Aktualisiert: 01.03.2021 - 09:25

Impfstoff-Empfehlung könnte geändert werden Schwerer Verlauf um 90 Prozent reduziert: AstraZeneca wirkt bei Älteren

In Deutschland kritisch beäugt, in Großbritannien großräumig verimpft. Daten aus Schottland und England zeigen: Das Vakzin von AstraZeneca senkt die Hospitalisierungsrate Geimpfter um über 90 Prozent – und wirkt bei Älteren sehr gut. Und zur Dosierung und Wirksamkeit gibt's ebenfalls News.

Foto: Getty Images/WPA Pool / Auswahl

In Deutschland kritisch beäugt, in Großbritannien großräumig verimpft. Daten aus Schottland und England zeigen: Das Vakzin von AstraZeneca senkt die Hospitalisierungsrate Geimpfter um über 90 Prozent – und wirkt bei Älteren sehr gut. Und zur Dosierung und Wirksamkeit gibt's ebenfalls News.

In Deutschland bleibt der Impfstoff von AstraZeneca liegen. Währenddessen impft Großbritannien weiter – und überrascht nach guten Nachrichten aus Schottland jetzt mit mehr Daten zur Wirksamkeit bei Älteren. Die Stiko prüft, die Impfstoff-Empfehlung zu ändern.

Warum wird der AstraZeneca-Impfstoff hierzulande so kritisch beäugt? Weil es nicht genügend Daten von älteren Testpersonen gab und man hierzulande so vorsichtig war, das Vakzin daher erst einmal nicht für Senioren zuzulassen – um böse Überraschungen zu vermeiden. Was daraus wurde? Eine generelle Skepsis über die Wirksamkeit des Impfstoffes. Schuld daran unter anderem eine missverstandene Zahl. Doch es zeichnet sich immer weiter ab: Das Vakzin erreicht a) sein Hauptziel und b) wirkt der AstraZeneca-Impfstoff bei Älteren nach neuesten Daten offenbar sehr gut.

AstraZeneca: Vakzin wirkt bei Älteren wohl besser als gedacht

Es waren fehlende Daten, die dazu geführt haben, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) den Impfstoff der britisch-schwedischen Firma AstraZeneca in Deutschland bisher nur für Unter-65-Jährige empfiehlt. Bisher. Denn offenbar hat sich die Datenlage verbessert. Kürzlich berichteten wir an dieser Stelle bereits über Daten des schottischen Gesundheitsamtes. Demnach reduziert sich die Hospitalisierungsrate unter mit AstraZeneca Geimpften um 94 Prozent. Laut einem Bericht der "Bild" weisen nun Daten aus England darauf hin, dass das Vakzin auch bei älteren Personen über 70 Jahren "sehr gut" wirkt.

Es handele sich dabei um Realdaten, die das britische Gesundheitsministerium erhoben und ausgewertet habe. Demnach soll der Impfstoff in dieser Altersgruppe sogar noch effektiver wirken als der auf der mRNA-Technologie basierende Impfstoff von Biontech und Pfizer. Einen Link zur Quelle gibt es nicht, doch bereits die Daten aus Schottland zeigen die hohe Wirksamkeit des Impfstoffes. In Großbritannien wurde der Impfstoff bereits reihenweise an Seniorinnen und Senioren verteilt. Trotz hohem Anteil der ansteckenderen Mutante B.1.1.7, der zuletzt zu weit mehr Infektionen geführt hatte, gehen die Zahlen dort derzeit zurück.

Die "Bild" zitiert den Frankfurter Pharmakologen Prof. Theo Dingermann zu den neuen Daten: "Das ist eine ganz tolle Nachricht", sagt er. "Aber es wäre gut gewesen, das zur Zulassung gewusst zu haben." Er weist noch einmal darauf hin, dass es sich nicht um einen schlechten Impfstoff handele, sondern die Entscheidung für die Zulassung nur für Jüngere lediglich aufgrund der zu dünnen Datenlage erfolgt sei.

