Aktualisiert: 26.07.2020 - 21:55

Volkskrankheit Verspannungen Warum nur Muskeln gegen chronische Nackenschmerzen helfen

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Nackenschmerzen plagen uns alle irgendwann mal – und manchmal wird's einfach unerträglich. Das, was am besten hilft, verrät ein Experte.

Foto: iStock.com/NickyLloyd

Nackenschmerzen plagen uns alle irgendwann mal – und manchmal wird's einfach unerträglich. Das, was am besten hilft, verrät ein Experte.

Kennen Sie einen Erwachsenen, der nicht manchmal oder ständig Nackenschmerzen hat? Wir auch nicht. Dabei lassen sich Verspannungen einfach lösen.

Es zieht in den Schultern, drückt im Kopf, brennt zwischen den Schulterblättern – die Rückenmuskeln schlagen Alarm! Nackenschmerzen und Muskelverspannungen kennt leider fast jeder in mehr oder weniger schwerer Ausprägung. Rückenbeschwerden sind mittlerweile der Nr.1-Grund für Krankschreibungen, rund 70 Prozent aller Schmerzpatienten sind wegen des Rückens in Behandlung.

Und es ist ein Problem, das ausstrahlt – wenn die Muskeln im oberen Rücken und um die Halswirbelsäule dichtmachen, kann das weitreichende Auswirkungen haben. Spannungskopfschmerzen, Migräne, Taubheitsgefühle, Sehprobleme und sogar Tinnitus können von verspannten Nackenmuskeln ausgelöst oder verschlimmert werden. Höchste Zeit, sich langfristig locker zu machen!

Unser Experte Dr. Nicolas Gumpert ist Orthopäde in Frankfurt am Main und behandelt mit seinem Team täglich Menschen mit Rücken- und Nackenschmerzen. Er weiß, warum wir alle "Nacken" haben und welche Maßnahmen wirklich dazu führen, dass Verspannungen verschwinden und verschwunden bleiben.

Warum sind Nackenschmerzen so verbreitet?

Dr. Gumpert: "Das Volksleiden 'verspannter Nacken‘ kommt von unserer modernen Lebensweise. Der Mensch ist eigentlich nicht dafür geschaffen, die meiste Zeit im Sitzen zu verbringen, den Kopf auf diverse Bildschirme gerichtet. Durch das Aufkommen der Smartphones hat sich die Problematik innerhalb der vergangenen zehn Jahre noch verschärft. Wir halten ständig den Kopf nach unten beim Blick aufs Handy."

Warum führt Sitzen zu Nackenverspannungen?

Dr. Gumpert: "Anatomisch sind wir Menschen eigentlich anders ausgerichtet: Man kann sich den Kopf als Bowlingkugel vorstellen, ca. 8 kg schwer, die in der Idealposition gerade über dem Körper-Schwerpunkt liegen will. Der Kopf sollte also eigentlich am besten auf einer Linie mit dem Steißbein sein. Bei einer Haltung, die davon abweicht, muss die Nacken-Muskulatur ständig arbeiten, um die 'Bowlingkugel‘ zu halten. Wenn die Muskeln nicht stark genug ausgeprägt ist – und das sind sie ohne Training selten – verhärten sie sich, um Stabilität zu geben."

Welche Rolle spielt Stress?

Dr. Gumpert: "Auch die Psyche ist in diesem Zusammenhang nicht unwichtig. Unter Stress und Zeitdruck ziehen Menschen die Schultern hoch, beißen die Zähne aufeinander und sitzen besonders angespannt – bei Dauerstress schlägt sich das schnell in der Haltung und damit der Muskulatur nieder."

Wenn der Körper ständig im Flucht-oder-Kampfmodus ist, steigt der Spiegel des Hormones Cortisol im Blut, was unzählige Auswirkungen auf Schlaf, Immunabwehr, Hormonhaushalt und vieles mehr haben kann.

Steifer Hals und Nackenschmerzen – was hilft SOFORT?

