21.04.2016

Interview Mit Depressionen den Alltag meistern: Armin Sengbusch

Foto: ©Armin Sengbusch

Armin Sengbusch hat Depressionen. Er leidet an Dysthymie. Doch der Künstler findet immer neue kreative Wege, sich mit der Krankheit zu befassen...

 

BildderFrau.de: Würden Sie sich bitte kurz unseren Leserinnen vorstellen und uns erzählen, was Sie hauptberuflich machen?

Armin Sengbusch: Ich bin tatsächlich der, für den ich mich ausgebe: Armin Sengbusch, ein Künstler auf vielen Ebenen. Ich habe bislang acht Bücher veröffentlicht, die zweite CD erscheint im Juni und trete regelmäßig auf diversen Bühnen auf. Außerdem habe ich sehr lange als Sportfotograf gearbeitet. Die Fotografie habe ich aber aus zeitlichen Gründen sehr stark eingeschränkt. Zurzeit mache ich überwiegend künstlerische Bilder mit dem Smartphone und zeige sie auf Instagram.


Seitdem es das Internet gibt, bin ich auf den verschiedensten Plattformen unterwegs, um mich auszutauschen und um andere Menschen kennenzulernen, weil mir das im realen Leben sehr schwer fällt.

Sie sind unter anderem als Autor, Musiker, Fotograf, Poetry Slammer und Schauspieler unterwegs – wie vereinbaren Sie so viele Berufe mit dem eines Familienvaters?

Als ich im Juni 2012 Vater geworden bin, habe ich die Auftritte stark zurückgeschraubt. Und zwar, weil ich einfach mehr Zeit für meine Familie haben wollte. Ich arbeite gern und gehe in der Kunst auf. Wenn man aber wie ich die richtigen Menschen gefunden hat, und man sogar mit ihnen zusammenleben darf, dann ist das auch mein Lebensmittelpunkt in den ich viel Energie investiere.

Finanziell bedeutet das, dass wir uns extrem einschränken müssen, aber meine Frau Melanie, die auch Künstlerin ist, hat damit keine Probleme und letztlich haben wir ein Dach über dem Kopf und mein Sohn hat auf jeden Fall immer genug zu essen. Dennoch gibt es immer wieder Zeiten, in denen ich stärker in Projekte eingebunden bin. Da ist es dann eine Frage der Kommunikation und des Miteinanders. Denn auch meine Frau möchte weiterhin auftreten. Also teilen wir die Arbeit im Haushalt und die Erziehung des Sohnes auf.

>> Markus Kavka: "Es hilft, wenn die Gäste die Kamera vergessen"

Sie bezeichnen sich auf Ihrer Webseite scherzhaft als einen der brillantesten Köpfe des Planeten und – weniger scherzhaft – als Opfer chronischer Depressionen. Seit wann leiden sie an Dysthymie und wie äußert sich die Krankheit bei Ihnen?

Seitdem ich neun Jahr alt bin, gibt es diese Phasen, in denen ich mich nicht mehr bewegen will und einfach nur meine Ruhe haben möchte. Ich befinde mich in einer Grauzone, die im ungünstigsten Fall ins tiefe Schwarz wechselt. Mein Leben spielt sich psychisch permanent unterhalb des Niveaus ab, das ein geistig gesunder Mensch als Normalzustand bezeichnet. Ich trage eine Dunkelheit in mir, die sich nur selten vertreiben lässt. Wenn es doch geschieht und ich einen durchgehend lichten Moment erlebe, dann durchlöchere ich ihn mit Zweifeln. Ich kritisiere mich dauernd, lebe und arbeite sehr zurückgezogen, weil ich das Gefühl habe, mit meiner Gegenwart andere zu stören.

Die Lösung war und ist, dass es wichtig ist, raus zu gehen – sowohl physisch als auch psychisch. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Aktivität das Allheilmittel bei Depressionen ist. Nur ist das eben eine der schwierigsten Aufgaben für einen depressiven Menschen.

Welchen Vorurteilen begegnen Sie als Depressiver? Welche falschen Vorstellungen haben die Menschen von der Krankheit?

Geistig gesunde Menschen sind oft der Meinung, dass Depressive nie lachen, immer schlecht gelaunt sind und jede Party sprengen. Das kann sicher auch zutreffen, aber jeder Mensch mit Depressionen versucht, so gut wie möglich mit seiner Krankheit zu leben und möglichst wenig aufzufallen. Außerdem – und das ist einer der wichtigsten Punkte, wenn man die Krankheit in den Griff bekommen will – ist es elementar, seine Grenzen auszuloten und auch bereit zu sein, sie zu übertreten.

