26.08.2016

Typenfrage Tibetische Lehre gegen Übergewicht: Ernährung ist Typenfrage

Foto: PADMA AG

Dr. Herbert Schwabl erforscht pflanzliche Inhaltsstoffe und empfiehlt die tibetische Konstitutionslehre für ein gesundes Leben. Wir haben ihn interviewt.

bildderfrau.de: Würden Sie sich bitte kurz unseren Leserinnen und Lesern vorstellen und uns erzählen, was Sie beruflich machen?

Dr. Herbert Schwabl: Schon früh habe ich begonnen, mich für die Zusammenhänge des Lebens zu interessieren: was zeichnet Lebewesen aus? Fragen der Ökologie, was bedeutet Gesundheit? Ich habe dann in Wien Physik, die ja die naturwissenschaftliche Grundlage für solche Fragen bietet, studiert und später promoviert.

Sie sind Forschungsleiter und Eigentümer des Schweizer Unternehmens PADMA, welches sich der Erforschung pflanzlicher Inhaltsstoffe verschrieben hat und spezielle Kräutermischungen nach tibetischen Rezepturen fertigt. Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Unternehmen gekommen?

Im Zuge einer Forschungsarbeit kam ich in Kontakt mit Tibetischen Kräuterrezepturen. Damit war der Kontakt in die Schweiz gelegt, wo diese Kräuterrezepturen schon seit den 1960er Jahren produziert werden. Nach meinem Studium bekam ich dann die Möglichkeit, dieses Unternehmen zu leiten.

Eine jüngere Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) des Robert-Koch-Instituts hat ergeben, dass jede zweite Frau und zwei Drittel der Männer in Deutschland Übergewicht haben. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung? Sind daran nur die Smartphones und die mangelnde Bewegung Schuld oder liegt es an der falschen Ernährung?

Die moderne Lebensweise hat sich sehr weit von unseren biologischen Ursprüngen entfernt. Unsere Vorfahren mussten oft Zeiten des Hungerns überstehen, generell waren die Nahrungsmittel nicht jederzeit und im Übermaß verfügbar.

Heute gibt es nahezu alles jederzeit zu kaufen, sodass die Regale in den Geschäften und der Kühlschrank zu Hause prall gefüllt sind. Diese einfach verfügbare Energie erleichtert unsere Mobilität, wir verwenden Autos oder statt Treppensteigen nehmen wir einen Aufzug. Genauso ist es bei der Ernährung. Zucker und Fette sind überall präsent. Unser Körper ist aber darauf programmiert, diese energiereichen Stoffe einzuspeichern, denn es könnte ja wieder ein Nahrungsmangel eintreten.

Dazu kommt die moderne Zubereitung, Stichwort Fast-Food, die noch dazu wenig auf unsere Gesundheit ausgerichtet ist, sondern durch Zucker und Fett ein schnelles Geschmackserlebnis garantiert.

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Sie berufen sich bei Ihren Ernährungstipps auf die tibetische Konstitutionslehre. Wer gilt als Urheber dieser Lehre und auf welchen Maximen beruht sie?

Die Tibetische Konstitutionslehre wurde vor ungefähr 1200 Jahren in Tibet eingeführt. Demgemäß hat jeder Mensch einen eigenen Typ, eine spezifische Grundkonstitution. Der Lauf des Lebens, die Umwelt und die Ernährung verschieben nun das energetische Profil weg von dieser Grundkonstitution. Wird diese durch Belastung übermäßig strapaziert, kann sich daraus eine Krankheit entwickeln. Daher ist es wichtig, entsprechend der eigenen Konstitution zu leben oder bei Belastungszuständen entsprechende Unterstützung zu suchen.

Welche Rolle spielt die Kirschpflaume (Myrobalane) in dieser Lehre?

Die Myrobalane ist mit ihrem herben und bitteren Geschmack eine der zentralen Pflanzen bei der Komposition der Tibetischen Rezepturen. Auch die moderne Forschung weiß, dass diese pflanzlichen Schutzstoffe entzündungshemmend und positiv auf das Immunsystem wirken.

Worin unterscheiden sich die Tipps aus der tibetischen Konstitutionslehre von den gängigen Ernährungstipps der deutschen Experten?

Hier möchte ich zwei Beispiele geben:

Zum einen ist den Tibetern die Verdauungsenergie sehr wichtig, da eine gute Verdauung die Basis für unsere Gesundheit ist. Bei uns im Westen kennt man dieses Konzept nicht. Stattdessen ist es in unserer Kultur beispielsweise üblich, ein Getränk eiskalt zu trinken. In der tibetischen Anschauung sind aber wärmende Speisen und Getränke, unterstützt durch aromatische Gewürzkräuter, hilfreich, um die Verdauungsenergie anzuregen.

Zum anderen gibt es das Konzept der Herb- und Bitterstoffe. Die Tibeter haben früh erkannt, dass die herben und bitteren Substanzen in den aromatischen Pflanzen auch wichtige Botenstoffe für unsere Gesundheit enthalten. Da unser Körper diese Schutzstoffe nicht selbst herstellen kann, müssen wir sie dem Organismus selbst zuführen. In der modernen Ernährung sind aber genau die Geschmacksrichtungen „Herb“ und „Bitter“ nahezu vollständig verschwunden.

