Aktualisiert: 16.04.2021 - 21:35

Widerstandskraft Wie sieht die Zukunft nach Corona aus? Das sagt ein Resilienzforscher dazu

Der Foresight-Prozess VORAUS:schau! des Bundesministeriums für Bildung und Forschung beschäftigt sich damit, welche Herausforderungen die Zukunft für uns bereit hält. Unter anderem werden diese im Rahmen des Zukunftskreises von einem Expert*innen-Team diskutiert. Auch Resilienzforscher Karim Fathi ist Mitglied im Zukunftskreis. Mit ihm haben wir uns über den Zusammenhang von Resilienz und der Corona-Krise unterhalten.

Foto: Bundesministerium für Bildung und Forschung

Der Foresight-Prozess VORAUS:schau! des Bundesministeriums für Bildung und Forschung beschäftigt sich damit, welche Herausforderungen die Zukunft für uns bereit hält. Unter anderem werden diese im Rahmen des Zukunftskreises von einem Expert*innen-Team diskutiert. Auch Resilienzforscher Karim Fathi ist Mitglied im Zukunftskreis. Mit ihm haben wir uns über den Zusammenhang von Resilienz und der Corona-Krise unterhalten.

Resilienz ist die Fähigkeit, Krisen zu meistern. Diese ist gerade in Zeiten der Corona-Pandemie wichtig – für Einzelpersonen und für die Gesellschaft.

Bestimmt haben Sie das auch schon einmal beobachtet: Manchen Personen fällt es nach einer Krise unheimlich schwer, wieder auf die Beine zu kommen. Vielleicht haben sie sogar ihr ganzes Leben lang mit ihrem Unglück zu kämpfen. Anderen fällt die Rückkehr zur Normalität nicht nur sichtlich leichter, sie scheinen aus dem, was ihnen passiert ist, sogar eine Art innere Kraft zu ziehen. Was ist nun der Unterschied zwischen diesen beiden Menschen? Vermutlich ist Person A resilienter als Person B.

Resilienz ist die Fähigkeit, Krisen zu meistern und im besten Fall sogar gestärkt daraus hervorzugehen. Das bedeutet nicht, dass man sich von schlimmen Ereignissen nicht aus der Bahn werfen lassen darf. Nach Schicksalsschlägen ins Wanken zu geraten, ist menschlich. Nichtsdestotrotz sind Individuen und Gesellschaften, die ein höheres Maß an Resilienz an den Tag legen, widerstandsfähiger, lebenstüchtiger und sie haben ein höheres Wohlbefinden.

Karim Fathi: Der Resilienzforscher im BILD der FRAU Interview

Die Corona-Pandemie ist für viele die erste richtige gesellschaftliche Krise, die sie miterleben. Gerade im Hinblick darauf ist das Thema Resilienz wieder in aller Munde. Wie können wir als Individuen der Corona-Krise und ihren Auswirkungen trotzen? Wie als Gesellschaft?

Um mehr über die Bedeutung von Resilienz, auch aber nicht nur im Hinblick auf die Pandemie, zu lernen, haben wir mit Karim Fathi gesprochen. Karim Fathi ist Konflikt- und Resilienzforscher und Mitglied des Zukunftskreises des Bundesforschungsministeriums. In diesem berät er sich mit 15 weiteren Expert*innen das Ministeriums hinsichtlich Zukunftstrends – und darüber, wie wir den Herausforderungen der Zukunft frühzeitig begegnen können.

Nicht nur in der Corona-Krise: So wichtig ist Resilienz

Warum ist Resilienz wichtig?

Resilienz bezeichnet die seelische Widerstandskraft und die Fähigkeit, mit Krisen und Problem aller Art fertig zu werden, also auch mit Krisen, die einen überwältigen. Das ist eine lebenswichtige Eigenschaft, denn im Leben lassen sich Krisen und Probleme niemals vermeiden. Jeder wird damit konfrontiert und darum ist es eine sehr wichtige Eigenschaft, damit fertig werden zu können.

