Aktualisiert: 19.02.2021 - 20:46

Klartext-Runde mit Jens Spahn Jetzt reden wir – und Jens Spahn hört genau zu!

Von Alexandra Kemna, Sandra Immoor, Hella Hoofdmann

Gesundheitsminister Jens Spahn im Austausch mit drei BILD der FRAU-Leserinnen: Dr. Jana Husemann (o.l.), Kornelia Schmid (u.l.) und Krankenschwester Susanne Lorf (u.r). Rechts auf dem Foto: Chefreadakteurin Sandra Immoor.

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Gesundheitsminister Jens Spahn im Austausch mit drei BILD der FRAU-Leserinnen: Dr. Jana Husemann (o.l.), Kornelia Schmid (u.l.) und Krankenschwester Susanne Lorf (u.r). Rechts auf dem Foto: Chefreadakteurin Sandra Immoor.

BILD der FRAU hat drei Frauen, die besonders von der Corona-Pandemie betroffen sind, mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) zusammengebracht. Es war ein Austausch auf Augenhöhe.

Gesundheitsminister Jens Spahn stand im Interview über die Corona-Impfung mit drei BILD der FRAU-Leserinnen Rede und Antwort: Allgemeinmedizinerin Dr. Jana Husemann, Krankenschwester Susanne Lorf und die pflegende Angehörige Kornelia Schmid.

Drei BILD der FRAU-Leserinnen im Interview mit Gesundheitsminister Jens Spahn

Die Intensiv-Krankenschwester

Sind wir auf eine dritte Welle vorbereitet? Susanne Lorf (54) leitet die Corona-Intensivstation am Klinikum Dortmund. Seit einem Jahr herrscht dort Ausnahmezustand. 18 Betten hat ihre Station, die Patienten bleiben nicht selten bis zu zwölf Wochen. "Wir sind dem Virus jeden Tag ausgeliefert und allmählich ist die Grenze der Belastbarkeit erreicht", sagt sie. "Meine Kollegen leisten Großartiges – aber die Luft ist raus. Wir fragen uns: Wie lange geht das noch?"

Herr Spahn, wir versorgen höchst ansteckende Corona-Patienten. Trotzdem wurden wir zunächst nur mit Impfstoff geimpft, der in einem Pflegeheim übrig war. Viele Impftermine mussten später wegen Lieferschwierigkeiten abgesagt werden. Warum wurde Klinikpersonal nicht zuerst geimpft?

Minister Jens Spahn: Es gibt leider aktuell zu wenig Impfstoff, um alle sofort zu impfen. Deshalb müssen wir Prioritäten setzen. Und da haben wir uns entschieden, zunächst die Pflegebedürftigen in Heimen zu schützen. Für sie ist das Corona-Virus am gefährlichsten. Und wenn wir diese Menschen vor der Erkrankung schützen, entlastet das perspektivisch auch die Krankenhäuser und Intensivstationen. Außerdem wissen Sie als Fachpflegekraft, wie man sich schützt, Abstand hält und Hygienemaßnahmen einhält, der an Demenz Erkrankte in einem Pflegeheim dagegen nicht. Ich weiß natürlich, dass auch Sie einem sehr hohen Risiko ausgesetzt sind. Deswegen ist es gut, dass Sie jetzt geimpft sind. Darf ich fragen, wie die Impfung für Sie war?

Klartext-Runde mit Gesundheitsminister Jens Spahn
Klartext-Runde mit Gesundheitsminister Jens Spahn
von der Redaktion

Mein Arm hat etwas geschmerzt. Andere Kolleginnen hatten grippeähnliche Symptome. Inzwischen haben wir zwar genügend Schutzkleidung, aber die Qualität ist oft schlecht, die Kittel zerreißen. Und die fehlenden Masken zu Beginn sind unvergessen.

Das kann ich gut nachvollziehen. Wir hätten früher Masken bestellen müssen. Aber inzwischen haben wir das Problem gelöst, die Produktion in Deutschland angekurbelt und zumindest alle Pflegeheime mit Masken versorgt. Wir haben aus den Anfangsfehlern gelernt.

Wie wollen Sie uns in einer möglichen 3. Welle schützen?

Pflegekräfte auf Intensivstationen werden nach der Zulassung des dritten Impfstoffs nun schneller geimpft werden können. Wir haben Schnelltests an Kliniken möglich gemacht. Und wir bauen eine nationale Reserve auf – mit Schutzausrüstungen, Medikamenten, Beatmungsgeräten…

Es gibt Pflegekräfte, die nach all den Monaten sagen: Ich kann nicht mehr. Was tun Sie, damit sich unser Beruf verbessert?

