Aktualisiert: 08.07.2021 - 14:02

Weltweite Berichte, aber nicht als Nebenwirkung anerkannt Stärkere Menstruation durch Corona-Impfung?

Kommt die Regelblutung plötzlich unregelmäßig, macht frau sich Gedanken. Woran kann das liegen? Etwa an der Corona-Impfung? ExpertInnen geben eine Einschätzung.

Foto: Getty Images/Alla Bielikova

Kommt die Regelblutung plötzlich unregelmäßig, macht frau sich Gedanken. Woran kann das liegen? Etwa an der Corona-Impfung? ExpertInnen geben eine Einschätzung.

Dass eine Impfung gewisse Impfreaktionen mit sich bringen kann, ist normal. Manche davon treten häufiger auf, andere sehr selten. Ein Phänomen fällt derzeit menstruierenden Menschen weltweit auf: Es gibt Berichte darüber, dass die Menstruation nach der Corona-Impfung unregelmäßig ist, teilweise über Wochen. Kann das zusammenhängen? Als anerkannte Nebenwirkung sind Zyklusstörungen bisher nicht gelistet.

Der Zyklus ist ein fragiles Gebilde. Vieles kann Einfluss auf Eisprung und Co haben, so dass die Monatsblutung nicht immer auf den Tag genau kommt. Manchmal ist sie kürzer, manchmal dauert sie länger. Wer sich normalerweise aber auf seinen Zyklus verlassen kann, wundert sich mitunter, wenn er aus der Reihe tanzt. Das bemerkt auch unsere Redakteurin. Kann die Menstruation durch die Corona-Impfung unregelmäßig werden?

Unregelmäßige Periode: Ist die mRNA-Impfung "schuld"?

In sozialen Netzwerken tauchen immer mehr Berichte von menstruierenden Personen auf, die nach ihrer Impfung gegen das Coronavirus über Zyklus-Unregelmäßigkeiten klagen, etwa mit anhaltenden vaginalen Blutungen zu kämpfen haben. So fragte etwa schon im Februar die Wissenschaftlerin und Menstruationsforscherin Dr. Kate Clancy von der University of Illinois mit einem Twitterbeitrag nach Erfahrungen – und bekam darauf viele Reaktionen.

Von unregelmäßigen Blutungen war da die Rede, teilweise auch von Personen, bei denen die Menopause bereits eingetreten war. Auffällig: Vor allem waren die Betroffenen mit mRNA-Impfstoffen geimpft worden. Die Berichte waren dabei recht unterschiedlich: Es ging um zu frühe oder zu späte, zu kurze oder zu lange Monatsblutungen – kurzum: um alles, was an Unregelmäßigkeiten möglich ist.

Offiziell sind unregelmäßige Monatsblutungen keine gelistete Nebenwirkung der Impfungen, so das Paul-Ehrlich-Institut, das Impfreaktionen und Nebenwirkungen beobachtet und festhält.

Auch in deutschen sozialen Medien häufen sich die Meldungen, etwa wie hier auf Twitter. Längst nicht jede macht demnach diese Erfahrung, wie die Reaktionen zeigen. Doch betroffen sind doch überraschend viele, und man fragt sich dort unter anderem, warum das Risiko für Zyklusstörungen "mit keiner Silbe in den Nebenwirkungen erwähnt wird".

Unregelmäßiger Zyklus durch Interventionen wie eine Impfung nicht ungewöhnlich

Ausschließen lässt sich ein Zusammenhang allerdings nicht – jedoch muss der nichts mit dem Impfstoff selbst zu tun haben, sondern kann auch durch andere Umstände rund um die Impfung ausgelöst worden sein.

