04.02.2017

Experten-Interview Lungenkrebs - innovative Therapiekonzepte

Oft wird Lungenkrebs erst sehr spät erkannt - bei Warnzeichen wie chronischem Husten sollte daher umgehend ein Arzt aufgesucht werden.

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Oft wird Lungenkrebs erst sehr spät erkannt - bei Warnzeichen wie chronischem Husten sollte daher umgehend ein Arzt aufgesucht werden.

Lungenkrebs ist eine der tückischsten Krebsarten. Treten Symptome auf, befindet sich der Krebs oft schon in einem fortgeschrittenen Stadium.

Neue und innovative Behandlungsmöglichkeiten sollen nun das körpereigene Immunsystem des Patienten im Kampf gegen den Krebs zu nutzen.

bildderfrau.de: Was passiert beim Lungenkrebs?

Prof. Dr. med. Martin Reck: Generell entsteht Krebs durch krankhafte Veränderungen körpereigener Zellen, die sich unkontrolliert teilen und vermehren. Durch dieses unkontrollierte Zellwachstum können sich bösartige Tumoren bilden, die in das umliegende Gewebe einwachsen und dieses zerstören können. Beim Lungenkrebs geht das Tumorwachstum vom Lungengewebe aus, also den Zellen, die die Bronchien auskleiden.

Diese Tumoren nennen Ärzte fachsprachlich „Lungenkarzinome“. Bösartige Lungentumoren können außerdem Tochtergeschwülste bilden, „Metastasen“ genannt, die dann auch in anderen Körperregionen auftreten.

Welche Symptome treten bei Lungenkrebs auf?

Im Frühstadium verursacht Lungenkrebs tückischer Weise oft keinerlei Beschwerden. Erst im fortgeschrittenen Stadium, das heißt wenn sich der Tumor bereits im Körper ausgebreitet hat, zeigen sich Symptome, die jedoch oft vielen Krankheitsbildern zugeordnet werden können. Hierzu zählt zum Beispiel hartnäckiger oder chronischer Husten, der sich in seiner Ausprägung verändert. Blutige Auswürfe können ein Warnsignal sein.

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Eine schwerfällige oder pfeifende Atmung, Fieberschübe und Abgeschlagenheit, ein ungewollter Gewichtsverlust und Schmerzen im Brustbereich können mögliche, müssen aber keine Indizien für Lungenkrebs sein. Falls ein Patient bei sich Beschwerden dieser Art bemerkt, heißt das aber nicht zwingend, dass er an einer Tumorerkrankung leidet. Insbesondere bei starken Rauchern kann es sich auch „nur“ um eine chronische Bronchitis oder eine Lungenentzündung handeln. Die Beschwerden sollten dennoch generell ernst genommen und mit dem Arzt abgeklärt werden.

Bei welchen Anzeichen sollte ein Arzt aufgesucht werden?

Da Lungenkrebs häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium Symptome zeigt, sollten Betroffene auf die Warnsignale ihres Körpers hören und bei Beschwerden, die in Zusammenhang mit Lungenkrebs stehen, immer sicherheitshalber einen Arzt aufsuchen. Der Arzt kann durch zielgerichtete Untersuchungen die Verdachtsdiagnose Lungenkrebs bestätigen beziehungsweise ausschließen. Sollte es sich bei den Beschwerden um Anzeichen von Lungenkrebs handeln, sind die Chancen für einen positiven Therapieverlauf größer, wenn der Tumor so früh wie möglich erkannt wird.

Was bedeutet die Diagnose Lungenkrebs für einen Patienten?

Die Diagnose ist für viele Patienten natürlich erst einmal ein Schock. Man fragt sich „Warum gerade ich? Sowas passiert doch nur anderen“. Eine Krebserkrankung kann auch Angst auslösen, weil Krebs heute immer noch für viele untrennbar mit dem drohenden Tod verbunden ist. Natürlich ist diese Angst verständlich, allerdings tut sich in der Krebsforschung aktuell einiges.

So steht seit einiger Zeit zusätzlich zu bisherigen Therapien, wie zum Beispiel der Chemo- oder Strahlentherapie, eine innovative Behandlungsform, die sogenannte Immuntherapie, zur Verfügung. Diese hat Wirksamkeit in zahlreichen Studien gezeigt und kann die Prognose von Patienten relevant verbessern.

Nichtsdestotrotz stellt eine Krebsdiagnose einen tiefen Einschnitt im Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen dar. Das Leben aller Beteiligten wird für eine ganze Weile umgekrempelt. Berufliche und private Pläne rücken erstmal in den Hintergrund, da alles rund um die notwendigen Untersuchungs- und Behandlungstermine herum organisiert werden muss.