Im Besonderen leben wir jetzt auch in einer Zeit, die von Dauerstress geprägt ist. Das ist ein bisschen paradox, weil wir auf der anderen Seite ja eigentlich in einer Wohlstandsgesellschaft leben, also in einer Gesellschaft, in der Frieden herrscht und sämtliche Bedürfnisse auf nie dagewesenem Niveau befriedigt werden können: Wir müssen nicht um unser Leben fürchten, extreme Armut hat weltweit abgenommen, wir haben eine unglaubliche Kaufkraft und nie dagewesene Freiheiten, unser psychisches Wohlbefinden ist sehr hoch. Und trotzdem haben wir eine ständige Dauerbelastung. Resilienz bezeichnet auch die Fähigkeit, mit diesem Dauerstress fertig zu werden und auch mal abschalten zu können. Meiner Beobachtung nach haben viele Menschen die Fähigkeit verloren, abschalten zu können. Das ist eines unserer Hauptprobleme.

Die sieben universellen Resilienzfaktoren

Was haben resiliente Menschen gemeinsam? Weisen sie ein ähnliches Persönlichkeitsprofil auf?

Da sind sich die Meinungen strittig. Die meisten Resilienztrainerinnen und -trainer würden auf die so genannten sieben universellen Resilienzfaktoren verweisen, die die berühmte Forscherin Emmy Werner beobachtet hat:

  • Emotionssteuerung
  • Impulskontrolle
  • Kausalanalyse
  • Empathie
  • Realistischer Optimismus
  • Selbstwirksamkeit
  • Reaching-Out/Zielorientierung

Im deutschsprachigen Raum wird manchmal noch ein leicht abweichendes Resilienzfaktoren-Set genannt. Darin tauchen Faktoren, wie z.B. "Netzwerkfähigkeit", "Akzeptanz" oder "Lösungsorientierung" auf. Diese sind meines Erachtens völlig plausibel, gelten aber nicht als die "echten" sieben Resilienzfaktoren, die damals von Emmy Werner formuliert wurden.

Von ihr stammt die Kaua'i-Studie, die sie auf einer Inselgruppe in Hawaii durchgeführt hat. Dort hat Emmy Werner um die 700 Kinder untersucht, von denen ein Drittel unter widrigen Bedingungen aufgewachsen ist, beispielsweise unter Einfluss von Alkoholismus oder psychischen Erkrankungen. Emmy Werner stellte fest, dass ein Drittel der Kinder, die unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen sind, sich ganz normal zu gereiften, nicht traumatisierten Persönlichkeiten weiterentwickelt hat. Sie war die erste, die herausgefunden hat, dass es diese sieben Resilienzfaktoren gibt.

Die einen würden also sagen: Ja, es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen resilienten Menschen und das sind diese sieben Resilienzfaktoren. Ich sage das aber unter Vorbehalt, denn es gibt noch eine andere Perspektive, die in der zweiten Welle der Resilienzforschung betont wurde: Laut dieser gibt es keine universellen Resilienzfaktoren, stattdessen ist Resilienz im groben Maße kontextabhängig: Vielleicht ist ein Mensch in einem bestimmten Kontext total resilient, an dem andere Menschen zugrunde gehen würden. Genau diese Menschen sind aber vielleicht in einem anderen Kontext verwundbar. Deshalb lässt sich diese Frage nicht so eindeutig beantworten.

Allerdings bin ich überzeugt davon, dass wir lernen können, mit vielen unterschiedlichen Krisen und Problemen resilienter umgehen zu können.

"Dankbarkeit setzt enorme Ressourcen frei"

Kann man Resilienz lernen? Falls ja, welche Routinen sollte man in seinen privaten und beruflichen Alltag integrieren, um Resilienz zu entwickeln?

Ja, davon bin ich überzeugt. Schon fünf Minuten pro Tag reichen aus. Eine meiner Lieblingsübungen ist die berühmte Dankbarkeitsübung. Schreib dir 20 Dinge auf, für die du dankbar bist. Da denkt man sich dann erstmal: Was soll das denn? Aber in der Resilienzforschung hat sich gezeigt, dass ein Gefühl von Dankbarkeit enorme Ressourcen freisetzt und zu einer enormen Widerstandskraft gegen alle möglichen Arten von Krisen befähigt.

