Aktualisiert: 16.07.2021 - 16:59

Kann man das Sterbedatum voraussagen? Sterbeprognose von Pflegebedürftigen: Online-Rechner berechnet Todeszeitpunkt

Welche Pflege und Unterstützung benötigen gebrechliche Seniorinnen und Senioren zu welchem Zeitpunkt? Ein Online-Rechner zum Berechnen des voraussichtlichen Todeszeitraumes soll Hilfe geben. Doch ist so ein Tool wirklich hilfreich oder eher ethisch fragwürdig?

Foto: Getty Images/Sheridan Nilsson

Welche Pflege und Unterstützung benötigen gebrechliche Seniorinnen und Senioren zu welchem Zeitpunkt? Ein Online-Rechner zum Berechnen des voraussichtlichen Todeszeitraumes soll Hilfe geben. Doch ist so ein Tool wirklich hilfreich oder eher ethisch fragwürdig?

Kürzlich kursierte eine Studie durch verschiedene Medien, die aufhorchen ließ: Forschende haben einen Online-Rechner entwickelt, mit dem sich der Todeszeitpunkt pflegebedürftiger Menschen ausrechnen lässt. Aber die Studie ist hochumstritten.

Pflege im hohen Alter ist mitunter enorm anstrengend, für die zu pflegende Person und für die sie pflegenden Menschen. Klar ist dabei: Irgendwann wird die betroffene Person sterben. Nur wann, weiß niemand. Die Erkenntnis wäre allerdings für die jeweils passende und menschenwürdigste Betreuung sehr hilfreich. Dennoch kritisieren Expert:innen den nun von kanadischen Forschenden entwickelten Todeszeitpunkt-Rechner für Pflegebedürftige.

Todeszeitpunkt online berechnen: Das ist RESPECT

Die Idee, via Online-Rechner den Todeszeitpunkt festzustellen, klingt ja auch erst einmal vor allem eines: gruselig. Hier handelt es sich zudem um die Todesprognose alter, bereits pflegebedürftiger Menschen. Und das klingt vor allem makaber und ethisch fragwürdig. Doch das Prinzip hinter dem Rechner soll laut Entwickler:innen eigentlich die Menschenwürde schützen. Die Umsetzung und ein wenig auch der Nutzen dahinter sind das, was vielen sauer aufstößt.

Die Forscherinnen und Forscher der University of Ottawa wollen mit RESPECT ("Risk Evaluation for Support: Predictions for Elder-Life in the Community Tool") eigentlich Angehörigen und Angestellten in Pflegeeinrichtungen helfen, Pflegebedürftige zu jedem Zeitpunkt ihres verbleibenden Lebens so gut wie möglich zu versorgen.

In ihrer Analyse der Studie bei "SWR Wissen" erklärt die Medizinredakteurin Ulrike Till das etwa anhand von Krebspatient:innen. Würde klar werden, ab wann die für Betroffene ja sehr belastende Krebsbehandlung nicht mehr anschlägt, könne sehr viel Leid erspart werden, indem man dann sofort zur palliativmedizinischen Betreuung übergeht.

Und auch Angehörigen, sagt sie, könne dies gewisse "Vorteile" bieten, wisse man doch, ab wann sie mehr Zeit für die Pflege ihrer Lieben investieren sollten. So kann jeder privat Pflegende selbst frühzeitig beginnen, entsprechende Vorkehrungen zu treffen – und außerdem die verbleibende gemeinsame Zeit besser nutzen.

Sprich: Der Rechner soll vor allem bei der optimalen Unterstützung von Seniorinnen und Senioren helfen.

Gut gedacht – aber mit Stolperfallen

Generell also ethisch sogar eher sinnvoll als fragwürdig, oder? Die Frage ist nur, ob die Umsetzung dafür die bestgewählte ist – und ob es ein solches Tool, für jeden zugänglich, überhaupt braucht. Der "Elder life calculator" ist sehr einfach gestaltet und richtet sich sowohl an Angehörige, an Pflegepersonal oder an Senior:innen direkt. Wählen Senior:innen die Möglichkeit, ihren eigenen Sterbezeitraum zu erfahren, werden sie noch einmal darauf hingewiesen, dass der Rechner sich an Menschen wendet, die vorausslichtlich in den kommenden fünf Jahren sterben, und besonders fragile Menschen möglicherweise sehr kurzfristige Ergebnisse erhalten. Zudem soll jeder, der die Befragung für sich selbst macht, die Ergebnisse mit professionellen Pflegenden besprechen.

