Aktualisiert: 11.06.2021 - 20:19

Analoges Leben bietet Vorteile Technischer Fortschritt: Kann Digitalisierung krank machen?

Von der Redaktion

Durch Corona waren viele Beschäftigte im Homeoffice. Doch die digitale Weiterentwicklung hat auch ihre Schattenseiten.

Foto: Kathrin Ziegler

Durch Corona waren viele Beschäftigte im Homeoffice. Doch die digitale Weiterentwicklung hat auch ihre Schattenseiten.

Durch Corona schritt die Digitalisierung schneller voran. Doch ist am technischen Fortschritt wirklich so alles gut? Kann er sogar krank machen?

Einkaufen bequem vom Sofa aus, sich via Smartphone mit Freunden treffen, ganz einfach mit der Karte kontaktlos im Supermarkt bezahlen. In den vergangenen Jahren hat sich unser Alltag sehr verändert. Digitale Medien machen heute ein scheinbar einfacheres Leben möglich. Wer heute sein Buch noch analog und nicht auf einem eBook-Reader liest, gilt schon fast als altmodisch.

Doch wieviel Digitalisierung ist gesund? Kann sie krank machen? Und ist technischer Fortschritt wirklich so gut, wie er scheint? Gerade während der Pandemie hat sie viele Arbeitsabläufe und Alltäglichkeiten vereinfacht. Dennoch gibt es auch Schattenseiten des digitalen Lebens. Kritiker sehen die Nachteile in vielen Bereichen.

Digitalisierung: Kann der technische Fortschritt krank machen?

Zunächst aber lohnt sich ein Blick auf den Gewinn, den die Digitalisierung mit sich bringt. Im medizinischen Sektor kann sie durchaus Leben retten. Mobile Defibrillatoren sind in öffentlichen Räumen und Städten in regelmäßiger Anzahl vorhanden. Damit sichergestellt ist, dass sie im Notfall auch funktionieren, können Defibrillatoren mittlerweile zentral überwacht und gewartet werden. Informationen werden in Echtzeit weitergegeben. Für den Fall, dass ein Gerät nicht funktioniert, kann sofort der Rettungsdienst alarmiert werden.

Während der Pandemie haben Arbeitnehmer die Vorteile einer digitaleren Welt am eigenen Leib gespürt. Statt in Krisenzeiten im Büro anwesend zu sein oder weite Reisen anzutreten, konnte aus dem Homeoffice recht problemlos gearbeitet werden. Videocalls ersetzen persönliche Meetings, verschiedene Programme machen effizientes Arbeiten auch vom heimischen Schreibtisch auch möglich. In vielen Schulen wurde digitales Lernen auch umgesetzt.

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81 Prozent der Deutschen haben ein Smartphone

Ähnlich ist es im privaten Bereich. Eine Studie des Digitalverbandes "Bitkom" kommt zu dem Ergebnis, dass 81 Prozent der Menschen in Deutschland ein Smartphone nutzen. Wer sich mit Familie und Freunden treffen wollte, konnte das während Corona per Videoanruf über Laptop oder Handy ganz einfach machen. Die Digitalisierung macht’s möglich. Und wird auch in Zukunft einen erheblichen Einfluss auf unser Leben haben.

Doch wo ist die Grenze? Bis wohin ist Digitalisierung gewinnbringend und wann kann sie sogar krank machen?

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Schüler verlernen Kommunikationsfähigkeit

Am Beispiel Schule werden einige Nachteile deutlich. Zwar ist flexibles Lernen von zuhause möglich, Kinder und Jugendliche verbessern ihre Medienkompetenz und werden in Bezug auf zukünftige Berufslaufbahnen geschickter. Doch Experten befürchten, dass die Kommunikationsfähigkeit verloren gehen könnte, wenn nur noch getippt statt gesprochen wird. Auch die Handschrift könnte darunter leiden, dass vermehrt auf Tablets statt Schulhefte aus Papier gesetzt wird.

Warum Sie Notizen grundsätzlich lieber auf Papier schreiben sollten, erfahren Sie hier.