Das ist die Einstiegsübung: Schreib dir 20 Dinge auf, für die du dankbar bist. Am Anfang ist das ein bisschen schwierig. Meine Empfehlung wäre, das einen Monat lang zu machen. Am ersten Tag schreibst du dir 20 Dinge auf, zum Einstieg, danach jeden Tag fünf Dinge. Die Dinge muss man sich auch gar nicht zwingend aufschreiben, es reicht, sie sich morgens oder abends ins Bewusstsein zu rufen. So macht man sich bewusst, welche Ressourcen man hat. Eine andere Praxis wäre Meditation. Diese beiden Methoden sind einfach anwendbar und können langfristig, das zeigt auch die Resilienzforschung, die Resilienz in unterschiedlichen Krisenkontexten erhöhen.

Individuen und Gruppen haben verschiedene Krisen

Wenn man allgemein über Resilienz spricht, spricht man oft über die Krisen, die Einzelpersonen treffen. Welche Unterschiede gibt es bezüglich der Resilienz eines Individuums und der Resilienz einer Gesellschaft?

Das sind unterschiedliche Systemkontexte. In der Systemtheorie unterscheidet man zwischen der psychischen Resilienz eines Individuums und einem sozialen System. Ein Individuum hat einen Geist, hat Emotionen, hat eine bestimmte Selbstwahrnehmung und ganz bestimmte Krisen, zum Beispiel das Verlassenwerden durch den Partner, Arbeitslosigkeit, Burnout – das sind ganz spezifische Krisenkontexte, die typischerweise auf mich als Individuum zukommen.

Da kann man an unterschiedlichen Ebenen ansetzen, zum Beispiel dem Problem an sich, indem ich zum Beispiel die Person, die meinen Stress auslöst, zu beeinflussen versuche, oder ich versuche, auf mentaler Ebene anzusetzen, also meine Bewertung der Situation zu ändern und stressige Gedanken loszulassen oder ich wende auf der Ebene meiner Emotionen Techniken an, um stressige Gefühle loszulassen.

Diversität und Kommunikation fördern Problemlösungsfähigkeit

Als Gruppe gibt es nochmal andere Besonderheiten. Erstens: Eine Gruppe muss sich mit anderen Krisen auseinandersetzen. Während ich als Individuum zum Beispiel mit Beziehungskrisen oder Arbeitsstress umgehen muss, muss ich als Organisation mit völlig anderen Krisen umgehen, die das Unternehmen als systemisches Ganzes betreffen, zum Beispiel, wenn ich als Unternehmen eine bestimmte Marktentwicklung verschlafe und die Konkurrenz mich abhängt (siehe z.B. der frühere Marktführer auf dem Handymarkt, Nokia, der das Smartphone verschlief). Eine Gesellschaft muss wiederum mit anderen Krisen umgehen, z.B. Klimawandel, Ressourcenknappheit, (Cyber-)Terrorismus, die nächste Wirtschaftskrise oder eben aktuell die Corona-Pandemie.

Ein Individuum und ein soziales System (sprich: Gruppe, Unternehmen oder Gesellschaft) sind hinsichtlich ihrer Grundkonstellation unterschiedlich. Die Systemwissenschaftler sagen in diesem Zusammenhang gerne, dass das "Ganze mehr als die Summe seiner Teile" ist. Das bedeutet z.B. im Hinblick auf Resilienz, dass es für ein Unternehmen, um es resilient zu machen, nicht ausreicht, wenn alle Mitglieder des Unternehmens psychisch resilienter werden. Denn das Unternehmen ist mehr als die Summe seiner Mitglieder. Um das Unternehmen als Ganzes krisenfähiger zu machen, muss vor allem die Kommunikation verbessert werden.

Das gilt meiner Beobachtung nach grundsätzlich auch für andere soziale Systeme, wie z.B. Gesellschaften. Wenn ich die Kommunikation in diesem sozialen System verbessere, kann ich gewährleisten, dass, umso mehr Perspektiven der Mitglieder berücksichtigt werden, das Ganze auch problemlösungsfähiger wird. Das klingt ein bisschen abstrakt, aber ein diverses Team, das aus Frauen und Männern zusammengesetzt ist, in das sich jeder einbringen kann und das entsprechend gut kommuniziert, kann nachweislich besser komplexe Probleme lösen als ein Team, das sehr homogen ist (also z.B. nur aus Männern zusammengesetzt ist) oder/und in dem nur einer die Entscheidungen trifft. Im kollektiven Kontext geht es also um kollektive Intelligenz durch verbesserte Kommunikation.

