Aktualisiert: 08.02.2021 - 16:31

"Schulen sind keine Treiber der Pandemie"? Schulöffnungen: Schutzkonzepte stehen – aber bringen sie auch was?

Können gute Sicherheitskonzepte dafür sorgen, dass das Infektionsgeschehen in Schulen gebremst wird? Wenn sie eingehalten werden, bestimmt – und das ist auch bitter nötig.

Foto: Getty Images/izusek

Können gute Sicherheitskonzepte dafür sorgen, dass das Infektionsgeschehen in Schulen gebremst wird? Wenn sie eingehalten werden, bestimmt – und das ist auch bitter nötig.

Die Schulen stehen an erster Stelle, wenn es um Lockerungen der Corona-Maßnahmen geht. Das ist nur richtig – jedoch bedarf es dafür auch eines wirklich sicheren Schutzkonzeptes, das eingehalten werden kann und muss.

Ein Leitfaden für die Schulöffnungen steht soweit, strenge Konzepte sollen es Schulen ermöglichen, so schnell wie möglich wieder zu öffnen. Das Problem dabei: Nur wenn sich daran strengstens gehalten wird, kann eine Schule ein sicherer Ort werden. Denn die Wissenschaft zeigt: Ja, Schulen können Corona-Hotspots sein. Und dabei reden Experten nicht von "Treibern der Pandemie", wie etwa Christian Drosten erklärt. Die Gefahr liegt darin, wie Sars-CoV-2 sich verbreitet. Und damit macht das Virus auch vor Schulen nicht halt.

Schulen als "Pandemie-Treiber" – warum diskutieren wir eigentlich?

Weniges wurde so hitzig diskutiert wie die Rolle von Schulen in der Pandemie und ihre Beteiligung am Infektionsgeschehen. Lange ging man davon aus, Kinder würden das Virus weniger verbreiten, da sie seltener erkrankten. Mittlerweile wissen wir: Auch Kinder infizieren sich, teilweise zwar ohne Symptome, jedoch geben auch sie das Virus genauso weiter wie Erwachsene. Viele Wissenschaftler plädieren daher dafür, das Infektionsgeschehen an Schulen nicht zu unterschätzen.

Covid-19 dürfe man auch hier nicht mit der Grippe vergleichen, betont etwa Virologe Prof. Christian Drosten in seinem Podcast "Coronavirus Update" im NDR. Er kritisiert den Satz "Schulen sind keine Treiber der Pandemie", der sich unter den Kultusministern höchster Beliebtheit erfreut, stark. Denn, so Drosten, man kann hier nicht von Treibern sprechen.

Bei der Influenza, der saisonalen Grippe gebe es einen solchen Effekt: "Bei der sind wir Erwachsenen und auch die Kinder ab einem gewissen Alter alle schon mit dem Virus in Kontakt gewesen und haben eine gewisse Immunität", erklärt er im Podcast. "Die kleinen Kinder haben das aber nicht. Unter den kleinen Kindern kocht das Virus deshalb so richtig hoch, denn die sind immunologisch naiv, die sind die Nische in der Population, wo das Virus hinkann, sich vermehren kann – und von dort streut es dann wieder aus in die Erwachsenen-Jahrgänge. In diesem Sinne sind bei der saisonalen Grippe die Kinder die Treiber des Geschehens. Auch die Schulen, wenn man so will, sind dann Treiber des Geschehens."

"Infektionen treten in Schulen so häufig auf wie im Rest der Bevölkerung"

Doch genau da besteht auch ein signifikanter Unterschied zum Coronavirus Sars-CoV-2: Ein neues Virus, bei dem niemand, aus keiner Altersgruppe, eine Grundimmuität besitzt. Man könne daher nicht von "Treibern" oder "Nicht-Treibern" der Pandemie sprechen. "Die Kinder sind nicht die Treiber des Infektionsgeschehens, genauso wenig sind es die Restaurantbesucher oder die Besucher von Opernhäusern oder die Mitarbeiter in Großbüros."

Wenn man schon so argumentiert, müssten alle Menschen "Treiber" sein, denn alle können das Virus weitergeben oder auch nicht. "Wir sollten uns von dieser blöden Idee verabschieden, dass irgendeine Gruppe der spezielle Treiber des Geschehens sein könnte – und damit auch vom Umkehrschluss, dass, wenn jemand nicht der Treiber ist, der dann auch keine Relevanz im Infektionsgeschehen hat. Es leisten alle den gleichen Beitrag zu diesem Problem." Infektionen treten in Schulen so häufig auf wie im Rest der Bevölkerung – das ist seine Kernaussage.

Studien und Beobachtungen bestätigen dies

Diese Aussage wird von so einigen Studien und Beobachtungen untermalt, nicht nur von einer, die von der Charité stammt. Eine Studie, die mehrmals missverstanden wurde, denn sie zeigt unter anderem, anders als oft getitelt, dass sich das Infektionsgeschehen an den untersuchten Schulen nach den Herbstferien drastisch verstärken konnte. Sie zeigt aber auch, dass wirklich eingehaltene Schutzmaßnahmen wirken können. Was sie noch nicht zeigen kann: Wie sich die Ausbreitung von ansteckenderen Coronavirus-Varianten auswirkt.

In der Schweiz wiederum waren es die Schulschließungen, die mitunter eine der effektivsten Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens waren – so das Ergebnis einer Studie der ETH Zürich. Als dort im März 2020 die Schulen geschlossen wurden, reduzierte sich die Mobilität um 21,6 Prozent.

