Aktualisiert: 25.02.2021 - 18:56

Wege aus der Pandemie Dritte Welle trotz Lockdown: Wie kann das sein?

Die dritte Welle der Coronavirus-Pandemie rollt los. Können wir Schulen und mehr öffnen und sie gleichzeitig stoppen? Dafür braucht es eine Kombination aus Maßnahmen.

Foto: Getty Images/Westend61/Andriy Onufriyenko, Canva.com [M]

Die dritte Welle der Coronavirus-Pandemie rollt los. Können wir Schulen und mehr öffnen und sie gleichzeitig stoppen? Dafür braucht es eine Kombination aus Maßnahmen.

Trotz Einschränkungen steigen die Zahlen wieder. Experten warnen schon lange vor einer dritten Welle, jetzt rollt sie an – Schuld sind die neuen Coronavirus-Varianten. Währenddessen werden Lockerungen gefordert. Wie könnten die aussehen und umgesetzt werden, damit die Pandemie nicht ungleich härter als bisher zuschlägt?

Alles sah danach aus, dass sich das Coronavirus endlich eindämmen lässt. Dann trudelten die Hiobsbotschaften ein: Neue Varianten machen die Runde. Mittlerweile ist die britische Mutante B.1.1.7 auch hierzulande weit verbreitet. Das Problem daran: Sie ist offenbar viel ansteckender als die bisherigen Varianten und verbreitet sich damit schneller. Das heißt: Die Viruslast, die für eine Ansteckung nötig ist, ist geringer. Möglicherweise sinkt also der Zeitraum, den es braucht, bis sich jemand ansteckt.

Dass das passiert, sehen wir an der Entwicklung der Zahlen: sie steigen wieder. Noch langsam, doch wie das bei exponentiellem Wachstum so ist, schon sehr bald sehr schnell – wenn wir nachlässig werden und jetzt nicht handeln. Die dritte Welle baut sich also trotz Lockdown auf – während die zweite noch gar nicht so richtig vorbei ist. Was kann jetzt dagegen getan werden?

Neue Coronavirus-Varianten: Sind die Mutationen gefährlich?
Neue Coronavirus-Varianten: Sind die Mutationen gefährlich?

Die dritte Welle rollt an – aber warum eigentlich trotz Lockdown?

Gegen die bisherigen Varianten des Coronavirus Sars-CoV-2 waren die Maßnahmen hilfreich. Das haben wir in den vergangenen Wochen gesehen. Die Zahlen gingen immer weiter runter. Inzidenzen, bei denen Lockerungen gut möglich geworden wären, rückten immer näher. Bis die Zahlen begannen zu stagnieren – und jetzt das passiert, wovor Wissenschaftler schon seit Wochen warnen: Sie gehen wieder nach oben. Zurückzuführen ist das mit mittlerweile großer Sicherheit auf die sich ausbreitenden, ansteckenderen Mutanten. So lag der Anteil der in Großbritannien erstmals entdeckten Corona-Variante B.1.1.7 in Deutschland laut einer Analyse akkreditierter Labore am Dienstag (23. Februar 2021) bei rund 30 Prozent. Auch die in Südafrika erstmals entdeckte Variante B.1.351 werde demnach zunehmend häufiger identifiziert. Beide Varianten gelten laut bisherigen Erkenntnissen als rund 50 Prozent ansteckender als die bisherigen Varianten.

Es baut sich also sozusagen zur bisherigen Pandemie – bei der wir eigentlich dabei waren, sie gut in den Griff zu bekommen – noch eine zweite auf. Noch steigen die Zahlen langsam – aber bald immer schneller. Und das auch ohne Lockerungen. Die wiederum werden ihr Übriges tun.

Vorsicht: Die Werte von heute sind zwei Wochen alt

Das Fatale dabei: Die ersten Auswirkungen davon werden wir frühestens zwei Wochen später erkennen können. Denn das, was wir jetzt sehen, dieser Anstieg bildet das Infektionsgeschehen von vor rund zwei Wochen ab. So lange braucht es nämlich, bis Menschen Symptome entwickeln oder eine Nachricht über einen Risikokontakt bekommen, sich testen lassen und das Ergebnis da ist. Bitte bedenken: die "zwei Wochen" sind ein Durchschnittswert, der Zeitraum kann stark variieren.