Wie wird das "neue Normal" nach Corona aussehen?

Sie haben gesagt, dass wir nach der Pandemie ein "neues Normal" finden werden müssen. Eine Frage, die sich vermutlich viele stellen, ist: Wie wird die neue Normalität nach Corona aussehen?

Eine Grunderkenntnis ist: Nach der Corona-Krise wird nichts mehr so sein wie es war. Das meine ich mit dem "neuen Normal". Alles Weitere ist tatsächlich Spekulation, aber einige Sachen liegen auf der Hand: Zum Beispiel sagen viele Beobachterinnen und Beobachter, dass sich im Arbeitskontext einiges ändern wird. Viele Unternehmen haben festgestellt, dass Homeoffice und die virtuelle Kommunikation funktionieren und dass sie das nach der Corona-Krise beibehalten werden, auch weil es einfach kosteneffizient ist. Es wird nicht so sein, dass alle nur vom Homeoffice aus arbeiten, aber dass digitale Kommunikationsmedien und -techniken verstärkt eingesetzt werden.

Die Corona-Krise als Treiber der Digitalisierung

Auch sagt man, dass die Corona-Krise ein Treiber der Digitalisierung ist, also des digitalen Wandels, der sich ohnehin bereits vollzieht. Es ist denkbar, dass wir nach der Corona-Krise auch auf dieser Ebene nochmal auf einem ganz anderen Stand sind. Im Kontext Gesundheit wird sich ebenfalls einiges ändern, also im Hinblick auf unser Gesundheitsbewusstsein. Allein schon wegen der Demografie, wir leben ja länger, die Bevölkerung wird älter und hat mehr Gebrechen, deshalb ist Gesundheit einer der Megatrends schlechthin. Ich könnte mir vorstellen, dass nach der Corona-Krise die Germophobia, also die Angst vor Keimen, steigen wird und dass wir generell gegenüber über die Luft übertragbaren Krankheit sensibler sein werden. Ich denke, in vielen Kontexten wird sich Veränderung zeigen.

Wie wir laut einer Expertin die Digitalisierung für uns als menschliche Arbeitskräfte nutzen können, erfahren Sie hier.

Kommunikation mit der Bevölkerung: "Wir ziehen an einem Strang!"

Wie können wir als Individuum und Gesellschaft Resilienz gegenüber der Corona-Krise entwickeln?

Dieses Thema ist emotional stark aufgeladen und birgt noch viel Ungewissheit. Ich würde mich zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich versuchen würde, einen Plan aufzuzeigen. Als Resilienzforscher glaube ich aber daran, dass es ein paar wissenschaftlich gestützte Orientierungsprinzipien gibt, die Menschen und Gesellschaften gegenüber unterschiedlichen Krisen resilienter machen. Ich spreche hierbei von "Multi-Resilienz", weil wir nicht nur eine Einzelkrise, wie die Corona-Pandemie, haben, sondern mit vielen globalen Herausforderungen gleichzeitig umgehen müssen. Ich gehe von mindestens vier bis fünf Orientierungsprinzipien aus, diese werde ich weiter unten noch ausführlich beschreiben. Hier erstmal in Kürze:

Auf gesellschaftlicher Ebene ist meines Erachtens die Kommunikation ein wichtiger Ansatzpunkt. Sie beeinflusst, wie Wissen in der Gesellschaft transportiert wird, den internen Zusammenhalt in der Bevölkerung und wie die Gesellschaft als Ganze Probleme anpackt. Es ist wichtig, dass die Kommunikation zwischen den Teilsektoren – mit Teilsektoren meine ich zum Beispiel Politik, Privatwirtschaft, Zivilgesellschaft, Wissenschaft – verbessert wird, auch die Kommunikation mit der Bevölkerung, dass diese stärker eingeschworen wird und ein Bewusstsein geschaffen wird von "wir ziehen an einem Strang!"

Best Practices und Innovative Practices

In der Corona-Krise machen einige andere Länder, wie Neuseeland oder einige asiatische Länder wie Südkorea oder Singapur das effektiver als andere. Es könnte sich daher lohnen, systematisch nach so genannten Best Practices zu suchen: Wie machen das andere Länder? Was funktioniert, was nicht und was könnten wir gegebenenfalls übernehmen und verbessern?