Welche Personen sind besonders gefährdet, an Lungenkrebs zu erkranken?

Hauptrisikofaktor ist nach wie vor das „aktive“ sowie „passive“ Rauchen. Vier von fünf Lungenkrebstodesfällen sind auf das Rauchen zurückzuführen. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, an Lungenkrebs zu erkranken, ist abhängig von der Anzahl der Raucher-Jahre und der täglich gerauchten Zigaretten. Auch das Alter, in dem mit dem Rauchen begonnen wurde, ist relevant.

Natürlich gibt es noch weitere Risikofaktoren wie Umwelteinflüsse und erbliche bzw. genetische Veranlagung. Diese spielen im Hinblick darauf, dass schätzungsweise 80 bis 90 Prozent aller Lungentumoren auf das Rauchen zurückgeführt werden können, allerdings nur eine geringere Rolle.

Warum steigt bei Frauen die Zahl der Lungenkrebs-Erkrankungen an?

Seit den 1960er Jahren ist Lungenkrebs bei Männern die häufigste Krebstodesursache. Weil sich das Rauchen bei Frauen erst wesentlich später verbreitet hat als bei Männern, ist die Sterblichkeit in Folge von Lungenkrebs bei Frauen erst in den letzten Jahren so deutlich angestiegen. Man schätzt, dass der Lungenkrebs bei Frauen in den nächsten Jahren den Brustkrebs als häufigste Todesursache ablösen wird.

Wie wird Lungenkrebs therapiert?

Wenn sich der Verdacht auf Lungenkrebs bestätigt hat, muss schnell gehandelt werden. Die Art der Therapie ist dabei abhängig vom Tumorstadium, dem allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten und davon, ob es sich um kleinzelligen oder nicht-kleinzelligen Lungenkrebs handelt. Solange der Tumor lokal begrenzt ist, ist die Entfernung des betroffenen Lungengewebes und der umliegenden Lymphknoten durch eine Operation die Therapie der Wahl.

Im fortgeschrittenen Stadium, wenn der Krebs bereits in benachbartes Gewebe gewandert ist, die Lymphknoten befallen oder Tochtergeschwülste ausgebildet hat, wird in der Regel zunächst eine Chemo- und/oder Strahlentherapie zur Krebsbekämpfung eingesetzt. Dabei wird in die Zellteilung der Krebszellen eingegriffen, wodurch diese zerstört beziehungsweise ihre Ausbreitung eingedämmt oder sogar gestoppt werden kann.

Zielgerichtete Krebsmedikamente, die in spezifische Signal- oder Stoffwechselvorgänge der Krebszellen eingreifen, dienen in der Regel dazu, das Fortschreiten der Krebserkrankung zu verhindern beziehungsweise zu verlangsamen und belastende Symptome abzuschwächen. Die Sterberate bei Lungenkrebs ist immer noch hoch.

Dies verdeutlicht, dass der Bedarf an effektiven Therapien, die das Fortschreiten der Krebserkrankung vermindern, weiterhin sehr groß ist. Neue Ansätze bieten innovative Medikamente, z.B. aus dem Bereich der Immunonkologie, die darauf abzielen, das körpereigene Immunsystem für den Kampf gegen den Krebs stark zu machen und zu reaktivieren.

Wie sind die Heilungschancen bei Lungenkrebs?

Leider gehört Lungenkrebs zu den Krebsarten mit ungünstiger Prognose. Bei Männern ist es mit Abstand die häufigste Krebstodesursache. Bei Frauen ist es die zweithäufigste.

Wie die Heilungschancen sind, hängt auch hier mitunter vom Tumorstadium, dem Gesundheitszustand des Patienten und vom Krebstyp ab. Eine Heilung ist in den meisten Fällen nur möglich, wenn das Tumorgewebe vollständig entfernt werden kann. Das gelingt in der Regel nur, wenn der Krebs sich noch nicht in anderen Organen ausgebreitet hat.

Dies ist leider beim Lungenkrebs selten der Fall – die meisten Patienten werden mit einer fortgeschrittenen Erkrankung diagnostiziert. Bei Frauen liegt die Wahrscheinlichkeit, fünf Jahre nach der Diagnose Lungenkrebs noch zu leben, bei 21 Prozent, bei Männern bei ca. 16 Prozent.

Warum sind die Heilungschancen bei Lungenkrebs so gering?