Jetzt sind Schulen großteils wieder geöffnet. In ersten Gegenden mussten sie aufgrund enorm hoher Inzidenzen bereits wieder schließen. Wir erinnern uns: Die jetzigen Zahlen bilden das Infektionsgeschehen von vor rund zwei Wochen ab. Die ersten Öffnungstage sind da also noch gar nicht mit einberechnet. Genau das darf aber nicht weiter passieren: dieses Hin und Her. Lockerungen bei den aktuellen Fallzahlen führen nur dazu, dass sie schon bald wieder rückgängig gemacht werden müssen. Bedenken wir: Bei ähnlichen Zahlen wurden im Herbst die Schulen geschlossen. Wir brauchen also Perspektiven, um da rauszukommen. Im Angesicht der dritten Welle umso mehr.

Karl Lauterbach erklärt: So sieht die dritte Welle aus, wenn wir unvorsichtig werden

Aber was kommt da eigentlich auf uns zu mit dieser dritten Welle? Das zeigt SPD-Gesundheitsexperte und Mediziner Karl Lauterbach aufbauend auf einem Twitter-Eintrag von Malte Kreutzfeld mit einer Abbildung der wöchentlichen Covid-19-Inzidenz.

Eine erfreuliche Nachricht gibt es dabei: Die Inzidenzen in der Altersgruppe über 80 gehen zurück. Damit dürfte demnächst auch die Sterblichkeit in dieser Gruppe sinken. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Impfungen wirken, wie Lauterbach schreibt.

Doch zu viele Menschen sind noch ungeimpft – während ansteckendere Mutationen die Runde machen. Je mehr Infektionen es aber gibt, desto mehr schwere Verläufe gibt es aber auch, allein statistisch gesehen. Und wir wissen mittlerweile: Auch bei Jüngeren kann Covid-19 schwer verlaufen. Die "Krankheitslast verschiebt sich aus den Pflegeheimen auf die Generation 50-75-Jährige", schreibt Lauterbach. Geimpft ist aus dieser Gruppe höchstens, wer im Gesundheitsbereich arbeitet. Die Impfungen in der Altersgruppe der Über-70-Jährigen beginnt erst in rund sechs Wochen.

Hinzu kommt: Je mehr Ältere geimpft sind, desto mehr wird es Forderungen nach weiteren Lockerungen geben, wodurch sich die Krankheitslast weiter in Richtung der jüngeren, noch nicht geimpften Menschen verschieben wird. Auch, wenn dann die Sterblichkeit sinkt, steigt umso mehr das Risiko für Long Covid, befürchtet Lauterbach.

Und es werden auch unter den Unter-75-Jährigen bei so viel mehr Infektionen mehr ins Krankenhaus müssen. Auch, wenn der Tod verhindert werden kann, sind die Belastungen durch Intensivmedizin, insbesondere die Beatmung, sehr hoch. Lauterbach fasst zusammen: "chronische Schäden, viele mit Verlust [der] Lebenserwartung und später höheres Demenzrisiko".

In einem weiteren Eintrag führt er das weiter aus:

"Leider beginnt die 3. Welle präzise genau so, wie epidemiologisch vorhergesehen. Daran wird sich auch nichts ändern, nur weil weltweit die Fälle sinken. Es gilt weiterhin, einfach nur Zeit zu gewinnen, bis möglichst viele das rettende Ufer der ersten Impfung erreicht haben. Sehr helfen würde, 6 Wochen lang nur 1. Impfung BionTech zu geben. Mit maximaler Geschwindigkeit, dazu Astra an alle <65 aus drei Prio-Impfgruppen. Könnte Sterblichkeit konstant halten bei steigender Fallzahl. Dazu Antigentests 2x/Woche in Schule und Betrieben. Wer verliert? Verlierer 3. Welle sind: „Zu jung für Impfung, zu alt für leichten Verlauf“. Jetzt wird sich zeigen, dass immer falsch war, „Schutz der Pflegeheime statt Lockdown“. Diese sind bald sicher. Aber viel härter trifft es 50-80 Jährige. Viele werden schwer krank Wochen vor Impfung."