Meines Erachtens geht es aber nicht nur um Best Practices, also die Suche nach bestehenden Praktiken, die woanders bereits gut funktionieren, sondern auch um "Innovative Practices". Die Corona-Krise ist – trotz Ähnlichkeiten mit der Spanischen Grippe, der Hong-Kong-Grippe und der Asiatischen Grippe im letzten Jahrhundert – auch etwas völlig Neues. Das heißt, als Gesellschaft braucht es auch die Fähigkeit, völlig neue Antworten zu finden.

Auch hier können meiner Meinung nach gute Kommunikationsformate helfen. Wichtig wäre, möglichst viele, heterogene Perspektiven zu bekommen. Eine in diesem Zusammenhang interessante Maßnahme, die während der Coronakrise in der Bundesrepublik getroffen wurde, war das "#WirvsVirus"-Hackathon. Ein Hackathon ist ein Designwettbewerb, bei dem Teilnehmende innerhalb weniger Tage versuchen, Aufgaben zu lösen. An #WirvsVirus nahmen 42.000 Teilnehmende teil. Sie reichten Probleme ein, die durch die Coronakrise entstehen und für die Lösungen entwickelt werden sollten.

Nicht nur Perspektiven aus Virologie und Epidemiologie sind wichtig

In der Corona-Krise lässt sich in vielen Staaten, wie der Bundesrepublik, ein enges Zusammenwirken zwischen Vertretern aus Politik und Wissenschaft, vor allem aus der Virologie, beobachten. Ich glaube, das hat maßgeblich zu einer "informierten Politik" beigetragen, so dass deutlich weniger Tote zu beklagen waren als in der Vergangenheit durch die Asiatische Grippe oder die Hong-Kong-Grippe. Aus Resilienzsicht könnte aber immer noch kritisiert werden, dass der Fokus zu einseitig auf epidemiologisch begründete Maßnahmen gelegt wurde und wird.

Während vermehrt Expertinnen und Experten aus der Virologie konsultiert wurden, die Maßnahmen vorschlugen, um die Pandemie einzudämmen, kamen Beiträge aus den Wirtschafts- und Geisteswissenschaften, der Psychologie oder der Zukunftsforschung vergleichsweise zu kurz. Dabei wäre ein Berücksichtigen dieser Beiträge sinnvoll gewesen, um unerwünschten Nebenwirkungen der Pandemiepläne vorzubeugen. Um gesellschaftlich wirklich resilient zu werden, braucht es meines Erachtens noch mehr Perspektiven, aus viel mehr Wissenschaftsdisziplinen als nur Virologie und Epidemiologie und im Idealfall aus allen Teilsektoren, das heißt nicht nur Politik und Wissenschaft, sondern auch Dialoge mit Vertreter/innen aus Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft. Erst so wird die Gesellschaft richtig problemlösungsfähig.

Workshops & Co: Resilienz der Bevölkerung sollte gefördert werden

Wie dies alles konkret umgesetzt würde, müsste im konkreten Fall getestet werden, aber das wären allgemeine Ansatzpunkte. Ein weiterer wichtiger Ansatzpunktwäre die Erhöhung der individuellen Resilienz. Mich wundert selber immer wieder: Warum wird nicht systematisch auch die psychische Resilienz der Bevölkerung gefördert? Das ließe sich relativ schnell konkret umsetzen, in den Schulen zum Beispiel oder in der Erwachsenenbildung. Ein Ein- oder Zwei-Tages-Workshop wäre völlig ausreichend. Ich glaube, davon würden alle profitieren. Das könnte man mit entsprechenden Bildungsprogrammen auch relativ kosten- und zeiteffizient fördern. Und das ließe sich auch tatsächlich auf unterschiedliche Krisen anwenden, denn wir haben ja nicht nur die Corona-Krise, sondern auch noch andere Krisen.

Asiatische Länder vs. Schweden: "Wir haben einen Systemwettbewerb"

Können wir uns als Gesellschaft irgendwo abgucken, wie wir im Hinblick auf die Corona-Krise Resilienz entwickeln können? Gibt es Vorbilder? Vielleicht die von Ihnen erwähnten asiatischen Länder?

