05.05.2017

Angst vor Krankheit Interview mit einem Hypochonder

Neun Prozent der Gesamtbevölkerung leiden an einer echten Hypochondrie, der Krankheitsangst. Selbstdiagnosen und Arztbesuche gehören da zum Alltag. Bei den wirklich extremen Ausprägungen hillft nur noch eine Therapie.

Foto: iStock/demaerre

Neun Prozent der Gesamtbevölkerung leiden an einer echten Hypochondrie, der Krankheitsangst. Selbstdiagnosen und Arztbesuche gehören da zum Alltag. Bei den wirklich extremen Ausprägungen hillft nur noch eine Therapie.

Wer an Hypochondrie leidet, misstraut seinem Körper grundsätzlich. Wie ist so ein Leben in der ständigen Befürchtung, zu erkranken?

Sein Buch sei eine „humoristische Selbstbegegnung“. Als Reporter ist es Andreas Wenderoth gewöhnt, über seine Erfahrungen als Hypochonder zu schreiben. Jetzt hat er sie in einem selbstreflektierten, humorvollen Buch zusammengefasst.

Auch wenn das Klischee des wehleidigen, hypochondrischen Mannes verbreitet ist, tritt die krankhafte Angst vor Krankheiten bei Männern und Frauen gleich stark auf. Hypochondrie ist die anhaltende und ausgeprägte Angst, schwer körperlich erkrankt zu sein. Minimale Veränderungen werden als krankhaft eingeschätzt – in den meisten Fällen eine Fehlinterpretation. Auch wenn sich eine Erkrankung medizinisch nicht belegen lässt, bleiben Hypochonder überzeugt von ihren selbstdiagnostizierten Symptomen.

„In erster Linie habe ich es geschrieben, um allen Frauen mit hypochondrischen Partnern ein Denkmal zu setzen. Denn sie sind die wahren Helden der Wirklichkeit.“

Das Buch „Nur weil ich Hypochonder bin, heißt das ja nicht, dass ich nichts habe“ gibt einen Einblick in das Leben eines Mannes, dessen körperliches Befinden stets im Vordergrund steht. Humorvolle Anekdoten über das Zusammenleben von Andreas Wenderoth mit seiner Lebensgefährtin bieten einen tollen Guide für alle Frauen, die verstehen wollen, wie Männer ticken, denen es anscheinend gesundheitlich nie gut geht.

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Interview mit einem Hypochonder

BILD der FRAU.de: Herr Wenderoth, wann haben Sie bemerkt, dass Sie ein Hypochonder sind?

Andreas Wenderoth: Ich kann mich eigentlich gar nicht an eine Zeit erinnern, in der ich keine Angst vor Krankheiten gehabt hätte. Seitdem ich vor drei Jahren mit meiner Freundin zusammengezogen bin, fällt es mir – und ihr – allerdings besonders auf. Vorher habe ich, selbst in meinen langjährigen Beziehungen, nie mit Frauen zusammengewohnt. Langsam wird mir auch klar, warum.

Sind Sie diagnostizierter Hypochonder?

Natürlich, ich habe mich ja selbst diagnostiziert. Ein Arzt hatte bisher noch nicht den Mut, mir das auf den Kopf zuzusagen, aber in der Regel sage ich es ja IHM. Nein, im Ernst, es gibt zum Beispiel einen international anerkannten Hypochondrie-Test, den sogenannten Whiteley-Index, nach dem ich mich leider mit gutem Recht als Hypochonder bezeichnen darf.

Inwiefern wird die Hypochondrie zur Hälfte Teil aller Gespräche, die Sie führen?

Wenn ich die Selbstgespräche mit dazu rechne, ist der Anteil sicherlich noch viel höher. Ich fand es früher manchmal befremdlich, wenn sich meine Eltern am Esstisch ausdauernd über Krankheiten unterhalten haben. Eigene, fremde oder potentielle. Heute erkenne ich, das hat durchaus seinen Reiz. Leider verweigert mir meine Freundin diese Gespräche, weil sie von zuhause gelernt hat, dass man über Krankheiten nicht spricht.

