17.03.2017

Experten-Interview Mundhöhlenkrebs - Vorsorge-Untersuchung beim Zahnarzt

Foto: iStock/g-stockstudio

Mundhöhlenkrebs gehört zu den unbekannteren Krebsarten. Dabei sind die Heilungschancen gut. Höchste Zeit also für eine Krebsvorsorge beim Zahnarzt!

Denn die ist für den Patienten schmerzfrei und geht schnell. Worauf man beim Thema Mundhöhlenkrebs noch achten muss, wer zu den Risikogruppen zählt und wie die Krebsvorsorgeuntersuchung aussieht, erklärt uns Dr. Thea Lingohr, Zahnärztin und Oralchirurgin, im Interview.

bildderfrau.de: Welcher Bereich gehört zur Mundhöhle?

Dr. Thea Lingohr: Zur Mundhöhle gehören die Innenseiten von Wangen und Lippen, der Mundvorhof, also der Raum zwischen Lippen, Wangeninnenseiten sowie Zahnreihen, die Zähne und das Zahnfleisch. Des Weiteren gehören auch die vordere Zunge, der Mundboden, der vordere Gaumen, der Alveolarfortsatz, der das Zahnfleisch mit dem Knochen verbindet, und das Gebiet hinter den Backenzähnen, das sogenannte retro-molare Dreieck, zu dem Bereich.

Die gesamte Mundhöhle ist mit einer Schleimhaut, der sogenannten Mundschleimhaut, ausgekleidet.

Was ist Mundhöhlenkrebs?

Mundhöhlenkrebs geht von der Mundschleimhaut, dem Epithel, aus. Bei dieser Krebsform bilden sich bösartige Tumore, auch Mundhöhlenkarzinome genannt. Häufigste Form ist das Plattenepithelkarzinom.

Laut einer Studie des Deutsch-Österreichisch-Schweizerischen Arbeitskreises für Tumore im Kiefer- und Gesichtsbereich (DÖSAK) sind 45 Prozent aller Mundhöhlenkarzinome am Mundboden lokalisiert. Der Anteil von Zungenkrebs liegt bei etwa 20 Prozent. Theoretisch können sich jedoch überall im Mundraum Karzinome bilden.

Risikofaktoren

In Deutschland sind insgesamt jedes Jahr mehr als 10.000 Menschen von dieser Krankheit betroffen – Tendenz steigend. Woran liegt es, dass diese Krebsart trotzdem noch zu den unbekannten gehört?

In den ersten Entwicklungsstufen verursacht die Krebsform bei den Betroffenen meist keinerlei Beschwerden und entstehende Tumore lassen sich nur schwer erkennen. Der Patient ist sich also oft nicht bewusst, dass überhaupt ein Behandlungsbedarf besteht. Nur bei gezielten Untersuchungen der Mundschleimhaut lassen sich solche Veränderungen früh erkennen. Zudem denkt bei der Krebsvorsorge kaum jemand an einen Zahnarztbesuch.

Sind Frauen und Männer gleichermaßen von Mundhöhlenkrebs betroffen?

Männer gelten mit einem Anteil von fast drei Vierteln als besonders gefährdet. Am häufigsten tritt die Erkrankung bei Männern zwischen 55 und 65, bei Frauen zwischen 50 und 75 Jahren auf. Insgesamt steigen die Zahlen von Mundhöhlenkrebs-Erkrankungen an, auch bei Frauen und jüngeren Menschen.

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Welche Faktoren oder welche Lebensgewohnheiten können die Entstehung von Mundhöhlenkrebs begünstigen?

Gründe für die Entstehung von Mundhöhlenkrebs stehen bislang noch nicht eindeutig fest, jedoch fördern bestimmte Lebensgewohnheiten die Bildung. Rauchen sowie übermäßiger Genuss von hochprozentigem Alkohol gelten als Risikofaktoren. Auch Viren, beispielsweise Humane Papillomviren (HPV), können die Entstehung von Mundhöhlenkrebs verursachen. Generell betrifft das Risiko einer Erkrankung somit jeden Menschen.

Kann man seiner Entstehung durch bestimmte Maßnahmen vorbeugen?

Um Mundhöhlenkrebs vorzubeugen, rate ich zur gründlichen Pflege der Zähne und des Mundraumes. Zähne, Zahnfleisch und Zunge sollten zweimal täglich geputzt werden. Mit Mundspülungen lässt sich die Zahnhygiene zusätzlich unterstützen. Generell empfehle ich regelmäßige Zahnarztbesuche mit Krebsvorsorge-Untersuchung, damit Veränderungen im Mundraum schnell entdeckt werden.

Bei Untersuchungen sollte darauf geachtet werden, dass Zahnärzte die gesamte Mundschleimhaut begutachten. Ich rate zudem, nicht mehr als fünf Zigaretten am Tag zu rauchen.

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Diagnose und Therapie

Symptome zeigen sich oft erst sehr spät. Wann sollte man unbedingt zum Arzt gehen?

