07.03.2017

Experten-Interview Darmkrebsvorsorge rettet Leben

Darmkrebs ist die dritthäufigste Krebserkrankung bei Männern und bei Frauen.

Foto: iStock/KatarzynaBialasiewicz

Darmkrebs ist die dritthäufigste Krebserkrankung bei Männern und bei Frauen.

Darmkrebs gehört zu den häufigsten Krebserkrankungen in Deutschland. Oft breitet sich der Krebs unbemerkt im Körper aus.

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Bei regelmäßiger Darmkrebsvorsorge stehen die Chancen gut, den Krebs schon im Frühstadium zu erkennen und zu bekämpfen.

bildderfrau.de: Hallo Frau Mainz, Sie sind Internistin und Fachärztin für Gastroenterologie. Der März ist Darmkrebsmonat in Deutschland. In diesem Monat engagieren sich Gesundheitsorganisationen, Städte und Gemeinden für eine umfassende Darmkrebsvorsorge. Wie entscheidend ist eine gute Vorsorge?

Dr. Dagmar Mainz: Sehr! Sie hat dazu geführt, dass die Zahl an Neuerkrankungen in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen ist. Bei der Darmspiegelung können Vorstufen entfernt und die Entstehung von Krebs verhindert werden. Findet sich bei der Untersuchung ein bösartiger Tumor, so handelt es sich oft um ein frühes Stadium, das durch Operation heilbar ist. Es klingt vielleicht übertrieben, aber die Darmkrebsvorsorge entscheidet teilweise über Leben und Tod.

Unauffällige Symptome

Darmkrebs ist die dritthäufigste Krebserkrankung bei Männern und sogar die zweithäufigste bei Frauen. Doch oft werden erst in fortgeschrittenen Stadien deutliche Symptome sichtbar. Was sind wichtige und auffällige Warnzeichen?

Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Darmkrebs entsteht meist langsam und unbemerkt aus Vorstufen. Auch bösartige Geschwülste verursachen in frühen und je nach Wachstumsart in fortgeschrittenen Stadien oft keine Beschwerden.

Eine ungeklärte Gewichtsabnahme, eine Blutarmut,neu aufgetretene Stuhlgangsveränderungen oder wiederholt Blutbeimengungen im Stuhl sind Alarmzeichen, die eine umgehende Abklärung nach sich ziehen sollten.

>> Darmkrebs – nicht erst auf Symptome warten!

Gibt es auch eher unauffällige Symptome, die auf Darmkrebs hindeuten können?

Ja, zum Beispiel Symptome die mit dem Bauch in Verbindung gebracht werden oder Unwohlsein im weitesten Sinne. Es gibt aber keine Symptome, die zweifelsfrei Darmkrebs anzeigen. Man kann also auch nicht durch besonders aufmerksame Selbstbeobachtung Darmkrebs früh erkennen.

Stelle ich eines oder mehrerer dieser Symptome bei mir fest – was wäre der nächste Schritt?

Wenn man unsicher ist, Beschwerden wiederholt und / oder über Wochen auftreten, dann sollte man das mit dem Hausarzt besprechen. Die weitere Abklärung erfolgt dann in der Regel beim niedergelassenen Magen-Darm-Arzt.

Es gibt gesetzliche Früherkennungsprogramme, deren Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Ab wann empfehlen Sie regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen wie Stuhltests und Darmspiegelungen?

In Deutschland wird die Stuhluntersuchung auf verborgenes Blut ab dem 50. und die Darmspiegelung ab dem 55. Geburtstag empfohlen und von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Die Darmspiegelung ist bei Risikopersonen aber bereits in einem jüngeren Alter angeraten, zum Beispiel, wenn Familienmitglieder an Darmkrebs erkrankt sind oder eine chronische entzündliche Darmerkrankung besteht.

Gute Heilungsschancen durch Früherkennung

Wie zuverlässig sind diese Erkennungsmaßnahmen?

Es gibt keine Methode, die eine hundertprozentige Garantie bietet, alles zu erkennen. Der Stuhltest kann auch positiv werden, wenn die Blutungsquelle im oberen Magen-Darm-Trakt liegt, zum Beispiel beim Zahnfleischbluten. Auf der anderen Seite bluten Vorstufen oder frühe Stadien selten.