Sicherlich sind viele (ost-)asiatische Länder eine Inspiration, wenn auch unter Vorbehalt. Viele asiatische Länder sind sehr autoritär, haben Überwachungssysteme, die sehr weit ins Private reinreichen, rigide Lockdowns. In der öffentlichen Wahrnehmung erweisen sich all diese Maßnahmen und damit die Performance dieser Staaten als sehr effektiv in der Eindämmung der Pandemie. Ich glaube, dies hat den ohnehin bereits bestehenden Systemwettbewerb und Spekulationen um das "Asiatische Jahrhundert" noch angefeuert. Nun fragen sich wohl immer mehr westliche Demokratien: Wie viel sollten wir davon übernehmen?

"Wir sollten uns alles mal angucken und offen für Neues sein"

Auf der anderen Seite des Spektrums haben wir aber auch das schwedische Modell, das sehr demokratisch und hyperindividualistisch aufgestellt ist und in dem alles auf Freiwilligkeit beruht. Auch dieses Modell scheint sich – aus noch nicht ganz geklärten Gründen – als erfolgreich erwiesen zu haben.

Gibt es nun die eine Best Practice, die man sich abgucken kann? Ich glaube nicht. Aber ich halte es generell für nicht verkehrt, über den eigenen Tellerrand zu schauen und zu gucken, wie es andere Länder, auch asiatische, machen. Es sind ja nicht alle asiatischen Länder autoritär regiert, z.B. Taiwan, Südkorea oder Japan. Es kann nicht schaden, aufmerksam zu beobachten, was weltweit erfolgreich praktiziert wird, allerdings steht auf dem zweiten Blatt, ob und wie sich das auf den eigenen Kontext anwenden lässt.

Wie gesagt, geht es aber nicht nur um Best Practices, sondern auch um innovative, eigene Praktiken. Das heißt auch, dass wir vielleicht komplett neue Wege gehen müssen, Sachen testen müssen. Deshalb finde ich die umstrittene Idee der Modellregionen nicht per se schlecht – zumindest sollte man das mal diskutieren und einfach auch offen für Neues sein.

Multiresilienz: Viele Krisen zur gleichen Zeit

Stichwort Multiresilienz: Im Moment sind wir mit vielen Herausforderungen gleichzeitig konfrontiert, zum Beispiel neben der Corona-Krise auch noch mit dem Klimawandel. Wir müssen also viele verschiedene Herausforderungen gleichzeitig meistern. Wie schaffen wir das? Gibt es zum Beispiel eine Rangordnung der Herausforderungen?

Von den Herausforderungen her ist es so: Wir haben Einzelkrisen, die extrem komplex sind und die mehrere Krisen in sich beinhalten. Die Corona-Krise ist zum Beispiel nicht nur eine Pandemie, sondern auch eine wirtschaftliche, soziale und psychische Herausforderung. Dann haben wir aber nicht nur die Corona-Krise, sondern auch andere Krisen, die mindestens genauso komplex sind. Also: Wir haben Krisenbündel.

"Wichtig, dringlich und gefährlich"

Wie gehen wir mit Krisenvielfalt um: Gibt es eine richtige Reihenfolge? Ein Ansatzpunkte könnte sein, nach wichtig und dringlich und gefährlich zu gucken. Akut steht jetzt die Corona-Krise an, das ist eine ganz akute, greifbare Geschichte, deshalb hat die jetzt eine ganz hohe Priorität. Ich meine, dass sie relativ gesehen vielleicht sogar eine zu hohe Priorität hat und andere, mindestens genauso bedrohliche Themen, wie der Klimawandel da ins Hintertreffen geraten.

Nehmen wir zum Beispiel den Global Risk Report des Weltwirtschaftsforums her, der jedes Jahr veröffentlicht wird und im Netz frei verfügbar ist: Regelmäßig wird dort der Klimawandel und Krisen, die mit dem Klimawandel einhergehen, als gefährlichste und wahrscheinlichste Risiken, denen wir global gegenüberstehen, aufgeführt – sogar noch vor der Corona-Krise. Das hätte damit eine ziemlich hohe Priorität.

