Aktualisiert: 10.06.2021 - 15:29

Nur mit Vorerkrankungen Kinder gegen Covid impfen? Stiko bleibt vorsichtig

In den USA und Kanada werden Kinder ab zwölf Jahren bereits gegen das Coronavirus geimpft. In Deutschland bleibt die Stiko vorsichtig.

Foto: Getty Images/Capuski

In den USA und Kanada werden Kinder ab zwölf Jahren bereits gegen das Coronavirus geimpft. In Deutschland bleibt die Stiko vorsichtig.

Wie ist das denn nun mit den Kinderimpfungen? Während manche Experten kein Problem darin sehen, Kinder und Jugendliche in die Impfungen mit einzubeziehen oder es sogar fordern, bleibt die Ständige Impfkommission vorsichtig – und empfiehlt die Covid-19-Impfung nur für Kinder und Jugendliche mit bestimmten Vorerkrankungen.

Sollen auch Kinder zwischen 12 und 16 Jahren gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 geimpft werden? Mit dieser Frage beschäftigte sich zuletzt die Ständige Impfkommission (Stiko). Nach langem Zögern ist jetzt klar: Zu vieles sei noch unklar, weshalb die Stiko keine allgemeine Corona-Impfempfehlung für Kinder ausgesprochen hat. Zumindest vorerst nicht. Stattdessen sollen vorerst nur Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen gegen Covid-19 geimpft werden. Und das hat laut Stiko-Chef Thomas Mertens gute Gründe.

Stiko: Vorerst keine allgemeine Covid-Impfempfehlung für Kinder

Die Entscheidung der Stiko ist gefallen: Die Covid-Schutzimpfung wird vorerst nur Kindern zwischen 12 und 17 Jahren empfohlen, die unter bestimmten Vorerkrankungen leiden und daher ein erhöhtes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken. Mit einer allgemeinen Impfempfehlung für alle Kinder und Jugendlichen in diesem Alter möchte man noch warten. Das steht in einem vorläufigen Entwurf des Gremiums, der zwar als vertraulich gekennzeichnet ist, am Dienstag aber der Deutschen Presse-Agentur vorlag. Etwa ein Dutzend Krankheitsbilder nennt die Kommission dort, von denen anzunehmen sei, dass das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf erhöht sei:

  • Fettleibigkeit
  • angeborene oder erworbene Immunschwäche oder relevante Immunsuppression
  • schwere Zyanose (bläuliche Verfärbung der Haut durch Sauerstoffmangel)
  • schwere Herzinsuffizienz
  • schwere pulmonale Hypertonie (Lungenhochdruck)
  • chronische Lungenerkrankungen mit anhaltender Einschränkung der Lungenfunktion
  • chronische Niereninsuffizienz
  • chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen
  • bösartige Tumorerkrankungen
  • Trisomie 21 (Downsyndrom)
  • syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung

Außerdem sollen Kinder und Jugendliche in dem Alter geimpft werden, "in deren Umfeld sich Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hoher Gefährdung für einen schweren Covid-19-Verlauf befinden, die selbst nicht geimpft werden können oder bei denen der begründete Verdacht auf einen nicht ausreichenden Schutz nach Impfung besteht (z.B. unter relevanter immunsuppressiver Therapie)".

Darum zögert die Stiko mit einer generellen Empfehlung

Mertens, Vorsitzender der Stiko, war erst kürzlich zu Gast im NDR-Podcast "Coronavirus-Update", der wöchentlich immer im Wechsel mit den Virologen Christian Drosten und Sandra Ciesek erscheint und über aktuelle Entwicklungen rund um das Coronavirus und die Pandemie informiert. Dort warb er um mehr Verständnis dafür, dass die Stiko mit einer generellen Impfempfehlung für Kinder ab zwölf Jahren so zögerlich ist.

Der Grund ist auch der, weshalb die generelle Impfempfehlung jetzt noch nicht erfolgt: Während die Impfungen an Erwachsenen in breitem Maß getestet worden waren – vor der Notzulassung hatten Menschen im fünfstelligen Bereich innerhalb der Zulassungsstudien eine Impfung erhalten – sind die Impfstoffe in den Kinderstudien nur an verhältnismäßig wenigen Kindern getestet worden. Seltenere Nebenwirkungen aber erkennt man nur, wenn auch viele Probanden vorhanden sind.

Thomas Mertens erklärt das im Podcast wie folgt: "Die Zahl der in der Studie geimpften Kinder ist einfach zu gering, um eine belastbare Aussage über die Sicherheit in dieser Altersgruppe zu machen." Lediglich 1.100 Kinder waren Teil der Kinderstudie rund um den Impfstoff Comirnaty von Biontech und Pfizer. Das reiche nicht aus, um eine Entscheidung für eine Impfempfehlung zu treffen. Zudem hätten immerhin 1,3 Prozent der getesteten Kinder schwerere Reaktionen gezeigt.

Man müsse beachten: "Den Kindern bietet man ja kein Lakritzbonbon an, das ist ein medizinischer Eingriff, und der muss eben entsprechend indiziert sein."

