Aktualisiert: 20.01.2021 - 10:22

Geglücktes Experiment Hoffnung für Querschnittsgelähmte: Mäuse lernen wieder laufen

Bewegungsübungen sind bei Querschnittslähmung lebenswichtig. Jetzt gibt es zusätzliche, wenn auch ferne Hoffnung: In einem Maus-Experiment konnten Bochumer Forscher die Tiere trotz durchtrennten Rückenmarks wieder zum Laufen bringen.

Foto: Getty Images/DNY59

Bewegungsübungen sind bei Querschnittslähmung lebenswichtig. Jetzt gibt es zusätzliche, wenn auch ferne Hoffnung: In einem Maus-Experiment konnten Bochumer Forscher die Tiere trotz durchtrennten Rückenmarks wieder zum Laufen bringen.

Eine Querschnittslähmung gilt eigentlich als nicht heilbar, wenn sie von einer Rückenmarkschädigung rührt – bis jetzt: Denn Forschern aus Bochum ist es gelungen, querschnittsgelähmte Mäuse wieder zum Laufen zu bringen – mithilfe von im Körper hergestellten Proteinen.

Es ist eine Wahnsinnsmeldung, die den rund 140.000 querschnittsgelähmten Menschen in Deutschland ein wenig Hoffnung geben könnte: Forschende der Ruhr-Universität Bochum haben querschnittsgelähmte Mäuse geheilt und sie wieder zum Laufen bringen können.

Protein-Therapie: Forscher bringen querschnittsgelähmte Mäuse zum Laufen

Die Therapie erinnert an die Technologie hinter einem Teil der neuen Corona-Impfstoffe – nämlich an die Vektor-Imfpstoffe: Die Tiere haben einen Bauplan für ein Protein gespritzt bekommen, das dann im Mauskörper selbst hergestellt werden konnte. Und dieses Protein hat dafür sorgen können, dass sich durchtrenntes Rückenmark sozusagen erholt.

Wer aufgrund von durchtrenntem Rückenmark querschnittsgelähmt ist, kann sich kaum noch bis gar nicht mehr bewegen. Denn die vom Gehirn gegebenen Bewegungsimpulse kommen nicht mehr bei den Muskeln an. Bisher galt: Einmal durchtrennt, können Rückenmark-Fasern, die sogenannten Axonen, nicht wieder zusammenwachsen.

Jetzt ist das einer Forschergruppe rund um Prof. Dietmar Fischer, Leiter des Lehrstuhls für Zellphysiologie, aber tatsächlich gelungen – im Versuch mit Mäusen.

So funktioniert die Protein-Therapie bei der Maus

Ursächlich für den Aufbau des Rückenmarks an den verletzten Stellen ist das künstlich hergestellte Protein Hyper-Interleukin-6. "Das ist ein Zytokin, welches als Botenstoff im Körper vorkommt", erklärt der Wissenschaftler gegenüber bild.de. "Es wurde aber gentechnologisch verbessert."

Die Mäuse im Versuch haben gelernt, das Protein mithilfe eines Protein-Bauplans über Nervenzellen im Hirn, die Motoneurone, selbst herzustellen. In den Mauskörper eingebracht wurde der Protein-Bauplan mithilfe eines ungefährlichen Vektorvirus, das diesen Bauplan dann in diese Nervenzellen geschleust hat – so, wie das auch bei Vektor-Impfstoffen der Fall ist. Die wiederum haben dann gelernt, Hyper-Interleukin-6 selbst herzustellen. Und das Protein konnte dann die durchtrennten Nervenfortsätze im Rückenmark anregen, sich zu regenerieren.

Forscher: "Waren selbst überrascht"

"Das hat es ermöglicht, dass die so behandelten, zuvor gelähmten Tiere nach zwei bis drei Wochen begannen zu laufen. Sie konnten Schritte machen, den Schwanz heben und ihren Hinterleib hochstemmen", beschreibt Fischer. "Damit haben wir selber nicht gerechnet." Die Überraschung bestätigt auch Marco Leibinger, Neurobiologe und Teil der Forschergruppe, in der WDR Lokalzeit. Eigentlich sei das ja nach einer vollständigen Verletzung nicht möglich. Doch an den Tieren habe man plötzlich bemerkt, dass sie nach "drei Wochen plötzlich anfangen, die Pfote aufzusetzen und plötzlich wieder laufen."

Menschen mit Querschnittslähmung heilen? Zukunftsmusik, aber...

Ob dieses Vorgehen beim Menschen ebenfalls so funktioniert, ist natürlich längst nicht klar. Hier muss nun weiter geforscht werden. Sicherlich wird es hier zumindest Einschränkungen geben. Die Forschenden selbst sagen, sie betreiben hier Grundlagenforschung. Das bestätigt der Lokalzeit gegenüber auch der Arzt Mirko Aach vom Klinikum Bergmannsheil in Bochum. "Das in die klinische Anwendung zu übertragen, das ist noch ein ganz weiter Weg." Es gehe jetzt darum, den Mechanismus an anderen, komplizierteren Säugetieren zu bestätigen – etwa an Schweinen oder Primaten. Erst danach lässt sich an mehr Hoffnung für Erfolge beim Menschen denken. Doch positive Ergebnisse in der Grundlagenforschung machen schon jetzt Mut.

Mehr über Vektorviren am Beispiel von Impfstoffen lesen Sie hier: Vorsicht: Darum ist man nicht sofort nach einer Impfung immun

Wie ist das eigentlich mit einer solchen Einschränkung? Samuel Koch hat mit uns über sein Leben gesprochen.. Und auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble spricht offen über sein Leben im Rollstuhl.

Studie:

Leibinger, Fischer et al. (Nature Communications, 2021): "Transneuronal delivery of hyper-interleukin-6 enables functional recovery after severe spinal cord injury in mice"

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