Damals, so sagt er, hätten Experten bereits "geahnt, dass der Impfstoff besser sein muss, als in der Zulassung steht." Denn bei Teilen der Studienprobanden habe er schon während des Studienzeitraumes Werte von 90 Prozent Wirksamkeit gegen schwere Verläufe gezeigt. Jedoch seien diese Werte nicht in die Bewertung mit eingeflossen.

Signifikant weniger Krankenhausaufenthalte nach erster AstraZeneca-Impfdosis

Schon vor einigen Tagen waren schottische Studiendaten bekannt geworden, die zeigen: Der Impfstoff von AstraZeneca schützt, wie auch die anderen beiden hier zugelassenen Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna, vor ernsthaftem, schweren Covid-19-Verlauf und damit auch vor dem Tod. Das grundlegende Ziel, das Stand jetzt mit den Impfstoffen gegen das Coronavirus erreicht werden sollte, wird also erreicht. Schon die erste Dosis des AstraZeneca-Impfstoffes senkt demnach das Risiko für einen Krankenhausaufenthalt um 94 Prozent. Zudem steigt anscheinend der Schutz, wenn länger mit der zweiten Dosis gewartet wird.

94 Prozent weniger Klinikaufenthalte schon vier Wochen nach der ersten Dosis von AZD1222, so der Forschungsname des auch als "Oxford-Vakzin" bekannten Impfstoffes von AstraZeneca. Das war das vorläufige Zwischenergebnis einer Datenanalyse, die schottische Universitäten zusammen mit der schottischen Gesundheitsbehörde Public Health Scotland erhoben haben. Zum Vergleich: Biontech und Pfizer geben für ihren Impfstoff "Comirnaty" eine Reduzierung des Hospitalisierungsrisikos nach der ersten Dosis um 85 Prozent an.

Die Forschenden hatten verglichen, wie viel weniger Menschen mit erster Impfung im Vergleich zu nichtgeimpften Menschen hospitalisiert werden mussten. Miteinbezogen wurden Geimpfte, die vor rund vier Wochen ihre erste Impfdosis bekommen hatten. Insgesamt wurden die Daten von 5,4 Millionen Menschen ausgewertet – also nahezu der gesamten schottischen Bevölkerung. Darunter fielen 1,14 Millionen verimpfte Dosen, die seit Impfstart am 8. Dezember bis zum 15. Februar gegeben worden waren.

Längeres Impfintervall steigert die Wirkung

Rund ein Fünftel der britischen Bevölkerung ist bereits mit einer Dosis geimpft. Man geht etwas anders vor als bei uns. Die Erstimpfung haben bisher über 17,5 Millionen Menschen erhalten, während erst etwas über 600.000 Menschen die zweite Dosis empfangen haben. Da in Großbritannien großteils AstraZeneca-Vakzin verimpft wird, ist das möglich.

Bei mRNA-Impfstoffen wie dem von Biontech und Pfizer oder dem von Moderna ist die zweite Impfdosis nach rund drei Wochen zu geben. Sehr viel länger soll hier nach bisherigen Erkenntnissen nicht gewartet werden. Bei Vektorimpfstoffen hingegen sieht die Lage etwas anders aus. Hier kann ein längeres Intervall zwischen beiden Impfterminen die Wirkung durchaus verstärken. Bei dem "Oxford-Vakzin" von AstraZeneca wird derzeit von bis zu drei Monaten gesprochen.

Mindestens zwölf Wochen Zeit zwischen Impfungen

Diese Strategie scheint jedenfalls mit dem AstraZeneca-Impfstoff aufzugehen, denn laut neuen Erkenntnissen der Entwickler erhöht ein Impfabstand von mindestens zwölf Wochen die Wirksamkeit. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland zitiert den Chef-Entwickler des Impfstoffes, Andrew Pollard von der Oxford Universität, der in der Fachzeitschrift "The Lancet" erklärt: "Da die Verfügbarkeit [der Impfstoffe] begrenzt ist, kann die Strategie, zunächst mehr Menschen mit einer Dosis zu impfen, womöglich zu einer größeren Immunität der Bevölkerung führen, als nur die Hälfte der Menschen mit zwei Dosen zu impfen."

