Aktualisiert: 10.10.2020 - 22:04

Was essen bei Reizdarm und Co? Wie die Ernährung Darmprobleme wirklich lindern kann

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Wenn der Darm nicht will, soll die "richtige" Ernährung ja wahre Wunder wirken. Wann das tatsächlich hilft und warum ärztliche Beratung immer wichtig ist.

Foto: iStock.com/fizkes

Wenn der Darm nicht will, soll die "richtige" Ernährung ja wahre Wunder wirken. Wann das tatsächlich hilft und warum ärztliche Beratung immer wichtig ist.

Blähungen, Durchfall, Verstopfung – von bestimmten Nahrungsmitteln sollte man dann die Finger lassen. Allerdings sind viele vermeintliche Regeln zur Ernährung bei Reizdarm und Darmentzündungen gefährliche Irrglauben.

Wir leben in einer Zeit, in der die "richtige" Ernährung scheinbar alles heilen kann. Noch nie zuvor haben sich Menschen so viele Gedanken über Ernährungsformen gemacht. Gleichzeitig leiden schätzungsweise 11 Millionen Deutsche am Reizdarmsyndrom, die Mehrheit davon ohne Diagnose. Treten häufig Blähungen, Durchfall, Verstopfung und Bauchschmerzen auf, wird ihnen von (wohlmeinenden) Mitmenschen zu allerlei geraten. Man solle auf Gluten, Kuhmilch, Zucker verzichten, sich vegan ernähren, Rohköstler werden oder heilfasten. Die ein oder andere erfährt dadurch sicher Linderung, als wissenschaftlich gesicherte Therapie kann aber nichts davon gelten.

Plötzlich und / oder regelmäßige auftretende Verdauungsprobleme müssen immer vom Arzt abgeklärt werden. Zunächst geht es darum, mögliche Ursachen zu bestätigen oder auszuschließen. Je nachdem, was die Untersuchungen ergeben, kann dann eine Ernährungsanpassung Teil der Behandlungsstrategie sein. Allerdings kann beispielsweise bei chronisch-entzündlichen Darmererkrankungen (CED) nichts etwas an den zugrunde liegenden Immunreaktionen ändern. Darüber hinaus lassen sich aber Symptome lindern und die Darmgesundheit allgemein stärken.

Erfahren Sie hier, was Experten und Wissenschaftler zur Ernährung bei Darmproblemen und -reizungen raten, was sich nachweislich bewährt hat und wo die Grenzen liegen.

Reizdarmsyndrom und Ernährung: Diagnose nach Symptomen

Es ist weit verbreitet und kann hinter vielen Beschwerden stecken, aber das Reizdarmsyndrom muss immer eine Ausschlussdiagnose sein. Vielmehr ist es ein Sammelbegriff für verschiedene Magen-Darm-Symptome ohne erkennbare Ursache. Laut der Barmer Krankenkasse liegt ein Reizdarmsyndrom vor, wenn folgende Punkte erfüllt sind:

  • Chronische, also länger als drei Monate anhaltende, Darm-Beschwerden, wie Bauchschmerzen und Blähungen.
  • In Regel gehen mit den Beschwerden Stuhlgangveränderungen einher, wie Durchfall oder Verstopfung.
  • Die Beschwerden lassen sich auf den Darm zurückführen.
  • Die Beschwerden sind so ausgeprägt, dass der Patient deswegen Hilfe sucht oder in der Lebensqualität eingeschränkt wird
  • Es lassen sich keine organischen Veränderungen finden (wie z.B. Darmpolypen), die charakteristisch für Erkrankungen mit den gleichen Symptomen sind.

Noch ist nicht bekannt, was genau zum Reizdarmsyndrom führt, wahrscheinlich gibt es nicht den einen Auslöser. Das Nervensystem des Verdauungstraktes wird als wichtiger Faktor angesehen, da über die Nervenzellen die Darm-Muskulatur und damit die Verdauung gesteuert wird. Wird das Nervensystem gestört, z.B. bei psychischem und körperlichem Stress, stört das auch die Darm-Bewegung. Auch akute Infekte und die Zusammensetzung der Darmflora scheinen eine Rolle zu spielen, erklärt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Selbst wenn Ernährung nicht der Auslöser eines Reizdarms ist, gibt es mittlerweile einige wertvolle Erkenntnisse, wie Ernährung ihn positiv beeinflussen kann.

Ernährung beim Reizdarmsyndrom: FODMAPs vermeiden

Grundsätzlich ist für jeden Menschen wichtig, sich ausgewogen zu ernähren, um den täglichen Nährstoffbedarf zu decken. Dazu gehören nach der Empfehlung der DGE reichlich Obst und Gemüse, Vollkorn- und Milchprodukte und ein bis zweimal wöchentlich Fisch und fettarmes Fleisch. Davon ausgehend haben die meisten Mensch individuelle Vorlieben und Nahrungsmittel, die sie nicht so gut vertragen. Beim Reizdarmsyndrom sollten diese so gut wie möglich gemieden werden, um das Verdauungssystem nicht zusätzlich zu belasten. Besonders reizend können z.B. sehr fette und frittierte Speisen, Geräuchertes, stark Gewürztes und Alkohol wirken. Außerdem haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr die sogenannten FODMAPs als mögliche Reiz-Faktoren herauskristallisiert.

FODMAP ist die Abkürzung für Fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole – das sind vergärbare Kohlenhydrate und Zuckeralkohole. Sie bilden bei der Verdauung im Darm besonders schnell Gase. FODMAPs, die wir häufig konsumieren sind u. a. in:

Fructose: Der Fruchtzucker kommt natürlich in Obst und Obstsäften vor, ist aber auch oft als Zusatz zur Süßung von Lebensmitteln enthalten, z.B. in Getränken und Backwaren.

