30.03.2016

Gesundheit Krankmacher Lärm - so schützen Sie sich

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Lärm macht krank

Foto: iStock/Clerkenwell

Lärm macht krank

Unser Welt wird jedes Jahr lauter dank Handy-Klingeln, Baustellenlärm und Autohupen. Gut 54 Prozent aller Deutschen leiden darunter. Lärmforscher Prof. Münzel erklärt, wie Sie gesundheitliche Schäden verhindern

Wir zählen Kalorien, messen Blutdruck, gehen zur Krebsvorsorge. Doch eine der größten Gesundheitsgefahren haben wir nur selten auf der Rechnung: "Lärmstress". Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt, dass Menschen, die wegen Lärm schlecht schlafen, öfter an Allergien, Bluthochdruck, Diabetes, Depressionen, Arteriosklerose oder Migräne erkranken. Wer an einer stark befahrenen Straße lebt, entwickelt sogar mehr gefährliches Bauchfett als die Bewohner von ruhigen Vororten, hat das Karolinska Institut in Stockholm jetzt entdeckt. Pro 10 Dezibel mehr Lärm steigt das Schlaganfall-Risiko um 25 Prozent, so eine dänische Studie.

"Lärm ist weit mehr ist als eine nervige Belästigung. Im Bereich zwischen 45 und 75 Dezibel, also bei Straßen-, Flug und Schienenlärm, reagiert der Körper mit Stress", sagt Prof. Thomas Münzel, ärztlicher Direktor der 2. Medizinischen Klinik und Poliklinik an der Uni Mainz. "Der Puls schnellt in die Höhe, der Blutdruck steigt, die Gefäßfunktion wird schlechter." Schätzungen zufolge sind etwa 4000 Herzinfarkte in Deutschland jährlich auf Straßenverkehrslärm zurückzuführen. Besonders lärmgefährdet sind laut WHO ältere Menschen, Kinder und Kranke.


Lernen Sie Stille zu ertragen

Unser Körper kann sich zwar nicht an Lärm gewöhnen und dessen Quellen lassen sich oft nicht abstellen. Wir können unser Bewusstsein aber umpolen. Wie bei Tinnitus-Patienten helfen Achtsamkeitsübungen, mit denen sich der Lärmgestresste auf nervige Geräusche konzentriert und sich antrainiert, sie als nicht so laut und störend zu empfinden. Kurse für Achtsamkeits-Meditationen bieten z. B. viele Volkshochschulen an. "Auch Entspannung durch Yoga oder Ausdauersport wie Radfahren hilft", rät Prof. Münzel. "Schaffen Sie sich jeden Tag bewusste Ruhe-Oasen. Und lernen Sie, Stille zu ertragen, trainieren Sie sich Auszeiten ohne Umfeldgeräusche regelrecht an."