Ähnliches zeigt sich derzeit in Großbritannien, das von einer ansteckenderen Coronavirus-Variante gebeutelt ist. Nach den Weihnachtsfeiertagen ist dort trotz Mutante die Zahl der Corona-Fälle bei Schülern gesunken, erklärt Drosten bei Twitter. Bei der Altersgruppe der 35-49-Jährigen, der viele Eltern zugehören, sei sie dagegen gestiegen – was in den zeitlichen Infektionsverlauf passen würde.

Nun arbeiten die Universität Köln und das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung an einer Studie zum Infektionsgeschehen an deutschen Schulen. Die Ergebnisse werden allerdings erst zur zweiten Jahreshälfte 2021 erwartet.

Warum es wirklich gut durchdachte Schutzmaßnahmen geben muss

Das größte Problem an der ganzen Diskussion ist: Kinder zeigen selten Symptome – oder nur milde. Doch wir wissen mittlerweile: Auch ohne Symptome oder mit schwachen Symptomen kann das Virus weitergegeben werden. Auch wenn Kinder, wie andere Wissenschaftler sagen, weniger ansteckend sein könnten als Erwachsene – das zeigt etwa eine Studie aus Island –, so heißt das nicht, dass sie das Virus gar nicht weitergeben können. Doch ein Problem: Ohne Symptome fallen Kinder schnell aus der Statistik. So zeigte etwa eine Antikörper-Studie aus Bayern im April 2020 bereits: Gemessen an 11.000 Kindern waren sechsmal mehr Kinder infiziert mit Sars-CoV-2 als offiziell bekannt. Es hapere bei solchen Studien stark an der Dunkelziffer, betont etwa der Epidemiolgoe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften. Und andere Studien, etwa aus China oder Indien, weisen auf ähnliche Infektionsgeschehen hin.

Wenn man davon ausgehen kann, dass jeder, egal in welcher Altersgruppe, das Coronavirus verbreiten kann, dann ist klar, warum Schulen kein "sicherer Ort" sind. Jedenfalls nicht, solange keine strikten Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Denn an Schulen kommen viele Menschen zusammen, es wird geredet, diskutiert, gelacht. So soll es ja auch sein. Und doch freut sich ein infektiöses Virus so natürlich über jede Menge Verbreitungsmöglichkeiten. Denn es bleibt ja nicht in der Schule: Jeder Mensch, der sich in der Schule infiziert, trägt das Virus nach Hause. Und zu Hause werden wohl in den wenigsten Fällen Masken getragen oder auf Abstand geachtet – soweit darf es nicht kommen.

Heißt aber im Umkehrschluss: Wenn Schulen geöffnet werden sollen, dann MUSS es gut umsetzbare und wirklich wirksame Maßnahmen zum Schutz sowohl von Schülerinnen und Schülern als auch Lehrerinnen und Lehrern sowie Erzieherinnen und Erziehern geben.

Dieser Leitfaden soll das Infektionsgeschehen an Schulen im Zaum halten

Dass die Schulen ganz vorne in der Liste der Öffnungen stehen müssen, ist klar. Distanzunterricht ist zwar mittlerweile möglich – aber allein aufgrund der Infrastruktur vorsichtig ausgedrückt hierzulande nicht optimal. Und während der eine fleißig dran bleibt, ist die andere vielleicht eher abgelenkt oder lässt schleifen, ein anderer wiederum ist in seinen technischen Möglichkeiten eingeschränkt oder hat nicht den Raum, sich zu Hause gut konzentrieren zu können. Das ist ganz individuell unterschiedlich. Um Schülerinnen und Schüler wieder verstärkt gleichmäßig abzuholen, ist Präsenzunterricht also die bessere Wahl.

Das Bildungsministerium hat daher nun einen Leitfaden von 36 Fachgesellschaften auf Basis von 40 Studien gefördert, der der "FAZ" vorliegt. In diesem Leitfaden werden erstmals strikte Handlungsempfehlungen gebündelt festgelegt, um Schulen wieder öffnen zu können. Die Kernpunkte:

  1. Bei mäßigem Infektionsgeschehen: Feste Gruppen, keine Interaktion mit anderen Gruppen
  2. Bei hohem Infektionsgeschehen: Gestaffelter Unterricht und Maskenpflicht mit (mindestens) OP-Masken
  3. Bei sehr hohem Infektionsgeschehen: Wechselunterricht mit halbierten Klassen

Weiterhin sind Empfehlungen zum Lüften von Räumen, zu besonderen Maßnahmen im Musikunterricht sowie zu einem klaren Umgang mit erkälteten Schüler*innen und Verdachtsfällen im Papier festgehalten. Sportunterricht soll stattfinden, da hier zumindest unter bestimmten Vorraussetzungen die gesundheitlichen Vorteile überwiegen würden. Der Leitfaden soll heute (8. Februar 2021) offiziell von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) vorgestellt werden. Er kann und soll künftig ständig aktualisiert und angepasst werden.

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Derzeit gelten diese Corona-Regeln in Deutschland. Am Mittwoch treffen sich Bund und Länder, um über das weitere Vorgehen in der Krise zu diskutieren. Dabei spielen die Schulen und potentielle Öffnungen wahrscheinlich eine der größeren Rollen. Denn auch wenn wir bei Schulen nicht von "Pandemie-Treibern" sprechen können, so spielen sie laut wissenschaftlichen Erkenntnissen definitiv eine Rolle im Infektionsgeschehen rund um das Coronavirus. Damit bedarf es gewisser Schutzmaßnahmen, die einheitlich geregelt und auch so durchgeführt werden müssen. Und dann ist auch kein Platz für Corona-Skeptiker an Schulen.

Klar ist: Wir müssen wohl mit dem Coronavirus leben lernen – aber wie?

Studien:

Überblick Schulstudien der Charité

Feuerriegel et al. (arXiV (Preprint), 2021): "Monitoring the COVID-19 epidemic with nationwide telecommunication data"

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