"Für wirklich gefährlich halte ich den Klimawandel"

Letztlich ist es so: Wenn ich von Multiresilienz spreche, ist mein Vorschlag, anhand von vier – in einigen Büchern schreibe ich sogar von fünf – Orientierungsprinzipien zu gucken, und darauf hin zu arbeiten, die Gesellschaft als solche kollektiv-intelligenter und reaktionsfähiger zu machen, um auf völlig unterschiedliche globale Herausforderungen, die auf Gesellschaften einprasseln, angemessen zu reagieren. Die Orientierungsprinzipien beinhalten:

  • Prinzip 1: Dezentrale vs. zentralistische Entscheidungsfindung und -umsetzung: Jede Form des Krisenmanagements geht mit der Kunst einher, zeitnah gute, gemeinsam getragene Entscheidungen zu treffen. Aus Sicht der Managementkybernetik ist hierfür ein Systemaufbau erforderlich, der dezentrale und zentralistische Elemente zusammenführt. Zentralistisch regierte Länder, wie etwa China, Italien oder Frankreich, sind im Krisenfall vergleichsweise einheitlicher und schneller in der Umsetzung von Maßnahmen, die das gesamte Land betreffen. Föderal regierte Länder, wie Deutschland, Österreich, Schweiz, haben hingegen den Vorteil, dass sie schnelle Handlungsfähigkeit und angemessene lokale Entscheidungen ermöglichen.
  • Prinzip 2: Kollektive Intelligenz: Kollektive Intelligenz zeigt sich als Fähigkeit, gemeinsam auf komplexe Probleme passende Lösungen zu finden. Dabei gilt: Je mehr unterschiedliche Sichtweisen der betroffenen Akteure integriert werden, umso besser werden die Lösungen. Kollektive Intelligenz ist nicht nur nötig, um vergangene Erfahrungen systematisch auszuwerten und daraus Best Practices zu entwickeln. Sie wird vor allem auch gebraucht, um in völlig neuen Krisensituationen, wie der Corona-Krise, innovative Lösungen zu entwickeln, zu testen und zu modifizieren.
  • Prinzip 3: Kollektiver Zusammenhalt: Jede kollektive Krisenbewältigung geht auch mit "weichen" Aspekten einher, die aus der kollektiven Psyche hervorgehen. Ein wichtiger Resilienzfaktor dabei ist das gemeinsame Bewusstsein darüber, "an einem Strang zu ziehen" und die jeweilige Herausforderung gemeinsam zu überwinden. Dieses Solidaritätsprinzip kann sich kulturell unterschiedlich ausprägen. Ein Paradebeispiel ist der aus der Maorikultur stammende Begriff "Whanaungatanga", was konkret bedeutet, für die anderen zu sorgen, weil ihr Geschick untrennbar mit dem eigenen verbunden ist. Als kollektive Resilienzpraxis zeigte sich z.B. Whanaungatanga in Neuseeland nach dem Terrorangriff auf die Moschee in Christchurch durch die empathische Reaktion der Premierministerin und die Menschenketten, die Neuseeländer rund um Moscheen bildeten.
  • Prinzip 4: Individuelle Resilienz: Die grundlegendste Systemkomponente gesellschaftlicher Krisenbewältigung ist die psychische Resilienz der betroffenen Bürger. Dies beinhaltet vor allem die Fähigkeit, mit eigenem Stress umzugehen und besonnen zu handeln. Politischem Aktionismus und panischem Herdenverhalten könnte damit in jeder Krise effektiver vorgebeugt werden. Psychische Widerstandsfähigkeit könnte systematisch in die Bildungspolitik integriert werden.

Wie das priorisiert wird, müssen wir im Einzelfall gucken, nach wichtig, dringlich und gefährlich. Für wirklich gefährlich halte ich den Klimawandel, wirklich dringlich, da sehr akut und "greifbar", ist wahrscheinlich jetzt erstmal die Corona-Krise.

Welche Städte es 2050 als Folge des Klimawandels nicht mehr geben könnte, erfahren Sie hier.

Kommt nach Corona die Post-Wachstums-Ökonomie?

Resilienz bedeutet ja nicht nur, sich durch Krisen nicht brechen zu lassen, sondern auch, durch diese möglicherweise sogar zu wachsen oder einen Mehrwert daraus zu ziehen. Welches Entwicklungspotential schlummert für uns als Gesellschaft in der Corona-Krise?

