13.02.2017

Diagnose Tourette Dominik tanzt das Tourette-Syndrom einfach weg

Dominik mit seiner stolzen Mutter Admira Vaida.

Foto: Lukas Beck

Dominik mit seiner stolzen Mutter Admira Vaida.

In ihrem Buch "Tick" beschreibt Admira Vaida, wie sie die Tourette-Erkrankung ihres Sohnes Dominik entdeckte. Ballett half ihm die Krankheit zu überwinden.

Hallo Frau Vaida, Sie sind Autorin des Buchs „Tick – Wie mein Sohn mit Ballett das Tourette-Syndrom überwand“. Darin erzählen Sie die unglaubliche Geschichte Ihres Sohnes Dominik, der trotz seines Tourette-Syndroms ein professioneller Balletttänzer ist und im Jahr 2016 sogar den Wiener Opernball eröffnen durfte. Wann und wie entdeckten Sie damals, dass ihr Sohn Tourette hat?

Admira Vaida: Dominik war ungefähr fünfeinhalb Jahre alt als sich die ersten Ticks bemerkbar machten. Zuerst dachte ich, dass er das nur spielte. Manchmal kam es mir vor, dass er alles absichtlich machte, ich kritisierte sein Verhalten. Als die Grimassen und danach auch verschiedene Laute kamen, war mir bewusst, dass das kein Spiel war, sondern mein Kind etwas Ernsthaftes haben musste. Was das genau war, wusste ich nicht sofort.

Tourette kann sich sehr unterschiedlich äußern. Welche Symptome zeigte Dominik?

Zuerst machte er seine Augen zu (kniff sie stark zusammen), öffnete seinen Mund und streckte die Zunge raus. Dann kam das Kopfschleudern dazu, hüpfen und Hände hochstrecken. Danach kamen die Laute dazu. Er machte Tiergeräusche nach, zum Beispiel eines Pferdes. Nach und nach kamen auch die Zwänge. Er musste Menschen berühren oder eine Runde um das Wohnhaus laufen. Bei einem Tick ging er stets paar Schritte zurück, um weiter gehen zu können.

Wurde Dominiks Krankheit sofort diagnostiziert, als Sie wegen seiner Verhaltensauffälligkeiten zum Arzt gingen? Fühlten Sie sich gut betreut?

Nein. Der Arzt kannte die Erkrankung selbst nicht. Glaubte mir auch nicht, was ich Ihm da erzählte. Dominik konnte für einige Zeit seine Ticks unterdrücken. Viele Ärzte wussten nicht einmal, was das Tourette-Syndrom ist. Ich war verzweifelt, fühlte mich im Stich gelassen.

Wie wird Tourette denn überhaupt diagnostiziert?

Eine Diagnose ist sehr schwierig. Immer mehr Kinder leiden im Laufe ihrer Entwicklung an Störungen, die aber nicht lange andauern, das heißt innerhalb eines Jahr verschwinden. Ticks, die länger als ein Jahr andauern und mit Zwängen verbunden sind, sind schon ein Hinweis dafür, dass es sich um Tourette handeln kann. Eine Abgrenzung zwischen entwicklungsbedingten Ticks und dem Tourette-Syndrom ist für die Ärzte nicht so einfach.

Sie beschreiben Dominik als ein intelligentes, liebevolles und sehr umgängliches Kind, das Ihre Familie bereicherte und - wie es schien - eine normale Kindheit durchlebte. Wie veränderte die Diagnose Ihren Alltag?

Ich war sehr traurig, wenn ich Dominik mit seinen Ticks ansah. Oft weinte ich. Ich konnte nicht begreifen was dazu führte, dass aus einem gesunden Jungen, ein Junge mit so einem komischen Verhalten wurde. Ich besuchte mit Dominik viele verschiedene Ärzte und grübelte nach was dazu führen konnte dass Dominik sich veränderte.

Welche Auswirkungen hatte das auf Ihr laufendes Studium?

