11.04.2021 - 09:52

Triage droht Knappe Intensivbetten: Die Patienten sind jünger – und bleiben länger

Eigentlich braucht es mehrere Pflegende und Ärzt:innen, um intensivmedizinisch zu behandelnde Patient:innen zu betreuen. Das ist schon jetzt kaum noch möglich – bei steigenden schweren Covid-19-Fällen umso weniger.

Foto: Getty Images/Jeff J Mitchell/Staff

Eigentlich braucht es mehrere Pflegende und Ärzt:innen, um intensivmedizinisch zu behandelnde Patient:innen zu betreuen. Das ist schon jetzt kaum noch möglich – bei steigenden schweren Covid-19-Fällen umso weniger.

Die Corona-Lage ist weiterhin ernst – und die Sorgen nehmen leider zu. In den Krankenhäusern, die noch von der zweiten Welle gebeutelt sind, fürchtet man die Belastungsgrenze. Die Triage stehe "mit Sicherheit im Raum", so der Weltärztepräsident.

Die Infektionszahlen steigen weiter. Selbst, wenn nun ein wirklich harter Lockdown kommen würde, würden sie das noch etwa zwei Wochen tun. Das Problem: Die Intensivstationen sind bereits jetzt auf dem Weg zur Vollbelegung, teils noch mit Patienten aus der zweiten Covid-Welle. Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, warnt: Die Triage steht in dieser dritten Corona-Welle wieder im Raum.

Bald Triage? Montgomery warnt vor Belastungsgrenze der Krankenhäuser

Dass die Intensivbetten knapp werden, haben wir in den vergangenen Monaten bereits gehört. Schon Ende 2020 stand im Raum: Steigen die Zahlen weiter, droht in wenigen Wochen die Triage – also die Situation, in der Ärzte entscheiden müssen, wen sie nun zuerst behandeln, da keine Kapazitäten für alle da sind.

In der ersten und zweiten Welle blieb Ärzten diese schwere Entscheidung erspart. Doch die dritte Welle wächst schneller als die vorherigen, während noch immer Patienten vom Winter auf den Intensivstationen liegen. Das Problem: Die Menschen in intensivmedizinischer Behandlung sind nun jünger – und bleiben dadurch auch länger. Denn ihre Körper sind stärker – aber nicht immer stark genug, das Coronavirus Sars-CoV-2 schnell zu besiegen.

Nur: Wenn Betten lange belegt sind, fehlen sie für neue Patienten – und zwar nicht nur für Covid-Patienten, sondern auch die, die aufgrund anderer Notfälle auf die Intensivstation müssten. Montgomery hält es daher für "vorstellbar, dass es zu Situationen kommt, in denen sie angewendet wird".

Zeitliche Verzögerung verzerrt das Bild der Lage

Derzeit meldet das RKI durchschnittlich rund 20.000 neue Fälle pro Tag. Doch auf der Seite des Dashboards gibt es eine Warnung: Die Zahlen sind wahrscheinlich nicht vollständig. Über Ostern wurde weniger gemeldet, weniger bestätigt. Durch zeitliche Verzögerungen rechnen Experten damit, dass die Zahlen in den nächsten Tagen bis Wochen weiter ansteigen werden. Selbst wenn man nun die angekündigte Bundes-Notbremse sofort ziehen würde, würden sie erst einmal noch weiter steigen. Denn die Menschen, die sich heute und in den vergangenen Tagen angesteckt haben, die werden erst noch krank – und konnten das Virus bis jetzt möglicherweise weiter verbreiten.

Charité öffnet bereits Reserve-Intensivstation – während Zahlen weiter steigen

Es dauert, bis Menschen nach der Infektion so stark erkranken, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen, erklärt Montgomery im Gespräch mit der "Passauer Neuen Presse": "Wir werden in den Kliniken jetzt eingeholt von den Infektionen, die vor vier Wochen stattgefunden haben", warnt er.

Die Kliniken bundesweit müssten sich daher nun erneut auf einen Ansturm von Neupatienten einstellen, obwohl viele Betten noch belegt sind und Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegepersonal kaum bis gar keine Verschnaufpause hatten.

Ein großes Problem, sagt auch Martin Kreis, Vorstandsmitglied der Berliner Charité gegenüber der "Tagesschau": "Wenn die Anzahl schwer kranker Covid-Patienten die zweite Welle übertrifft, kommen wir in eine kritische Situation." Schon Anfang des Jahres sei die Charité an ihre Belastungsgrenze gestoßen. Covid-19-Patienten aus anderen, ebenfalls überlasteten Kliniken habe man daher nicht mehr aufnehmen können. Normalerweise ist die Charité als größtes Universitätsklinikum Deutschlands aber auch dafür zuständig. Eine Reserve-Intensivstation ist nun wieder geöffnet und nicht zwingend notwendige Operationen dürften voraussichtlich nun wieder verschoben werden.

DIVI warnt bereits seit Wochen: "Macht endlich etwas!"

Dass etwas geschehen muss, und zwar schnell, davor warnen Intensivärztinnen und -ärzte, etwa die DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin), schon seit Wochen. Erst vor wenigen Tagen der erneute Corona-Notruf der Intensivmediziner: "Wie hoch sollen die Zahlen denn noch steigen?"

Inzwischen meldet das DIVI, dass täglich bereits wieder bis zu 100 neue Covid-Patienten aufgenommen werden würden. Gernot Marx, Präsident der DIVI rechnet damit, dass bundesweit bis Monatsende "mit Sicherheit" mehr als 5000 Patienten intensivmedizinisch behandelt werden müssten. "Wirklich hohe Zahlen" seien das mit Blick auf die Intensivbetten, deren Zahl begrenzt ist. Dabei sind es nicht einmal unbedingt die Betten, die fehlen, sondern das Pflegepersonal. Denn eine Intensivbehandlung braucht Zeit – und Menschen, die sie durchführen. Das wussten wir bereits im Herbst, als zwar Intensivbetten da waren, aber das Pflegepersonal fehlte. Und jetzt bricht es weiter weg. Denn durch die Dauerbelastung der vergangenen Monate, die die sowieso schon hohe Belastung der vergangenen Jahre um Längen übersteigt, wenden sich immer mehr medizinische Fachkräfte von ihrem Beruf ab.

Das Coronavirus bestimmt damit weiterhin die Lage in Deutschland. Zwar geht das Impfen nun schneller voran, die Älteren sind geschützt. Doch um volle Intensivstationen noch zu verhindern, reicht das Impftempo bei weitem nicht aus.

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