Doch die Anfangsfrage vor der Befragung selbst irritiert. "Möchten Sie wissen, wie lange Sie leben werden?" Danach wird zwar darauf hingewiesen, dass sich der Rechner an gebrechliche Personen richtet und Informationen für die individuelle bestmögliche Versorgung bietet. Und im Disclaimer steht klein, dass der Rechner nicht die Zukunft für jeden einzelnen Menschen voraussagen kann.

Die wenigen Fragen selbst richten sich nach den bisherigen Lebenserfahrungen, nach Vorerkrankungen, nach aktuellem Befinden – und das Ergebnis, das ist wichtig zu wissen, ist erst einmal kein explizites Sterbedatum oder ein Sterbezeitraum, sondern ein Vergleich. Es wird verglichen, wie viel Prozent anderer Menschen mit ähnlichen Antworten in welchem Zeitraum gestorben sind. Als Vergleichsdaten dienen die Daten von knapp einer halben Million Senior:innen aus Ontario in Kanada, die zwischen 2007 und 2013 zu Hause gepflegt worden waren.

Die Option mit dem Sterbezeitraum gibt es aber, sie lässt sich nachträglich aktivieren. Und diese Zahl kann schockieren. Wer möchte schon wissen, wann das Ende naht?

Modell lässt sich nicht auf Deutschland übertragen

Klar ist: Natürlich sind die Ergebnisse auch bei diesem Rechner niemals in Stein gemeißelt. Die miteinbezogenen Todesursachen sind rein gesundheitlicher Natur und werden ausschließlich an bereits bekannten, langfristigen Erkrankungen ausgerichtet. Der Rechner habe durchaus Schwächen, sagen die Forscher:innen aus Kanada.

Doch die grobe Schätzung könne zumindest aus Pflegesicht sinnvoll sein, sagt das Team aus Kanada. Doch von dort stammen die Daten auch. Dort werden Gesundheitsinformationen von pflegebedürftigen Menschen anhand eines sehr genauen Fragebogens erhoben, um den Pflegebedarf zu ermitteln. In Deutschland funktioniert das Ganze etwas anders, weshalb der Rechner für Personen hierzulande vermutlich zu ungenau wäre. Dennoch lässt sich eine Grunderkenntnis ziehen: Tauchen im Alltag plötzlich Schwierigkeiten auf, die vorher nicht da waren, deutet das darauf hin, dass die Pflege entsprechend angepasst werden muss. Solche plötzlichen Probleme, das alltägliche Leben zu meistern, sind immer ein Alarmsignal. Doch braucht es dafür ein Online-Tool?

Expert:innen stellen Nutzen des Rechners infrage

Für Pflegepersonal und zu einem gewissen Teil auch für pflegende Angehörige könnte so ein Rechner vielleicht gewisse Aufschlüsse geben. Kritisiert wird von unabhängigen Expert:innen aber vor allem, dass er sich daneben eben auch an Senior:innen selbst wendet. Und diesen könne eine Sterbeprognose schließlich den Lebensmut rauben.

Doch auch für Pflegekräfte sieht der Pflegeforscher Prof. Stefan Görres aus Bremen keinen hilfreichen Nutzen. "SWR Wissen" zitiert ihn: Es sei immer eine individuelle Entscheidung, wer zu welchem Lebenszeitpunkt welche Pflege benötigt, das wisse eine Pflegekraft auch ohne Online-Rechner. Er warnt vor einer Art "Sterbe-Management" – einem zu strengen Durchtakten der Pflege anhand einer durch einen Algorithmus vorgegebenen Zahl. Sein Credo: "Sterben soll in Würde stattfinden können."

Der Konsens ist unter Expert:innen in Kanada ähnlich: Der Ansatz eines Algorithmus kann hilfreich sein, wiegt aber zumindest bis jetzt ganz sicher nicht schwerer als das persönliche Einschätzungsvermögen. Dass intensivere Pflege notwendig ist, sobald bei gebrechlichen Personen Probleme im Alltag auftreten, erkennen sowohl Pflegefachkräfte als auch pflegende Angehörige. Und mitunter auch die zu pflegende Person selbst. Man wird sehen, ob der Todeszeitpunkt-Rechner in Kanada noch weiterentwickelt und später eine Rolle spielen wird. In Deutschland ist er jedenfalls nicht geplant.

Mehr Infos für Angehörige und Pflegebedürftige gibt's im Video:

Pflegefall – Wichtige Fakten für Angehörige und Betroffene
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Weiterlesen können Sie hier: So suchen und finden Sie das beste Pflegeheim.

Quellen: Studie in cmaj, swr.de/wissen, pressetext.com, respect.projectbiglife.ca

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