Wir Depressiven führen ein Leben wie jeder andere auch. Wir haben nur extreme Schwierigkeiten, es zu bewältigen und unseren Alltag zu meistern. Kleinigkeiten werden für uns unüberwindbare Hürden: Das beginnt schon mit dem Aufstehen, weil die Dunkelheit wie Blei auf der Bettdecke liegt.

Mir fällt es zum Beispiel oft schwer, einen Brief zur Post zu bringen. Aber daran muss ich eben arbeiten, mich motivieren, mich disziplinieren und lernen, solche alltäglichen Dinge zu bewältigen und über meinen Schatten springen. Es kostet Kraft und wahnsinnig viel Energie, ist aber wichtig, um sich von der Krankheit nicht übermannen zu lassen.

Für geistig gesunde Menschen kaum vorstellbar, weil sie die Mechanismen der Krankheit gar nicht kennen. Zudem gibt es unzählige Formen der Depression. Es gibt keinen Prototyp, den man sofort erkennt und sagen kann: »Ah, ja, klar, du bewegst dich wie ein Depressiver.«

Eine weit verbreitete Reaktion von Außenstehenden ist Unverständnis und Verharmlosung. Ganz oft höre ich, dass es anderen Menschen doch viel schlechter gehen würde als mir. Oder dass es doch gar nicht so schlimm sei, mal einen schlechten Tag zu haben. Vor einigen Jahren habe ich mich in wilde Diskussionen verstrickt, um den Menschen diese Krankheit nahezubringen und die Problematik daran zu erklären. Heute weiß ich, dass viele ihre Vorurteile und Meinungen nicht über den Haufen werfen, geschweige denn überdenken. Es fehlt einfach das Verständnis.

Sie sind verheiratet und haben Kinder. Wie geht Ihre Frau, wie gehen Ihre Kinder mit Ihrer Krankheit um?

Meine Familie ist mein Fixpunkt, mein Anker und mein Licht in der Dunkelheit. Neben der Kunst ist das der wichtigste Punkt in meinem Leben, und ich denke, dass vielen depressiven Menschen genau das fehlt: Ein verständnisvolles Umfeld und einen Kanal, um seinen Kopf zu entleeren.

Meine Frau ist für mich ein Glücksfall – und das ist ihrer Aussage nach auch umgekehrt der Fall. Sie hat für mich Verständnis und ist gleichzeitig jemand, der mich wieder auf den richtigen Weg bringt, ohne mich zu drängen. Und mein Sohn ist das Großartigste, was mir passieren konnte. Ich versuche, ihm ein positives Lebensgefühl zu vermitteln und meine Krankheit nicht zum Thema werden zu lassen. Dadurch gibt es viele Situationen, in denen ich mich zusammenreiße, die Tränen wegwische und die Zähne zusammenbeiße. Schließlich wäre es fatal, ihm vorzuleben, dass Rückzug eine Lösung ist.

Sie sind das Gesicht eines Youtube-Kanals und eines kabarettistischen Bühnenprogramms, in dem Sie sich offen mit dem Thema Depressionen auseinandersetzen. Wie sind Sie dazu gekommen, sich multimedial mit Ihrer Krankheit auseinandersetzen?

Als ich 1997 meine eigene Internetseite bekam, entstand dort ein Tagebuch, das dem privaten Gebrauch diente. Ich schrieb dort auf, wie ich durch die Tage trieb und was mir alles schwer fiel, weil ich ein Muster, einen Rhythmus erkennen wollte. Außerdem wählte ich die digitale Form, weil ich meine Notizbücher ständig irgendwo liegen ließ. Durch einen Programmierfehler wurden die Einträge öffentlich und es fanden sich schnell Leser, die Anteil nahmen und mir für die Worte dankten. Zu diesem Zeitpunkt war das Thema Depression noch komplett unbekannt, und ich hatte immer angenommen, ich sei damit allein.

In Gesprächen, Chats und dem Austausch von Emails habe ich dann erfahren, dass ich mit meinen Worten anderen Menschen helfen kann und dass es wichtig ist, die Krankheit publik zu machen. Seitdem spreche ich in meinem Solo-Programm darüber, setze mich sowohl ernsthaft als auch humoristisch damit auseinander. Meine erste CD »Ich kann fühlen, dass du einsam bist« bezeichne ich als »Depressive Pop«, weil sich mehrere Lieder mit dem Thema auseinandersetzen.

Ich habe außerdem eine Fotoserie erstellt, die die Gedanken und Bilder aus meinem Kopf für andere sichtbar machen sollen. Je mehr Aufmerksamkeit diese Krankheit bekommt, desto mehr Menschen werden sie akzeptieren. Und hoffentlich muss mir dann niemand mehr heimlich anvertrauen, dass er meine Kunst total gern mag, weil er auch depressiv ist, es sein Chef aber nicht wissen darf.

