Aktualisiert: 08.03.2021 - 20:29

Der Gender-Data-Gap Ist der Mensch männlich? Wie Frauen in der Medizin benachteiligt werden

Die Medizin nehmen wir meist als Wissenschaft wahr, die über Gleichstellungsdebatten und Co erhaben ist. Doch auch hier werden Frauen häufig benachteiligt. Der Grund dafür ist der Gender-Data-Gap.

Foto: GettyImages/ Portra Images

Die Medizin nehmen wir meist als Wissenschaft wahr, die über Gleichstellungsdebatten und Co erhaben ist. Doch auch hier werden Frauen häufig benachteiligt. Der Grund dafür ist der Gender-Data-Gap.

Auch in der vermeintlich objektiven Medizin werden Frauen benachteiligt. Die Konsequenzen sind im schlimmsten Fall tödlich.

Frauen verdienen weniger als Männer, erledigen den Löwenanteil an unbezahlter Care-Arbeit und zerreißen sich beim Spagat zwischen Kind und Job (denn eine Karriere muss es meist nicht einmal sein, ein Beschäftigungsverhältnis reicht aus) beinahe selbst. Was das gesellschaftliche Zusammenleben angeht, besteht also auch im Jahr 2021 noch Handlungsbedarf.

Gut, dass wenigstens die Medizin, diese Wunderwissenschaft, die uns im besten Fall alle irgendwie rettet, über solche, der menschlichen Unvollkommenheit geschuldeten Machtrangeleien erhaben ist – denn vor dem Tod und seinen Gefährten sind wir alle gleich. Oder? Wenn eine Frage so gestellt wird, kennen Sie die Antwort vermutlich bereits: Nein, sind wir nicht. Tatsächlich werden Frauen in der Medizin seit jeher benachteiligt. Grund dafür ist der Gender-Data-Gap.

So werden Frauen durch den Gender-Data-Gap in der Medizin benachteiligt

Um Krankheiten zu bestimmen und zu verhindern, Medikamente herzustellen, die uns maximale Wirksamkeit und minimale Nebenwirkungen bescheren, ja um überhaupt zuverlässige Aussagen über medizinische Phänomene treffen zu können, benötigt man zuallererst Daten – und zwar viele davon. Im Idealfall sind in dieser Datensammlung alle Geschlechter gleichermaßen vertreten. In der Praxis sieht das jedoch meistens anders aus: Der Gender-Data-Gap in der Medizin bezeichnet den Umstand, dass ein Geschlecht bei der Sammlung medizinisch relevanter Daten oft unterrepräsentiert ist. Und das ist – Überraschung! – in den meisten Fällen das weibliche Geschlecht.

So mancher mag bei dieser Aussage genervt mit den Augen rollen. Kann die politische Überkorrektheit nicht in Bereichen verbleiben, die tatsächlich von Gleichstellungsdefiziten geprägt sind, zum Beispiel in Job- und Finanzangelegenheiten? In der Medizin lenken derartige ermüdende Diskussionen über statistische Unausgeglichenheit doch nur von den wirklich wichtigen Angelegenheiten ab – Leben retten zum Beispiel.

Frauen und Autos

Doch bei dieser Diskussion handelt es sich keineswegs um eine "Political Correctness"-Sache, die "aus Prinzip" durchgeboxt werden muss. Stattdessen geht es genau darum: Leben retten. Denn dass der männliche Körper, beflügelt durch statistische Ungleichheit, nach wie vor als Norm angesehen wird, kann für Frauen tödlich enden.

Ein erschreckendes und gerade deshalb so passendes Beispiel für diesen Umstand: Vor einigen Jahren fand man heraus, dass Frauen bei schweren Autounfällen überproportional häufig schwere Verletzungen davontragen – obwohl sie weitaus seltener im Auto sitzen. 1972 hatte der Spiegel dafür noch eine einfache Erklärung parat: Es müsse an der geringeren Fahrpraxis der Frauen liegen, so die Vermutung.

Heute weiß man: Es sind nicht die mangelhaften Autofahr-Skills – die unverhältnismäßig schweren Verletzungen von Frauen sind vielmehr dadurch zu begründen, dass die meisten Autos für Männer gebaut werden. Das bedeutet, um den Bogen zur Anatomie und somit auch zur Medizin zu spannen, dass beispielsweise Unfälle mit Crashtest-Dummies simuliert werden, deren Statur dem männlichen Körper nachempfunden ist. Da Frauen aber anders gebaut sind als Männer, verletzen sie sich anders. Sicherheitsmaßnahmen, die die Verletzungsgefahr für Männer verringern, schützen Frauen im besten Fall weniger gut. Im schlimmsten Fall verschlimmern sie die Verletzung zusätzlich.

Übrigens: Einen weiblichen Crashtest-Dummie gibt es bereits, die schwedische Forscherin Astrid Linder hat ihn entwickelt. EvaRID ist dem weiblichen Durchschnittkörper nachempfunden – da sein Einsatz (noch!) nicht vorgeschrieben ist, wird er aber bislang kaum verwendet.