Selbstdiagnose

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie Ihrem Körper ununterbrochen zuhören? Wie darf ich mir das vorstellen?

Ein Gluckern im Magen, ein Ziehen im Hals, das Schlagen des Herzens – die Sinfonie des Körpers hält mich ganz schön auf Trab. Ich würde mich als guten Zuhörer bezeichnen, und wenn mir irgendwas unregelmäßig erscheint oder gar weh tut, würde ich das niemals als etwas betrachten, was ich vernachlässigen könnte. Meistens höre ich ja schon etwas, bevor es weh tut. Denn nur weil im Moment alles zu stimmen scheint, muss das ja nicht so bleiben.

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Gibt es gewisse Medikamente, Vitamintabletten oder ähnliches, die sie täglich oder beinah täglich einnehmen?

Sagen wir, ich bin verführbar, was den breiten Markt der Nahrungsergänzungsmittel angeht. Da ich ja ständig annehme, dass mir etwas fehlt, versuche ich natürlich gegenzusteuern. Den umfangreichsten Teil in meiner Wohnung nimmt natürlich die Hausapotheke ein. Würde man sie komplett aus der Wohnung entfernen, könnte man dort stattdessen mühelos einen Swimmingpool errichten.

Seelen-Krise Hypochondrie?

Inwieweit wenden Sie sich von Optimismus ab?

Ich wende mich nicht ab von ihm, denn dazu müsste ich mich ihm ja erst einmal zuwenden. Aber so ganz optimistisch ist ein Hypochonder natürlich nie, sonst wäre er ja keiner. Wer das Schlimmste annimmt, kann allerdings nie enttäuscht werden. So gesehen hat der Pessimismus natürlich auch seine positiven Seiten.

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Der deutsche Schriftsteller, Lyriker und Verleger Gregor Brand sagte: „Hypochonder sind kranker als sie denken.“ Wie stehen Sie dazu?

Ich denke, da muss man unterscheiden: Wenn jemand klinischer Hypochonder ist, ist er durch seine Angst so weit eingeschränkt, dass er nicht mehr lebensfähig ist und dringend der Therapie bedarf. Ich habe solche armen Wesen kennengelernt und möchte mich mit ihnen keinesfalls vergleichen. Solange man noch Witze über sich machen kann, ist man noch ein bisschen davon entfernt. Hoffe ich jedenfalls.

Umgang mit einem Hypochonder

Beeinträchtigt Ihre Hypochondrie die Größe Ihres Freundes- bzw. Bekanntenkreises?

Nein, umgekehrt, die Größe des Freundeskreises beeinflusst das Ausmaß meiner Hypochondrie. Alle Versammlungen, die, sagen wir, über vier Personen hinausgehen, sind mir verdächtig. Denn mit der Anzahl der Personen steigt natürlich auch die Anzahl der potentiellen Krankheitserreger.

Erhoffen Sie sich, durch das Buch ein neues Verständnis der Frauen gegenüber den hypochondrischen Männern zu schaffen?

Ja. Andererseits wäre es mir allerdings auch sehr wichtig, dass das Verständnis der hypochondrischen Männer gegenüber ihren Frauen zunimmt. Je mehr wir von uns absehen können, desto besser für alle Beteiligten. Auch im Sinne von Heilung.

Welche Eigenschaften sollte eine Frau besitzen, um mit einem Hypochonder umgehen zu können?

Sie muss in etwa so sein wie meine Freundin. Und bitte nicht zu verständnisvoll. Ab und zu bringt ein Tritt in den Hintern einfach mehr. Jedenfalls in meinem Fall.

Was sind für Sie absolute No-Gos, die ein Nicht-Hypochonder in ihrem Umfeld tun könnte?

Die Nase schnauben und mir etwas später die Hand geben. Mich anniesen oder husten, solange ich nicht mindestens fünf Meter entfernt stehe. Oder von den eigenen Kindern erzählen, die gerade mit Darm-Grippe zuhause im Bett liegen. Was ja durchaus bedeuten kann, dass in der Mutter bereits auch schon etwas schlummert.

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