Mir war die Gesundheit meines Kindes viel wichtiger. Ich konnte mich nicht auf mein Studium konzentrieren. Es bedrückte mich viel zu sehr. Ich gab mein Studium auf und machte die Ausbildung zur Diplom-Krankenschwester. Ich wollte neben einem sicheren Job, meinem Sohn auch eine bessere medizinische Betreuung bieten.

Wie war es für Dominik, in die Schule zu gehen?

Nicht immer so wie wir gerne hätten. Erste Probleme kamen in der Volkschule. Obwohl sich Dominik so sehr auf die Schule freute, kam er manchmal wegen seiner Ticks weinend nachhause.

Dominik brauchte viel Aufmerksamkeit, die Sie und ihr damaliger Ehemann Ihrem Sohn gerne schenkten. Doch auch ihre Ehe, die Sie als sehr harmonisch beschreiben, litt unter Dominiks Krankheit. Wieso?

Dominiks Krankheit war nicht alleine Schuld an unserer zerrütteten Ehe. Da kamen noch andere Faktoren dazu, auf die ich in meinem Buch auch eingegangen bin.

Welche Therapie erhielt Dominik? Waren Sie zufrieden mit dieser Therapie?

Dominik bekam ein Psychopharmakon und ein blutdrucksenkendes Medikament. Diese Medikamente sollten ihn müde machen und damit seine Ticks mildern. Ich gab ihm diese nur für kurze Zeit, da sie viele Nebenwirkungen aufwiesen. Dominik bekam schlecht Luft, vor allem in der Nacht und hatte sehr oft Kopfschmerzen.

Was hat Sie schließlich dazu veranlasst, Dominik zur Aufnahmeprüfung für Ballett an der Wiener Staatsoper zu schicken?

Er tanzte sehr gerne. Einer seiner Berufswünsche war ein „Profi-Tänzer“ zu sein. Ich beobachtete dass er, wenn er tanzte, keine Tikcs hatte. Da kam ich auf eine Idee: Wie wäre es, wenn Dominik oft tanzen könnte. Eine Tanztherapie, und das nicht nur eine Stunde pro Woche, sondern jeden Tag. Dass er zur Wiener Staatsoper kam, war ein erfreulicher Zufall. Dass er tatsächlich die Prüfung schaffen wird, wusste ich bis zuletzt selbst nicht. Ich überließ alles dem Schicksal.

Wie fühlten Sie und Dominik sich, als er die Aufnahmeprüfung tatsächlich bestand?

Er war außer sich vor Glück. Freute sich und redete nur noch über das Tanzen. Ich war mächtig stolz auf ihn: Obwohl er krank war und nie zuvor Ballett-Unterricht hatte und mit 10 Jahren ein knappes Alter für Ballett hatte, bestand er die Aufnahmeprüfung mit Bravour. An dem Tag war ich so glücklich wie lange nicht mehr.

Wussten Dominiks Tanzlehrer von seiner Krankheit?

Nein, wir haben niemandem davon erzählt. Dominiks Angst rausgeworfen zu werden war viel zu groß! Nur einmal wurden wir von einem Tanzlehrer auf Dominiks Verhalten angesprochen.

Welche Auswirkungen hatte das Balletttraining auf Dominik und seine Tourette-Erkrankung?

Tägliches Balletttraining führte dazu, dass die Ticks immer weniger wurden. Dominik bekam mehr Selbstbewusstsein und.war einfach glücklich! Er lernte seine Ticks zu unterdrücken und sich nur auf das Tanzen zu konzentrieren. Sein Wunsch Tänzer zu werden war viel stärker als seine Ticks. Ich sage, dass Dominik seinen Ticks den Kampf erklärt hat und diese mit Hilfe des Balletts auch besiegte.

Gab es auch Zeiten, in denen sich Dominiks Zustand – trotz Tanzunterricht – wieder verschlechterte? Was waren die Gründe dafür?

Ja, zum Beispiel als sein Vater und ich uns trennten. Er litt darunter und seine Ticks wurden schlimmer.