Gebrochene Herzen sind Frauensache

Wussten Sie, dass es bis vor gar nicht langer Zeit absolut kein Problem war, medizinische Studien ausschließlich an Männern durchzuführen? Erst 2004 wurde das Arzneimittelgesetz so angepasst, dass auch Frauen dabei hinreichend berücksichtigt werden müssen. Bis dahin war man einfach davon ausgegangen, dass sich die Ergebnisse der Untersuchungen an Männern problemlos auf Frauen übertragen ließen. Und lag mit dieser Annahme in vielen Fällen ziemlich daneben. So sind die Symptome, die auf einen Herzinfarkt hindeuten, bei Frauen häufig andere als bei Männern. Viele wissen das nicht, als Folge dessen wird ein nahender Herzinfarkt bei Frauen häufig später erkannt – im schlimmsten Fall zu spät. Während die Zahl der Herzinfarkt-Todesfälle bei Männern abnimmt, ist sie bei Frauen sogar etwas angestiegen.

Ähnlich verhält es sich mit dem sogenannten Broken-Heart-Syndrom: 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Ob es daran liegt, dass das Broken-Heart-Syndrom erst in den 90er-Jahren als eigenständige Erkrankung erkannt wurde? Gegenüber dem Deutschlandfunk Kultur sagte Vera Regitz-Zagrosek, die ehemalige Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Berliner Charité, dass das Broken-Heart-Syndrom "überhaupt nicht adäquat in der Therapie der Herzerkrankungen diskutiert" werde. Besonders paradox: Die Forschung an dieser, hauptsächlich Frauen betreffenden Krankheit werden ihr zufolge an männlichen Ratten durchgeführt.

Zyklus? Nein, danke!

Dass ausschließlich männliche Ratten als Versuchstiere fungieren, ist übrigens keine Seltenheit: Nur 10 Prozent der Tiere, an denen wissenschaftliche Versuche durchgeführt werden, sind weiblich. Der Grund dafür ist ihr Zyklus. Man möchte verhindern, dass die Daten aufgrund hormoneller Schwankungen der Versuchstiere allzu stark ausschlagen. Männliche Versuchstiere haben keinen lästigen Zyklus, der bei den Versuchen berücksichtigt werden müsste. Ziemlich absurd, wenn man bedenkt, dass das Medikament später sowohl Menschen ohne als auch Menschen mit Zyklus verabreicht wird.

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Autistin? Du doch nicht

Solche Beispiele für die Konsequenzen des Gender-Data-Gap gibt es zuhauf – an dieser Stelle sei nur noch ein weiteres genannt: Autismus. Von der Spektrum-Störung haben heutzutage die meisten schon einmal gehört. Die Sensibilität dafür ist gestiegen, wozu Sheldon aus dem TV-Dauerbrenner "The Big Bang Theory" oder Sam aus der Netflix-Serie "Atypical" sicher ihren Teil beigetragen haben.

Doch wussten Sie, dass sich Autismus bei Frauen häufig ganz anders äußert als bei Männern? Zu Beginn des letzten Jahres erregte TikTok-Star Paige Layle Aufmerksamkeit, als die junge Frau auf der Video-Plattform über ihr Leben mit Autismus sprach – und darüber, welche Autismus-Klischees sie nicht erfüllt. Sie sprach auch darüber, dass Autismus bei Mädchen oft viel später erkannt wird als bei Jungen, weil er sich anders äußert. Die meisten Mädchen seien besser darin, ihre autistischen Züge zu verstecken, beispielswiese indem sie das Verhalten der Menschen in ihrem Umfeld imitieren.

Selbst Ärzte nehmen Frauen weniger ernst

Gut, dass sie all diese Dinge jetzt wissen. Das Traurige dabei: Es ist gut möglich, dass sie trotzdem darum kämpfen müssen, von ihrem Arzt ernstgenommen zu werden. Studien zufolge werden die Schmerzen von Frauen weniger häufig ernstgenommen als die von Männern und dementsprechend auch weniger umfassend und gründlich behandelt. Sollten Sie also den Verdacht haben, dass irgendetwas mit Ihnen nicht stimmt: Seien Sie hartnäckig.

Übrigens: Ja, der Gender Data Gap funktioniert auch andersherum. Das wissen wir. So beschäftigen sich psychologische Studien häufiger mit Frauen als mit Männern. Erkenntnisse über die Behandlung von Essstörungen (z.B. Bulimie oder Magersucht) beispielsweise basieren oft auf den Daten weiblicher Patientinnen – obwohl, je nachdem welche Störung genau vorliegt, 8 bis 20 Prozent der Erkrankten männlich sind.

Quellen: moment.at, spiegel.de, quarks.de, deutschlandfunkkultur.de, kurt.digital, buzzfeed.com, aerzteblatt.de, profil.de, aerztezeitung.de

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