17.02.2021 - 11:02

Zu Unrecht ein schlechter Ruf? Warum das AstraZeneca-Vakzin kein "Impfstoff zweiter Klasse" ist

Viele stehen dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca skeptisch gegenüber. Doch warum eigentlich?

Foto: Getty Images/ SOPA Images

Viele stehen dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca skeptisch gegenüber. Doch warum eigentlich?

In den letzten Wochen machte der Corona-Impfstoff von AstraZeneca vor allem durch Negativ-Schlagzeilen von sich reden. Was ist dran an der Kritik?

Die Corona-Impfungen haben begonnen, doch für manche Impfstoffe ist der Weg holpriger als für andere. Der Corona-Impfstoff, den das schwedisch-britische Unternehmen AstraZeneca gemeinsam mit der renommierten Oxford-Universität entwickelt hat, hat offenbar ein Akzeptanzproblem. Befeuert von den Negativ-Schlagzeilen der letzten Wochen, verkünden viele in einschlägigen Online-Foren, sie würden sich "lieber gar nicht impfen lassen" als mit dem AstraZeneca-Vakzin. Doch was genau ist eigentlich passiert – und ist der Corona-Impfstoff von AstraZeneca wirklich ein Impfstoff zweiter Klasse?

Geringere Impfstoff-Wirksamkeit – na und?!
Geringere Impfstoff-Wirksamkeit – na und?!

Wie wirksam ist der Corona-Impfstoff von AstraZeneca wirklich?

Ausschlaggebend dafür, dass viele befürchten, mit dem AstraZeneca-Vakzin einen Corona-Impfstoff zweiter Klasse gespritzt zu bekommen, ist vor allem die Kontroverse um die Wirksamkeit des Impfstoffs. Während die Wirksamkeit der Produkte von Biontech/Pfizer und Moderna um die 95 Prozent betragen soll, variieren die Angaben zur Wirksamkeit des AstraZeneca-Vakzins.

Manche Studien kommen auf einen Wert von 70 Prozent, andere auf 76 Prozent nach der ersten und 82 Prozent nach der zweiten Impfung. AstraZeneca selbst errechnete in einer Studie, in der bei der ersten Impfung versehentlich nur die halbe Dosis verabreicht worden war, sogar einen Wert von 90 Prozent nach der zweiten Impfung. Gemeinhin wird von 70 Prozent ausgegangen – und genau hier liegt das Problem: Medienberichten zufolge kritisieren Berufsgruppen, die einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind, beispielsweise medizinisches Personal oder Polizisten, den Umstand, dass sie einen Impfstoff bekämen, der "nur" zu 70 Prozent wirke, wenn es doch gleichzeitig ein Vakzin gebe, das zu 95 Prozent vor dem Virus schütze.

Wirkt der AstraZeneca-Impfstoff auch gegen Mutationen?

Viele treibt auch die Frage um, ob die Impfstoffe auch gegen die neuen Varianten des Coronavirus noch etwas ausrichten können. Während bereits bekannt ist, dass die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna großteils auch bei den Mutationen wirken, kamen Zweifel gegenüber der Wirksamkeit des Vektor-Impfstoffs von AstraZeneca auf. Leider sieht es im Moment so aus, als ob das Vakzin tatsächlich nicht so effektiv gegen die Corona-Variante aus Südafrika sei. Aus diesem Grund möchte Südafrika nun eine Million Impfdosen zurückgeben.

Es könnte jedoch sein, dass dieser Umstand Deutschland gar nicht so sehr betrifft: Charité-Virologe Christian Drosten hält hierzulande die Virus-Variante aus Großbritannien für deutlich relevanter als die Variante aus Südafrika. Gegen diese wirkt der AstraZeneca-Impfstoff offenbar.

Schützt der AstraZeneca-Impfstoff auch Ältere?