Lactose: Der Milchzucker ist besonders in Kuhmilch und Kuhmilchprodukten enthalten, wie z.B. Joghurt, Sahne, Frischkäse.

Oligosaccharide: Die Mehrfachzucker sind in verschiedenen Früchten und Gemüse, wie in Zwiebeln, Lauch, Bohnen, Weißkohl und Weizen, enthalten.

Alditole: Die Zuckeralkohole kommen natürlich vor, können aber auch industriell hergestellt werden. Sie werden als Süßungsmittel bzw. Ersatz für Haushaltszucker verwendet, z. B. Sorbit, Xylit und Mannit. Alditole finden sich daher besonders häufig in Diät-Produkten und auch in Trockenfrüchten.

Natürlich kann langfristig niemand komplett auf FODMAPs verzichten bzw. sie vermeiden, aber schon eine zeitweise Ernährungsumstellung bringt vielen Reizdarm-Betroffenen eine Erleichterung. Dann kann erkannt werden, welche Lebensmittel besonders schlecht vertragen werden. Wie eine FODMAP-Diät funktionieren kann und welche Lebensmittel besonders kritisch oder förderlich sind, lesen Sie hier in unserem großen FODMAP-Ernährungsratgeber.

Zusätzliche Verdauungshilfe: Leinsamen, Probiotika und Co

Dem Reizdarm hilft, was allgemein der Verdauung guttut. Vielen Menschen, die unter Verstopfung leiden, helfen Ballaststoffe weiter. Bewährt haben sich u. a. Flohsamen und Leinsamen, die man ganz einfach in Joghurt einrühren oder zu Smoothies geben kann. Die DGE weist darauf hin, dass diese löslichen Ballaststoffe besser geeignet sind als wasserunlösliche Ballaststoffe, z. B. in Weizenkleie, da Letztere eher Blähungen auslösen.

Mit der Darmflora ist es wie mit der "richtigen" Ernährung – sie soll alles heilen bzw. an allem schuld sein. Das ist zu kurz gedacht, es gibt zwar bei vielen Krankheiten Hinweise auf einen Zusammenhang mit den Bakterienkulturen im Darm, aber die Henne-Ei-Frage lässt sich nur schwer klären. Ist man krank, weil die Darmflora verändert ist, oder ist die Darmflora verändert, weil man krank ist? Zum Glück ist das in der Praxis zweitrangig, wenn es darum geht, mit Probiotika der Verdauung etwas Gutes zu tun. Probiotika sind wertvolle Bakterienkulturen, die helfen, eine veränderte Darmflora wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Sie sind beispielsweise speziellen Joghurts zugesetzt, oder können als Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden. Dass die optimale Besiedlung mit Darmbakterien ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems ist, ist unbestritten. Insofern profitiert nicht nur die Verdauung von einer gesunden Darmflora, sondern der ganze Körper.

Ernährung bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Auch wenn sie manchmal den Reizdarm-Symptomen ähneln, handelt es sich bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) um etwas anderes, nämlich nachweisbare Entzündungen der Darmschleimhaut. Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa sind die Hauptvertreter der CED und auch ihre Ursachen sind bislang nicht vollständig geklärt. Bei einem Krankheitsschub findet eine Immun-Reaktion (bzw. Entzündung) in verschiedenen Darmabschnitten statt, unter der Betroffene stark leiden. Ständige Durchfälle, Blutungen, Schmerzen und Nährstoffmangel können Folgen einer CED sein, manchmal müssen Darmabschnitte auch operativ entfernt werden.

Es ist wichtig, es noch einmal festzuhalten: Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa können nicht durch Ernährung geheilt werden. An den zugrunde liegenden Immun-Reaktionen ändern Lebensmittel nichts. Die Deutsche Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa Vereinigung (DCCV) erklärt hierzu: "Obwohl die Ernährung ein wichtiger Faktor bei der Behandlung der Erkrankung ist, gibt es keine Crohn- oder Colitis-Diät."

Die Experten empfehlen Betroffenen, sich individuell beraten zu lassen, die Ernährungsbedürfnisse sind z. B. je nach Krankheitsphase unterschiedlich. Die Kosten für eine Ernährungstherapie bei CED übernimmt die Krankenkasse ganz oder teilweise. Dafür müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein – die CED muss diagnostiziert sein, der behandelnde Arzt muss ein Rezept ausstellen und der / die Ernährungsberater*in muss zertifiziert sein. Dann heißt es auch nicht "Ernährungsberatung" sondern "Ernährungstherapie", da es sich um die unterstützende Behandlung einer Krankheit handelt. Wie etwa Morbus Crohn außerdem therapiert und zuerst einmal erkannt wird, erklärt hier ein Gastroenterologe und CED-Spezialist.

Grundsätzlich können die Betroffenen einen Morbus-Crohn- oder Colitis-Schub vielleicht nicht aufhalten, aber die Schwere und Wahrscheinlichkeit abmindern. Hilfreich ist – wie gegen alle Krankheiten – eine gesunde Lebensweise mit regemäßiger Bewegung und wenig oder ohne Alkohol und Zigaretten.

Noch viel mehr Infos zu wissenschaftlich fundierten Tipps für das Leben mit Morbus Crohn, fachliche Beratung und Austausch mit anderen Betroffenen gibt es bei der Deutschen Morbus Crohn / Colitis Ulcerosa Vereinigung DCCV.

Weiterführende, detaillierte Informationen zur Ernährung beim Reizdarmsyndrom hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) zusammengestellt.

Was Sie noch bei Reizdarm-Symptomen wie Verstopfungund generell für Ihre Verdauung tun können, lesen Sie auf unseren Themenseiten. Dort finden Sie auch weitere Informationen zu vielseitigen Diätkonzepten.

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