Dr. Gumpert: "Wenn die Nackenmuskulatur ganz akut und schmerzhaft verspannt ist, kann der Arzt erst einmal ein Medikament zur Muskelentspannung spritzen. Das kann z. B. nötig sein, wenn man mit einem "Steifhals" aufwacht, also den Kopf kaum noch bewegen kann. Die Schmerzen können hier sehr groß sein, was aber nicht im Verhältnis zur Gefährlichkeit steht, die eher gering ist. Zum steifen Hals kommt es, wenn die Nervenhaut der Nerven am Ausgang der Halswirbelsäule gequetscht werden. Das passiert unbewusst durch Bewegungen und Liegepositionen. Der Körper verfällt sofort in eine Art Schutzmodus, um die sensiblen Nerven zu schützen und versteift die Muskeln um sie herum. Neben Muskelrelaxanzien hilft Wärme unterstützend bei akuten Verspannungen, z. B. in Form eines warmen Bades."

Chronisch verspannt – wie läuft die Diagnose ab?

Dr. Gumpert: "Chronische Verspannungen der Nackenmuskulatur kann man mit der Akut-Behandlung nicht zum Verschwinden bringen. Dafür braucht es erstmal eine orthopädische Untersuchung, damit man mögliche Faktoren kennt bzw. ausschließen kann. Beispielsweise kann eine Skoliose, eine Verkrümmung der Wirbelsäule Auslöser sein. Solche Veränderungen können Röntgenaufnahmen sichtbar machen. Wir können in der Praxis auch einen Test durchführen, der zeigt, welche Muskelstränge genau blockiert und belastet sind. Das funktioniert mittels Elektromyografie (EMG), bei der die elektrische Muskelaktivität gemessen wird. Man kann es sich vorstellen wie ein EKG – aber anstatt für den Herzmuskel für Rückenmuskeln."

Was hilft dauerhaft gegen Nackenschmerzen?

Dr. Gumpert: "Nach der Diagnostik können Patienten dann selbst gezielt Übungen für die entscheidenden Muskelgruppen machen. Auch Physiotherapeuten können helfen, die richtige Ausführung zu üben. Insgesamt ist die Kontinuität entscheidend, um langfristig schmerzfrei zu werden. Zweimal wöchentlich für ca. 20 Minuten einfache Übungen machen, müsste eigentlich jeder schaffen. Dafür braucht man auch keine besonderen Hilfsmittel, wer will, kann sich Therabänder und Freihanteln zulegen, es gehen aber auch Handtücher und volle Wasserflaschen."

Acht einfache Übungen zum Nachmachen für einen starken Rücken gibt es auch hier.

Richtig sitzen und den Nacken schonen: So geht's

Wer im Sitzen vorm Bildschirm arbeitet, profitiert davon, seinen Arbeitsplatz an die eigene Anatomie anzupassen:

  • Schreibtisch und Stuhl sollten höhenverstellbar sein, so dass die Füße auf dem Boden stehen und ein rechter Winkel zwischen Unter- und Oberschenkel entsteht.
  • Idealerweise lässt sich die Tischplatte vom Sitz- zum Steharbeitsplatz wechseln.
  • Der Bildschirm sollte darauf frontal ausgerichtet sein, auf keinen Fall so, dass man nach unten sehen und somit die Halswirbelsäule beugen muss. Am besten schauen die Augen in gerader Position ganz leicht über den Bildschirmrand.
  • Laptops sind leider sehr schlecht für die Haltung, sie können aber mit einem Ständer und einer externen Tastatur relativ günstig und einfach ergonomisch ausgerichtet werden.

"Für den Rücken allgemein ist Bewegung wichtig, z. B. zwischendurch immer wieder vom Schreibtisch aufzustehen, in der Mittagspause einen Spaziergang zu machen und in der Freizeit Sport zu treiben", sagt Dr. Gumpert. Das hilft dem gesamten Körper und wirkt beispielsweise auch gegen Steißbeinschmerzen. "Unsere Körper sind für Bewegung gemacht, deshalb fühlen wir uns mit ihr auch am besten.“

Wie wir unseren Rücken stärken und was bei den häufigsten Problemen, wie Bandscheibenvorfall, zu tun ist, erfahren Sie auf unserer Themenseite Rückenschmerzen.

Unser Experte Dr. Nicolas Gumpert praktiziert als Facharzt für Orthopädie in der Lumedis-Praxis in Frankfurt am Main.

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