Können Sie uns einige der Verhaltensanweisungen aus der Lehre benennen, die grundlegend sind für ein langfristig anhaltendes Wunschgewicht?

Grundsätzlich ist ein gesunder Körper von innen und außen wichtiger als ein Schönheitsideal. Die Gesundheit und das Wohlbefinden sind aus der Sicht der Tibetischen Konstitutionslehre von Person zu Person unterschiedlich. Je nach Konstitutionstyp, der Natur und der Verdauung sind unterschiedliche Faktoren zu beachten. Dementsprechend eignet sich mehr Bewegung, allenfalls in Kombination mit Kräuterrezepturen, für die Verdauung, die Leber oder für die innere Ruhe.

In der Tibetischen Konstitutionslehre unterscheidet man dabei zwischen drei Typen/Körperenergien: Tripa (Hitze/Galle), rLung (Wind) und Beken (Schleim aus den Elementen Erde und Wasser). Jeder Mensch hat seine individuelle Konstitution, meist eine Mischform dieser drei Typen.

Zum Beispiel sollten Tripa-Typen gemäß der Lehre eher auf schwere Kost verzichten, also fettige, frittierte und ölige Speisen meiden. Fleisch kann in geringen Mengen verzehrt werden, wobei auf Schweinefleisch verzichtet werden sollte. Rohkost ist für diesen Typen kein Problem, da genug Hitze vorhanden ist, um es zu verdauen. Auf allzu scharfes Essen sollte hingegen verzichtet werden. Zudem empfiehlt es sich besonders beim Mittagessen auf eine sehr leichte Kost zu achten, also keine öligen oder frittierten Speisen sowie nicht zu viel Fleisch zu essen.

Beken-Typen wird vor jedem Essen empfohlen, ein Glas heißes Wasser zu trinken. Wenn möglich, sollten es morgens auf nüchternen Magen sogar zwei Gläser sein. Beim Essen sollten fettige, süße und frittierte Speisen vermieden werden. Sehr wichtig ist beim Beken-Typen auch die Bewegung, wobei gilt: je mehr, desto besser.

Die Bewegung kann dabei gut in den Alltag integriert werden. Statt mit dem Auto kann man mit dem Fahrrad fahren oder einfach zu Fuß gehen, Treppen laufen statt den Lift benutzen, Spaziergänge machen usw. Um das Gewicht zu reduzieren, ist es optimal das Abendessen ausfallen zu lassen, oder zumindest auf sehr leichte Kost umzusteigen. Zudem sollte die letzte Mahlzeit spätestens bis 19.00 Uhr erfolgen. Nach dem Essen sollte man auch auf Joghurt oder Eiscreme verzichten.

Zudem gilt Nahrungsmittel mit süßem Geschmack, wie Reis, Kartoffeln, Getreide usw., zu meiden und keine Süßgetränke zu trinken. Früchte sind hingegen ok und als Snacks auch besser geeignet als Nüsse, da diese sehr ölig sind.

Was sollte man am Morgen zu sich nehmen?

Ein guter Start in den Tag beginnt mit einem Glas heißem Wasser und einem Brei aus Flocken und Apfel, den man mit etwas Ingwer kurz aufkocht und mit frischen Früchten serviert. Wichtig ist dabei keinen zusätzlichen Zucker zuzugeben. Da heißes Wasser die Verdauung ankurbelt und in Balance hält ist es für alle Typen zu empfehlen.

Gemäß der Tibetischen Konstitutionslehre sind heiße Getränke auch gut für die Durchblutung und bei einer Erkältung, Halsweh oder Husten am Morgen hilfreich. In das heiße Wasser kann auch frischer Ingwer gegeben werden. Je nach Geschmack lässt sich das Getränk mit Honig noch verfeinern.

Grundsätzlich ist für alle Typen das Frühstück sehr wichtig. Es ist sogar wichtiger als das Mittagessen. Zum Frühstück kann alles gegessen werden, was den einzelnen Typen bekommt. Zu empfehlen sind Früchte, saisonales Gemüse, Fleisch, Eier (gut für die Energie), Flocken, Tsampa (die tibetische Variante von Getreidemüsli aus Gerstenmehl), Porridge, Birchermüsli usw.

Ebenso gibt es auch Kräuter, die eine wärmende Funktion haben. Die tibetische Granatapfelrezeptur „Se bru 5“ wird beispielsweise angewendet, um die Verdauungswärme zu steigern und sollte auch am besten morgens eingenommen werden.

Darf man mittags alles essen, was einem schmeckt?

Das Mittagessen sollte generell eher leicht ausfallen, d.h. nicht zu fettig, frittiert oder zu schwer sein. Aber dies ist auch hier von Typ zu Typ unterschiedlich.