Vorsicht vor zu schnellen Lockerungen ohne weitere Maßnahmen wie Tests

Er mahnt daher zur Vorsicht vor zu schnellen Lockerungen. "Natürlich müssen wir die Schulen öffnen, aber in Kombination 2x/Woche Schnelltests plus Wechselunterricht geht das." Er plädiert damit dafür, die nun bald verfügbaren Schnelltests erst einmal vor allem in den Schulen und anderen wichtigen Bereichen zu nutzen, bevor über die private oder gar offizielle Party am Wochenende nachgedacht werden kann. Ausgesprochen hatte sich der Mediziner schon im Vorfeld regelmäßig für Kita- und Schulöffnungen in Kombination mit regelmäßigen Antigen-Schnelltests.

Genauer führte Lauterbach das am gestrigen Mittwoch in der Talkrunde bei Markus Lanz aus. Dort führte er als Problem die Virusvarianten in Verbindung mit Verzögerungen im Impfprogramm und fehlenden Tests aus. Deshalb beginne die dritte Welle erst. Man müsse jetzt also die Zeit überbrücken, bis alle Bevölkerungsgruppen mit dem größten Risiko geimpft seien. "Wir sprechen hier doch nicht von Jahren, sondern von wenigen Monaten", führt er in der angehitzten Diskussion mit dem Autor Heribert Prantl aus. Er hofft auf Ende Mai.

"Wie stark die dritte Welle wird, das haben wir selbst in der Hand", schließt Lauterbach bei Lanz. Hoffnung könne den Menschen nur machen, wer ihnen sage, wie sie da hinkommen. Sein Vorschlag: Eine Kombination aus Impfungen und vielen Tests, inklusive Schnelltests, dabei aber weiterhin erst einmal eingeschränkten Kontakten. Mehr Kontakte zwischen den (ungetesteten) Menschen seien jetzt genau der falsche Weg und würden die Welle exponentiell in die Höhe schnellen lassen.

Dritte Welle brechen: Gemeinsam ist das möglich

Vor wenigen Tagen stellte das Robert-Koch-Institut (RKI) einen Stufenplan zu möglichen Lockerungen vor. Um die dort vorgesehenen Werte zu erreichen, bedarf es aber einer Kombination von Maßnahmen, die wir hoffentlich bald alle nutzen können.

Jetzt haben wir sie immerhin bald, die einfacher anwendbaren Antigen-Schnelltests. Wichtig dabei ist es zu wissen, wie sie funktionieren, warum sie immer nur Sicherheit für den aktuellen Zeitpunkt geben und warum die bisherigen Maßnahmen wie Abstand, Maske, Hygiene und – in Räumen – Lüften dennoch beibehalten werden müssen. Mehr dazu hier: Corona-Schnelltests im Handel – aber wie funktionieren die eigentlich?

Ebenfalls dabei helfen, Infektionsketten zu unterbrechen und so vielleicht trotz ansteckenderer Mutanten Öffnungen vor allem im Freizeitbereich möglich zu machen, wollen die Initiatoren einer App. Die Luca App soll in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern die Kontaktverfolgung verbessern.

Geforscht wird währenddessen weiterhin an Impfstoffen, auch an den schon bestehenden im Hinblick auf die neuen Varianten. Das Gute: mRNA-Impfstoffe etwa lassen sich extrem schnell an neue Varianten anpassen. Mehr dazu: Neue Coronavirus-Varianten: Die Impfstoffe wirken – zumindest großteils.

Es gibt also durchaus zwischen dieser erst einmal gruselig anmutenden Nachricht durchaus gute Neuigkeiten. Es zeichnet sich aber ab: Nur eine Kombination aus Maßnahmen kann die Pandemiewellen brechen und gleichzeitig dafür sorgen, dass das normale Leben so schnell wie möglich immer greifbarer wird. Die Wissenschaft arbeitet hier vor – aber auch die Politik muss hier schnell, sicherlich auch schneller, handeln. Und es liegt weiterhin an uns allen. Lage rund um das Coronavirus ernst nehmen, die nun kommenden Tests gewissenhaft einsetzen, Impftangebote wahrnehmen. Es wird noch dauern. Aber das Licht am Ende ist erkennbar.

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU
Beschreibung anzeigen
Eine Webseite der FUNKE Mediengruppe