Aktualisiert: 03.03.2021 - 18:16

Es ist wieder da... Präventionsparadox: Und später sagen alle "ach hätten wir doch nur..."

Läden zu, Abstand halten, Maske auf – so manchen nervt's langsam. Und doch muss es noch immer sein. Oder? Was, wenn jetzt gar nichts mehr passiert? Das Präventionspraradox an der jetzigen Situation erklärt.

Foto: Getty Images/Peeradon Warithkorasuth

Läden zu, Abstand halten, Maske auf – so manchen nervt's langsam. Und doch muss es noch immer sein. Oder? Was, wenn jetzt gar nichts mehr passiert? Das Präventionspraradox an der jetzigen Situation erklärt.

So mancher wird sich im vergangenen Jahr wohl gedacht haben: "Ich habe es ja gesagt". So mancher Wissenschaftler hat es auch laut ausgesprochen. Und doch ist das Präventionsparadox wieder da. Lernen wir überhaupt? Ein Kommentar.

Erinnern Sie sich noch an vergangenes Jahr? Viel Wirbel um – gemessen an dem, was zuletzt los war – naja, sagen wir wenig. Ein neues Virus breitete sich rund um die Welt aus, das niemand kannte. Schutzmaßnahmen wurden beschlossen, der erste Lockdown verhängt. Im Vergleich zu anderen Ländern fuhren wir hier in Deutschland damit sehr gut. Die höchste Zahl gemeldeter Fälle verzeichneten wir in dieser ersten Welle am 3. April, mit 1.650.

Die Maßnahmen waren für zwei, drei Wochen relativ hart: Eine Art Ausgangssperre, Betriebe kurzzeitig geschlossen, kaum wer war auf den Straßen unterwegs. Die Zahlen gingen runter – doch der Dank hielt sich seitdem in Grenzen. Der Begriff "Präventionsparadox" fiel – Christian Drosten und Co drückten es so aus: "There is no glory in prevention" – für erfolgreiche Prävention gibt es keinen Preis.

Ganz ehrlich, wie auch? Wie soll man sehen, was verhindert wurde, wenn es gar nicht erst passiert ist? Und schließlich war der Sommer ja auch recht angenehm – zwar ohne Veranstaltungen, aber immerhin mit der Möglichkeit, sich draußen mit ein paar Menschen zu treffen und auch der Arbeit wieder nachzugehen. Gar nicht so schlimm, das alles, sollte man meinen?

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Das Präventionsparadox: Der Begriff aus 2020 ist wieder da – oder noch immer?

Doch genau da liegt auch die Gefahr. Denn wenn nichts passiert, lassen wir irgendwann alle Vorsicht fallen. So nach und nach. Das haben wir im Herbst gesehen und das sehen wir trotz der hohen Zahlen im Winter derzeit erneut.

Aber wie lässt sich dieses Präventionsparadox beschreiben? Wie erklären?

Das Präventionsparadox zeigt sich über zwei Ebenen, schreibt etwa Florian Martius in einem Kommentar auf "pharma-fakten.de".

  1. Präventionsmaßnahmen wie die Corona-Einschränkungen nutzen zwar der gesamten Gesellschaft, schränken den Einzelnen aber erst einmal ein, ohne dass sich für ihn persönlich ein Nutzen zeigt. Der Nutzen ist: Er wird nicht krank – aber das weiß er nicht, weil er ja eben nicht krank wird.
  2. Erfolgreiche Präventionsmaßnahmen lassen uns unvorsichtig werden und das Problem kleiner erscheinen als es ist. Entsprechend werden wir unvorsichtiger, je erfolgreicher Prävention funktioniert. Im besten Fall greift die Prävention trotzdem gut genug. Doch die Realität sieht meist anders aus.

Beispiel für Punkt 1: Anfangs dachten wir, es treffe "nur" Ältere, Vorerkrankte. Die könne man doch gezielter schützen, alle anderen leben normal weiter. Heute wissen wir: Auch Jüngere, vermeintlich Gesunde können schwer erkranken, auch sterben oder – und das ist das größte, bisher zu wenig ernstgenommene Risiko – unter Langzeitfolgen – Long Covid – leiden. Sogar die Gehirnleistung kann sinken: Corona lässt das Gehirn altern und macht sozusagen "dumm". Sogar bei Kindern gibt es Long-Covid-Erscheinungen.

Beispiel für Punkt 2: Impfungen. Die Pocken waren im 18. und auch noch 19. Jahrhundert eine gefährliche Seuche mit häufiger Todesfolge. Seit 1979 sind sie ausgerottet, schon lange davor vergessen. Die Masern waren noch vor 50 Jahren für jährlich 2 bis 3 Millionen Todesfälle verantwortlich, schreibt das Robert Koch-Institut (RKI) – bis Massenimpfungen starteten. Heute sind sie zwar noch da, haben aber ihre Bedrohung verloren, weil man die Auswirkungen kaum noch sieht. Das Resultat: Das Impfen wird vernachlässigt, so dass am Ende doch eine Impfpflicht kommen musste.

