13.10.2017

Den Alltag erleichtern Tipps für Angehörige im Umgang mit Demenz

Ein schmaler Grat für Angehörige: Demenzkranke sollten ihre Freiräume haben aber auch nicht überfordert werden.

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Ein schmaler Grat für Angehörige: Demenzkranke sollten ihre Freiräume haben aber auch nicht überfordert werden.

Wenn Angehörige einen demenzkranken Menschen pflegen, ist das meist eine enorme Belastung. Diese Tipps helfen, den Alltag zu erleichtern.

Die Krankheit Demenz ist nicht nur für den Betroffenen eine große Herausforderung, auch die Angehörigen müssen sich auf die neue Situation einstellen. Das ist alles andere als einfach, denn der ehemals vertraute Mensch verändert sich, er entfernt sich von seinem früheren Ich. Für Angehörige und auch Pflegekräfte ist dies sowohl körperlich als auch seelisch eine Belastungsprobe.

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Pflegende Angehörige gehen meist durch ein Wechselbad der Gefühle. Schmerz, Mitleid, Hilflosigkeit, Ärger, Wut oder Trauer wechseln sich ab. Während die Krankheit beim Patient immer weiter fortschreitet, bekommen die Angehörigen jede Veränderung und Verschlechterung des Zustands mit.

Im Laufe der Zeit entwickeln pflegende Angehörige ein Gespür dafür, den Erkrankten im Alltag richtig zu unterstützen und demenzgerecht zu kommunizieren. Mit dem richtigen Umgang miteinander können sowohl der Patient als auch der Angehörige trotz der Krankheit eine schöne, entspannte und sogar humorvolle Zeit zusammen haben.

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Respekt bewahren

Bewahren Sie Respekt vor dem Patienten: Zeigen Sie Verständnis für den Erkrankten. Behandeln Sie ihn nicht wie ein unmündiges Kind. Informieren Sie sich über die Krankheit, je mehr Sie wissen, desto mehr Verständnis können Sie für seine Angewohnheiten entwickeln.

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Routine

Vermeiden Sie plötzliche Veränderungen in der täglichen Routine: Sorgen Sie für eine überschaubare Umgebung und einen beständigen Tagesablauf mit festen Regeln. Dadurch hat es der Erkrankte im Alltag leichter sich zurecht zu finden und er kann länger seine Selbständigkeit bewahren.

Hilfe suchen

Versuchen Sie nicht alle Probleme alleine zu lösen. Kontaktieren Sie Spezialisten, fragen Sie andere Angehörige, ob diese Sie unterstützen können und informieren Sie sich frühzeitig über Hilfsangebote. Nur wenn Sie fit sind und sich auch Auszeiten gönnen, können Sie einen demenzkranken Menschen dauerhaft pflegen, ohne selbst davon Schaden zu tragen.

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Eine Ebene finden

Menschen, die an Demenz erkrankt sich, verlieren nach und nach die Fähigkeit zu kommunizieren. Das ist schmerzlich für den Angehörigen, denn normale Gespräche werden immer schwieriger und irgendwann unmöglich.

Versuchen Sie sich in solchen Situationen in den Erkrankten hineinzuversetzen, verzichten Sie auf unnötige Machtkämpfe. Vermeiden Sie sinnlose Diskussionen und unnötige Streits. Versuchen Sie Verständnis dafür zu entwickeln, dass der Betroffene in seiner eigenen Welt lebt.

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Überforderung vermeiden

Überfordern Sie den Erkrankten nicht: Versuchen Sie ihm trotz der Krankheit Freiräume zu lassen. Nutzen Sie die verbliebenen Fähigkeiten des Erkrankten und beschäftigen Sie ihn sinnvoll.

Versuchen Sie ihn in die täglichen Abläufe einzubeziehen und ihm ein Gefühl der Dazugehörigkeit zu geben. Am besten ist die Devise: Hilfe zur Selbsthilfe - sie trägt dazu bei, dass der Demenzkranke länger selbstständig bleibt.

Körperliches Wohlbefinden

Achten Sie auf das körperliche Wohlbefinden: Körperpflege, gesunde Ernährung, regelmäßige Arztbesuche und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, sollte der Pflegende im Blick haben. Diese eigentlich alltäglichen Dinge werden dem Erkrankten im Laufe der Zeit immer schwerer fallen.

