Aktualisiert: 17.05.2021 - 16:07

Erneuter Fund Antibiotikaresistente Keime: Die Massentierhaltung birgt enormes Risiko

Wo viele aufeinandertreffen, haben Keime ein Leichtes – das gilt nicht nur für Menschen, sondern vor allem für Tiere. In der Massentierhaltung ist die Gabe von Antibiotika daher Standard – mit fatalen Folgen, denn es bilden sich immer mehr antibiotikaresistente Keime.

Foto: Getty Images/Bloomberg Creative Photos

Wo viele aufeinandertreffen, haben Keime ein Leichtes – das gilt nicht nur für Menschen, sondern vor allem für Tiere. In der Massentierhaltung ist die Gabe von Antibiotika daher Standard – mit fatalen Folgen, denn es bilden sich immer mehr antibiotikaresistente Keime.

Zu viele Antibiotika führen dazu, dass Bakterien irgendwann resistent werden. Aus diesem Grund gibt es bestimmte Reserve-Antibiotika, deren Einsatz eigentlich reguliert ist. Dennoch werden sie in der industriellen Landwirtschaft oft täglich eingesetzt. Das kann fatale Folgen auch für uns haben. Erst kürzlich wurden resistente Keime im Abwasser von Schlachthöfen gefunden.

Bei jeder Kleinigkeit Antibiotika zu verschreiben steht aus gutem Grund in Verruf, denn bei regelmäßigem Gebrauch können sich Resistenzen bilden. Die Gefahr liegt aber längst nicht nur bei den Medikamenten, die man uns verschreibt. Viel größer ist sie in einem viel gewaltigeren Umfang – nämlich in der Massentierhaltung. Und das birgt gleich zwei Probleme: Wenn Tieren täglich Antibiotika verfüttert werden, bilden sich schon vor Ort antibiotikaresistente Keime. Und wir essen die Antibiotika außerdem gleich mit. Jetzt wurden erneut solche Keime im Abwasser von Schlachthöfen gefunden. Greenpeace schlägt Alarm.

Antibiotikaresistente Keime in Schlachthaus-Abwasser: Fatale Entwicklung

33 Proben aus sieben Schlachthöfen dreier deutscher Bundesländer hat die Organisation Greenpeace kürzlich untersuchen lassen. Das Ergebnis ist erschreckend: In 30 Proben fand man antibiotikaresistente Keime. Eine fatale Entwicklung, denn je mehr Bakterien Resistenzen gegenüber der eigentlich starken Medikamente entwickeln, desto eher drohen auch uns Superinfektionen. Und die sind nur schwer, teilweise gar nicht behandelbar.

"Auch Schlachthöfe verbreiten Resistenzen gegen überlebenswichtige Antibiotika und tragen damit dazu bei, dass Infektionskrankheiten immer schwerer zu behandeln sind", erklärt Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Dirk Zimmermann gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Analysiert hatte die im November und Dezember 2020 genommenen Abwasserproben die Universität Greifswald.

Keime finden Umwege: Selbst gegen Reserve-Antibiotika schon Resistenzen

Das Problem: In Bereichen, in denen viele Tiere auf engem Raum zusammenleben, verbreiten sich schnell Krankheiten, ausgelöst nicht nur durch Viren, sondern auch durch Bakterien, etwa Salmonellen. Um dem vorzubeugen, verfüttern viele Betriebe regelmäßig Medikamente – darunter eben auch Antibiotika. Und zwar rund 735 Tonnen jährlich, klärt unter anderem "BR Wissen" auf. Doch so stark die Medikamente sind, so "schlau" sind Bakterien, kommen sie oft mit ihnen in Berührung. Denn sie können sich anpassen – und resistent gegen die eigentlich starke Waffe werden.

Normalerweise unterliegt die Gabe von Antibiotika in der Tierhaltung strengen Regelungen, doch es gibt Schlupflöcher. Da bereits Antibiotikaresistenzen bekannt sind, wurden bestimmte Antibiotika zurückgestellt und als "Reserve-Antibiotika" eingestuft. Das heißt, sie dürfen nur in Ausnahmefällen gegeben werden, wenn andere Mittel nicht mehr wirken – und damit am Ende den Menschen schützen. Damit soll eigentlich der Bildung weiterer Resistenzen vorgebeugt werden. Die Ausnahmefälle stehen in vielen Betrieben unter der Hand jedoch mittlerweile an der Tagesordnung.

"Schleichende Pandemie": Einziger Ausweg ist Verkleinerung der Tierhaltung

In elf der 33 Proben seien Keime gefunden worden, die bereits resistent gegen das wichtige Reserve-Antibiotikum Colistin seien. Je mehr solche Mittel aber eingesetzt werden, desto mehr Resistenzen entstehen. Eine globale Bedrohung in Human- und Veterinärmedizin, so Greenpeace. Zimmermann mahnt: "Wir alle sind von der 'schleichenden Pandemie' der zunehmenden Unwirksamkeit von Antibiotika betroffen. Sie ist eine Folge der Massentierhaltung, die wir nur in den Griff bekommen, wenn deutlich weniger Tiere besser gehalten werden." Denn bei so vielen Tieren wie derzeit gehalten werden, sei der Einsatz von Antibiotika unumgänglich.