Dominik war sehr zielorientiert. Er wollte unbedingt in so vielen Aufführungen wie möglich eingesetzt werden und die Ausbildung an der Staatsoper erfolgreich fortsetzen. Als er einmal die Ballettklasse wiederholen musste, war er gekränkt. Die Ballettdirektorin bat um eine Wiederholung, nicht wegen seines tänzerischen Könnens, sondern um ihn körperlich zu schonen. Er soll mit Mädchen, die jünger und leichter als die Gleichaltrigen sind, tanzen. Jedoch fühlte er sich so traurig, dass er aufhören wollte. Auch damals kamen die Ticks wieder.

Bemerken Fremde, die Dominik kennenlernen, jetzt überhaupt noch, dass er Tourette hat?

Nein. Jetzt bemerkt keiner was. Außer wenn jemand ihm die ganze Zeit konzentriert ins Gesicht starren würde und Dominik nervös wäre. Niemand würde auf die Idee kommen, dass Dominik Tourette hatte. Wenn er nervös wird, kurz mit Augen zwinkert oder hier und da kleine Zuckungen bekommt, wirkt das sogar sympathisch. Wir alle haben hin und wieder eine kleine Angewohnheit. Er ist Dank dem Ballett ein gesunder Junge geworden und ich bin sehr glücklich darüber.

Was fühlten Sie, als Ihr Sohn Dominik dann letztes Jahr den Wiener Opernball eröffnete? Welche Gedanken sind Ihnen durch den Kopf gegangen?

Zuerst hatte ich Angst. Wie bei jedem seiner Auftritte davor achtete ich darauf, dass kein Tick seinen Auftritt kaputt machen könnten. Als ob ich Einfluss darauf hätte... Ich glaube, dass ich die Einzige war, die sich mehr auf die Ticks, als auf den Tanz selbst konzentrierte. Erst, als alles vorbei war, war ich die allerglücklichste Mutter der ganzen Welt.

Wie hat sich Dominik gefühlt?

Als Sieger! Er hat sein gesetztes Ziel erreicht! Seinen Kampf gegen die Ticks hat er gewonnen!

Was raten Sie Eltern, deren Kinder ebenfalls unter Tourette leiden? Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Ich rate allen Eltern und deren Kinder die Krankheit anzunehmen, aber sich nicht unterkriegen zu lassen; einen Weg zu suchen, die Krankheit zu besiegen. Es gibt immer einen Weg.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, ein Buch über Dominiks und Ihre gemeinsame Geschichte zu schreiben?

Eigentlich wollte ich die ganzen Jahre verarbeiten. Dominik hat mir damals gesagt, dass erst, wenn er sein Ziel erreicht hat, darüber geredet werden dürfte. Er hätte sich sonst als Versager gefühlt. Mit seinem erreichten Ziel wollte er jedem, der an dieser Erkrankung leidet, zeigen, dass alles erreichbar ist. Zuerst wollte ich das Buch nur für Dominik und unserem engen Bekannten- und Familienkreis drucken lassen.

Wie findet Dominik diese Idee?

Er ist glücklich und stolz, dass das Buch so gut geworden ist. Er freut sich und begrüßt die Idee, dass seine Geschichte vielen helfen, Mut machen und Hoffnung geben kann.

Wer sollte Ihr Buch unbedingt lesen?

Dieses Buch spricht viele Lesergruppen an. Diejenigen, die Wert auf wahre Geschichten legen; alle, die Ticks haben oder alle von der Diagnose Tourette Betroffenen; Angehörige von Betroffenen, Pädagogen und Pädagoginnen; alle Tanzbegeisterten und die, die es noch werden wollen; Ärzte und medizinisches Personal. Meiner Meinung nach ist das Buch „TICK“ auch als Schullektüre gut geeignet. Es ist eine aus dem Leben gegriffene Erfolgsgeschichte, die den Schülern viel Gutes beibringen kann, nämlich wie man mit betroffenen Freunden umgehen kann.

Wir wünschen Admira und Dominik Vaida alles Gute!

"Tick: Wie mein Sohn mit Ballett das Tourette-Syndrom überwand" von Admira Vaida, edition a, 19,95 Euro

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