Aktualisiert: 26.06.2020 - 16:36

Kraut gegen Covid-19 Hilft Beifuß gegen das Coronavirus?

Der Einjährige Beifuß, Artemisia annua, wird in Asien, Afrika und Südamerika schon seit Ewigkeiten als Heilpflanze eingesetzt. Jetzt haben deutsche Forscher herausgefunden: Sein Wirkstoff könnte auch gegen Covid-19 wirken. Dazu bedarf es aber jetzt klinischer Studien.

Foto: imago images / Xinhua

Der Einjährige Beifuß, Artemisia annua, wird in Asien, Afrika und Südamerika schon seit Ewigkeiten als Heilpflanze eingesetzt. Jetzt haben deutsche Forscher herausgefunden: Sein Wirkstoff könnte auch gegen Covid-19 wirken. Dazu bedarf es aber jetzt klinischer Studien.

Schon länger wird auf Madagaskar mit einem Beifuß-Kräutermittelchen gehandelt, das gegen das Coronavirus helfen soll. Eine deutsche Studie zeigt nun: Die Heilpflanze hat tatsächlich Potenzial. Warum ein mysteriöser Tee dennoch keine gute Idee ist.

Ist etwa doch ein Kraut gegen Covid-19 gewachsen? Bestimmte Extrakte aus der Artemisia-Pflanze – so wird der Einjährige Beifuß auch genannt – scheinen gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 wirksam zu sein. Bestätigt hat das jetzt eine Laborstudie. Klinische Studien müssen jetzt folgen. Währenddessen wird auf Madagascar und in diversen afrikanischen Ländern schon mit einem pflanzlichen Gemisch als "Wundermittel" gehandelt. Warum davon aber abzuraten ist und man jetzt besser auf weitere Ergebnisse aus der Medizin warten sollte, erfahren Sie hier.

Artemisia annua: Mit Beifuß gegen Covid-19?

Bekannt ist der einjährige Beifuß bzw. vielmehr der daraus gewonnene Wirkstoff Artemisinin bereits aus der Malariaforschung. Gegen die Krankheit wird das Mittel seit über 20 Jahren erfolgreich eingesetzt. Seit Aufkommen des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 ist das Kraut Artemisia annua wieder in den Fokus geraten. Jetzt hat sich auch eine Forschergruppe des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung der Pflanze angenommen und nachgeforscht, ob das Kraut tatsächlich etwas gegen Covid-19 ausrichten kann.

"Bei der neuen Studie haben wir Reinsubstanzen der Artemisia-Pflanze extrahiert und dann mit dem Virus zusammengebracht", berichtet Peter Seeberger vom Max-Planck-Institut, zusammen mit Kerry Gilmore Leiter und Initiator der Studie, an der auch Virologen der Freien Universität Berlin mitgewirkt haben. Für die Studie haben die Forschenden in den USA gezüchtete Beifußpflanzen untersucht.

Im einjährigen Beifuß stecken verschiedene Stoffe, die die Wissenschaftler extrahiert haben: Sie haben dann geschaut, inwiefern reines Artemisinin sowie verwandte Derivate und Gemische des Stoffes gegen Sars-CoV-2 wirken. Seeberger arbeite schon länger mit Beifuß-Pflanzen, berichtet er in einer Pressemitteilung der FU Berlin: "Nachdem ich mit Verbindungen aus Beifuß-Pflanzen gearbeitet hatte, war ich mit den interessanten Aktivitäten der Pflanzen gegen viele verschiedene Krankheiten vertraut, einschließlich einer Reihe von Viren." Daher habe man da einen genaueren Blick im Zusammenhang mit dem Coronavirus auf die Pflanze werfen wollen.

Artemisinin-Extrakte behindern das Wachstum von Viren

Mit einem so klaren Ergebnis hätten die Forscher nicht gerechnet, berichten sie: Vor allem Extrakte von Artemisinin sind gegen Sars-CoV-2 aktiv. Aus den Blättern der Pflanze hatten sie mit reinem Ethanol sowie mit destilliertem Wasser den Stoff extrahiert. Diese beiden Extrakte lieferten die besten Ergebnisse und wirkten am stärksten antiviral. Zum ethanolischen Extrakt hatten die Wissenschaftler noch Kaffee hinzugegeben und konnten die virale Aktivität damit sogar noch erhöhen.