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Konflikte vermeiden

Demenzkranke Menschen können unfreundlich und aggressiv erscheinen. Denken Sie immer daran, dass alle auftretenden Verhaltensveränderungen vom Erkrankten nicht willentlich gesteuert werden. Der Patient will Sie nicht absichtlich ärgern oder provozieren.

Dieses Verhalten entsteht durch eine Störung im Gehirn und gehört leider zum Krankheitsbild dazu. Versuchen Sie ruhig und geduldig zu bleiben: Reagieren Sie möglichst gelassen auf die Gefühlsausbrüche, auch wenn es häufig schwer fällt.

Gedächtnisstützen

Arbeiten Sie mit Gedächtnisstützen. Legen Sie wichtige Telefonnummern neben den Apparat. Beschriften Sie Türen in der Wohnung mit Schildern (z. B. Küche, Bad), damit sich der Erkrankte besser zurecht findet.

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Denken Sie an sich

Ganz wichtig: Denken Sie auch an sich! Sie brauchen regelmäßige Erholung und Auszeiten. Wenn Sie völlig ausgepowert sind, dann sind Sie keine große Hilfe für den Erkrankten, denn er braucht ein entspanntes und geregeltes Umfeld. Holen Sie sich Hilfe von außen und besprechen Sie die Situation mit anderen Betroffenen.

Schönes erleben

Demenzkranke Menschen erinnern sich noch lange Zeit an ihre Kindheit und Jugend. Versuchen Sie diese Erinnerungen aufrecht zu erhalten. Erleben Sie zusammen etwas Schönes. Sehen Sie sich zum Beispiel zusammen alte Fotos an, kochen Sie zusammen, hören Sie Musik von früher oder machen Sie einen schönen Ausflug. Vielleicht weckt das alte Erinnerungen beim Erkrankten.

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Was ist eigentlich Demenz?

Unter Demenz versteht man eine Gruppe von Krankheiten, bei denen sich die geistige Leistungsfähigkeit verschlechtert. Beeinträchtigt sein können die Bereiche Gedächtnis, Orientierung, Aufmerksamkeit, sprachlicher Ausdruck, Sprachverständnis und Denkvermögen.

Auch eine Veränderung der Gemütslage, des Antriebs und des Sozialverhaltens gehören zum Krankheitsbild. Eine Demenz ist fortschreitend und nicht heilbar. In Deutschland leiden mehr als eine Millionen Menschen an der Krankheit.

Der berühmte Neurobiologe Gerald Hüther hat schon viel zum Thema Demenz geforscht. Hier erklärt er seine neuesten Ergebnisse.

Herr Hüter, was haben Sie heraus gefunden?

Gerald Hüther: Ich befasse mich seit langem mit der Frage, was Menschen brauchen, um ihre Lernfähigkeit im Alter nicht zu verlieren. Es wird ja nicht jeder dement – wir müssen wissen, warum.

Ihre Vermutung?

Es gibt eine Studie an über 400 Nonnen, alle über 70 Jahre alt. Nur sehr wenige zeigten Anzeichen einer Demenz. Nach ihrem Tod stellte man aber fest: Diese Nonnen hatten in ihren Gehirn ähnlich starke Degenerationen und Ablagerungen wie wir sie auch in der normalen Bevölkerung finden. Abbauprozesse im alterndem Gehirn sind unvermeidlich, das ist meine Meinung. Doch warum erkrankten die Nonnen nicht?

Und? Was können wir von den Nonnen lernen?

Eine Nonne lebt ein Leben aus Überzeugung. In einer Gemeinschaft, in der sie wertgeschätzt wird. Nonnen haben das Gefühl, dass ihr Leben einen Sinn hat. Sie erleben sich als aktive Gestalter ihres Lebens. Das hilft, die Selbstheilungskräfte des Gehirns zu aktivieren.

Gemeinschaft hält unser Gehirn fit?

Ja, wir könnten versuchen, unser Zusammenleben mit Sinn und Erfüllung zu gestalten. Jeder Mensch kann sich zu jedem Zeitpunkt dafür entscheiden, anders zu leben als bisher. Bewusster, achtsamer gegenüber sich selbst und anderen. Mehr im Einklang mit sich und der Natur, zuversichtlicher, neugieriger.

Buch-Tipp:

Gerald Hüther, „Raus aus der Demenz-Falle! Wie es gelingen kann, die Selbstheilungskräfte des Gehirns rechtzeitig zu aktivieren“, Arkana, 18 €

(Das Interview mit Herrn Hüther führte Claudia Kirschner)

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