Ich verstehe die Erschöpfung nach so vielen Monaten Pandemie. Aber ich kann nur dafür werben, nicht aufzugeben. Wir wissen als Gesellschaft, wie viel Sie leisten. Und ich bin überzeugt davon, dass das nach der Pandemie genau so bleibt. Vieles haben wir ja auch schon angepackt: bessere Bezahlung, bessere Ausbildung, mehr betriebliche Gesundheitsförderung, Personaluntergrenzen, Personalschlüssel. Es ist alles noch nicht perfekt. Aber was über viele Jahre falsch gelaufen ist, können wir nur Schritt für Schritt umkehren. Es dauert einfach Jahre, um zum Beispiel eine Intensivkrankenschwester wie Sie, Frau Lorf, auszubilden. Vielleicht hilft die Corona-Prämie mit, die Pflegekräfte zu halten. Das ist ein Zeichen der Anerkennung

"Die Hausärztin

Dr. Jana Husemann (38) arbeitet in einer Gemeinschafts-Praxis im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Mit ihrem Lebenspartner und Tochter Tilda (3) wohnt sie auch in dem bunten Viertel. "Allgemeinmedizinerin bin ich geworden", sagt Jana Husemann, "weil ich den engen Kontakt zu Patienten liebe, über Jahre hinweg für sie da sein kann – das ist für mich das Schönste am Arztberuf." Sie wünscht sich eine stärkere Einbindung der Hausärzte in die Planung der Pandemie-Bekämpfung: "Wir sind nun mal am dichtesten dran."

Herr Spahn, wir Hausärzte spüren jeden Tag, wie groß die Impf-Verunsicherung ist. Die Leute haben so viele Fragen! Wo bleibt die breite Aufklärungskampagne?

Minister Jens Spahn: Wir haben eine breite Impfkampagne angestoßen. In sozialen Medien, im TV, in Talkrunden, mit Plakaten. Wenn ich den Fernseher einschalte, wenn ich zur Arbeit fahre, sehe ich unsere Kampagne. Die Aufklärung läuft also. Was fehlt Ihnen genau?

Wir brauchen Aufklärungslotsen in jedem Stadtteil, die wissen, wen man wie am besten anspricht.

Die Idee nehme ich mit. Ganz aktuell schalten wir Informationsanzeigen in vielen Medien. Ich habe mir auch schon überlegt, jeden Haushalt einzeln mit Informationen anzuschreiben. Aber ohne, dass wir jedem auch schon ein Impfangebot machen können? Ich fürchte, dann sagen die Leute: Was schreibt der mir jetzt, ich kriege doch noch gar keinen Termin!

Ab wann wird auch bei den Hausärzten geimpft?

Dass wir jetzt in Impfzentren impfen, hat im Wesentlichen zwei Gründe: Der Biontech-Impfstoff muss bei minus 70 Grad gekühlt sein. Diese Voraussetzung erfüllen die meisten Praxen nicht. Und wegen der anfänglichen Knappheit müssen wir zu Beginn priorisieren. Das möchte ich Ihnen nicht zumuten, dass Sie jetzt in Ihrer Praxis etwa fünf Impfdosen pro Woche bekommen und am Tresen erklären müssen, wer die erhält… Wenn aber genug Impfstoff, die neuen Vakzine da sind, können wir in die Fläche gehen: Wenn die 50.000 Hausarztpraxen etwa 100 Impfungen die Woche machen können, könnten wir jede Woche fünf Millionen Menschen impfen.

Aber bitte ohne Bürokratie-Dschungel! Wir können nicht Stunden mit Dokumentieren verbringen. Wie stehen Sie zu den Corona-Selbsttests, wollen Sie die nach Lockdown-Lockerung einfach verteilen? Für eine korrekte Anwendung und die Interpretation des Testergebnisses müssen die Menschen geschult werden!

Stimmt. Wenn ich den Test falsch anwende, bekomme ich womöglich ein falsch-negatives Ergebnis und wiege mich in falscher Sicherheit. Darum darf aktuell nur geschultes Personal die Schnelltests durchführen. Tests für zu Hause, also Tests, die jeder selber durchführen kann, wären der nächste Schritt …

Und wie sieht da Ihr Gesamtkonzept aus?

Bislang gibt es noch keinen Selbsttest für zu Hause, der nachweislich zuverlässige Ergebnisse bringt. Tut er das, wird er zugelassen. Die Tests müssen dann Beipackzettel enthalten, die die richtige Anwendung erklären., aber auch die Nutzer darüber informieren, was im Fall eines positiven Ergebnisses zu tun ist.

Diese Erklärungen müssen wirklich alle erreichen!

Ja. Es darf nicht heißen: Ich bin negativ getestet und falle jetzt Oma oder Opa im Pflegeheim direkt um den Hals. Der Test bringt zusätzliche Sicherheit. Aber Hygiene und Abstand bleiben wichtig. Und die Frage ist ja auch: Wer macht all diese Tests regelmäßig? An einer Schule etwa, die einige hundert Schüler hat? Die Verfügbarkeit wird nicht das zentrale Problem sein, sondern die Umsetzung, der Personalaufwand. Das war in den Pflegeheimen auch so, darum sind da jetzt 4000 Soldatinnen und Soldaten im Einsatz.