Nur Artemisinin allein scheint nicht ausreichend zu sein im Kampf gegen das Coronavirus. "Ich war überrascht, dass Artemisinin-Extrakte merklich besser funktionierten als reine Artemisininderivate und dass die Zugabe von Kaffee die Aktivität weiter steigerte", erklärt Klaus Osterrieder, Professor für Virologie an der Freien Universität Berlin.

Klinische Studien sollen folgen

Am medizinischen Zentrum der University of Kentucky sollen jetzt aufbauend auf den Studienergebnissen klinische Studien mit Artemisia annua in Zusammenhang mit Kaffee und Tee folgen. Zusätzlich gibt es eine klinische Studie zum Artemisinin-Derivat und Malaria-Mittel "Artesunate". Und in Mexiko möchte man ebenfalls klinische Studien durchführen. Dass jegliche Artemisia-Extrakte gründlich getestet werden müssen, bevor sie als "Wundermittel" angepriesen werden, betonen die Forscher vom Max-Planck-Institut immer wieder.

Warnung vor angeblichem Wundermittel "Covid Organics"

Pflanzliche Heilmittel haben vor allem bei der Behandlung von Infektionskrankheiten enorm viel Potential und werden schon lange in Asien, Afrika und Südamerika angewandt. Sie können aber auch große Nebenwirkungen mit sich bringen. Aus diesem Grund warnt unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO auch vor dem angeblichen madagaskinischen Wundermittel "Covid Organics". Sogar Madagaskars Präsident Andry Rajoelina hatte das Gebräu bereits Ende April präsentiert und vor laufender Kamera getrunken. Der Kräutertrunk wurde bereits aus anderen afrikanischen Ländern bestellt.

Die Forscher vom Max-Planck-Institut jedoch konnten trotz Nachfragen nichts von dem Mittel erhalten, um es genauer zu untersuchen. Denn wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit und vor allem Unbedenklichkeit des Mittels gibt es nicht. "In den letzten Wochen wurden wir immer wieder darum gebeten, etwas zu dem in Madagaskar produzierten Covid Organics zu sagen. Wir haben intensiv versucht, etwas davon zu bekommen", erklärt Seeberger in der Pressemeldung. Proben habe man aber leider keine erhalten.

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Artemisinin wird erfolgreich gegen Malaria eingesetzt – aber nur in Kombinationstherapie

Artemisinin wurde 1972 erstmals aus dem Einjährigen Beifuß gewonnen. Für die Entdeckung des sekundären Pflanzenstoffes erhielt die chinesische Chemikerin und Pharmazeutin Tu Youyou im Jahr 2015 sogar den Medizin-Nobelpreis. Sie hatte damit den Weg bereitet für die Anwendung des Stoffes im Kampf gegen Malaria.

Das Problem jetzt: Zwar wird Artemisinin in einer Kombinationstherapie erfolgreich bei Malaria gegeben und findet bei Millionen von Erwachsenen und Kindern Anwendung, da es geringe bis gar keine Nebenwirkungen hat. Jedoch gibt es Bedenken, dass sich bei zu hohem Einsatz des Mittels Resistenzen gegen Malaria-Erreger entwickeln können. Daher rät Seeberger davon ab, das Mittel vor allem in Malaria-Gebieten einfach drauf los zu nehmen: "Wir möchten diejenigen, die in Malaria-endemischen Gebieten leben, davor warnen, diese Extrakte einzunehmen. Wir sollten wirklich warten, bis kontrollierte, klinische Studien durchgeführt wurden."

Artemisinin ist nicht das einzige Malaria-Mittel, das bei der Suche nach einem Wirkstoff gegen Sars-CoV-2 berühmt geworden ist. Auch dem Malaria-Medikament Hydroxychloroquin wurde viel Aufmerksamkeit geschenkt – unter anderem durch US-Präsident Donald Trump, der das Mittel sogar präventiv geschluckt hatte. Doch mittlerweile sind Studien abgebrochen worden. Zu hoch seien die potentiellen Nebenwirkungen.

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Quelle: FU Berlin

Studie: Gilmore et al. "Artemisia annua Plant Extracts are Active Against SARS-CoV-2 In Vitro", (2020). Preprint – zur Publikation eingereicht

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