehn Prozent der Erkrankten versterben trotzdem noch.

Wer ist am meisten gefährdet – und warum?

Eine Erkrankung kann prinzipiell in jedem Lebensalter auftreten, es muss jedoch festgestellt werden, dass es zwei Erkrankungsgipfel gibt, das ist einmal das Säuglings- und frühe Kindesalter (1. bis 2. Lebensjahr), und dann sind es die Jugendlichen (15 bis 19 Jahre). Außerdem sind Patienten mit Störungen des Immunsystems gefährdet. Erklärungen gibt es dafür nur wenige und eher spekulative. Bei Jugendlichen vermutet man, dass Zigarettenrauch (auch Passivrauchen) und Alkoholgenuss das Erkrankungsrisiko erhöhen soll. Ebenfalls sollen Kinder und Jugendliche von rauchenden Müttern ein höheres Krankheitsrisiko haben, dagegen soll Stillen über drei Monate einen deutlichen Schutzeffekt zeigen.

Gibt es einen verbreiteten Irrtum zum Thema Meningokokken?

Der größte Irrtum ist wohl, dass es ganz viele Menschen gibt, die denken, dass es sie selbst NIEMALS treffen kann. Ein ebenfalls großer Irrtum der Zeit, in der wir leben, ist die Tatsache, dass Eltern über den Impfschutz der Kinder entscheiden und damit nicht ihr eigenes, sondern das Leben der Kinder gefährden. Ich bin absolut dagegen und würde mir wünschen, es gäbe wieder eine Impfpflicht, allein schon um all die immungeschwächten Kinder und auch Erwachsenen um uns herum zu schützen, die vielleicht gerade eine schwere Tumorerkrankung überstanden haben oder wegen anderer Erkrankungen ein nicht funktionierendes Immunsystem haben. Diese sind durch solch aggressiv verlaufende Erkrankungen besonders gefährdet.

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Wie sind die Prognosen zum Thema Meningitis – wird die Krankheit eingedämmt werden können?

Ich denke, bei uns in Deutschland kann die Krankheit durch Impfungen ganz gut kontrolliert werden. Ob sie verschwindet, kann ich nicht sagen, dazu gibt es noch viele offene Fragen zur Dauer des Impfschutzes – und ob es nicht zu wechselnden Bedeutungen der einzelnen Serogruppen kommen kann.

Vielleicht ist es noch zu früh, ein endgültiges Statement zu geben. Ich sage in meiner Praxis immer, dass wir in einer modernen Zeit leben, in der wir nahezu kritiklos die Höhenstrahlung beim Fliegen in Kauf nehmen, unseren Körper beim Dauergebrauch von Handys unkalkulierbaren elektromagnetischen Strahlungen aussetzen und und und... Warum sollten wir dann nicht auch versuchen, neuen Impfstoffen nach jahrelangem Zulassungs-Procedere eine Chance zu geben, schreckliche Krankheiten zu verhindern?

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