Im Speziellen sollten die Beken-Typen, wie oben erwähnt, wenn möglich auf schwere und fettige Kost sowie süße Nahrung (Reis, Kartoffeln, Weizen) verzichten. Körperlich arbeitende Personen brauchen hingegen typenunabhängig ein reiches Mahl. Dies kann hier auch schwerer ausfallen, da die Energie am Nachmittag wieder benötigt wird.

Wenn auf das Abendessen verzichtet wird, darf auch das Mittagessen größer und reichhaltiger ausfallen.

Auf was sollte man beim Abendessen völlig verzichten?

Auf schweres und spätes Essen. Für alle Typen gilt dabei, dass das Abendessen eine direkte Verbindung zum Geist/Kopf hat. Das Bedeutet: je schwerer man zu Abend isst, desto träger ist gemäß der tibetischen Lehre der Körper und Geist am nächsten Morgen.

Für einen klaren, scharfen und konzentrierten Kopf in der Früh empfiehlt es sich, ein leichtes Abendessen zu sich zu nehmen. Wichtig ist auch nicht zu spät zu essen. Alles bis 19.00 Uhr ist hierbei ideal. Bei einem Ungleichgewicht von rLung (Wind) ist - wie bereits erwähnt - das Frühstück oder Abendessen sehr wichtig.

Wie und wann sollte man trinken, um den Hunger besser zu steuern?

Die Tibetische Konstitutionslehre spricht von der Aufteilung in 4 Teile, um eine ausgewogene Verteilung von Durst und Hunger zu steuern. Eine Mahlzeit sollte bestehen aus:

2 Teile Nahrung

1 Teil Flüssigkeit

1 Teil Wind (Leere/Raum)

Sinnvoll sind 1.5 – 2 Liter Flüssigkeit über den Tag verteilt. Hierfür bieten sich Wasser (nicht zu kalt, eventuell sogar warmes Wasser) und ungesüßte Getränke an.

Wann und wie oft sollte man Sport in seinen Alltag einbauen?

Auch hier kommt es auf die individuelle Konstitution an:

Tripa-Typ: Früh am Morgen oder am späten Nachmittag, wenn es nicht zu heiß ist. Die kalte Jahreszeit ist besser für Sport geeignet. Nach dem Essen ist Sport nicht zu empfehlen. Außerdem sind für diesen Typen zu starke Anstrengungen nicht sinnvoll, da dann zu viel Hitze im Körper erzeugt wird. Daher ist zu langes Joggen oder Ausdauersport nicht optimal.

rLung-Typ: Am besten morgens. Optimaler Weise macht dieser Typ so lange Sport, bis er schwitzt, dann ist genug. Meditation ist bei rLung-Typen gut, um den Wind zu kanalisieren. Wichtig ist hierbei jedoch, dass man mit kleinen Einheiten beginnt und sich Schritt für Schritt steigert. Auch Yoga, Pilates und Atemübungen sind hilfreich für einen ausgewogenen Körper und Geist. Im Gegensatz zum Tripa-Typ sollte der rLung-Typ einen leeren Magen vor dem Sport vermeiden. Hierfür eignen sich kleine Snacks, wie Oliven, Käse, Nüsse, usw, zwischendurch oder vor dem Sport.

Beken-Typ: Sport ist, egal zu welcher Tageszeit, immer gut. Je mehr, desto besser. Aber man sollte klein anfangen und sein Pensum kontinuierlich aufbauen. Wenn der Beken-Typ an einem Tag zwei Stunden Sport treibt und am nächsten Tag von Muskelkater geplagt wird, fällt es ihm sehr schwer sich aufzurappeln, um weiter zu machen. Trägheit kann bei diesem Typen schnell Überhand nehmen. Daher sollte die Kondition und die Lust am Sport langsam aufgebaut werden.

Wie wichtig ist der Schlaf in der Lehre?

Sehr wichtig, denn Körper und Geist brauchen diese Erholung. Empfohlen werden 8 Stunden Schlaf, wobei die beste Zeit von 22.00 Uhr – 6.00 Uhr wäre. Schlaf ist auch besonders wichtig, wenn zu viel rLung vorhanden (rLung-Typ oder rLung Ungleichgewicht) ist. Da die rLung-Energie im Alter steigt gibt es den Mythos, dass ältere Leute weniger Schlaf brauchen.

Aber auch im Alter ist genügend Schlaf wichtig, denn bei einem Mangel können Symptome wie Herzrasen oder mentale Probleme häufiger auftreten. Bei einem Beken-Typ ist der Schlaf nach dem Essen kontraproduktiv. Der Beken-Typ sollte sich stattdessen bewegen.

Was ist der erste wichtige Schritt zu einem gesünderen Essverhalten? Den Kühlschrank leer machen?

Kurz zusammenfassen kann man das folgendermaßen:

  • Grundsätzlich saisonale Nahrung kaufen und konsumieren (saisonale Früchte, Gemüse)
  • Genug Schlaf
  • Heißes Wasser morgens oder Kräuterrezepturen, um die Verdauungshitze anzukurbeln
  • Weniger Abendessen oder zumindest sehr leicht
  • Natürliche Lebensmittel bevorzugen
  • Nicht zu salzig – vor allem Tripa- und Beken-Typen sollten auf Salz verzichten

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Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview!

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