Dazu hatten die Entwickler klinische Studien mit 17.000 Probanden in Großbritannien, Südafrika und Brasilien ausgewertet. Demnach wies der Impfstoff bei einem Impfdosis-Abstand von diesen mindestens zwölf Wochen eine Wirksamkeit von 81 Prozent auf – statt 55 Prozent, wenn lediglich sechs Wochen oder weniger zwischen den Impfdosen gewartet wurde.

Geringere Impfstoff-Wirksamkeit – na und?!
Geringere Impfstoff-Wirksamkeit – na und?!

Stiko erwägt Änderung der Impfstoff-Empfehlungen

All das bewegt nun offenbar die Stiko dazu, ihre bisherige Empfehlung zum AstraZeneca-Vakzin zu verändern. Laut Stiko-Chef Thomas Mertens solle es "sehr bald zu einer neuen, aktualisierten Empfehlung kommen", zitiert die "Bild". Damit dürfte auch die Akzeptanz dem Impfstoff gegenüber steigen. "Wir haben nie den Impfstoff kritisiert. Wir haben nur kritisiert, dass die Datenlage für die Altersgruppe über 65 nicht gut oder nicht ausreichend war", so Mertens. Der Impfstoff sei ansonsten "sehr gut". Jetzt könne man ihn einfach durch hinzukommende neue Daten besser einschätzen.

Die Impfstrategie ist nicht in Stein gemeißelt – das wird jetzt mehr als deutlich. Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert derzeit vehement, sie zu ändern. Der AstraZeneca-Impfstoff solle auch bei Älteren "sofort eingesetzt werden dürfen", solle aber auch für alle unter 65 in den ersten drei Prioritätsgruppen "sofort zur Verfügung gestellt werden". Er plädiert außerdem dafür, insbesondere vom britischen Vakzin die erste Dosis jetzt an so viele Menschen wie möglich zu verteilen und dann erst in rund drei Monaten die zweite Dosis zu geben. Die Wirksamkeitsdaten und die Erfahrungen aus Großbritannien sprechen dafür.

Genug Impfstoff vorhanden wäre jedenfalls so langsam: Schon jetzt bleibt Impfstoff liegen und im März sollen viele Millionen Dosen mehr geliefert werden. Der Vorteil: AstraZeneca kann auch beim Hausarzt verimpft werden. Erste Praxen testen dies bereits.

Jeder Impfstoff erreicht bisher das Hauptziel – und anscheinend sogar mehr

Die Datenlage rund um den Impfstoff von AstraZeneca war zugegeben etwas konfus. Das verunsichert Menschen. Dennoch zeigt sich hier einmal mehr, dass unterschiedliche Impfstoffe auch unterschiedliche Stärken und Ansprüche rund um den Umgang damit haben und das AstraZeneca-Vakzin kein "Impfstoff zweiter Klasse" ist. Selbst eine geringere Impfstoff-Wirksamkeit wäre jetzt, lediglich ein Jahr nach Pandemiestart, kein Drama – im Gegenteil. Dass die Impfungen, und zwar alle hier zugelassenen, so gut vor Hospitalisierungen und damit vor dem Tod schützen, ist mehr als noch vor Monaten erwartet werden konnte.

Zudem stehen die Daten gut, dass später die, die jetzt einen Impfstoff erhalten, auch mit anderen Impfstoffen nachgeimpft werden können, die dann auch besser gegen bisherige und kommende Mutanten schützen. Nachimpfen müssen wir aufgrunddessen mit hoher Wahrscheinlichkeit sowieso – denn mögliche kommende Mutanten könnten die Wirksamkeiten weiter herunterschrauben. Dennoch ist das, was wir jetzt haben, mehr, als wir uns vor nicht einmal einem Dreivierteljahr hätten erträumen können – und signifikant weniger Hospitalisierungen und auch Todesfälle sowie erste Erkenntnisse, dass sowohl das Vakzin von Biontech die Virusweitergabe hemmen könnte als auch AstraZeneca die Virusverbreitung stoppen kann, sind ein wichtiger Schritt Richtung Pandemieende und ein Schritt in ein "friedlicheres" Zusammenleben mit dem Coronavirus. Dafür muss das, was wir haben, aber genutzt werden.

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU
Beschreibung anzeigen
Eine Webseite der FUNKE Mediengruppe