Tipps für mehr Ruhe und weniger Störgeräusche

  • Die Lautstärke von Musik und TV sollten die eines Gesprächs mit einer Freundin - ca. 1 m von Ihnen entfernt - nicht übertönen.
  • Per Handy immer mit Headset telefonieren, da der Schallpegel deutlich geringer ist, als wenn das Telefon ans Ohr gehalten wird.
  • Wer sich im Job nur mit Gehörschutz konzentrieren kann, sollte sich seine Ohrstöpsel beim Hörgeräteakustiker anfertigen lassen (Otoplastiken; ca. 80 bis 100 Euro). Sie drücken nicht so und verhindern Reizungen oder Entzündungen des Gehörgangs.
  • Grünpflanzen auf und um den Schreibtisch herum sind ideale Lärmschlucker.
  • Bei Live-Konzerten oder in der Oper spezielle Musikohrstöpsel benutzen (ca. 8 Euro).
  • Kopfhörer mit Noise-Cancelling-Technik, die beim Musikhören den Umgebungslärm ausblenden, sind optimal für eine gehörfreundliche Lautstärke. Preis: ab 70 Euro. In-Ear-Schalldämmung ab 80 Euro.
  • Beim Kauf von Elektro-, Haushalts-und Küchengeräten auf das Prüfzeichen "Blauer Engel" achten. Sie erzeugen besonders wenig Lärm. Bei Wasch-, Spülmaschinen und Trocknern bescheinigt dies das "Silence-Siegel". Und Rasenmäher, Schleifmaschine oder Kettensäge sollten mit einem möglichst niedrigen Schallleistungspegel ("Lwa") ausgewiesen sein.
  • Wen Nachhallwert in Wohnräumen so niedrig wie möglich halten: bodentiefe Vorhänge statt Rollos; schalldämmende Deckenplatten; Wände mit schallabsorbierender Farbe; Teppichboden statt Laminat; Parkett mit Teppichen "polstern"; Polstermöbel aus Stoff statt aus Leder; Holz-und Kunststoffmöbel statt Möbel aus Glas oder Stahl; Boxen der Stereoanlage auf halbierte Squashbälle, Wasch-Spülmaschine und Trockner auf eine Gummimatte stellen.

Was Lärm mit sich bringt

Lern- und Konzentrations-Probleme

  • 45 dB -geringer Straßenlärm hinter Doppelglasfenstern, Vogelgezwitscher
  • 50 dB - Kühlschrank aus 1 m Entfernung, leichter Regen, Laserdrucker
  • 20 Prozent erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen:
  • 60 dB - normales Gespräch, Froschquaken
  • 70 dB - normaler Straßenverkehr, Fotokopierer

Gefahr fürs Gehör

  • 85 dB -Rasenmäher
  • 90 dB -Vorbeifahrender Zug oder LKW, Gewitter, Stimmen gewirr im Restaurant 100 dB -Presslufthammer in 10 m Entfernung, Walkman, MP3-Player
  • 110 dB - Disko, Kreissäge

Schmerzschwelle, Gehörschaden schon nach kurzer Zeit möglich

  • 130 dB - Düsenflugzeug
  • 170 dB – Silvesterböller


Lärm im deutschen Recht

  • Hundebellen in der Nacht: Zwischen 22 Uhr und 7 Uhr müssen auch Hunde Ruhe halten. Tagsüber dagegen geht das Bellen unter anderen Alltagsgeräuschen unter und ist erlaubt (OLG Brandenburg, Az. 5 U 152/05).
  • Trocknerlärm in der Wohnung: Auch wenn die Nachbarn sich beklagen, kann der Vermieter Waschmaschinen und Trockner-Nutzung in der Regel nicht verbieten. Die Geräusche müssen von den Mitmietern außerhalb der Ruhezeiten hingenommen werden (LG Freiburg, Az. 9 S 60/13).

  • Parkett statt Teppichboden: Wohnungseigentümer dürfen einen Teppichboden durch Parkett ersetzen, selbst wenn so der Trittschall erhöht wird. Entscheidend ist, dass dabei die Schallschutzwerte gemäß DIN 4109 eingehalten werden, die beim Bau des Hauses galten (BGH, Az. V ZR 73/14).
  • Kinderlärm zumutbar: Toben, Schreien oder lautes Lachen auf einem Kinderspielplatz sind grundsätzlich für die Anwohner zumutbar. Ausnahmen gibt es nur, wenn in der Nachbarschaft Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen sind, die durch den Kinderlärm nachhaltig gestört werden (VG Trier, Az. 5 K 1542/14.TR). Kinderlärm auf einem Spiel-oder Bolzplatz ist kein Grund, die Miete zu mindern (BGH, Az. VIII ZR 197/14).

  • 5 Altglascontainer in Wohngebieten: Anwohner müssen die Lärmbelästigung rund um Altglascontainer hinnehmen. Auch dann, wenn sie nachts genutzt werden (VG Aachen, Az. 6 K 2346/09).

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Quelle: Bild der Frau 26062015

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