Wie erwähnt: Der Zyklus ist sehr leicht zu beeinflussen. Experten halten es für möglich, dass Geimpfte kurz nach der Impfung einfach stärker auf ihren Körper achten. Aber wer von seiner Menstruation weiß, dass sie eigentlich regelmäßiger kommt oder in ihrer Stärke immer ähnlich auftritt, merkt ja, wenn etwas außerhalb der Reihe ist. Dass ein gewisser Zusammenhang bestehen könnte, erklärt Christian Thaler, Leiter des Hormon- und Kinderwunschzentrums der Ludwig-Maximilian-Universität München, gegenüber den Redaktionen der Ippen-Media: "Es ist nicht wirklich überraschend, dass eine Intervention, die so Grundlegendes beeinflusst wie eine Impfung, Auswirkungen auf den Zyklus hat. Das könnte also durchaus eine realistische Wahrnehmung sein." Es sei daher durchaus möglich, dass der Zyklus nach einer Corona-Impfung aus dem Takt geraten könne.

Stress als Auslöser?

Auch Prof. Dr. Christian Albring, Vorstandsmitglied im Spitzenverband Fachärzte und Teil des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V., sieht im Gespräch mit dem SWR vor allem Stress als mögliche Ursache für unregelmäßige Menstruation nach der Corona-Impfung.

"Alles, was das Gehirn beeinflusst, kann zu Blutungen führen", so Albring. "Und so ist es für FrauenärzteInnen überhaupt nichts Besonderes, dass Frauen durch Stress mit Blutungen reagieren." Er selbst berichtet von Impfungen in seiner Praxis, zu denen "unheimlich aufgeregte" Frauen erschienen seien, die teilweise die ganze Nacht nicht geschlafen hätten.

Stress kann den Hormonhaushalt nämlich ganz schön durcheinanderwirbeln. Und das wirkt sich direkt auf die Gebärmutterschleimhaut aus: Die bekomme dann eben mal mehr, mal weniger Hormone und werde mitunter schneller abgestoßen.

Außerdem geht Stress oft mit höherem Blutdruck einher, und der könne auch dazu führen, dass in der Gebärmutter ein Blutgefäß reißt – das dann eine vorübergehende Blutung verursacht, wenn die Schleimhaut-Oberfläche nicht dicht genug sei. Es gebe so viele mögliche Ursachen für eine unregelmäßige Blutung im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung – da könne man erst einmal nicht davon ausgehen, dass der Impfstoff selbst dafür verantwortlich sei.

Mehr dazu: Unregelmäßige Periode – was steckt hinter den Zyklusproblemen?

Frauengesundheit
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Exkurs: Erfahrungen der Autorin

Auch die Autorin dieses Artikels bemerkt gewisse Unregelmäßigkeiten in ihrem Zyklus rund um ihre Impftermine: Stark waren sie nicht, aber die Blutungen hielten über fünf Wochen an. Allerdings sind ihr unregelmäßige Zyklen nicht unbekannt. Nach einigen Monaten der Regelmäßigkeit ist diese Schwankung aber durchaus auffällig. Bei einem Kontrolltermin in der gynäkologischen Praxis wurden keine Verletzungen oder sichtbaren Ursachen festgestellt – was übrigens äußerst beruhigend war. Mittlerweile haben die Blutungen aufgehört.

Aufregung war rund um die Impfungen keine zu spüren, auch das Stress-Level war nach eigenem Empfinden nicht größer als sonst – aber der Blutdruck ist nicht der niedrigste und Stress ja mitunter ein sehr persönliches Empfinden. Man gewöhnt sich schließlich schnell daran.

Theorie: Impfung aktiviert Immunzellen?

Es gibt aber auch noch eine andere Theorie, die tatsächlich mit dem Impfstoff zusammenhängen könnte. Der Berufsverband der Frauenärzte hält diesen direkten Zusammenhang bisher für unwahrscheinlich. Dennoch wäre sie für die eine gewisse Erklärung und sicher auch Hilfe, die eigentlich ruhigen Blutes in die Impfungen hineingegangen sind: Möglicherweise aktiviert die Impfung auch Immunzellen auf der Gebärmutterschleimhaut. Die wiederum reagiert darauf.

