14.04.2021 - 13:11

Ganz wichtig: Momentaufnahme! Drosten: Antigen-Schnelltests bieten trügerische Sicherheit

Antigen-Schnelltest machen und dann shoppen gehen, weil man ja nicht krank ist? Keine gute Idee, sagt Christian Drosten – dafür sind die Tests zu ungenau.

Foto: Getty Images/VioletaStoimenova

Antigen-Schnelltest machen und dann shoppen gehen, weil man ja nicht krank ist? Keine gute Idee, sagt Christian Drosten – dafür sind die Tests zu ungenau.

Derzeit wird in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens vermehrt mit Antigen-Schnelltests gearbeitet. So können akut ansteckende Infizierte besser erkannt werden. Doch die Tests haben eine entscheidende Einschränkung: sie bieten nur eine Momentaufnahme. Und das passt nicht zur aktuellen Teststrategie, kritisiert Christian Drosten.

Antigen-Schnelltests sind ein gutes Mittel, um vor allem potentielle Superspreader zu erkennen – das sagen Experten, auch der Charité-Virologe Christian Drosten, bereits lange. Mittlerweile werden Schnelltests großflächig eingesetzt. Doch eben nicht großflächig genug. Denn die Zuverlässigkeit von Antigen-Schnelltests ist beschränkt. Sie sind einerseits ungenauer als PCR-Tests, die aber länger in der Auswertung brauchen, und andererseits bieten sie nur eine Momentaufnahme. Es besteht demnach ein Restrisiko, dass eine Infektion, insbesondere in der Frühphase, nicht erkannt wird.

Schnelltests: In diesem Zeitfenster sind sie zu ungenau

Darauf macht Prof. Dr. Christian Drosten in der aktuellen Folge des NDR-Podcasts "Coronavirus-Update" erneut aufmerksam. Gerade die ersten Tage einer Infektion sind es nämlich, die gefährlich sind: Die Viruslast ist dann mitunter noch nicht hoch genug, damit ein Antigen-Schnelltest anschlägt. Im Moment des Tests ist die Viruslast aber möglicherweise schon hoch genug, um andere anstecken zu können – je nach Verhalten und Umgebungssituation des Infizierten.

Tests bieten nur ab einer gewissen Viruslast ein ganz sicheres Ergebnis: So würden die Schnelltests erst am Tag eins nach Symptombeginn aussagekräftig anschlagen, erklärt Drosten im Podcast. "Da ist man aber schon drei Tage lang infektiös." Sprich: "Wenn man davon ausgeht, dass eine infizierte Person in der Regel acht Tage lang ansteckend ist, heißt das: An fünf von acht Tagen entdecke ich mit dem Antigentest eine Infektion, an drei Tagen werde ich sie übersehen." In den kommenden Monaten soll es weitere Studiendaten zu diesem Effekt geben.

Hinweis: Wie ansteckend jemand ist, also wie sehr das Virus verteilt wird, kommt auch immer individuell auf die Person an: Ist es jemand, der viel redet, laut redet, schreit, möglicherweise keine oder nur eine schlecht sitzende Maske trägt? Befindet sich die Person mit vielen anderen in einem schlecht gelüfteten Raum? Auch diese Aspekte erhöhen das Risiko, dass sich andere bei ihr anstecken.

Niemals lediglich auf Schnelltests verlassen

Wichtig sei es, auch mit Teststrategie auf weitere Maßnahmen wie Hygieneregeln und Abstand sowie Lüften zurückzugreifen. Aus diesem Grund sei es gefährlich, sich etwa bei Veranstaltungen oder dem Theater- und Konzertbesuch sowie beim Betreten eines Restaurants nur auf ein Testergebnis zu verlassen. Denn wenn ein Schnelltest eine Infektion "übersieht", werde diese Person in der Annahme herumlaufen, nicht ansteckend zu sein – und dabei möglicherweise aus falscher Sicherheit unvorsichtig werden und andere anstecken.

"Es ist nicht so simpel, wie es in der Politik dargestellt wird – nach dem Motto: Jetzt kann alles öffnen, weil wir ja die Schnelltests haben." Drosten stellt klar: Zwischen 40 Prozent und 60 Prozent der Infektionen werden bei Schnelltests übersehen.

Dass Antigen-Schnelltests Superspreader erkennen können, hat Christian Drosten bereits im November erklärt. Jedoch hat er damals bereits darauf hingewiesen, dass dafür genügend Viruskonzentration vorliegen muss – wie sie eben in der ersten Woche der Symptome bzw. ganz kurz vor deren Auftreten ist. Gänzlich neu sind die Erkenntnisse zur Zuverlässigkeit von Schnelltests daher nicht.

In Clustern sind Schnelltests sinnvoll

Sinnvoll seien Tests aber in Clustern, eben etwa am Arbeitsplatz oder in Schulen, denn so könne man dort die Kontrolle während der Pandemie behalten und entsprechend reagieren. In Clustern ist die Nachverfolgung wesentlich einfacher. "Selbst wenn bei einer Testung nicht alle Infektionen entdeckt werden, bei der nächsten Testung nach zwei oder drei Tagen werden die Infektionen dann nachgewiesen. In Clustern ist solch ein geringer zeitverzögerter Effekt kein Problem", so der Virologe.

Die Testpflicht am Arbeitsplatz hält der Drosten daher für einen ersten richtigen Schritt, auch um die zu erkennen, die ihre Symptome vielleicht gar nicht wahrnehmen. Zwei Tests pro Woche seien allerdings sinnvoller als nur einer. Je mehr in diesen Clustern getestet wird, desto besser. "Ich finde es ganz besonders wichtig, dass überhaupt eine Testung vorgeschrieben wird. Das ist ein wirksames Werkzeug." Ganz wichtig sei dann aber, umgehend zu reagieren, wenn ein Schnelltest-Ergebnis positiv ausfällt. Das bedeutet nicht nur PCR-Test, sondern schnellstmögliche Isolierung für Betroffene – ohne auf das Ergebnis des PCR-Tests zu warten.

Drosten stellt klar: "Wir brauchen diese Schnelltests unbedingt", auch im Hinblick auf Öffnungsstrategien. Sie allein seien aufgrund ihrer beschränkten Zuverlässigkeit aber nicht ausreichend, um das derzeit hohe Infektionsgeschehen gut genug eindämmen zu können, um zu viele schwere Verläufe zu verhindern und die Krankenhäuser zu entlasten.

Drosten: Notbremse reicht nicht aus, um Krankenhäuser zu entlasten

"Ich erwarte nicht, dass man damit die Situation in der Intensivmedizin kontrollieren kann", so Drosten im Podcast zur nun von der Bundesregierung beschlossenen Notbremse ab einer Inzidenz von 100. Man müsse da seiner Meinung nach in "allernächster Zeit nochmal anders reagieren". Die Situation auf den Intensivstationen sei schwierig, das liege auch am massiven Mangel an Pflegepersonal. Mehr dazu: Knappe Intensivbetten: Die Patienten sind jünger – und bleiben länger.

Mittlerweile gibt es auch Corona-Schnelltests für zu Hause – aber wie funktionieren die eigentlich? Das und mehr lesen Sie auf unserer Themenseite zum Coronavirus.

Quellen: NDR Coronavirus-Update Folge 84: "Nicht auf Tests und Impfungen verlassen", eigene Recherche

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