Das Tückische ist, dass es nur wenige typische Anzeichen und Symptome gibt. Lungenkrebs kann sich schon in einem frühen Stadium im Körper verbreiten bezwiehungsweise Metastasen bilden. Die Lungenkrebs-Diagnose ist oftmals nur eine Zufallsdiagnose, wenn es beispielsweise zu Problemen kommt, die durch Metastasen in anderen Organen entstehen. Richtige Symptome, die unmittelbar vom Lungenkrebs ausgehen, treten somit häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium auf.

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Welche neuen Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Seit kurzer Zeit werden, wie bereits schon angedeutet, immunonkologische Medikamente bei Patienten angewandt. Im Vergleich zu bisher eingesetzten Therapien werden beim immunonkologischen Ansatz die Krebszellen nicht direkt angegriffen, sondern vielmehr das körpereigene Immunsystem des Patienten im Kampf gegen den Krebs genutzt. Das heißt, die körpereigenen Immunzellen werden so gestärkt und aktiviert, dass sie die Krebszellen wieder angreifen und vernichten können.

Bis vor kurzem wurden diese immunonkologischen Therapien bei Patienten mit Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium angewendet, die eine Vorbehandlung, zum Beispiel in Form einer Chemotherapie oder Bestrahlung, bekommen haben. Die medizinische Forschung hat mittlerweile gezeigt, dass auch bestimmte Patienten mit Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium ohne Vorbehandlung mit einer Chemotherapie, unter Umständen von immunonkologischen Medikamenten profitieren können. Das ist eine bahnbrechende Entwicklung.

Was raten Sie Patienten, die die Diagnose Lungenkrebs bekommen haben?

Die Diagnose Lungenkrebs ist zweifelsohne für jeden Menschen eine enorme Belastung. Die Angst wird oftmals zusätzlich durch die notwendigen Behandlungen verstärkt. Daher ist es wichtig, Betroffene darüber aufzuklären, dass es auch innovative Therapiekonzepte gibt, die auch im fortgeschrittenen Lungenkrebs-Stadium die Prognose für Patienten verbessern können.

Gibt es Berufsgruppen, die besonders gefährdet sind, an Lungenkrebs zu erkranken?

Neben dem aktiven Tabakkonsum und dem Passivrauchen als Hauptrisikofaktor, kann auch der Arbeitsplatz eine Rolle bei der Krebsentwicklung spielen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn dort bestimmte krebserregende Substanzen eingeatmet werden. Diese sind dann besonders in Kombination mit dem Rauchen gefährlich.

Bestimmte Berufsgruppen sind unter diesen Umständen einem erhöhten Krebsrisiko ausgesetzt. Dazu gehören besonders Arbeiter, die vermehrt in Kontakt mit Asbest, Arsen, Chrom, Nickel, Beryllium, Cadmium, aromatischen Kohlenwasserstoffen sowie Dieselabgasen kommen. Dies ist beispielsweise in der Metallverarbeitung, in der Kohlegas- und Koksherstellung, in Gießereien oder der Gummiherstellung der Fall.

Bei Chemiearbeitern, die mit dem krebserregenden Halogenäther in Berührung kommen und Winzern, die arsenhaltige Schädlingsbekämpfungsmittel nutzen, wird Lungenkrebs sogar als Berufskrankheit anerkannt.

Wie können Angehörige oder Freunde einen Lungenkrebs-Patienten unterstützen?

Diese Frage kann leider nicht pauschal beantwortet werden. Es ist schwierig Angehörigen und Freunden Ratschläge zu geben, wie sie die Krebspatienten am besten unterstützen können. An Lungenkrebs erkrankt zu sein, ist für die meisten Menschen eine sehr belastende Diagnose. Jeder Betroffene reagiert anders.

Der Patient selbst wünscht sich unter Umständen andere Hilfe, als die, die Freunde oder Verwandte in einer solchen Situation geben. Die Bedürfnisse des Betroffenen ändern sich möglicherweise auch im Laufe einer Erkrankung. Ratsam ist es also immer die Patienten selbst nach ihren Bedürfnissen zu fragen und die eigene Anteilnahme zu zeigen. Vielen Patienten geht es schon allein aufgrund der Tatsache besser, dass sie nicht allein mit ihrer Erkrankung sind.

Außerdem können nahestehende Personen die Patienten bei der Informationssuche unterstützen. Unter www.krebsinformationsdienst.de finden Patienten und Angehörige zum Beispiel weiterführende Informationen zum Thema immunonkologische Therapieoptionen bei fortgeschrittenem Lungenkrebs. Diese können dabei helfen, den Ablauf einer Therapie besser zu verstehen und Ängste abzubauen.

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