11.03.2017

Experten-Interview Arthrose: Gelenkbeschwerden vorbeugen

Diana Pieper

Setzen Sie bei Arthrose auf gelenkschonende Sportarten wie Fahrradfahren, Schwimmen oder Walken.

Foto: iStock / monkeybusinessimages

Setzen Sie bei Arthrose auf gelenkschonende Sportarten wie Fahrradfahren, Schwimmen oder Walken.

Jeder von uns wird früher oder später mit Gelenkverschleißungen zu tun haben: Übergewicht oder falsche Sportarten können den Prozess beschleunigen.

Welche Risikogruppen besonders betroffen sind, wie die Gelenkerkrankung so lange wie möglich herausgezögert werden kann und welche Mittel die Medizin bereithält, erklärt uns Dr. med. Johannes Knipprath, Orthopäde an der Avicenna Klinik Berlin, im Interview.

bildderfrau.de: Sehr geehrter Herr Dr. Knipprath, Sie sind Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. Arthrose ist eine der am häufigsten auftretenden Gelenkerkrankungen weltweit. Welche Formen von Arthrose gibt es?

Dr. med. Johannes Knipprath: Wir unterscheiden zwischen der primären und der sekundären Arthrose. Bei der primären Form liegt eine Minderwertigkeit des Knorpelgewebes vor, die wahrscheinlich erblich bedingt ist. Bei der sekundären Arthrose sind die Ursachen der degenerativen Veränderungen bekannt.

So führen zum Beispiel Beinachsenfehler wie Fehlstellungen durch X- oder O-Beine, Instabilitäten, Gelenkflächenfrakturen, Übergewicht, Gicht, Luxation (Verrenkung oder Auskugelung) oder Formstörungen der Gelenke zu dieser Form der Gelenkerkrankung.

Arthrose durch Überbelastung der Gelenke

Welche Ursachen kann diese Gelenkerkrankung haben?

Am häufigsten tritt die sekundäre Form der Arthrose auf. Sie entsteht aus unterschiedlichen Gründen. So können etwa Über- oder Fehlbelastung die Entstehung von Arthrose begünstigen. Überlastung entsteht beispielsweise durch Übergewicht oder eine zu hohe Belastung in Form von Leistungssport oder täglich schwerer körperlicher Arbeit.

Ursachen für Fehlbelastungen können Fehlstellungen durch X- oder O-Beine sein. Arthrose kann aber auch durch posttraumatische Veränderungen infolge eines Unfalls entstehen. Da die Erkrankung teilweise auch mit dem Lebensstil der Patienten zusammenhängt, können diese einige der zuvor genannten Auslöser aktiv durch die Änderung ihrer Lebensgewohnheiten, wie zum Beispiel die Reduzierung von Übergewicht durch ausgewogene, gesunde Ernährung und Bewegung, vermeiden.

Was genau passiert im Gelenk, wenn sich eine Arthrose bildet?

Der Verlauf von degenerativen Gelenkerkrankungen ist langsam und fortschreitend. Am Anfang steht der Elastizitätsverlust des Gelenkknorpels,der mit einer Veränderung der Knorpelgrundsubstanz einhergeht. Erste Veränderungen die röntgenologisch sichtbar werden, sind die Höhenabnahme des Knorpelgewebes, die Spaltbildung im Gelenkknorpel und die subchondrale Sklerosierung, also eine Verdichtung des Knochens unter dem Gelenkknorpel. Als Reaktion auf eine erhöhte Belastung des Gelenks wird Knochenmaterial aufgebaut und Kalzium eingelagert.

Welche Gelenke sind am häufigsten betroffen?

Theoretisch kann Arthrose in jedem Gelenk des menschlichen Körpers auftreten. Bei den peripheren Gelenken sind am häufigsten die Knie- und Hüftgelenke betroffen. Arthrose kann aber auch an der Lendenwirbelsäule auftreten. Diese Gelenke müssen einer stärkeren Belastung standhalten.

Risikogruppen und Symptome

Ist das Risiko, an Arthrose zu erkranken, ab einem bestimmten Alter erhöht?

Prinzipiell entwickelt jeder Mensch im Laufe seines Lebens mit zunehmendem Alter Arthrosen, sofern er sie denn noch erlebt. Aber erst wenn die Degeneration mit starken Beschwerden einhergeht, spricht man von einer Gelenkerkrankung. Um das 40. Lebensjahr sind bei der Hälfte der Bevölkerung röntgenologisch degenerative Gelenkveränderungen erkennbar. Bereits im 65. Lebensjahr gibt es praktisch keinen Menschen mehr ohne degenerative Veränderungen.

Wie sieht der typische Krankheitsverlauf von Arthrose aus? Welche Anzeichen können auf eine Arthrose hindeuten?

Knorpelgewebe setzt sich zu rund 70 Prozent aus Wasser, zu rund 25 Prozent aus Kollagenfasern und anderen Proteinen sowie zu etwa 5 Prozent aus Knorpelzellen zusammen. Bei Arthrose verliert die Knorpelsubstanz an Festigkeit sowie Elastizität und dünnt aus. Im schlimmsten Fall verschwindet der Knorpel zwischen zwei Knochenenden sogar komplett.