Im Idealfall bezeichnet Resilienz tatsächlich die Fähigkeit, gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Also nicht nur, die Krise zu managen, sondern auch, mit ihr zu wachsen. In diesem Zusammenhang gibt es einen breiten und interessanten Diskurs zur Corona-Krise. Sehr viele hoffen zum Beispiel, dass wir eine Art Post-Wachstums-Ökonomie entwickeln, oder zumindest eine nachhaltigere Wirtschaftsform.

In der Diskussion stand und steht zum Beispiel die Doughnut-Ökonomie von Kate Raworth, die auch ein Buch darüber geschrieben hat (Anmerkung: Das Prinzip der Doughnut-Ökonomie geht davon aus, dass es bestimmte planetare und soziale Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen. So darf es zum Beispiel beim Klimawandel und bei Bildung kein Defizit geben). Mein letzter Kenntnisstand war, dass Amsterdam die erste Stadt der Welt ist, die dieses Modell umsetzen will.

Bedingungsloses Grundeinkommen und Co: Die Wohlfahrtspolitik steht vor Herausforderungen

Wir müssen jetzt damit umgehen, dass im Zuge der Pandemie und der Corona-Politik die Wirtschaft in vielen Kontexten stillsteht. Wie gehen wir damit um? Trotzdem haben wir ja den digitalen Wandel, der zunehmend durch immer leistungsfähigere Formen Künstlicher Intelligenz angetrieben wird. Die Wertschöpfung steigt, aber es werden auch viele Arbeitskräfte freigesetzt. Das stellt Herausforderungen an die Arbeits- und Wohlfahrtspolitik.

Eine Antwort könnte zum Beispiel ein Konzept auf Grundlage des bedingungslosen Grundeinkommens in Kombination mit negativer Einkommenssteuer bieten. Das Konzept schafft hohe soziale Gleichheit, ist relativ unbürokratisch und in dieser Hinsicht "robust" und kompatibel mit der Situation auf dem Arbeitsmarkt, die von einer Umwälzung infolge von Corona und zunehmender Automatisierung betroffen ist.

Ob und wie sich das Konzept konkret umsetzen lässt, dazu will ich mich jetzt gar nicht festlegen. Aber es wird ja schon diskutiert, auch da könnte man also gucken, was sich daraus machen ließe. Ich glaube, in vielen Kontexten müssen wir einfach mal gucken und testen, was sich aus der aktuellen Situation für neue Chancen ergeben.

Cyber-Kriminalität und Ressourcenkonflikte: Das sind die Herausforderungen der Zukunft

Sie beraten sich im Zukunftskreis des Bundesforschungsministeriums mit anderen Expert*innen hinsichtlich Zukunftstrends und darüber, wie man zukünftigen Herausforderungen frühzeitig begegnen kann. Welche Herausforderungen kommen denn neben der Corona-Krise und dem Klimawandel noch auf unsere Gesellschaft zu?

Zum einen ist das Risiko der Cyber-Kriminalität – vor allem auch während der Corona-Krise – deutlich gestiegen. Im Zuge der Digitalisierung werden wir auch verwundbarer. Dann gibt es wirtschaftliche Herausforderungen, die nächste Wirtschaftskrise und Finanzkrise stehen vor der Tür.

Geopolitisch sehe ich auch einige Herausforderungen. Nach wie vor haben wir einen Wettlauf um bestimmte Ressourcen. Es stellt sich die Frage, wie wir Energie effizient speichern, gewinnen und nutzen möchten und ob wir vielleicht auch andere Wege gehen können. Wir haben zum Beispiel einen Wettlauf um Ölressourcen, zunehmend auch in der Arktisregion. Weitere Flüchtlingskrisen infolge politischer Konflikte und zunehmend auch des Klimawandels sind auch denkbar. Auch sind politische Konflikte infolge des Klimawandels denkbar (Klimakriege). Das wären nur einige der Herausforderungen, die auf uns zukommen. Im Global Risk Report werden noch weitere aufgezählt.

Vor einiger Zeit hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wie sich deutsche Bürger ihre Zukunft vorstellen. Dabei kristallisierten sich diese 6 Szenarien für Deutschlands Zukunft heraus.

Das war ein sehr interessantes Interview. Ich danke Ihnen!

Danke schön!

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