01.03.2017

Neuer Roman Die Geschichte meiner Parkinson-Krankheit

Parkinson habe ihn zu einem glücklicheren und stärkeren Menschen gemacht, glaubt der holländische Journalist und Autor Henk Blanken.

Foto: Sander Koenen

Parkinson habe ihn zu einem glücklicheren und stärkeren Menschen gemacht, glaubt der holländische Journalist und Autor Henk Blanken.

Journalist Henk Blanken liebt gute Geschichten. Jetzt hat er seine eigene veröffentlicht: "Da stirbst du nicht dran: Was Parkinson mir gibt".

bildderfrau.de: Hallo Herr Herr Blanken, Sie arbeiten als Journalist in Holland. Vor fünf Jahren wurde bei Ihnen Parkinson diagnostiziert. Damals waren sie 51 Jahre alt. Welche Symptome spürten Sie zu diesem Zeitpunkt?

Henk Blanken: Eigentlich alle zehn Symptome, die man auf Wikipedia nachlesen kann. Ich stolperte. Hatte einen steifen Gang, einen Arm, der nicht mitschwang, eine Hand, die zitterte und ein ausdrucksloses Gesicht. Außerdem war ich immer so müde, das Sprechen fiel mir schwer und ich roch und schmeckte nichts mehr. Außerdem vergaß ich alles Mögliche.

Haben Sie damals in irgendeiner Weise damit gerechnet, dass Sie an Parkinson leiden?

Gar nicht. Bis zum letzten Tag vor der Diagnose hatte ich keine Ahnung. Ich wusste kaum etwas über die Parkinson-Krankheit. Ich dachte, das sei etwas für sehr alte Leute. Jetzt glaube ich, dass ich mir damals nicht eingestehen wollte, was los war - dass ich unheilbar krank war und dass Parkinson eine invalidisierende Krankheit ist. Da stirbst du nicht dran - aber es geht übel aus.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie von Ihrer Diagnose erfuhren?

Ich weiß, das klingt verrückt, aber ich dachte wirklich sofort: "Das ist eine gute Geschichte, ich muss diese Geschichte unbedingt erzählen!"Teilweise war das ein pragmatischer Abwehrreflex. Es ist nicht leicht, mit diesem Schicksal weiterzuleben. Meine Karriere war vorbei. Schreiben und lesen kann ich aber noch immer und ich glaube, mein Schreiben ist sogar besser geworden. In den letzten zwei Jahren, in denen ich noch als Journalist arbeitete, gewann ich mit unserem Investigativ-Team große Journalisten-Preise. Das ist tief-ironisch.

Wie reagierte Ihre Familie und Ihr Umfeld auf diese Diagnose?

Parkinson ist eine langsame Krankheit. Man gewöhnt sich daran. Auch meine Frau Sandra und unsere Kinder (Nina, 28 und Daniel, 25) wissen, wie es weitergehen wird. Im letzten Jahr ist es unangenehm geworden. Aufgrund der Muskelkrämpfe kann ich fast nicht mehr gehen. Und meine Bewegungen werden immer spastischer. Nun weiß ich, du bist erst wirklich krank, wenn andere es sehen.

Was passierte, nachdem Sie ihre Diagnose erhielten. Wie wird Parkinson behandelt?

Mit Medikamenten, immer mehr Pillen. Am Anfang wird alles etwas besser. Die Pillen kompensieren meinen Mangel an Dopamin, der Neurotransmitter, der unsere Motorik regelt. Am Ende werden die Nebenwirkungen immer stärker. Es geht übel aus.

Neben der medikamentösen Therapie gibt es auch alternative Therapieformen, die helfen sollen, die Beweglichkeit weiter zu gewährleisten. Nehmen Sie solche in Anspruch?

Ich weiß, bewegen ist gut. Bis zum letzten Sommer habe ich Tennis gespielt. Und ich war zusammen mit andere Parkinsonpatienten bei einem Physiotherapeuten für Fitness. Ich glaube sogar, sich viel und intensiv zu bewegen, könnte den Parkinson langsamer machen. Das reicht mir aber. Wenn ein Neurologe oder ein vernünftiger Patient wirklich eine Therapie entdecken, werde ich das bestimmt gleich wissen. Ich habe keine Zeit und kein Lust, davon zu träumen. Ich muss schreiben.

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Parkinson kommt meistens sehr schleichend, manche Betroffene können noch jahrelang uneingeschränkt ihren Alltag meistern. Inwiefern beeinflusst Parkinson Ihren Alltag?

Dadurch, dass es immer ein wenig schwieriger wird, beeinflusst Parkinson mich ständig etwas mehr. Parkinson ist eine progressive Krankheit. Leider bedeutet das nicht, dass meine Gesundheit sich progressiv verändert, es wird nicht besser, im Gegenteil. Aber ganz ohne Ironie: Jetzt sieht mein Leben so aus, dass ich jede Nacht um vier oder fünf Uhr aufwache, meistens von Schmerzen, die oft den ganzen Tag bleiben. Mit meinem Neurologen versuche ich, den besten Cocktail an Medikamenten zu finden, weil die Krankheit wirklich sehr unangenehm ist.

Trotzdem arbeiteten sie weiter als Journalist und als Autor. Wie schaffen Sie das?