Zu Beginn verläufteine Arthrose meist ohne Symptome, auch wenn der Knorpel schon leichte Veränderungen aufweist. Im weiteren Verlauf schrumpft der Gelenkspalt immer mehr. Dies führt zu einer erhöhten Belastung der Knochen, die eine abnehmende Beweglichkeit und Schmerzen der Gelenke verursacht.

Zu Beginn der Erkrankung treten zunächst nur belastungsabhängige Schmerzen auf. Im zweiten Stadium spüren Betroffene bereits bei allgemeiner Bewegung Schmerzen in den Gelenken und den umliegenden Weichteilstrukturen. Im dritten Stadium treten die Schmerzen ständig, also auch in Ruhe, auf.

Therapie und Heilungsschancen

Mit welchen Mitteln diagnostizieren Mediziner Arthrose?

Am Anfang steht immer eine ausführliche Anamnese, also die Erhebung der medizinischen Vorgeschichte und die Befragung und Untersuchung des Patienten zur aktuellen Schmerzsituation. Ein typisches Symptom von Arthrose ist beispielsweise der Anlaufschmerz nach längerem Sitzen und Liegen. Röntgendiagnostik und Magnetresonanztomografie (MRT) geben dann weiteren Aufschluss über Art und Stadium der degenerativen Veränderungen im Gelenk.

Ist Arthrose heilbar?

Da Knorpelzellen sich nur bei Kindern regenerieren, gilt Arthrose leider als nicht heilbar. Allerdings können wir das Fortschreiten der Erkrankung verzögern und Symptome wie Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen lindern.

Woran liegt es, dass Frauen häufiger an Arthrose leiden als Männer?

Im Vergleich erkranken Frauen tatsächlich öfter an Arthrose als Männer. Warum das so ist, wissen wir Mediziner allerdings noch nicht, fest steht aber,dass es eine familiäre Häufung gibt.

Gibt es vorbeugende Maßnahmen, die diese Patienten treffen können?

Betroffene können ihre Gelenke schützen, indem sie ihr Gewicht reduzieren, denn ein entscheidender Faktor beim Auftreten von Arthrose ist das Gewicht. Übergewicht erhöht die Belastung der Gelenke und fördert so die Entstehung von Arthrose.

Regelmäßige Bewegung, am besten in Form von Radfahren, Schwimmen, Wandern und eventuell Ski-Langlauf, sowie eine ausgewogene Ernährung, die für eine ausreichende Versorgung der Gelenke mit Nährstoffen sorgt, tragen zur Vorbeugung von Arthrose bei.

Leistungssport und Kontaktsportarten sollten indes vermieden werden. Außerdem Sportarten, die die Gelenke stark belasten, wie Joggen über lange Strecken, Alpin-Ski oder Ballsportarten mit abrupten Stopp-Bewegungen oder plötzlichem Richtungswechsel wie Fußball, Handball, Tennis. Besser eignen sich daher beispielsweise Schwimmen, Walken, Radfahren.

Welche Therapieformen können ein Fortschreiten der Krankheit verhindern?

Durch Gewichtsreduktion und Bewegung durch die oben genannten gelenkfreundlichen Sportarten sowie spezielle Physiotherapie lässt sich unter Umständen das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen, da diese Maßnahmen die Beweglichkeit der Gelenke fördern und deren Durchblutung anregen. Verhindern lässt sie sich leider dadurch nicht.

Patienten, die an fortgeschrittener Arthrose leiden, haben oft starke Schmerzen, die sie in ihrem Alltag einschränken können. Welche Therapieformen empfehlen Sie diesen Patienten?

Bei starken Schmerzen, die mit einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität einhergehen, führt oft nur ein endoprothetischer Gelenkersatz,der im Volksmund häufig als „künstliches Knie“ oder „künstliche Hüfte“ bezeichnet wird, zu der gewünschten Beschwerdefreiheit.

Eine Operation ist meist das letzte Mittel. Gibt es auch neue, innovative und schonende Therapieformen?

Je nach Ausmaß und Lokalisation des Gelenkschadens kann eine matrixgestützte Mikrofrakturierung sinnvoll sein. Hier wird im Rahmen einer Gelenkspiegelung durch gezielte Perforation der Knochenlamelle unter dem Gelenkknorpel eine Blutung erzeugt, die durch Stammzellen den defekten Bereich mit einem Narbengewebe, das dann als Ersatzknorpel dient, wiederauffüllt.

Diese Methode kommt aber nur bei kleineren Knorpelschäden undvorwiegend jüngeren Patienten zum Einsatz. Eine weitere Therapiemöglichkeit ist die autologe Chondrozytentransplantation (ACT), bei der Knorpelzellen aus einem gesunden Teil des Gelenks entnommen, im Labor vermehrt und anschließend als Transplantat in das betroffene Gelenk eingesetzt werden.

Welche Maßnahmen, die Patienten selber anwenden können, versprechen noch Linderung bei akuten Beschwerden?

Bewegung durch moderaten Sport, Gewichtsreduktion und eine ausgewogene Ernährung können eine allgemeine Verbesserung der Symptome erreichen. Akute Beschwerden lassen sich durch eine Kombination aus schmerzstillender und entzündungshemmender Behandlung lindern.

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Diana Pieper

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