12.12.2016

GESUND MIT ACHILLES Der Barfuß-Coach rät: Toega ist Yoga für die Zehen

Um barfuß laufen zu gehen, braucht es ein wenig Übung und ein Coaching.

Foto: istock/Thomas_EyeDesign

Um barfuß laufen zu gehen, braucht es ein wenig Übung und ein Coaching.

Wir sprechen im Interview mit dem Barfuß-Coach und Erfinder von "Toega": Emanuel Bohlander über gerissene Waden, Hornhaut und Yoga für die Füße.

Hallo Herr Bohlander, wozu braucht man einen Barfuß-Coach? Kann man nicht einfach die Schuhe ausziehen und loslaufen?

Emanuel Bohlander: Seit einigen Jahren wird das Barfuß-Thema, vor allem in der Läuferszene, populärer. Folge ist, dass die Menschen einfach ohne Schuhe loslaufen und sich verletzen, weil sie ihre untrainierten Füße überbelasten. Besonders auf dem harten Asphalt.

Läufer mit untrainierten Füssen, wie meinen sie das?

Eingepackt in Schuhe mit spezieller Federung und Polstern gegen das Umknicken – das nimmt dem Fuß die Arbeit ab. Unsere Füße sind muskulär unterentwickelt. Hinzu kommen Haltungsschäden. Von Klein auf tragen wir Schuhe, die durch ihre Form unser Fußhaltung schädigen. Bei mir kommen schon Kinder mit Spreiz- oder Senkfüßen in die Kurse.

Schuhe fördern eine Fehlhaltungen der Füße?

Auf jeden Fall – aber da hört es nicht auf. Die Füße sind unser Fundament. Dort entsteht die muskuläre Verteilung im Körper. Ein schiefer großer Zeh kann zu einem schiefen Knie führen – zu einem schiefen Becken und sich schließlich negativ auf die Wirbelsäule auswirken.

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Schiefe Füße heißt auch schiefer Körper?

So ungefähr. Inzwischen weiß man, dass der menschliche Körper nicht einfach aufeinander gestapelt, sondern von Kopf bis Fuß durch die Faszien-Struktur verbunden ist. Aber wenn an der Basis etwas nicht stimmt, hat das Auswirkungen auf den ganzen Körper. Auf einem kaputten Fundament kann man schlecht bauen.

Was kann man dagegen tun?

Zum Beispiel barfuß laufen. Weil der Fuß direkten Kontakt mit dem Boden hat, muss er mehr leisten. Aber man kann seine Füße auch anders stärken – durch Toega zum Beispiel – Yoga für die Füße. Das ist Gymnastik für die Zehen.

Was ist daran Yoga?

Beim Yoga geht es viel um Körperbewusstsein – beim Toega will man den Fuß bewusster wahrnehmen, und die Mobilität des Fußes wieder herstellen – durch Dehnen, Strecken und Kräftigung. Das sind ja auch im Yoga wichtige Bestandteile.

Nach einer Stunde Toega sind die meisten fertiger als nach einer Stunde laufen.

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Warum? Ist es nicht einfach nur ein Wackel mit den Zehen?

Sich konzentriert mit seinen Füßen zu beschäftigen ist geistige Schwerstarbeit. Vor allem, wenn man es noch nie getan hat. Versuchen sie einfach zehn mal die kleinen Zehen ohne den großen Zeh anzuheben.

Kommen nur Läufer zu Ihren Barfuß-Kursen?

Nicht nur – es kommen z.B. auch immer mehr Parkour-Läufer. Sie wollen ihre Sicherheit auf ungewohntem Untergrund verbessern. Manche kommen auch, weil ihnen zur Operation z.B.: bei einem Hallux Valgus (Schiefstand des großen Zehs) geraten wurde und sie diese vermeiden wollen – was auch oft gelingt.

Natürlich sind es auch viele Läufer, die auf das Barfußlaufen umsteigen wollen und Hilfe such. Das ist auch vernünftig – sonst ist die Verletzungsgefahr recht hoch.

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Wegen Steinchen oder Scherben?

Ich habe mich noch nie beim Barfußlaufen geschnitten. Oft läuft man nicht komplett barfuß, sondern in Barfußschuhen. Darin hat man fast die gleiche Beweglichkeit und eine schützende Gummisohle.

Die Verletzungen sind meist im Fuß, Achillessehne oder an der Wade. Ich habe mir bei meinem ersten Barfußlauf auch die Wade gerissen.

Hört sich an, als sei Barfußlaufen doch keine so gute Idee?

Nur, wenn man es falsch macht. Das erste Mal Barfußlaufen fühlt sich wie fliegen an. Da übertreibt man schnell.

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Sie sagen, die Verletzungsgefahr ist durchaus da, warum dann barfuß joggen?

Wenn der Fuß vorbereitet ist, vermindert sich die Schmerz- und Verletzungsgefahr – nicht nur barfuß, auch im Vergleich zum Laufen mit Laufschuhen.

Sind Laufschuhe nicht gut für den Fuß?

Wenn etwas kaputt ist, kann man es nicht immer mit hochtechnischen Schuhen ausgleichen. Und mit Einlagen versucht man das Fußgelenk wieder gerade zu richten. Unser Fuß kann das eigentlich selbst. Statt dem Fuß noch mehr Funktion zu rauben, sollten wir sie zurückgeben.

Ich bin früher gefühlt jeden Monat bei Orthopäden gewesen und habe neue Einlagen bekommen. Es wurde trotzdem immer schlimmer. Erst zwickte die Achillessehne, dann das Knie, die Hüfte und am Schluss konnte ich kaum zwei Kilometer laufen: Mein Nacken war so verspannt, dass ich den Kopf nicht drehen konnte.

Warum haben Sie dann nicht mit dem Laufen aufgehört?

Es hat mir sonst viel Spaß gemacht – ich wollte es nicht aufgeben. Bei meiner Suche nach Heilung bin ich auf das Buch „Born to Run“ gestoßen. Darin wird die Barfuß-Thematik ausführlich behandelt – in meinem Kopf hat es sofort Klick gemacht.

Ich habe das Barfußlaufen gelernt und seit drei Jahren ist der Laufsport für mich komplett schmerzfrei.

Haben sie eine dicke Hornhaut?

Nein. Moment ich schaue kurz (lacht) – da ist nichts. Hornhaut entsteht primär durch Reibung und Feuchtigkeit. Beim Barfußlaufen gibt es beides nur selten. Was entsteht, ist eine Verdickung der Fettschicht unter der Epidermis (obere Hautschicht) – landläufig Lederhaut genannt. Das fühlt sich ähnlich an, wie bei Hundepfoten. Natürlich ist man noch kitzelig und spürt den Untergrund, kleine Pieksereien wie Steinchen nimmt man aber kaum noch wahr.

Wie reagieren andere Menschen, auf Sie als Barfußläufer?

Beim Laufen wird höchstens geschaut. Aber ich bin auch im Alltag oft barfuß unterwegs – da kommen schon eher Kommentare. Einmal hat mich eine ältere Dame auf der Straße angefahren, ich würde mir ja den Tod holen – das aber auch im Winter.

Zur Person: Emanuel Bohlander, gelernter Diplom Ingenieur, gründete vor zwei Jahren die „Barefoot Academy“ in Düsseldorf. Dort bildet er Coaches aus und arbeitet bewegungstherapeutisch an den Fußfehlstellungen seiner Klienten.

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