Langsam. Und immer langsamer. An meinem Buch "Da stirbst du nicht dran: Was Parkinson mir gibt" habe ich vier Jahre gearbeitet. Das heißt, ich habe etwa vierzig Wörter pro Tag geschrieben. Ganz, ganz langsam also. Sehr gerne würde ich noch ein Buch schreiben (über Sterbehilfe bei Demenz). Im Moment schaffe ich das leider nicht.

Ich kann nur warten, weitere Pillen schlucken und hoffen, dass dieser Krampf erträglich wird. Ach, ein Journalist bleibt sein ganzes Leben Journalist, auch wenn er im Jahr nur noch drei oder vier Artikel schreibt.

Und was hat Sie dazu bewegt, ein Buch über ihre Krankheit zu veröffentlichen?

Schreiben war für mich immer mehr als nur ein Job. It’s who I am. Als ich meine Diagnose bekam, tauchten all die großen Fragen auf. Was ist der Sinn des Lebens? Wie will ich sterben? Wie werde ich das meinen Kindern, Nina und Daniel, erklären. Ich wusste, ich konnte nicht einfach einen Essay über Parkinson schreiben. Es musste eine Geschichte über mein Leben sein, über den Mann, der ich war.

Und ich stellte mir solche Fragen wie: Werde ich wie mein Vater sein? Habe ich meinen besten Freund verraten? Die Geschichte erzählte sich wie von selbst.

Ihr Roman heißt „Da stirbst du nicht dran – Was Parkinson mir gibt“. Was also gibt Ihnen Parkinson?

Ich bin nicht mehr der Mann, der ich einmal war. Ich bin ruhiger, freundlicher. Nicht mehr ständig auf der Suche nach irgendwelchen Kicks. Und was ich schreibe, ist besser und stärker. Nachdem ich meine Diagnose bekommen habe, habe ich mit meinen Kollegen mehr und wichtigere Journalistenpreisen gewonnen, als jemals zuvor. Auch das ist etwas ironisch.

Jedenfalls bin ich ein glücklicher Mensch, der endlich entdeckt hat, dass er schreiben soll, um seine Geschichte zu erzählen. Naiv bin ich aber nicht. Ich weiß, wie es ausgehen wird.

Schon im Titel wird eine gewisse Selbstironie deutlich, so wie ihr Schreibstil insgesamt eine große Gelassenheit ausstrahlt. Gehen Sie so gelassen auch mit Ihrer Krankheit um? Oder gibt es auch mal Momente, in denen sie wütend sind?

Wütend war ich noch nie. Das bringt mir nichts. Es macht keinen Sinn. Ein ehemaliger Kollege sagte mal, unlösbare Probleme sind keine Probleme. Nächste Sache, bitte. Ich versuche zu akzeptieren, was mir passiert. Und manchmal sehe ich auch wie schön das Altern ist. Ich versuche den Humor, die Situationskomik und die Poesie darin zu finden.

Und natürlich weiß ich auch, viele andere Parkinson-Patienten das nicht schaffen, weil es zu schwer ist und sie nicht so einen Ausweg darauf finden, wie ich.

Und was ist für Sie persönlich das Schlimmste an Parkinson?

Das Schlimmste für mich ist: auch meine Frau Sandra und unsere Kinder Nina und Daniel leben mit meinem Parkinson. Unser Leben hat sich verändert. Langsam werde ich abhängig und dann gibt es da noch diese Wahrscheinlichkeit von fünfzig Prozent, später einmal an Demenz zu erkranken.

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Mit Schmerz und Abhängigkeit kann ich gut umgehen. Womit ich nicht leben kann, ist die Vorstellung, dass ich irgendwann meine Kinder nicht mehr erkenne. Das bringt mich dazu, meine Möglichkeiten zu durchdenken. Demenz ist tragisch, weil man seine Geschichte verliert und am Ende sich selbst, sein Ich. Solange ich aber lesen und schreiben kann, ist das zu schaffen, auch wenn ich einen Rollstuhl brauche. In den letzten Wochen schien mir das näher zu kommen, als ich dachte.

Würden Sie anderen Betroffenen etwas raten? Was hat Ihnen geholfen, die Diagnose zu akzeptieren?

Es fällt mir schwer, andere Betroffene zu beraten. Jeder Parkinsonpatient hat seine eigene Geschichte und seine eigene Krankheit. Ich kann nur sagen, was mir hilft. Sein Schicksal zu akzeptieren, ist sicher wichtig. Ich bereue nicht, was ich bisher in meinem Leben getan habe und ich denke auch nicht an die Zukunft. Das ist keine schockierende oder neue Einsicht. Es ist ein Klischee.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Liebe. Weisheit. Kraft. Das wünschen wir uns doch alle, oder? Und vielleicht schaffe ich es, noch ein weiteres Buch zu schreiben.

Wer sollte ihr Buch lesen, an wen richtet es sich?

"Da stirbst du nicht dran" ist kein medizinischer Ratgeber, sondern eine Geschichte, die sich wie ein Roman liest. Ich weiß, dass Menschen sich aus vielerlei Gründen mit der Hauptfigur in meinem Buch identifizieren können. Das Schreiben tröstet mich natürlich irgendwie. Und es spendet auch anderen Trost, die ebenfalls an Parkinson oder an einer anderen Krankheit leiden.

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