Aktualisiert: 30.04.2021 - 11:51

Neue Mutation Neue Virus-Variante aus Indien: Drosten hält B.1.617 für "überschätzt"

Auch in Indien wird geimpft. Dennoch nimmt die Covid-19-Situation dort dramatische Ausmaße an. Ist die neue Coronavirus-Variante B.1.617 schuld daran? So schätzt Virologe Christian Drosten die neue Mutante ein...

Foto: Getty Images/ Fariha Farooqui

Auch in Indien wird geimpft. Dennoch nimmt die Covid-19-Situation dort dramatische Ausmaße an. Ist die neue Coronavirus-Variante B.1.617 schuld daran? So schätzt Virologe Christian Drosten die neue Mutante ein...

Das Gesundheitssystem in Indien steht vor dem Zusammenbruch. Viele machen eine neue Coronavirus-Mutante für die Lage verantwortlich. Zu Recht?

Während uns Nachrichten über Mutationen des Coronavirus vor einigen Monaten noch besorgten und verunsicherten, nehmen wir sie mittlerweile beinahe mit einem Schulterzucken hin. Viren mutieren – und das Coronavirus ist da keine Ausnahme. Es wird weiter mutieren, bis ausreichend Menschen geimpft sind.

Die Corona-Variante aus England hat hierzulande mittlerweile den Wildtyp des Virus verdrängt, weitere Varianten aus Südafrika und Brasilien stehen unter Beobachtung. Doch Sorgen bereitet jetzt vielen die dramatische Covid-19-Lage in Indien. Das Land erlebt derzeit eine heftige dritte Corona-Welle – offenbar befeuert durch eine neue Variante des Virus. Wie gefährlich ist die Corona-Variante aus Indien wirklich? Virologe Christian Drosten sieht in B.1.617 vorerst keinen Grund zur Beunruhigung.

B.1.617: Das sagt Christian Drosten zur neuen Corona-Variante aus Indien

In Indien steigt die Kurve der Neuinfektionen mit dem Coronavirus nach wie vor stark an. Während es laut Johns-Hopkins-Universität am 19. Februar noch knapp 14.000 neue Fälle pro Tag gab, waren es am 29. April bereits 386.555. Das Gesundheitssystem steht kurz vor dem Zusammenbruch, vor allem in der Hauptstadt Neu-Delhi ist die Lage ernst. Laut einem Spiegel-Bericht sind Medikamente, Sauerstoff und Krankenhausbetten knapp, die Corona-Toten werden provisorisch auf einem Parkplatz verbrannt und eingeäschert.

Einige Wissenschaftler machen eine neue Mutante des Coronavirus dafür verantwortlich: B.1.617 lautet der Name der neuen Corona-Variante aus Indien, die derzeit von Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Robert-Koch-Institut (RKI) beobachtet wird. Doch wie gefährlich ist die indische Variante wirklich? Virologe Christian Drosten gibt sich gelassen.

"Nichts, was einen wirklich groß beunruhigt"

In seinem Podcast "Coronavirus-Update" von NDR-Info sagt er, dass es vermutlich nicht die Variante B.1.617 allein sei, die für die heftige dritte Welle in Indien verantwortlich ist. Stattdessen gäbe es dort "mehr eine bunt gemischte Virus-Population". Auch die Variante B.1.1.7, die mittlerweile in Deutschland vorherrscht, ist dort stark vertreten.

Weiterhin träfe das Virus nun auf eine Bevölkerung, deren Anfangsimmunität aus den bisherigen Wellen schon wieder ein bisschen abnimmt. Die indische Variante sei verbreitungsfähiger und robuster gegen die Immunität, es gebe aber keine Hinweise darauf, dass die Menschen durch sie auch schwerer erkranken, es werden lediglich noch mehr Leute gleichzeitig infiziert. Weiterhin sei die Grundgesundheit in Indien weniger gut als beispielsweise in Deutschland.

Im Vergleich mit anderen Coronavirus-Varianten seien die Merkmale der neuen Mutante aber "nichts, was einen wirklich groß beunruhigt". Deshalb hält der Virologe die indische Variante für "in der Medienbewertung überschätzt" – zumindest aktuell. Dass sich das ändern kann, schließt Christian Drosten nicht aus: "Es kann sein, dass in zwei Monaten sich herausstellt, dass doch irgendwas ist mit diesem Virus."

Ist die Mutante aus Indien ansteckender?