Ihre Videos sind sehr persönlich, poetisch und eindringlich. Sie eröffnen eine Sicht in Ihre Psyche, in die Gedankengänge einer depressiven Persönlichkeit. Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihren Videos? Dienen sie der Aufklärung, sind sie eine Form der Selbsttherapie, künstlerischer Ausdruck – oder alles in einem?

Es ist tatsächlich alles in einem, wobei mein Augenmerk in erster Linie auf der Aufklärung liegt. Youtube ist der Ersatz für das Fernsehen, damit kann man viele Menschen erreichen, und sie brauchen nicht einmal zu lesen, es reicht, wenn sie zuhören.

An zweiter Stelle steht die Selbsttherapie, weil jedes Wort, das ich über die Krankheit verliere, mich der Lösung etwas näher bringt. Therapie ist letztlich alles, was ich tue und in allem was ich tue, steckt die Kunst - deswegen bin ich auch Künstler. Das gehört zu meinem Leben und ist davon auch nicht zu trennen. In jedem Fall freue ich mich, wenn ich durch die Videos einigen Menschen weiterhelfen kann – auch mir selbst.

Sie treten als Wortakrobat unter dem Pseudonym „Schriftstehler“ auf. Was zeichnet einen Schriftstehler aus? Was macht er mit Texten und Medien?

Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, was ein Schriftstehler tut. Das Pseudonym entstand bei der Wahl der Internetdomain: Ursprünglich wollte ich schriftsteller.de haben. Die war aber natürlich schon vergeben. Also überlegte ich kurz, mit welchem Begriff ich so dicht wie möglich an Schriftsteller herankäme. Voilà, der Schriftstehler war geboren. Ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht, bis mich mal jemand nach einem Auftritt fragte, von wem ich denn stehlen würde.

Sie gehen als Poetry Slammer und Sänger mit Gitarre auf die Bühne – Sie suchen die Nähe des Publikums. Das entspricht so gar nicht dem gängigen Bild eines Depressiven, oder?

Naja, das ist auch eines der Vorurteile über Depressive und ich bin froh, dass es zahlreiche prominente Bespiele gibt, die das widerlegen. Robin Williams ist nur einer von denen, die den Kampf gegen die inneren Dämonen verloren haben – wer ihn live erlebt hat, hat sicher niemals daran gedacht, dass er an Depressionen litt.

In meinem Fall ist das ähnlich. Viele Menschen, die mich auf der Bühne sehen, sprechen mich auf meine Energie an und dass ich so ein positiver Mensch sei. Ich denke, das trifft auch zu, hindert die Depression allerdings nicht daran, mich ständig zu begleiten. Abschütteln lässt sie sich nun mal nicht, egal wohin ich gehe.

Jeder Mensch hat mehr als eine Schublade, in die er sich stecken lassen kann: Nur, weil jemand keine Beine hat, bedeutet es ja nicht, dass er unsportlich ist und wenn jemand kein Französisch spricht, kann er trotzdem Urlaub in Frankreich machen. Es ist dann eben immer nur etwas schwieriger – und so ist es auch für mich auf der Bühne. Meistens schaffe ich es, die Menschen auszublenden und für mich zu spielen, dadurch haben dann am Ende alle etwas davon. Sogar ich, wenn ich merke, dass es anderen Spaß gemacht hat, mir zuzuhören.

Wie sollten Freunde und Angehörigen mit Depressiven umgehen?

Es gibt drei Kernpunkte, die Freunde und Verwandte beherzigen können, ohne dass es kompliziert wird. Erstens ist da das Verständnis für die Situation, das man unter anderem erlangen kann, indem man sich eingehend über die Krankheit informiert und sie dann auch ernst nimmt – Zweifel und Kritik sind hingegen extrem kontraproduktiv. Zweitens ist Liebe und eine warme Umarmung oft viel mehr wert als jedes Wort. Und drittens ist es gut, wenn man es schafft, den Depressiven zur Aktivität zu bewegen.

Das ist das Schwierigste für einen Außenstehenden und vielleicht damit vergleichbar, einen Fisch mit bloßen Händen zu fangen – deshalb ist Geduld ebenfalls sehr wichtig. Mist, das sind vier Punkte. Wahrscheinlich werden es noch mehr, wenn ich länger darüber nachdenke. Letztlich sind wir Depressiven keine Aussätzigen, sondern leiden nur an einer Krankheit, die man nicht sehen kann und auch nur schwer erklären kann. Für einen geistig gesunden Menschen ist es dann so, als müsse er plötzlich an Gott glauben, den er auch weder sehen noch verstehen kann. Es ist nicht leicht, aber je mehr Menschen darüber Bescheid wissen, desto einfach wird es. Daran glaube ich.

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