07.07.2021 - 16:26

Spermienqualität Gerücht geklärt: Beeinflussen Corona-Impfstoffe die männliche Fruchtbarkeit?

Weniger Spermien, schlechtere Qualität? Impfskeptiker glauben, dass die mRNA-Impfstoffe gegen das Coronavirus die männliche Fruchtbarkeit beeinflussen können. Woher kommt das Gerücht und was ist dran?

Foto: Getty Images/SCIEPRO

Weniger Spermien, schlechtere Qualität? Impfskeptiker glauben, dass die mRNA-Impfstoffe gegen das Coronavirus die männliche Fruchtbarkeit beeinflussen können. Woher kommt das Gerücht und was ist dran?

Unfruchtbar durch die Corona-Impfung: Das ist eines der Gerüchte, die sich rund um die mRNA-Impfstoffe hartnäckig halten. Wissenschaftler sind dem nun auf den Grund gegangen – und können entwarnen.

Obwohl mittlerweile weit über 2 Milliarden Menschen weltweit mindestens einmal gegen Covid-19 geimpft sind, bereiten die neuen Impfstoffe vielen noch immer Sorgen. Sorgen, die ernstgenommen werden müssen. Kontraproduktiv sind da falsch interpretierte Studiendaten, die Ängste schüren, wo keine sein müssten. Ein Beispiel ist eine Studie darüber, dass Covid-19 die Spermienqualität negativ beeinflussen kann. Darauf basierend kursiert derzeit das Gerücht, dass dann auch die Corona-Impfung die männliche Fruchtbarkeit angreife oder gar impotent mache. Gut, dass die Wissenschaft hier bereits eine beruhigende Antwort hat.

Gerücht im Netz: Verändern Corona-Impfstoffe die Spermienqualität?

Für eines ist das Internet ja besonders gut: fürs schnelle und ungefilterte Verbreiten von wilden Vermutungen, Halbwahrheiten und (daraus entstehenden) Gerüchten. Besonders beliebtes Ziel: die Coronavirus-Impfstoffe. "Kaum gestestet" (stimmt nicht), "beinhalten Quecksilber und Aluminium" (falsch) oder "lassen alle Geimpften umfallen wie Fliegen" (bisher ist die geimpfte Autorin jedenfalls quicklebendig) kreisen da, um nur einige zu nennen. Nun hat sich ein weiteres dazugesellt, das entstanden ist, indem vorherige Studienergebnisse weitergedacht, mit Vermutungen gespickt und ganz verdreht weiterverbreitet wurden:

Es geht darum, dass die mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 die männliche Fruchtbarkeit verringern könnten. Woher kommt das Gerücht?

Sars-CoV-2 beeinflusst die Fruchtbarkeit – die Impfung auch?

Vor einigen Monaten konnten Forschende herausfinden, dass das Coronavirus Sars-CoV-2 sich auch auf die männliche Fruchtbarkeit auswirken kann. So kann es möglicherweise sogar erektile Dysfunktion auslösen. Das konnte etwa eine Forschergruppe aus Miami rund um Prof. Dr. Ranjith Ramasamy zeigen.

Nun ist es ja so, dass die mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 unseren Zellen einen Bauplan für das Spike-Protein mitgeben, das auch am Coronavirus Sars-CoV-2 sitzt. Die Impfstoffe bringen unseren Körper also dazu, etwas zu bauen, das einem Bestandteil des Virus ähnlich ist. Ein Laie könnte natürlich schnell denken, dass ein Virusbestandteil ja auch so gefährlich sein muss wie ein ganzes Virus – und schon entstehen Gerüchte wie dieses, dass die mRNA-Impfstoffe impotent machen.

Einzelne Spike-Proteine, wie sie durch die Impfung angeregt vom Körper produziert werden, stellen einerseits keine Gefahr dar, da sie a) in sehr geringer Konzentration vorkommen, b) sich nicht vervielfältigen und c) alleine nichts ausrichten können. Man kann sie sich ganz vereinfacht vorstellen wie eine Art Schlüssel. Und ein Schlüssel alleine kann noch kein Schloss öffnen. Dafür benötigt es jemanden, der den Schlüssel bedient. Den gibt es aber ohne das anhängende Virus nicht.