Eine weitere Kontroverse entstand durch die Frage, ob der AstraZeneca-Impfstoff bei älteren Personen überhaupt die volle Wirkung entfalte. Offenbar ist die Datenlage über die Wirksamkeit des Vakzins bei älteren Menschen nicht ausreichend, seit Ende Januar empfiehlt die Ständige Impfkommission deshalb, nur noch Personen unter 65 Jahren mit dem Vakzin zu impfen. Zugelassen wurde der Impfstoff EU-weit für ältere Menschen allerdings trotzdem. Auch die WHO rät dazu, Menschen aller Altersklassen mit dem Vakzin zu impfen. Im Moment sieht es so aus, als ob das Vakzin bei älteren Menschen zwar nichts gegen milde Verläufe ausrichten kann, dafür allerdings schwere Erkrankungen verhindert.

Sind die Nebenwirkungen beim AstraZeneca-Vakzin schwerer als bei anderen Impfstoffen?

Nachdem Krankenhausmitarbeiter verschiedener Kliniken in Niedersachsen nach der Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin über starke Nebenwirkungen geklagt hatten, wurden die Impfungen vorübergehend ausgesetzt. Auch die schwedische Regierung stoppte die Impfungen letzte Woche. Mittlerweile wurde der Impfprozess fortgesetzt.

AstraZeneca zufolge entsprechen die Nebenwirkungen den Erkenntnissen, die auch die klinischen Studien geliefert hatten – sie kämen deshalb nicht unerwartet. Auch das Robert-Koch-Institut führt die aufgetretenen Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Abgeschlagenheit auf seiner Website auf und weist darauf hin, dass Nebenwirkungen auch bei den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna auftreten können. Erst einmal scheint an den Nebenwirkungen also nichts Ungewöhnliches zu sein. Dennoch möchte das Paul-Ehrlich-Institut, das für die Impfstoffkontrolle zuständig ist, jetzt überprüfen, ob die Nebenwirkungen stärker sind, als die klinischen Studien erwarten ließen.

Die Lieferengpässe taten ihr Übriges

Und dann gab es im Zusammenhang mit AstraZeneca noch eine weitere Hiobsbotschaft: Es kam zu Lieferengpässen – und die Auseinandersetzungen darüber wurden von der EU und dem Unternehmen öffentlich ausgetragen. Zwar haben Lieferengpässe natürlich nichts mit der Wirksamkeit des Vakzins zu tun, dennoch sank der Corona-Impfstoff dadurch weiter im Ansehen der Öffentlichkeit.

Mittlerweile haben wir in Deutschland übrigens die gegenteilige Situation: Bundesweit wurden bisher 736.800 Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs geliefert – nur knapp 65.000 Dosen davon wurden aber bisher verimpft.

Corona-Impfstoff von AstraZeneca erfüllt seine Hauptaufgabe

Der Corona-Impfstoff von AstraZeneca musste viel negative Presse erleiden. Zusammengefasst lässt sich allerdings sagen, dass sein schlechter Ruf ungerechtfertigt ist. Zwar mögen die anderen Impfstoffe eine höhere Wirksamkeit haben, ein geringer – oder geringerer – Impfschutz ist aber besser als gar keiner – insbesondere weil der AstraZeneca-Impfstoff seine Hautaufgabe durchaus erfüllt, worauf auch Christian Drosten im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" noch einmal hinwies: Er verhindere schwere Krankheitsverläufe. Außerdem sei es momentan wichtig, dass man möglichst schnell "in die Breite impfe".

Nicht nur verhindert der Impfstoff schwere Krankheitsverläufe, verhindert so Todesfälle und trägt dazu bei, unser Gesundheitssystem zu stabilisieren – es gibt auch noch eine weitere positive Nachricht: Offenbar reduziert der AstraZeneca-Impfstoff auch Übertragungen.

Auch die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt das Vakzin weiterhin. Gesundheitsminister Jens Spahn sprach sich ebenfalls dafür aus. Er beurteilt die 70 Prozent als "hohe Wirksamkeit". Es handele sich bei dem AstraZeneca-Vakzin um einen "sicheren und wirksamen Impfstoff", mit dem auch er sich impfen lasse würde, bekäme er die Impfung angeboten.

Quellen: welt.de, n-tv.de, br.de, pharmazeutische-zeitung.de, t-online.de, handelsblatt.com, tagesspiegel.de, aerzteblatt.de, NDR-Podcast "Coronavirus-Update"

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