Patienten sollten jede Veränderung der Mundschleimhaut, die länger als zwei Wochen besteht, durch einen Facharzt abklären lassen. Ich rate bei weißlichen oder roten Flecken auf der Mundschleimhaut, die sich weder abwischen noch abkratzen lassen, wunden Stellen im Mund, die oft leicht bluten und nicht verheilen, und Schwellungen im Mund zu einer Untersuchung durch den Zahnarzt.

Auch bei unklaren Zahnlockerungen, Schmerzen beim Schlucken, vermehrtem Speichelfluss, Schwierigkeiten beim Sprechen, verminderter Beweglichkeit der Zunge sowie Taubheitsgefühl an Zunge, Zahnfleisch oder Lippe empfehle ich einen Zahnarztbesuch, damit die Veränderungen geklärt werden.

Wie wird diese Krebsart erkannt? Gibt es spezielle Untersuchungen oder kann der Zahnarzt die Anzeichen bei einer Routinekontrolle erkennen?

Regelmäßige Kontrollen ermöglichen die Aufdeckung bösartiger Veränderungen noch in einem frühen Stadium. In der Entstehung befindliche Tumore zeigen sich häufig nur in kleinen Veränderungen, die ein Fachmann jedoch zu deuten weiß. Zusätzlich kann man mit einem speziellen Handinstrument den Mundraum mit einem blauen Licht in bestimmter Wellenlänge ausleuchten. Dies regt das Gewebe zum Fluoreszieren an.

Gesundes Gewebe reagiert mit einer grünlichen Farbe, während erkranktes Gewebe dunkler oder überhaupt nicht leuchtet. So erkenne ich Veränderungen der Mundschleimhaut oft bereits im Anfangsstadium. Von einer betroffenen Stelle der Schleimhaut entnehme ich dann eine Probe und schicke diese zur Untersuchung in ein Labor.

Durch die Untersuchung des Mundraumes entstehen keine Nebenwirkungen. Selbst die Entnahme von Gewebeproben bereitet Patienten kaum Schmerzen, sodass ich jedem zu einer solchen Krebsvorsorge rate. Durch das Abtasten von Hals und Wangen erkennen Ärzte unter Umständen Karzinome nämlich erst, wenn diese deutlich spürbar sind, also der Krebs bereits weit fortgeschritten ist.

Die Vorsorge durch das spezielle Handgerät wird nicht von der Krankenkasse bezahlt, eine Behandlung kostet jedoch nur zwischen 20 und 30 Euro, abhängig davon, ob anschließend Proben im Labor untersucht werden oder nicht.

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Was empfehlen Sie starken Rauchern oder anderen Risikogruppen? Wie oft sollte die Mundhöhle kontrolliert werden?

Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum erhöhen das Risiko für verschiedene Krankheiten, auch für Mundhöhlenkrebs. Bei andauerndem Tabak- oder Alkoholgenuss ist ein bis zu sechsfach, bei Kombination beider Risikofaktoren ein bis zu dreißigfach erhöhtes Erkrankungsrisiko vorhanden. Der Verzicht darauf verringert die Gefahr, dass Mundhöhlenkarzinomen entstehen.

Ich empfehle regelmäßige klinische Kontrollen und das Ausleuchten der Mundschleimhaut. Die Untersuchung dauert nur circa zwei Minuten und lässt sich mit der halbjährlichen Vorsorgeuntersuchung beim Zahnarzt verbinden. Patienten sollten also zweimal pro Jahr eine Ausleuchtung des Mundraumes vornehmen lassen.

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Welche Behandlungsmethoden gibt es?

Wie die Krankheit verläuft, hängt unter anderem von der Größe, Ausbreitung und Aggressivität des Tumors ab. Kleine, örtlich begrenzte Tumore können die Ärzte entweder operieren oder bestrahlen. Im fortgeschrittenen Tumorstadium streut der Tumor oft in die benachbarten Lymphknoten und bildet dort Metastasen. In diesem Fall ist es sinnvoll, sämtliche Lymphknoten einer Halsseite, gegebenenfalls auch beider Halsseiten, herauszunehmen.

Zur Entfernung des Tumors schneidet der Chirurg den Krebs während einer OP großflächig heraus. Bei weiter fortgeschrittenem Krebs wird die Operation häufig mit einer Bestrahlung oder einer Chemotherapie kombiniert. Eine Chemotherapie erfolgt beim Mundhöhlenkarzinom in der Regel nur in Zusammenhang mit einer Strahlenbehandlung, gegebenenfalls auch vor oder nach einer Operation. Die Bestrahlung des umgebenden Gewebes und der Lymphknoten sowie die Chemotherapie haben auch das Ziel, das Tumorgewebe zu zerstören.

Wie stehen die Heilungschancen?

Bei früher Erkennung der Krebsform überleben mehr als 90 Prozent der Kranken. Je früher Mundhöhlenkrebs also erkannt und behandelt wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Behandlung. Der Krankheitsverlauf hängt unter anderem von der Größe, Ausbreitung und Aggressivität des Tumors ab. Insbesondere der Befall von Halslymphknoten spielt eine entscheidende Rolle.

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