Andererseits hat sich nun ein weiteres Team um Prof. Dr. Ramasamy erneut mit dem Thema befasst und in einer neuen Studie untersucht, ob die Covid-19-Impfstoffe auf mRNA-Basis die männliche Fruchtbarkeit verringern. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Fachblatt "JAMA".

Studie zeigt: Spermienqualität steigt sogar

Untersucht haben die Wissenschaftler 45 Männer im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. Vor der Studie hatten allesamt keine Fruchtbarkeitsprobleme. Man hat ihnen zwei bis sieben Tage vor ihrer ersten Impfung mit einem der mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer oder Moderna Samenproben abgenommen. Rund 70 Tage nach der zweiten Impfdosis haben sie dann erneut Samenproben abgegeben. Dann wurden die Proben unter den Gesichtspunkten Spermavolumen, Spermienkonzentration sowie Gesamtzahl der beweglichen Spermien verglichen.

Das Ergebnis: In der zweiten Probe waren sogar mehr Spermien zu finden gewesen. Im ersten Untersuchungsschnitt habe man 26 Millionen Spermien pro Milliliter Sperma sowie eine durchschnittliche Gesamtzahl beweglicher Spermien von 36 Millionen feststellen können. In den zweiten Proben sei die Zahl der Spermien pro Milliliter auf 30 Millionen gestiegen, die Gesamtzahl der beweglichen Spermien auf 44 Millionen.

Aufgepasst: Auf die Fruchtbarkeit kann sich Covid-19 durchaus auswirken. Das Coronavirus kann Potenzprobleme verursachen.

Fazit: Corona-Impfstoffe zeigen keinen Einfluss auf Spermienqualität

Die Forschenden weisen darauf hin, man können schon allein aufgrund der geringen Teilnehmeranzahl nicht darauf schließen, dass die mRNA- Impfungen die Spermienqualität sogar erhöhen. Es könne etwa auch sein, dass die erhöhte Spermienkonzentration auch an längerer Abstinenzzeit vor Abgabe der zweiten Probe liegen könne. Doch es sei davon auszugehen, dass sie sie zumindest nicht negativ beeinflussen. Also Aufatmen für alle Spermien produzierenden, fruchtbaren Menschen da draußen.

Die Pharmazeutische Zeitung ist übrigens noch einen Schritt weitergegangen und hat den an der Studie beteiligten Wissenschaftler Dr. Daniel E. Nassau zu den nicht in der Studie untersuchten Vektor-Impfstoffen befragt. Er gehe davon aus, dass auch die Vektor-Impfstoffe gegen das Coronavirus die Spermienqualität nicht beeinflussen. Dies sei nämlich bisher bei keinem anderen Vektor-Impfstoff aufgetreten. Zudem betont er noch einmal, dass sowohl die vektorbasierten Impfstoffe als auch die mRNA-Vakzine kein aktives Virus Sars-CoV-2 erzeugen. Das Spike-Protein selbst kann, wie wir wissen, nichts ausrichten. Sicherlich ist die Teilnehmeranzahl der Studie klein, doch diese ersten Ergebnisse haben wissenschaftlich bewiesen: Corona-Impfstoffe machen nicht impotent.

Das Gerücht ging übrigens so weit, dass Maskenmuffel plötzlich angefangen haben, aus Angst vor Geimpften Maske zu tragen. Soll uns ja recht sein...

Auch weitere Corona-Mythen wurden bereits entschärft: Experten räumen auf. Wie wichtig es ist, solche falschen Infos zu erkennen und deren Verbreitung zu verhindern, zeigen Fälle, in denen Online-Gerüchte über das Coronavirus bereits Tote gefordert haben. Auch die Ängste rund um die Impfungen, die ohne wissenschaftlich fundierten Hintergrund geteilt werden, können Menschenleben kosten. Nämlich dann, wenn Menschen so viel Angst vor etwas entwickeln, das sie vor einer schweren Krankheit schützen soll, dass sie lieber das Krankheitsrisiko eingehen – und so möglicherweise auch andere ungeschützte Personen anstecken. Blick einmal umgekehrt: So erfolgreich und nützlich sind Impfungen!

Studie:

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