15.04.2016

Interview Schmerzen beim Sex: Penetrationsstörung bei Frauen

Foto: ©Paivina Care

Frauen mit Genito-Pelviner Schmerz-Penetrationsstörung (GPSPS) haben Schwierigkeiten und Schmerzen beim Sex. Wir befragten Dipl.-Psych. Anna-Carlotta Zarski dazu.

BildderFrau.de: Hallo Frau Zarski, danke, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben, um einige Fragen zu Ihrem aktuellen Forschungsprojekt zu sexuellen Funktionsstörungen bei Frauen zu beantworten.

Würden Sie sich bitte kurz unseren Leserinnen vorstellen und uns erzählen, was Sie beruflich machen?

Anna-Carlotta Zarski: Ich bin Diplom-Psychologin und arbeite als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Mein Forschungsschwerpunkt liegt in der Entwicklung und Evaluation internetbasierter Gesundheitsprogramme mit Fokus auf sexuellen Funktionsstörungen bei Frauen.

Wie sind Sie Diplom-Psychologin geworden und was fasziniert Sie an dem Beruf?

Ich habe Psychologie studiert, weil ich großes Interesse an der Vorbeugung und Behandlung psychischer Krankheitsbilder habe. Unserer Arbeitsgruppe ist es ein Anliegen, einen Beitrag zu wirksamen und wissenschaftlich geprüften Angeboten zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindes zu leisten.

Sie betreuen ein Forschungsprojekt „zur Förderung der sexuellen Gesundheit und des sexuellen Wohlbefindens bei Frauen“. Wie ist das Projekt zustande gekommen und welches Erkenntnisinteresse verfolgen Sie damit?

Sexuellen Funktionsstörungen bei Frauen wurde bislang sowohl in der Forschung als auch hinsichtlich der Behandlung wenig Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl der Bedarf nach Behandlungsangeboten groß ist. Wir haben deshalb ein internetbasiertes Training entwickelt, das speziell auf die Bedürfnisse von Frauen mit Genito-Pelviner Schmerz-Penetrationsstörung ausgerichtet ist, die keinen Geschlechtsverkehr haben können. Das Programm zeichnet sich dadurch aus, dass es anonym und flexibel zeit- und ortsunabhängig genutzt werden kann. In einer wissenschaftlichen Studie möchten wir das Training nun auf seine Wirksamkeit hin testen. Ein ähnliches Programm hat sich in einer Vorläuferstudie bereits vielversprechend in der Behandlung von Vaginismus gezeigt.

Sie forschen zum Thema der Genito-Pelvinen Schmerz-Penetrationsstörung (GPSPS). Was umfasst dieser Begriff?

Frauen mit Genito-Pelviner Schmerz-Penetrationsstörung (GPSPS) leiden beim vaginalen Einführen des Penis unter Schwierigkeiten und Schmerzen, welche den Geschlechtsverkehr beeinträchtigen oder unmöglich machen. Diese Probleme treten auf, obwohl bei den Frauen der Wunsch nach Sexualität besteht und keine körperlichen Ursachen vorliegen. Die beschriebenen Schwierigkeiten können auch bereits bei der Einführung von Tampons oder Fingern in die Vagina auftreten. Häufig treten begleitend Ängste bezüglich des vaginalen Einführens oder Ängste vor möglichen Schmerzen auf, welche die Betroffenen belasten.

Sie haben am Lehrstuhl für klinische Psychologie und Psychotherapie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg ein onlinebasiertes Programm zur Behandlung der Genito-Pelvinen Schmerz-Penetrationsstörung (GPSPS) entwickelt. Wie funktioniert es und wie können betroffene Frauen es durchlaufen?

Paivina-Care ist ein onlinebasiertes Selbsthilfe-Training, das aus 8 Einheiten besteht, die jederzeit von zu Hause aus an einem Computer bearbeitet werden können. Das Training selbst vermittelt Techniken zu vaginalem Einführen, Partner- und Entspannungsübungen sowie Strategien zur Verbesserung des Umgangs mit negativen Gedanken und Gefühlen. Das Gelernte kann zwischen den Trainingseinheiten in Übungen vertieft und in einem Online-Tagebuch festgehalten werden. Teilnehmerinnen erhalten beim Trainieren Unterstützung durch eine persönliche Betreuerin, die Rückmeldung zu bearbeiteten Übungen gibt. Im Rahmen unserer wissenschaftlichen Studie kann das Paivina-Care Training aktuell erfreulicherweise kostenfrei angeboten werden.