Laptop und Handy bieten darüber hinaus ein großes Suchtpotenzial: Laut der DAK-Studie "WhatsApp, Instagram und Co. – so süchtig macht Social Media" sind in Deutschland rund 100.000 Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren bereits süchtig. Digitale Schulbildung könnte das Problem verschärfen.

Balance finden: Warum wir von Instagram und Co. nicht loskommen, lesen Sie hier. Keine Ahnung von Apps, Internet und Co? Das schwedische TV bietet jetzt Nachhilfe für Senioren an.

"Soziales Gehirn entwickelt sich durch soziale Erfahrungen"

In der Grundschule könnte digitales Lernen sogar wichtige Entwicklungsschritte verzögern. Reinhard Retzer, Bildungsbeauftragter der Ökologisch-Demokratischen Partei aus Bayern, sieht die fortschreitende Digitalisierung bei kleineren Kindern kritisch. Er forderte im bayerischen Landtagswahlkampf sogar ein Recht auf analoge Kindheit.

"Da spielen auch Erkenntnisse aus der Gehirnforschung eine Rolle. Das soziale Gehirn entwickelt sich durch soziale Erfahrungen und persönlichen Umgang miteinander. Das geschieht im Anblicken anderer und nicht im Anklicken von Links", sagte Retzer bei "Deutschlandfunk Kultur". "Für eine umfassende Gehirnentwicklung sind die physische Bewegung im Raum wichtig, begeisternde Sinneswahrnehmungen, Handwerksarbeiten, eigene Ideen und Begegnungen mit anderen Menschen."

Der große Nachteil von Homeoffice

Der soziale Austausch ist wichtig. Und genau der könnte von zu viel Digitalisierung geschluckt werden. Vielen Beschäftigten im Homeoffice fehlte genau das. Ein entscheidender Punkt: Nonverbale Kommunikation findet in Videocalls nicht statt. Der Mensch braucht Gestik und Mimik, um mit anderen interagieren zu können.

Johanna Schäwel, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Medienpsychologie an der Universität Hohenheim, erklärte in der "Welt": "Wenn man vor der Kamera sitzt, hat man einfach weniger Möglichkeiten, als wenn man zusammen in einem Raum steht."

Es gäbe ein weiteres Problem: "Wir möchten unsere Wirkung auf andere ständig kontrollieren. Deshalb sprechen wir anders, je nachdem, ob uns unser Chef, ein Familienmitglied oder ein Freund gegenübersitzt. Das ist zwar auch offline der Fall, spielt aber in der Videotelefonie eine besondere Rolle, da wir mehr auf uns selbst achten", so die Psychologin.

Wie Corona für die Digitalisierung deutscher Haushalte sorgt, erfahren Sie hier. Ein Experte erwartet sogar "enorme Fortschritte" für die Digitalisierung während der Pandemie.

Rückenschmerzen, Schlafschwierigkeiten, Ausgebranntsein

Eine Studie der Universität St. Gallen im Auftrag der "Barmer" und der "Telekom" untersuchte die Folgen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt. Und diese können verheerend sein: Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass Kopf- und Rückenschmerzen, Einschlafschwierigkeiten und ein Gefühl des Ausgebranntseins entstehen können.

Hier können Sie noch einmal im Detail nachlesen, wie die Corona-Pandemie den Schlaf beeinflusst.

Was also tun? Dr. Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der "Barmer" in Sachsen hat dazu eine klare Haltung. "Digitalisierung soll den Menschen das Leben erleichtern, erreicht mitunter aber genau das Gegenteil und kann sogar krank machen. Daher gehört ein konkretes Programm zum Gesundheitsmanagement in jedem Unternehmen weit oben auf die Agenda."

Digitalisierung kann in vielen Lebensbereichen helfen. Doch wenn man nicht aufpasst, kann sie Menschen krank machen. Eine Balance zwischen analogem und digitalem Leben zu finden, ist nicht leicht und sollte trotzdem das Ziel für einen entspannten Alltag sein.

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