"Keine Empfehlung" heißt aber nicht "keine Erlaubnis"

Es spiele nicht nur die Sicherheit der Impfstoffe für Kinder und Jugendliche in die Überlegungen hinein, sondern auch die Frage, ob die Altersgruppe überhaupt in vollem Maß geimpft werden müsse. Benötigt man Kinder und Jugendliche überhaupt für eine Herdenimmunität? Wie sieht es mit dem Krankheitsrisiko aus? Reicht es vielleicht, vorerkrankte Kinder mit einer Impfung zu schützen?

Kinder erkranken zwar seltener schwer an Covid-19, geschützt vor der Erkrankung sind sie jedoch nicht. Dass vorerkrankte und damit vulnerable Kinder von einem Impfschutz profitieren, steht außer Frage. Ob gesunde Kinder geimpft werden sollten, ist also die Frage, die bleibt.

Das bedeutet aber nicht, dass die Impfung für Kinder ab 12 Jahren ausgeschlossen ist. Immerhin hat die Europäische Arzneimittelagentur EMA die Zulassung für die Altersgruppe erteilt. Daher sei der Piks "nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz des Kindes oder Jugendlichen bzw. der Sorgeberechtigten möglich."

Brauchen wir Kinder für eine Herdenimmunität?

Klar ist: Auch wenn Kinder selten schwer erkranken, können sie sich doch mit dem Coronavirus infizieren – und Kinder sind auch genauso ansteckend mit Covid-19 wie Erwachsene, wie aktuelle Daten zeigen. Entsprechend wichtig ist es, dass alle mit hohem Risiko, die mit Kindern in Kontakt sind, geimpft werden – oder eben die Kinder geimpft werden, die mit Menschen in Kontakt stehen, die aus gesundheitlichen Gründen keinen Impfschutz aufbauen können. Man solle sich, solange Impfstoff-Knappheit bestehe, laut Mertens allerdings entscheiden, ob man lieber Jugendliche oder Erwachsene impfe. Eine große Schulimpfkampagne dagegen halte er vor allem zum jetzigen Zeitpunkt für "grenzwertig".

Währenddessen sind andere Experten wiederum der Meinung, dass eine Herdenimmunität ohne Kinder nicht erreichbar sei. Klar sollte sein: Durch Immunität von Erwachsenen sind Kinder nicht geschützt. Und für eine Herdenimmunität müsste laut Experten derzeit ein Immunschutz von 85 Prozent der Bevölkerung bestehen. Unter anderem geht auch RKI-Chef Lothar Wieler von einer Immunisierungsrate von "deutlich über 80 Prozent" aus. Dieser Anteil ist so hoch, dass Kinder eigentlich nicht ausgeklammert werden dürften. Denn Kinder bis einschließlich 17 Jahren machen rund 30 Prozent der Weltbevölkerung aus. In Deutschland leben allerdings nur etwa 16,4 Prozent Kinder und Jugendliche. Doch klar ist: In einer weltweiten Pandemie reicht die Immunität innerhalb eines Landes nicht aus.

Stiko könnte ihre Empfehlung später durchaus ändern

In den USA und Kanada werden Kinder ab zwölf Jahren bereits seit einigen Wochen mit "Comirnaty" geimpft. Die dabei gewonnenen Daten dürften in weitere Entscheidungen mit einfließen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) spricht sich schon jetzt auch in Deutschland für Impfungen der Zwölf- bis 16-Jährigen aus.

So funktionieren mRNA-Impfstoffe
So funktionieren mRNA-Impfstoffe

Die EMA hatte die Covid-Impfung für Kinder ab zwölf Jahren kürzlich offiziell empfohlen. Die EU-Kommission hatte daraufhin Ende Mai die Zulassung für das Vakzin "Comirnaty" von Biontech und Pfizer ausgesprochen. Jetzt steht also auch so gut wie fest, wie sich die Stiko entscheidet, die die Impfempfehlungen für Deutschland herausgibt: Für vorerkrankte Kinder soll es eine Impfempfehlung geben, mit einer allgemeinen Corona-Impfempfehlung für Kinder wird möglicherweise noch gewartet – zumindest, bis umfassendere Daten vorliegen.

Biontech und Pfizer testen ihren Impfstoff bereits seit einiger Zeit mit Kindern. Schon im April sprach Biontech-Chef Şahin von einer möglichen Corona-Impfung für Kinder ab Juni. Eine Empfehlung der Stiko wiegt zwar hoch, aber bleibt eben auch nur eine Empfehlung. Auch wenn die allgemeine Empfehlung vorerst ausbleibt, dürften sich Eltern und Kinder nach Rücksprache mit ihren Ärzten dennoch für eine Impfung entscheiden.

Quellen: NDR-Podcast "Coronavirus Update" Folge 91: "Die Pandemie, der Impfstoff und die Kinder", dpa, n-tv.de, BVKJ, Positionspapier Mediziner zu Kinderimpfungen, Pressekonferenz RKI

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen
Eine Webseite der FUNKE Mediengruppe