So entwickelte sich die Virusverbreitung in Deutschland

Aber zurück zur Lage: Im Frühjahr 2020 waren wir also alle in Alarmstellung. Die erste Welle hat Opfer gefordert, doch im Vergleich mit der katastrophalen Situation in Norditalien oder in New York standen wir recht gut da. Im Sommer dann war nicht mehr viel zu spüren vom Coronavirus, die Situation wirkte, ja, gar nicht mehr so gefährlich. Anfangs konnten Kontakte auch verhältnismäßig gut nachverfolgt werden. Ausbrüche gab es meist in großem Maße – aber an einzelnen Orten.

Wir wurden unvorsichtig – bis im Oktober die zweite Welle begann, die uns bis jetzt noch nicht gänzlich losgelassen hat. Doch die Vorsicht, die hat weiter nachgelassen. Die Menschen sind Corona-müde, fragen sich "wie lange noch durchhalten? Hatte ich es vielleicht schon unbemerkt? Wird schon nichts passieren."

Heute stehen wir bei rund 9.000 neu gemeldeten Fällen am Tag – nach zwischenzeitlich sogar 30.000. Infektionsgeschehen? Überall möglich. Infektionsketten? Kaum noch nachzuvollziehen. Das Virus ist von Clustern auf die breite Bevölkerung übergesprungen, als wir ihm im Herbst freieren Lauf dazu gaben.

Täglich sterben allein in Deutschland noch über 300 Menschen im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Das sind zwar weniger als noch vor ein paar Wochen, als die täglichen Todeszahlen im vierstelligen Bereich standen. Doch immer noch ist das, als würde jeden Tag ein Jumbo-Jet abstürzen. Mit Menschen, die sonst noch Tage bis Wochen bis Monate bis Jahre mehr gehabt hätten vom Leben.

Es muss erst etwas passieren, bis wir aufhorchen

Und doch stumpft man ab. Manche eher, manche später. "Bei der Grippewelle 2017/18 sind doch auch über 20.000 Menschen gestorben" oder "Jeden Tag sterben Menschen". Das sind solche Argumente derer, die die Gefahr eines neuartigen Virus (noch) nicht wahrhaben wollen.

Daraus resultiert dann ein "ich kenne niemanden" oder "mir ist noch nichts passiert". Es muss immer erst etwas passieren, damit Augen geöffnet werden und Verständnis entsteht. Währenddessen titeln Zeitungen darüber, dass ein WHO-Mitarbeiter Parallelen zu vorherigen Pandemien sieht und ein Ende in Sicht sein könnte. Bei der einen oder anderen kommt das dann so an, als seien Maßnahmen, Impfung und Co ja dann gar nicht mehr nötig.

Und dann passiert's doch – weil Mutanten unterwegs sind und wir in eine dritte Welle hineinsteuern, ohne die vorherige beendet zu haben. Genau das geschieht gerade. Doch weil bis jetzt glücklicherweise vielen noch nichts passiert ist, sinkt das Verständnis für die Gefahr.

Die Mehrheit versteht's

Klar gibt es Maßnahmen, die für den Einzelnen unverständlich erscheinen oder aber im Vergleich mit anderen nicht gegriffenen Maßnahmen unschlüssig klingen – etwa das kürzlich ausgesprochene Verweilverbot in Düsseldorf oder nächtliche Ausgangssperren, während die Menschen tagsüber weiter zur Arbeit und stellenweise auch wieder zur Schule strömen. Freizeit wird eingeschränkt, die Wirtschaft muss weiter laufen. Das stößt zu recht auf Unverständnis.

Aber was bleibt uns übrig, während die Profis, die im Rückblick mit ihren Warnungen von Anfang an recht hatten, jetzt erneut warnen: Ist es wirklich eine gute Idee, im Hinblick auf mindestens eine, sich derzeit stark ausbreitende Corona-Variante ohne wirklich stehendes Konzept zu lockern? Was können wir machen? Darauf pochen, dass Studien ausgewertet werden und endlich die richtigen Strippen gezogen werden. Wenn diese Maßnahmen richtig kommuniziert werden, lassen sie sich auch besser aushalten.

Umfragen, etwa der ARD-Deutschland-Trend, zeigen übrigens: Die Mehrheit der Bevölkerung steht bisher hinter den Maßnahmen. Es herrscht sogar Unverständnis über die Diskussionen zu Lockerungen trotz gestiegener Zahlen – nachdem noch vor ein paar Wochen feste Werte festgesetzt wurden, die jetzt mit den Mutanten vorerst in unerreichbare Ferne rücken. Doch die Impfungen gehen voran – so langsam hoffentlich schneller. Es ist ein Licht am Ende, aber die lauten Stimmen Einzelner, die im Präventionsparadox feststecken, vernebeln es.

Prävention – damit wir am Ende alle gut aus der Sache rauskommen

Und was, wenn dann doch nichts passiert? Man könnte sagen: Dann hatten wir eben ein paar Monate ein nicht ganz so komfortables Leben hierzulande. Sicherlich gibt es die großen Verlierer der Coronavirus-Pandemie aus wirtschaftlicher Sicht, und das sind vor allem die kleinen Leute. Es gibt die, die unter dem psychischen Druck leiden. Doch es gibt eben auch die, die gestorben sind und noch sterben werden. Und die, die unter den Folgen ihrer Infektion leiden und möglicherweise lange leiden werden.

Wenn dann nämlich doch was passiert, lautet der Konsens: "Hätten wir doch bloß..."

Quellen: RKI: Covid-19-Dashboard, Ratgeber Masern, pharma-fakten.de, ARD-Deutschlandtrend

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