Dennoch: Untersuchungen zeigen, dass durch die Durchführung des Stuhltests die Wahrscheinlichkeit an einem Dick-/Enddarmkrebs zu erkranken um ca. 20 Prozent reduziert werden kann.

Die Darmspiegelung ist das beste Verfahren. Durch sie wird das Risiko für einen Dickdarmkrebs bzw. Enddarmkrebs um ca. 90 Prozent gesenkt. Gegenüber den anderen Verfahren bietet sie den Vorteil, dass Vorstufen wie Polypen nicht nur entdeckt, sondern in derselben Untersuchung entfernt werden können.

Wichtig für eine optimale Ausbeute ist neben guten Geräten und einer ausreichenden Untersuchungszeit vor allem eine optimale Darmreinigung. In Deutschland haben wir bei den niedergelassenen Magen-Darm-Ärzten einen hohen Qualitätsstandard, der laufend kontrolliert wird.

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Wenn Darmkrebs festgestellt wird - welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Es stehen die Operation und Behandlungen durch Medikamente und Bestrahlung zu Verfügung. Was für den einzelnen das Beste ist wird - je nach dem wo der Tumor liegt und in welchem Stadium er sich befindet – nach Absprache aller beteiligten Fachgruppen empfohlen.

Wie groß sind die Heilungschancen bei Darmkrebs?

In einem frühen Stadium entdeckt ist Darmkrebs zu fast 100 % heilbar.

Risikofaktoren abklären

Gibt es spezielle Faktoren, die das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, erhöhen? Etwa eine ungesunde Lebensweise?

Ja. Wie auch für eine Vielzahl anderer Erkrankungen ist Übergewicht ein Risikofaktor. Zu viel Fett, Zucker, Alkohol und rotes Fleischin der Ernährung wirken sich ungünstig aus. Und – was man sonst eher mit Lungenerkrankungen in Zusammenhang bringt: Rauchen!

Und umgekehrt, wie kann ich das Risiko minimieren, an Darmkrebs zu erkranken?

Gesund und ausgewogen essen, zum Beispiel mit der sogenannten mediterranen Kost mit vor allem Gemüse und Obst, Alkohol nur in Maßen trinken und nicht rauchen. Übergewicht vermeiden und für körperliche Bewegung sorgen. Aber auch eine noch so gesunde Lebensweise bietet keinen Schutz und ersetzt die Vorsorgemaßnahmen nicht.

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Darmkrebs gilt als „Alterskrankheit“. Doch auch junge Menschen können an Darmkrebs erkranken. Welche Rolle spielt das familiäre Risiko einer Vererbung?

Die genetisch bedingten Darmkrebssyndrome sind eher selten. Recht häufig, nämlich bei ca. 30 Prozent der an Darmkrebs Erkrankten, ist aber die sogenannte familiäre Belastung. Das bedeutet, dass Verwandte ebenfalls an Darmkrebs erkrankt sind oder waren.

Das Risiko ist besonders hoch bei erstgradig Verwandten in jüngerem Alter. Leider ist dies den betroffenen Familien nicht immer bekannt und auch den betreuenden Ärzten nicht immer gegenwärtig.

Wie kann ich eine eventuelle familiäre Vorbelastung am besten feststellen lassen, wenn mir Informationen fehlen?

Zu allererst: darüber sprechen. Darmkrebs ist immer noch ein Tabuthema. Die Erkrankten müssen die Familienmitglieder informieren. Als Angehöriger sollte man sich vom Hausarzt oder einem Magen-Darm-Arzt beraten lassen. Unter www.magen-darm-ärzte.de kann man einen Spezialisten in der Nähe finden.

Welche weiteren Faktoren können Darmkrebs begünstigen?

Erkrankungen wie das metabolische Syndrom, Diabetes mellitus, andere Tumorerkrankungen und eine frühere Bestrahlung im Unterleib können das Risiko für Darmkrebs etwas erhöhen. Aber auch das Geschlecht ist ein Faktor: Männer erkranken häufiger als Frauen. Daher sollten gerade sie die in Anspruch nehmen. Vielleicht können die Frauen ja „ihren Vorsorgemuffel Mann“ mit dem früheren Slogan der Felix-Burda-Stiftung motivieren: „Wer seinen Partner liebt schickt ihn zur Darmkrebsvorsorge.“

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