Eigentlich sollen Tierarzneimittel nur eingesetzt werden, um kranke Tiere zu behandeln und damit Tiergesundheit und Tierschutz zu fördern. Krankheiten seien laut Greenpeace in vielen Betrieben aber mittlerweile normal. Zwar darf man mittlerweile nicht mehr vorbeugend füttern, doch wenn kranke Tiere im Bestand sind, werden die Gesunden einfach mitbehandelt.

Antibiotika und Keime landen auch im Abwasser

Die Antibiotika stecken zwar nur in wenigen Fällen später im Fleisch und werden damit vom Menschen gleich mitverzehrt – doch das kommt durchaus vor. Die Keime hingegen finden sich durchaus in dem, was wir später eigentlich verzehren wollen. So wurde schon 2019 festgestellt, dass in der Hälfte der untersuchten Geflügelprodukte vom Discounter multiresistente Keime zu finden waren. Und sie verursachen eben nicht nur vor Ort Resistenzen. Entwickeln etwa bestimmte Bakterien im Verdauungstrakt von Tieren solche Resistenzen, können sie beim Verzehr von uns aufgenommen werden und sich in unserem Darm ansiedeln und wiederum dort Resistenzen gegen Antibiotika bilden.

Ein weiteres großes Problem aber ist laut Greenpeace-Untersuchung: Die Abwässer werden von vielen Konzernen, darunter übrigens Tönnies, Westfleisch und Wiesenhof, laut Greenpeace direkt in die Umwelt eingeleitet. Damit seien sie direkt als Verursacher mikrobieller Gewässerbelastung zu bezeichnen.

Die Forderung Zimmermanns: Das Abwasser müsse "bestmöglich" geklärt werden. Dort sei nebst Schlachthöfen auch die Politik in der Pflicht, entsprechende Vorgaben zu machen – auch zur Medikamentengabe im Betrieb. Denn der Einsatz von Antibiotika ist derzeit wie erwähnt auch bei gesunden Tieren durchaus erlaubt, wenn einzelne Tiere im Bestand Krankheitssymptome aufweisen.

Greenpeace fordert bessere Haltungsbedingungen und mehr

Die Vorschläge und Forderungen von Greenpeace: Faire Preise, die eine bessere Tierhaltung ermöglichen sowie keine Werbung mehr für Billigfleisch. Das dürfe es zu den gewohnten Ramschpreisen nicht mehr geben. Zudem fordert die Organisation bessere Haltungsbedingungen und Abschaffungen von Gruppenbehandlungen. Tier-Arzneimittel dürften außerdem nicht mehr mit Mengenrabatten und nur unter Einhaltung von Mindestpreisen abgegeben werden.

Die Nutzung von Reserve-Antibiotika sollte laut Einschätzung der Organisation verboten oder zumindest stark eingeschränkt werden. Die aktuelle EU-Verordnung 2019/6 sieht das sogar vor, die Mitgliedsstaaten haben aber noch bis Anfang 2022 Zeit, die Regelung umzusetzen. Ausnahmefälle sieht die Verordnung allerdings noch immer vor. Von der Politik werden außerdem Grenzwerte und regelmäßige Überwachung von Antibiotika in Grund- und Oberflächenwasser gefordert.

Übrigens: Auch für Veganer sind die in der Tierhaltung entstehenden multiresistenten Keime ein Problem, denn sie können über Stallabluft, das genannte Abwasser oder Gülle auch auf Felder und in die Umwelt gelangen und so Gemüse und Co kontaminieren. Auf Tomaten, Kartoffeln, Gurken, Salat und Sprossen konnten multiresistente Keime bereits nachgewiesen werden. Ein Grund mehr, Gemüse und Obst vor dem Verzehr gründlich zu reinigen.

Und für Fleisch gilt: Immer gut durchgaren. Wichtig zu wissen: Alltägliche Hygienemängel: Diese Fehler macht fast jeder!

Auch der gefürchtete Krankenhauskeim gehört zu den multiresistenten Keimen. Umso wichtiger sind Forschungen zu Antibiotika-Alternativen, etwa das Wissen über Bakterienkommunikation.

Und sollte es zur Behandlung einer Krankheit bei Ihnen doch einmal ein Antibiotikum sein – denn die sind durchaus in manchen Fällen die sinnvollste Wahl – dann gilt: Das sollten Sie über Antibiotika wissen.

Quellen: AFP, Greenpeace: "Antibiotika und (multi-)resistente Keime in der Tierhaltung", BR Wissen, Verbraucherzentrale

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