In einer Pressemitteilung vom 16. April bezeichnet die WHO-Wissenschaftlerin Maria Van Kerkhove B.1.617 als "Variant of Interest", also eine Variante, die die Forscher mit Interesse beobachten. Die Virus-Varianten aus Großbritannien, Brasilien und Südafrika werden hingegen als "Variants of Concern" eingestuft, also als Varianten, die mit Sorge beobachtet werden. Der Grund dafür, dass B.1.617 einigen Wissenschaftlern Sorgen bereitet, obwohl sie noch nicht als besorgniserregende Variante eingestuft wird, wird in der Pressemitteilung erklärt:

B.1.617 weist gleich zwei Mutationen auf, genau wie einige andere der neuen Virus-Varianten. Bei diesen führen die Veränderungen im Genom des Virus bewiesenermaßen sowohl zu einer erhöhten Übertragbarkeit als auch zu einer reduzierten Neutralisierbarkeit. Das bedeutet: Das Virus ist nicht nur ansteckender, es besteht auch die Gefahr, dass sich Genesene erneut infizieren können – und dass die Impfstoffe, die wir bisher haben, weniger gut dagegen wirken.

Ob das bei der indischen Variante ebenfalls der Fall ist, muss noch erforscht werden. Erst, wenn darüber gesicherte Erkenntnisse vorliegen, könnte sie ebenfalls als "Variant of Concern" eingestuft werden. Wie n-tv bereits berichtete, ist laut dem indischen Gesundheitsministerium aber noch nicht bewiesen, dass die indische Variante ansteckender ist als der Wildtyp.

Internationale Hilfslieferungen angekündigt

Während Charité-Virologe Christian Drosten die Virus-Variante aus Indien nicht als besorgniserregend einstuft, sieht SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach die neue Mutante kritischer.

Auf Twitter spricht er von einer "Covid-Katastrophe", die sich in Indien anbahne. Die neue Corona-Variante setze sich auch gegen die Variante B.1.1.7 aus Großbritannien durch, die in Deutschland derzeit vorherrscht, weiterhin könne sie den Impfschutz aushebeln. Konkret bedeute das: "Auch auf Europa kommt ein Problem zu." In Anbetracht der sich rasch ausbreitenden Mutanten nimmt er in einem weiteren Tweet Industrieländer in die "Pflicht, auch ärmere Länder schnellstens mit Impfstoff zu versorgen".

Tatsächlich hat die internationale Hilfe für Indien bereits begonnen. Großbritannien lieferte dem Außenministerium in Neu-Delhi zufolge bereits hundert Beatmungsgeräte und 95 Sauerstoffkonzentratoren. Die USA, Kanada und die WHO haben ebenfalls Lieferungen angekündigt. Unter anderem möchte die USA bis zu 60 Millionen Dosen des Corona-Impfstoffs von AstraZeneca liefern, der in den USA nicht zugelassen ist. Auch die EU-Kommission will Indien über den EU-Katastrophenschutz Sauerstoff, Medikamente und Ausrüstung zukommen lassen.

Einreiseverbote über Indien verhängt

Verschiedene Länder haben Einreiseverbote über Indien verhängt, darunter Großbritannien, Kanada, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate. Deutschland zog Anfang dieser Woche nach. Die Einreise ist nun nur noch in Ausnahmefällen und unter Beachtung strenger Sicherheitsmaßnahmen erlaubt.

Nach Angaben der WHO wurde die Corona-Variante aus Indien bereits in 17 Ländern nachgewiesen. Neben Indien stammen die meisten Nachweise aus Großbritannien, den USA und Singapur. In Deutschland wurden laut ZDF bisher 22 Fälle nachgewiesen.

Meldungen wie diese mögen erst einmal so wirken, als würde die Pandemie nie ein Ende finden. Doch selbst, wenn der Schutz der Impfungen gegenüber einigen Coronavirus-Varianten verringert ist, so ist das wohl kein Weltuntergang: Impfstoffe lassen sich an neue Mutationen anpassen.

Auch in Deutschland nimmt die Impfkampagne Fahrt auf: Die Impfpriorisierung wird vermutlich ab Juni aufgehoben. Und auch Kinder könnten sich bald impfen lassen: Biontech-Chef Uğur Şahin Şahin stellt die Corona-Impfung für Kinder ab Juni in Aussicht.

Je länger die Pandemie andauert, desto mehr lernen wir über das Virus. Das Robert-Koch-Institut definiert die Covid-Risikofaktoren neu.

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen
Eine Webseite der FUNKE Mediengruppe