So können sich auch Virusinfektionen auf den Zyklus auswirken. Das Grippe-Virus (Influenza) wird manchmal mit stärkerer Menstruation in Verbindung gebracht. Auch hier sind sich ExpertInnen aber nicht einig – manche führen auch hier den Stress, den die Infektion auslöst, als Auslöser für die Blutungsschwankungen an. Und auch, so zumindest lassen es Kommentare unter dem Twitter-Aufruf von Dr. Kate Clancy vermuten, könnten Covid-19-Patientinnen von Zyklusbeschwerden betroffen sein. So klagen manche etwa im Zusammenhang mit Long Covid über Unregelmäßigkeiten oder über Blutungen nach der Menopause.

PEI sieht keine ungewöhnlich hohe Meldezahl

Bisher sieht das PEI allerdings keine gehäuften Meldungen zu Menstruationsbeschwerden im zeitlichen Zusammenhang mit der Coronavirus-Impfung. Auf Anfrage des SWR antwortet das Institut, dass einzelne Verdachtsmeldungen zu Zyklusveränderungen nicht ungewöhnlich seien und die Zahl der gemeldeten Menstruationsbeschwerden im Zusammenhang mit der Impfung bisher nicht die der auch ohne Impfung erwartbaren Vorfälle übersteige. Auch in Großbritannien wurden bislang rund 4000 Fälle von Blutungen nach der Corona-Impfung an die Behörden gemeldet. Allerdings sei diese Zahl laut der Behörde Medicines and Healthcare products Regulatory Agency (MHRA) bislang nicht ungewöhnlich höher, als es sonst zu erwarten sei.

Auch in den klinischen Studien waren keine Menstruationsbeschwerden als Nebenwirkungen gelistet worden. Unklar ist allerdings, ob in der Studie überhaupt danach gefragt wurde.

Weitere Forschung steht an

Dennoch wird sicherlich geforscht, ob und inwiefern Zyklusveränderungen rund um die Corona- Impfung auftreten und ob ein direkter, kausaler Zusammenhang besteht. Die Gruppe rund um die oben genannte Forscherin der University of Illinois plant genau dazu gerade eine Studie.

Klar ist aber – und beruhigend obendrein, auch für die Autorin –, dass solche Schwankungen, auch falls ein Zusammenhang bestehen sollte, bislang nur kurzfristig aufzutreten scheinen und offenbar keine langfristigen Beschwerden auslösen. Dennoch kann die Erfahrung berunruhigend sein, wie etwa der Buchautor Linus Griese in einem Artikel in "Der Freitag" beschreibt. Er ist Transmann, in dessen Körper sich noch eine Gebärmutter befindet. Aufgrund der Einnahme von Hormonen habe er aber seit drei Jahren keine Periodenblutung mehr gehabt, schreibt er. Nach der Impfung sei sie plötzlich wieder eingetreten – ein für ihn traumatisches Erlebnis.

Griese ärgert sich sehr über die Erklärungen wie die von Albring: "Erstaunlich: Weltweit sollen Menschen mit Gebärmutter nach einer Impfung plötzlich so gestresst sein, dass sie plötzlich anfangen zu bluten?" Es müsse mehr Aufmerksamkeit rund um dieses Thema geben. "Ich wünsche mir, dass die Nebenwirkung 'Menstruations­beschwerden' genauso ernst genommen wird wie die Nebenwirkungen 'Kopfschmerzen' und 'Fieber'. Und ich wünsche mir, dass Ärzt:innen darüber genauso ernsthaft aufklären."

Bitte an dieser Stelle: Sollte die Blutung ungewöhnlich unregelmäßig bleiben oder über einen längeren Zeitraum bestehen, ist es immer ratsam, bei der Gynäkologin/dem Gynäkologen nachzufragen. Wie immer gilt: lieber einmal mehr nachschauen lassen. Gerade rund um den für Schwankungen anfälligen Zyklus kann ein kurzer Check jede Menge auch unbewusste Ängste nehmen – und oft gleicht sich der Zyklus dann ganz von selbst wieder an. Zudem können mit ehrlichen Meldungen zu Zyklusproblemen rund um die Impfung auch Gynäkolog:innen für das Thema sensibilisiert werden.

Corona-Impfungen: Das sind die bisher erfassten Nebenwirkungen.

Quellen: Twitter/University of Illinois, hna.de, swr.de, RND, PEI, Der Freitag, eigene Erfahrungen/Recherche

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