Die Pandemie ist wirklich eine riesige Gemeinschaftsaufgabe. So viele kämpfen und verdienen Hochachtung, auch unsere Arzthelferinnen.

Da haben Sie Recht, und mir ist klar, Frau Dr. Husemann: Neun von zehn Covid-Patienten werden ambulant von Hausarzt-Praxen behandelt.

Die pflegende Angehörige

Kornelia Schmid (61) aus Amberg in Bayern versorgt seit 27 Jahren ihren Ehemann Erich. Der 61-Jährige hat Multiple Sklerose, muss rund um die Uhr betreut werden. Das Paar ist noch nicht geimpft, setzt sich aber täglich dem Ansteckungsrisiko aus – weil z.B. ein ebenfalls ungeimpfter Physiotherapeut ins Haus kommen muss. Verzweifelt sagt sie: "Schon Fieber kann für meinen Mann tödlich sein". Zudem hat die dreifache Mutter, die mit ihrem Verein "Pflegende Angehörige e.V." auch andere Betroffene berät, ständig Angst, selbst durch Krankheit oder Unfall auszufallen. "Das wäre der Supergau."

Herr Spahn, wann werden wir endlich geimpft? Wir gehören doch zur Risikogruppe!

Minister Jens Spahn: Ich verstehe Sie sehr gut. Ich würde am liebsten dafür sorgen, dass man Sie noch heute impft. Aber wir mussten nach möglichst fairen Kriterien eine Reihenfolge festlegen, weil der Impfstoff noch knapp ist. Und schauen, wo das Virus am schlimmsten zuschlägt. Da haben alle Experten gemeinsam die Pflegeheime an erste Stelle gesetzt, wo viele, auch an Demenz-Erkrankte miteinander leben. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir Ihnen spätestens ab April ein Angebot machen können, Frau Schmid!

Und wie kommen wir zum Impfzentrum? Es ist so ein Akt, wenn ich mit meinem Mann im Rollstuhl zum Arzt muss…

Dafür brauchen wir mobile Impfteams. Pflegebedürftigkeit können wir oft nur zu Hause impfen. Auch damit wollen wir im April beginnen, auf die Woche genau lässt sich das allerdings schwer sagen. Im zweiten Quartal soll Gruppe 2 drankommen: Pflegebedürftige zu Hause, pflegende Angehörige wie Sie, Vorerkrankte… das sind mehrere Millionen Menschen.

Im Koalitionsvertrag ist ein flexibles Pflegebudget pro Jahr versprochen, über dessen Nutzung betroffene Familien je nach Bedarf selbst bestimmen können. Darauf warten wir immer noch. Kommt das jetzt ganz unter die Corona-Räder?

Nein, ich kämpfe dafür wir arbeiten gerade mit Hochdruck an dem Gesetz und wollen es noch dieses Jahr auf den weg bringen. Aber der Koalitionspartner und der Bundestag müssen mitmachen.

Zu diesen Themen hat sich Gesundheitsminister Jens Spahn außerdem geäußert

…das Impfangebot für alle

Wir gehen davon aus, dass wir bis 22. September, also bis Herbstanfang, allen Bürgern ein Impfangebot gemacht haben. Das heißt: Wer will, hat im Sommer, also im dritten Quartal, mindestens die erste Impfung erhalten.

…Schnelltests vorm Friseurbesuch

Die Österreicher machen das. Der Schnelltest vorm Restaurant oder Friseur-Besuch kann auch mit Blick auf die Mutationen ein zusätzlicher Schutz sein.

… die Zero-Covid-Strategie

Der Ansatz, bis zu einer Infektionsrate von 0 im harten Lockdown zu bleiben, ist in der Theorie interessant. Aber nicht realistisch, das hat einen zu hohen Preis in allen Lebensbereichen. Wir sind keine Insel.

… Fehler und Verzeihen

Wir treffen unter Stress und großer Unsicherheit jeden Tag Entscheidungen. Und im Nachhinein stellt sich nicht jede davon als richtig heraus. Keiner kennt gerade den Königsweg, es gibt keine absolute Wahrheit. Die Frage ist aber: Können wir darüber reden, ohne, dass wir unerbittlich werden? Schaffen wir es miteinander im Gespräch zu bleiben? Diese Unerbittlichkeit und Härte, die ich oft spüre, macht mir Sorgen.

… Regieren im Homeoffice

Ich arbeite auch schon mal zu Hause. Aber grundsätzlich finde ich, der Gesundheitsminister gehört in einer Pandemie auf die Brücke – also ins Ministerium.

… über Kanzler-Pläne

Ich habe gerade eine sehr wichtige Aufgabe und um die kümmere ich mich.

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In Deutschland ist die Corona-Impfung zögerlich angelaufen – viele sind auch vom neuen Impfstoff verunsichert. Israel liefert nun unglaubliche Daten: So effektiv ist die Corona-Impfung wirklich!

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