Hat die Genito-Pelvine Schmerz-Penetrationsstörung (GPSPS) psychologische oder physiologische Ursachen?

Die Genito-Pelvine Schmerz-Penetrationsstörung kann durch physiologische Ursachen ausgelöst werden. Die Beschwerden gehen allerdings nicht ausschließlich auf einen medizinischen Faktor zurück. Aufrechterhalten wird das Krankheitsbild durch psychische Faktoren, wie der Angst vor Schmerzen und negativen Erfahrungen sowie der Vermeidung von Geschlechtsverkehr und sexueller Intimität im Allgemeinen.

Wie weit verbreitet ist die Genito-Pelvine Schmerz-Penetrationsstörung (GPSPS)? Und warum ist sie nicht so bekannt wie der Vaginismus oder die Dyspareunie?

Die Diagnose der Genito-Pelvinen Schmerz-Penetrationsstörung vereint die beiden Diagnosen Vaginismus (Penetrationsstörung) und Dyspareunie (sexuelle Schmerzstörung), da beide Krankheitsbilder eng miteinander verbunden sind. Genaue Zahlen zur Verbreitung der Genito-Pelvinen Schmerz-Penetrationsstörung sind aktuell noch unbekannt. Aus Studien in Nordamerika wissen wir, dass ungefähr 15% der Frauen anhaltende Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs haben. Schwierigkeiten mit vaginalem Einführen betreffen zwischen 0.4% und 6.8% der Frauen der Normalbevölkerung.

Welche psychologischen Folgen hat die Genito-Pelvine Schmerz-Penetrationsstörung (GPSPS) auf Betroffene? Wie können diese Patientinnen ihre Angst überwinden?

Die Genito-Pelvine Schmerz-Penetrationsstörung hat in vielen Fällen zur Folge, dass Geschlechtsverkehr nur unter Schmerzen und Angst möglich ist oder aus diesen Gründen komplett vermieden wird. Es entsteht ein Teufelskreis aus Angst und Vermeidung sexueller Situationen, der verhindert, dass betroffene Frauen neue Strategien des vaginalen Einführens ausprobieren und gegenteilige positive Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr machen können. Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, ist es am besten, an drei Faktoren anzusetzen: Gedanken, Gefühlen und Verhalten. Das bedeutet konkret, Strategien für den Umgang mit negativen Gedanken und Gefühlen zu erlernen und schrittweise vaginales Einführen und systematische Entspannung des ganzen Körpers insbesondere des Beckenbodens zu üben. Eine Einbeziehung des Partners in das Training ist darüber hinaus empfehlenswert, um gemeinsam alte Verhaltensmuster zu durchbrechen.

Was sollten Frauen, die eine Genito-Pelvine Schmerz-Penetrationsstörung (GPSPS) bei sich vermuten als erstes tun? Wohin sollten Sie sich wenden?

Bei Schwierigkeiten oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr ist es als erstes wichtig, mit einer Gynäkologin oder einem Gynäkologen medizinische Ursachen abzuklären, wie zum Beispiel eine Infektion oder Blasenentzündung. Sobald eine medizinische Ursache für die aktuellen Beschwerden ausgeschlossen werden konnte, empfehlen wir, sich psychologische Unterstützung in Form einer Psychotherapie oder Paartherapie zu suchen. Eine Teilnahme an unserem psychotherapeutisch fundierten Online-Training Paivina-Care stellt ebenso eine Behandlungsmöglichkeit dar.

Wo können unsere Leserinnen online mehr zum Thema erfahren?

Alle interessierten Leserinnen können unter www.Paivina-Care.info weitere Informationen zu dem Thema finden und sich für eine Teilnahme an dem Paivina-Care Online-Training zur Bewältigung von GPSPS anmelden.

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Wir danken für das sehr informative Gespräch!

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